Torsten Schulze: „Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft endlich begreifen“

Am vergangenen Mittwoch hat FLURFUNK DRESDEN den Prognos-Bericht “Kultur- und Kreativwirtschaft in Dresden – Potenziale und Handlungsmöglichkeiten” veröffentlicht und als PDF zum Download angeboten. Der Bericht wird am Dienstag (28.6.2011)  Thema im Kulturausschuss, am Mittwoch dann im Ausschuss für Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung sein.

Wir haben Torsten Schulze, wirtschaftspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Dresdner Stadtrat gefragt, welche Konsequenzen der Bericht jetzt haben wird.

Flurfunk Dresden: Herr Schulze, was sind aus ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung?

Torsten Schulze, wirtschaftspolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat Dresden

Torsten Schulze: Das was schon seit längerer Zeit wahrzunehmen ist, wurde durch die Untersuchung bestätigt und anhand von Zahlen und Statistiken untersetzt. Dresden hat eine Kultur- und Kreativwirtschaft, die nicht wegzudiskutieren ist. Dabei ist vor allem festzuhalten, dass entgegen anderer Behauptungen in diesem Wirtschaftsbereich Unternehmer, Freiberufler und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ihre Einkommen auf dem freien Markt erwirtschaften und nicht von staatlichen Transferleistungen leben. 2010 wurden 740 Mio. Euro Jahresumsatz in diesem Bereich von 13.080 Beschäftigten erwirtschaftet. Das sind mehr als 5% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Dresden, der Durchschnitt in Sachsen ohne Dresden liegt bei 1,6%. Allein durch den Kreativbereich werden 9% der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung in der Stadt erbracht. Damit liefert die Kultur- und Kreativwirtschaft ihren Beitrag zur positiven wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung Dresdens.

Flurfunk Dresden: Ist Dresden wirklich ein bedeutender Standort für Kultur- und Kreativwirtschaft?
Torsten Schulze: Dresden liegt derzeit im Mittelfeld hinter Berlin, Hamburg, München, Düsseldorf und Leipzig, hat aber das Potenzial auf vorderen Plätzen im Bundesvergleich mitzuspielen. Während insbesondere in der Dresdner Neustadt die Kultur- und Kreativwirtschaft eine Erfolgsgeschichte erlebt, sich zu einem tragenden Wirtschaftsbereich entwickelt hat und mittlerweile aus den Nähten platzt, haben andere Stadtteile erste Ansätze entwickelt.
In der Neustadt waren es zuerst Kultur- und Kreativschaffende, die in die maroden Häuser und Industriebrachen eingezogen sind. Erster kultureller Keim war die Scheune. Dazu kamen Initiativen wie zum Beispiel das Projekttheater oder der Panzerhof. Die IG Äußere Neustadt war Initiator verschiedenster Projekte. Dann wurde das Industriegelände an der Königsbrücker Straße erobert. Heute wird in der Neustadt gewohnt, gearbeitet, Kultur genossen, Kneipen besucht, Projekte entwickelt. Im Industriegelände haben sich Unternehmen angesiedelt, Konzert- und Partylocations etabliert. All diese Entwicklungen strahlen auf andere Stadtteile aus. Pieschen steht an der Schwelle zu einer solchen Entwicklung. Mit Unternehmen wie Bernd Aust KulturManagement und Vereinen wie zum Beispiel Metropole Pieschen oder der Geh8 sind auch da Kultur- und Kreativschaffende unterwegs, um Orte wie den Alten Schlachthof, den Galvanohof oder die Krautwaldfabrik mit Leben zu füllen. Es gibt kleine Ateliers oder Galerien, da wird analog wie einst um das Nordbad in der Neustadt aktuell um den Erhalt des Sachsenbads gerungen. Schauen wir weiter. In der Friedrichstadt gibt es den friedrichstadtZentral e.V. oder den riesaefau. Größte Chance und Herausforderung ist hier die Entwicklung des Kulturkraftwerks Mitte. Mit den beiden Spielstätten Theater Junge Generation und Operette werden in Zukunft zwei große Kultureinrichtungen in dieses Gelände ziehen, um die sich weitere Kultur- und Kreativschaffende ansiedeln. Hier geht eine weitere Erfolgsgeschichte an den Start, die nur noch auf den richtigen Startschuss wartet. Der wird hoffentlich am 14.7. im Stadtrat gegeben. Im Ostragehege ist eine weitere Industriebrache bereits in der Entwicklung, die durch kreative Nutzungen wie die Ostrale – Zentrum für zeitgenössische Kunst - oder Wirtschaftsunternehmen wie die Messe Dresden und die Börse mit ihren Ausstellungen, Messen, Konzerten und Kongressen bereits erste konkrete Schritte in Richtung Kultur- und Kreativwirtschaft zurück gelegt haben. Wer zum Kirchentag das Ostragehege besucht hat, hat einen Eindruck erhalten, welche Entwicklungspotentiale dort schlummern. Neben diesen großen Standorten sind viele weitere dezentrale Standorte im Stadtgebiet, die das große Ganze ergänzen und Keime für Weiteres bilden.
Diese Beispiele zusammengenommen skizzieren die vorhandenen Potenziale die Dresden neben Städten wie Berlin, Hamburg oder München zu einem bundesweit wahrnehmbaren Standort der Kultur- und Kreativwirtschaft werden lassen können.
Vor allem jungen Menschen, die heute an der Kunsthochschule, der Technischen Universität oder der Musikhochschule studieren, können diese Angebote in der Stadt halten oder von anderen Orts hierher ziehen lassen. Bei Unternehmen, die in diesem Wirtschaftsbereich tätig sind, kann die Entscheidung fallen, sich in Dresden anzusiedeln. Und für die bereits vorhandenen Unternehmen in der Stadt bestehen weitere Entfaltungsmöglichkeiten.
Ich hab manchmal den Eindruck, dass wir auf einer großen Schatztruhe sitzen und einfach den Deckel nicht aufkriegen um die Schätze zu heben.

Flurfunk Dresden: Liegt in Dresden der Fokus eher in der Kultur- oder eher bei der Kreativwirtschaft?
Torsten Schulze: Es braucht beides. Während die großen Kultureinrichtungen Semperoper, Staatsschauspiel mit Großem und Kleinem Haus, Festspielhaus Hellerau, Kulturpalast, Theater Junge Generation und Staatsoperette, die Museen und Galerien den großen Überbau bilden, hat die Off-Kultur und SozioKultur eine Basisfunktion ohne die die Erstgenannten nicht möglich wären. Um all diese Kulturbereiche zu entwickeln, zu vermarkten und dauerhaft zu etablieren, braucht es die Kreativwirtschaftszweige. Das ständige gegenseitige Befruchten macht den Erfolg aus.
Wenn es einen Musiker, Maler oder Schauspieler gibt, plant der Architekt und schafft der Kunsthandwerker den Raum, produziert der Filmemacher den Videoclip oder Werbespot, verfasst und layoutet der Werbefachmann und druckt der Verleger den Prospekt, bringt die Presse und der Prospektverteiler die Zeitungen und Flyer in die Öffentlichkeit. Die Vernetzung und das Zusammenspiel bringen den Erfolg und die wirtschaftliche Entwicklung. Was ich damit sagen will, dass Eine geht nicht ohne das Andere.

Cover des Berichts: "Kultur- und Kreativwirtschaft in Dresden"

Flurfunk Dresden: Profitiert am Ende nicht nur die Interessengemeinschaft Kraftwerk Mitte von positiven Ergebnissen?
Torsten Schulze: Wer das annimmt, kennt die Breite der Branche nicht. Für die Entwicklung am Kraftwerk ist die IG Kraftwerk Mitte mit ihren derzeit 50 Mitgliedern und einem guten Konzept ein ernstzunehmender Partner, um die beiden Spielstätten zu entwickelnde Umfeld. Neben der IG sind aber weitere Akteure unterwegs wie der Künstlerbund Dresden, der Atelier- und Ausstellungsangebote braucht, die Musikhochschule, die Hochschule für Bildende Künste, die Sächsische Akademie der Künste, diverse Stiftungen, Gastronomen, Kunst- und Kulturvermarkter und und und.
Wer seinen Blick über den Tellerrand hebt, wird Beispiele in anderen Städten finden, die Zweifel und Bedenken an dem Projekt Kulturkraftwerk in Ideen und Konzepte verwandeln werden.

Flurfunk Dresden: Die DNN und andere hatten seinerzeit kritisiert, dass eine Studie für 80.000 Euro in Auftrag gegeben wird - haben sich die Ausgaben denn jetzt gelohnt?
Torsten Schulze: Die vorliegende Studie liefert eine Zustandsanalyse des Bereiches der Kultur- und Kreativwirtschaft und gibt für die weitere Entwicklung Handlungsfelder wieder. Dabei bleibt die Studie allerdings sehr allgemein. Für die Ermittlung der Fakten und Daten und die Durchführung der damit verbundenen Workshops mit den Akteuren ist das Geld nicht in den Sand gesetzt. Sie bildet eine Grundlage, auf der aufgebaut werden kann. Zukünftige Fortschreibungen werden deutlich weniger finanzielle Mittel in Anspruch nehmen.

Flurfunk Dresden: Was könnten jetzt die Konsequenzen aus der Studie sein? Wie geht es weiter?
Torsten Schulze: Ich wünsche mir, dass die in der Studie aufgezeigten Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft für die Wirtschaft, die Kultur und die Stadtentwicklung endlich von den Verantwortlichen in dieser Stadt begriffen werden und entsprechende Unterstützung erhalten. Erste Vorschläge von mir sind dabei die Einrichtung einer „Leerstandsbörse“, eine Katalog- und Atelierförderung für Künstler, eine Produzentenmesse und Präsentationsmöglichkeiten der Kunstwerke junger Künstler. Für die Existenzgründung oder Finanzierung von Investitionen braucht es das Verständnis der Geldinstitute bei der Gewährung von Mikrodarlehen.
In dieser Woche wird die Studie in den Ausschüssen des Stadtrates diskutiert. Beschlossen werden soll die Erarbeitung eines Konzeptes, wie die gemachten Vorschläge konkret umgesetzt werden können. Als Verfasser dieses Konzeptes könnte ich mir die STESAD vorstellen. Sie ist als Träger der verschiedenen Sanierungsgebiete wie der Neustadt, Friedrichstadt und Löbtau und als Projektentwickler beim Kulturkraftwerk und im Ostragehege seit vielen Jahren mit den Themen befasst. Aber das muss in den Debatten entschieden werden. Wichtig an der Stelle ist mir noch, das mit den Akteuren gesprochen wird und auch von ihrer Seite Vorschläge gemacht werden, wie wir gemeinsam die Kultur- und Kreativwirtschaft in unserer Stadt weiter entwickeln und nach vorn bringen können. Ich freue mich auf kreative Diskurse und kulturvolle Veranstaltungen.

Flurfunk Dresden: Vielen Dank für das Interview.

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