Nina Haferkamp, 29, wollte eigentlich Nachrichtensprecherin werden. Heute ist sie Juniorprofessorin des Stiftungslehrstuhls Emerging Communications and Media. Ihr Hauptinteresse gilt den Neuen Medien. Wie sie sich im Social Web gibt, warum es eine Chance für die Wissenschaft sein kann und was die Zukunft bringt, erzählt sie Pascal Ziehm im Interview.
Pascal Ziehm: Haben Sie heute schon das Social Web genutzt?
Nina Haferkamp: Ja. Ich musste meinen Studierenden zeigen, was Google Plus ist. Einige kannten das noch nicht. Dabei erarbeiten wir gerade in einem Bachelor-Seminar ein Social-Media-Konzept für unser Institut. Da überlegen wir, welche Angebote wir nutzen könnten. Natürlich kommen nicht alle infrage. Trotzdem ist der Auftritt des Instituts dort längst überfällig, auch wenn wir unter den kommunikationswissenschaftlichen Lehrstühlen längst nicht die letzten sind. Künftig wollten wir unsere Studierenden dort abholen, wo sie sind: Im Web. Und wir wollen den Dialog.
Gilt dem Social Web Ihr Interesse nur aus wissenschaftlichen Gründen oder liegt Ihnen das auch privat?
Haferkamp: Es ist wohl die Kombination. Mit StudiVZ fing bei mir alles an. Ich weiß noch, wie fasziniert ich war, dort Inhalte zu posten und Bilder zu teilen. Aber im Vergleich zur Kommunikation im Social Web heute war damals alles noch recht statisch. Über Privatsphäre machte sich auch kaum einer Gedanken. Und irgendwann kam dann auch das wissenschaftliche Interesse bei mir.
So in Ihrer Dissertation: Darin beschäftigen Sie sich mit der Selbstdarstellung und dem sozialen Vergleich auf sozialen Netzwerkseiten. Was haben Sie herausgefunden?
Haferkamp: Die Ergebnisse sind drei Jahre alt und mit heutigen Studien kaum noch vergleichbar. Trotzdem kamen wir zu spannenden Resultaten: Profile werden multifunktional eingesetzt. Das heißt einerseits zur Selbstdarstellung, anderseits um sich ein Bild von anderen zu machen. Nutzung und Wirkung sind also kaum mehr von einander zu trennen. Denn das Bild, das wir von anderen gewinnen, wird sich in unseren eigenen Profilen niederschlagen. Man lernt also von anderen und vergleicht sich mit ihnen, zumindest mit solchen, die uns ähnlich sind.
Und in der Selbsteinschätzung: Wie geben Sie sich im Social Web?
Haferkamp: Realistisch. Ich habe weder einen Fake-Namen noch ein Fake-Foto. Auch wenn ich nicht jede Information über mich preisgebe, entsprechen alle der Wahrheit. Meine Identität verwischen möchte ich nicht.
Flurfunk Dresden: Ich habe Sie gegoogelt. Sie sind auf zahlreichen Kanälen des Social Webs unterwegs. Während Ihres Forschungsaufenthalts in London unterhielten Sie sogar einen Lifestyle-Blog über die Londoner Mode- und Kulturszene…
Haferkamp: (lacht) Ja, ein Hobby von mir. Meine Zielgruppe damals waren Familie und Freunde. Heute würde ich aber eher Facebook nutzen, um mich mitzuteilen. Es wäre mir viel zu aufwendig, einen Blog zu unterhalten. Ohnehin sehe ich für diese keine allzu große Zukunft, zumindest nicht als Online-Tagebuch. Wenn, dann halten sich die Themenblogs, die fokussiert über ein Spezialthema berichten.
Was denken Sie, wohin steuert das Social Web?
Haferkamp: Auch dort gibt es den „Long Tail“. Interessant wird sein, ob sich Nischencommunitys halten können, oder ob deren Nutzer nicht über kurz oder lang zu den großen Netzwerken wechseln. Spannend ist gerade, ob Google Plus dem Konkurrenten Facebook den Rang ablaufen könnte. In der großen Negativdebatte um Privatsphäre und Datenschutz auf Facebook hätte Google den Elfer versenken können. Aber sie überzeugten nicht. Deshalb bin ich mir auch nicht sicher, ob Google für Facebook gefährlich werden wird. Facebook hat sich verdammt gut etabliert und ist im Alltag der Menschen angekommen.
Längst setzen auch die Unternehmen auf das Social Web. Kaum eine PR-Agentur, die es nicht in ihrem Portfolio anbietet. Was glauben Sie: Tummeln sich dort viele Scharlatane?
Haferkamp: (überlegt) Die Wichtigkeit wurde erkannt, trotzdem ist viel Bauchgefühl dabei. Das größte Problem ist wohl, dass Unternehmen auf den Social-Media-Zug aufspringen, weil es andere auch machen, ohne jedes Konzept. Hauptsache eine Fanpage auf Facebook haben. Dass der Dialog dort das A und O ist, wird von vielen unterschätzt. Nachrichten auf diesem Kanal zu verbreiten ist eine Sache, die Kommunikation mit Kunden eine ganz andere.
Was kann hier die Kommunikationswissenschaft tun?
Haferkamp: Potentiale aufzeigen, Optionen vorstellen und Forschung betreiben. Aus den Ergebnissen können Agenturen und Unternehmen eine Menge ziehen. Entscheiden, was sie davon nutzen, müssen sie allerdings selbst.
Kommunikationswissenschaftler sollten also auch im Social Web fit sein?
Haferkamp: Den Kommunikationswissenschaftler, der Experte in allen Medien ist – egal ob Fernsehen, Hörfunk oder Print – gibt es nicht. Jeder hat seinen Forschungsschwerpunkt. Aber Social Media als hybrides Medium greift natürlich auch stark in andere Medien. Wer sich also mit dem Fernsehen als cross-mediales Medium beschäftigt, wird künftig auch nicht umhin kommen, sich mit den sozialen Medien vertraut zu machen.
Was wäre eigentliche Ihre berufliche Alternative gewesen?
Haferkamp: Nachrichtensprecherin. Das war keine Alternative, das wollte ich werden! Weltoffen zu sein und den Menschen die neusten Nachrichten zu präsentieren…
Wann haben Sie denn diesen Plan verfolgt?
Haferkamp: (lacht) Zu Beginn meines Studiums. Nach der Schule habe ich mir überlegt: Was musst du wohl dafür tun? Bei der FAZ sagte man mir: kein Volontariat ohne Studium. Medienwissenschaft war davon nicht so weit weg. Aber so richtig Lust auf ein Studium hatte ich erst einmal gar nicht.
Aber dann blieben Sie doch der Kommunikationswissenschaft treu. Wann kam die Wende?
Haferkamp: Nach dem Vordiplom, im vierten Semester. Ich hatte parallel viele Praktika gemacht: Beim Radio – und bei RTL im Content Room der Nachrichten. Dort werden die Themen recherchiert und Menschen nachtelefoniert, um sie bestenfalls für ein Interview vor der Kamera zu überreden. Das fand ich sehr belastend, weil ich erschrocken darüber war, wie schnell man bereit ist, Menschen von etwas zu überzeugen, was sie eigentlich gar nicht wollen. Und mit dem Fokus auf den Human Touch kann man sich vorstellen, wie oft da persönliche Schicksale betroffen waren. Zum anderen hatte ich einen Job als studentische Hilfskraft und musste das Vorlesungsverzeichnis abtippen. Dabei kam ich mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern in Kontakt. Deren Arbeit fand ich spannend und mein Interesse wurde geweckt. So blieb ich der Wissenschaft treu.
Im März traten Sie in Dresden eine Stiftungsprofessur an. Mit bis zu 100.000 Euro jährlich finanziert die SDV AG Ihren Lehrstuhl mit der Bezeichnung „Emerging Media and Communication“. Was verbirgt sich dahinter?
Haferkamp: Breitgefasst. Nämlich alle Kommunikationsformen, die sich mit Digitalität beschäftigen, aber auch Kommunikationsformen, die bislang kaum untersucht worden – zum Beispiel Google Plus. Ein großer Schwerpunkt ist natürlich das Social Web mit all seinen Angeboten. Darüberhinaus beschäftigen wir uns auch mit mobiler Kommunikation und Computerspielen. Irgendwie gehört alles zusammen. Wir beobachten genau, wohin der Trend geht und welche Gebiete für die Forschung interessant sein könnten.
Was ist das Besondere an Ihrem Lehrstuhl?
Haferkamp: Einzigartig ist, dass ein mittelständiges Unternehmen in die universitäre Erforschung der Neuen Medien investiert.
…wobei Auftragsforschung in anderen Fächern kritisch diskutiert wird…
Haferkamp: In der Tat. Auftragsforschung bedeutet ja, dass ein Unternehmen konkrete Fragen hat, die wissenschaftlich beantwortet werden sollen. Bei uns ist das anders: Hier ist nur das Thema festgelegt – wie bei jeder anderen Professur auch. Aber woran wir konkret forschen, legen wir fest. Und wenn diese Ergebnisse von einem Unternehmen genutzt werden können, ist das natürlich eine optimale win-win-Situation, ein Geben und Nehmen. Wem die Ergebnisse unserer Forschung dann nützen, ist eine ganz andere Frage. Wichtig ist, dass ein Unternehmen erkannt hat, dass auf dem Feld der Neuen Medien ein großer Forschungsbedarf besteht.
Woran arbeiten Sie derzeit?
Haferkamp: Unser Lehrstuhl ist bereits gewachsen. Zwei Mitarbeiter und drei externe Doktoranten unterstützen tatkräftig unsere Forschungsarbeit. Derzeit beschäftigen wir uns mit etwas ganz Neuen: Social Media Literacy. Es geht um Medienkompetenz in den sozialen Medien. Wir versuchen messbar zu machen, wie kompetent sich die User im Social Web verhalten, beispielsweise im Schutz ihrer Privatsphäre. Ich glaube, dass die meisten User kompetenter sind, als wir denken. Gerade hinsichtlich des Schutzes der eigenen Daten haben sie dazu gelernt, nutzen entsprechende Sicherheitseinstellungen. Jedoch trifft das nicht auf jede Nutzergruppe zu: Vor allem den Jüngeren und Älteren im Netz fehlt es an Erfahrung.
Für wen wären solche Ergebnisse und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen interessant?
Haferkamp: Ich denke dabei gerade an Schulen, die ihre Schüler auch im Bereich der Medienkompetenz fit machen müssen. Wir denken aber auch an die Älteren, die „silver surfer“, denen wir gern den bewussten Umgang mit dem Netz nahelegen möchten.
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1 Kommentar
Danke. Informatives Interview. Immer gut zu wissen, was vor der eigenen Haustür passiert und vor allem gut, dass dazu in Oldschoolhausen geforscht wird
Persönlich sehe ich die Zukunft etwas anders. Ich denke, mittelfristig läuft es auf eine stärkere Dezentralität hinaus. Es ist nämlich im Interesse alle Nutzer, auch Eigentümer seines Profils zu sein.
Sprich es wird meiner Meinung nach zu einer Mischung aus privaten Blogs und dezentralen Profilen kommen.
Aber darüber kann man herrlich streiten..
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