Die offene Recherche als journalistisches Hilfsmittel: Fazit zum IntendantenWiki

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Es sind nun schon wieder einige Monate vergangen, seit der MDR-Rundfunkrat Karola Wille zur Nachfolgerin von Intendant Udo Reiter gewählt hat. Die Wahl von Wille bedeutete auch für mich das Ende eines journalistischen Experiments: die Begleitung der Intendanten-Wahl mit einem eigenen Wiki.

Über einen Zeitraum von vier Monaten (Juni bis Oktober 2011) habe ich dort Informationen rund um die Intendanten-Wahl dokumentiert. Schon länger hatte ich vor, endlich mal ein Fazit zu ziehen - nicht zur Intendantenwahl und den Inhalten, sondern dem Instrument der offenen Recherche in Form eines Wikis. Für die Nachwelt, sozusagen. Schließlich war das auch für mich Neuland.

Im Nachhinein lässt sich sagen: Die Entscheidung, die Intendantenwahl mit einem Wiki zu begleiten, hat sich als gut und richtig erwiesen. Wobei man eingangs gleich erwähnen sollte: Im Wiki fand keine Berichterstattung im eigentlichen Sinne statt - die lief weiterhin hier im Blog. Im Wiki habe ich "nur" Material gesammelt, vor allem Zitate aus anderen Medien, aber auch die Ergebnisse diverser eigener Recherchen im Netz (und selten auch: von anderswo). Nur in wenigen Fällen habe ich diese gesammelten Ergebnisse auch mit einer Kommentierung versehen.

Im folgenden einige Argumente, die dafür sprechen, so einen Prozess mit einer offenen Recherche zu begleiten:

  • Als erstes spricht die Übersichtlichlichkeit durch die Bündelung der Informationen für ein Wiki - mein eigentliches Ziel, den ganzen Prozess transparenter zu machen, habe ich (auch) mithilfe des Wikis erreicht. Wäre ich nur bei der einfachen Berichterstattung in Form von Blog-Einträgen geblieben (die es weiterhin gab, die hätte es auch ohne Wiki gegeben), hätte ich wohl nicht diese Informationsdichte erreicht. Von Vorteil ist sicher auch, dass bei so einem Wiki jeder Leser bei Null anfangen kann - in einem Wiki "stören" keine Nachrichten aus anderen Bereichen.
    Oder anders gesagt: Mit einem Wiki fallen bestimmte Informationen nicht so einfach "hinten rüber" wie im klassischen Nachrichtenrauschen.
  • Nicht von der Hand zu weisen ist der Vorteil, bestimmte Informationen, beispielsweise die Rechtsgrundlagen, immer schnell greifbar zu haben. Gleiches gilt für die Vitae und beruflichen Hintergründe der genannten Kandidaten - einmal im Wiki aufbereitet, brauchte ich sie bei Berichterstattung im Blog einfach immer nur wieder neu zu verlinken. Wie mir mittendrin zugetragen wurde, hatte das Instrument auch nach außen den gewünschten Effekt - nicht nur bei den Lesern, die kaum oder gar nicht im Thema steckten: Auch in anderen Redaktion soll das Wiki durchaus genutzt worden sein (allerdings ohne Verlinkung, wo kämen wir denn da hin! ;-) ).
  • Sicherlich praktisch bei der Begleitung eines Großereignisses wie der Intendantenwahl ist der Effekt, dass eine Wiki-Seite immer weiter fortgeschrieben werden kann. Ich habe in einzelnen Rubriken sehr stark oder auch ausschließlich mit Zitaten aus Medienberichten (alle zur Quelle verlinkt, versteht sich) gearbeitet, z.B. bei der am dritthäufigsten nachgefragten Seite "Einfluss von Politik und Parteien". Dafür jedesmal einen eigenen Blogeintrag zu formulieren, wäre wesentlich aufwändiger gewesen - und das Ergebnis wohl nicht so eindrucksvoll.
  • Meine Quellenlage vor der Intendantenwahl war durchaus schon als gut zu bezeichnen - durch das Wiki wurde sie definitiv noch besser. Ohne die Quellen vorher aber hätte es vielleicht auch nicht so funktioniert. Ein schöner Effekt: Die Einrichtung des Wikis zur Intendantenwahl hat Flurfunk Dresden ordentlich Aufmerksamkeit beschert. Ein leitender Mitarbeiter des Senders bestätigte dann auch mal, jede Aktualisierung des Wikis via RSS zu verfolgen.

Eine Unterseite im IntendantenWiki

Es gab auch, wenn man sie so nennen will, Nachteile:

  • Irgendwie logisch: Mit einem Wiki wird der Arbeitsaufwand bei der journalistischen Begleitung eines solchen Großereignisses wie einer Intendantenwahl nicht kleiner. Hätten wir die ganze Geschichte ausschließlich mit Blogbeiträgen begleitet, hätten wir vielleicht weniger zu tun gehabt. Was beim Wiki aber dazu kommt: Hier fällt eher auf, wenn Lücken auftauchen (wobei das nicht bedeuten soll, dass das Wiki vollständig war - es geht hier nur um den eigenen Anspruch bei der Berichterstattung). Also wenn es eine neue Nachrichtenlage gab, wollte ich dann auch recht schnell aktuell sein.
  • Negativ, wenn man so will: Die über 50.000 Seitenaufrufe, die im Wiki zu verzeichnen sind (s. Statistik unten), sind für das Mutter-Blog "verloren". Wer also auf Klicks als Maßstab für die Werbepreise angewiesen ist, sollte das (technisch) berücksichtigen bzw. einplanen.

Was man beachten sollte:

  • Es bedarf, meine Meinung, etwas journalistischen Gespürs. Denn in den Medien kursierten zeitweise eine ganze Menge möglicher Kandidaten, die tatsächlich pure Spekulation waren. Einige habe ich gar nicht erst aufgegriffen (basierend auf meinem Kenntnisstand und nach diversen Rückfragen) - allerdings bin ich am Ende doch in die Falle getappt und habe kurz vor dem zweiten Wahlgang noch Elmar Theveßen und Christoph Minhoff mit eigenen Seiten versehen. Beide Namen sind in der entscheidenden Sitzung des Verwaltungsrates aber gar nicht gefallen, wie ich später erfuhr - dafür noch ein ganz anderer Name, der in der ganzen Debatte nicht aufgetaucht und also auch im Wiki nicht zu finden ist (aber auch sonst nicht in der Presseberichterstattung).
  • Was ich im Grunde nicht anders erwartet hatte, auch wenn ich für andere Varianten offen gewesen wäre: Ich habe das Wiki alleine vollgeschrieben. Es gab zwar die Möglichkeit, sich als Autor anzumelden - die Pressestelle des MDR hat meine Einladung dazu aber großzügig abgelehnt ;-) Im Ernst: Mehrere Autoren - vielleicht auch nicht vom Fach oder mit eigenen Interessen - hätten die Sache vielleicht schwieriger gemacht. Und doch: Es wäre super gewesen, mit einer großangelegten gemeinsamen Recherche auch die Zusammensetzung des Rundfunkrates transparenter zu machen (beim Verwaltungsrat habe ich es ja im Alleingang gemacht). Der ursprüngliche Grundgedanke also, durch viele Autoren noch mehr Informationen zu bekommen, ist an der Stelle wohl gescheitert. Darf man es dann eigentlich noch Wiki nennen?
  • Und: Nächstes Mal (?!?) würde ich mir im Vorfeld viel mehr Gedanken über die Struktur machen - mit der bin ich bis zum Ende nicht zufrieden gewesen. Gleiches gilt für den Umgang im Wiki mit überholten Informationen. Wobei ich immer noch nicht sicher bin, was besser gewesen wäre. Fakt ist, dass ich zwischendurch einzelne Seiten umbenannt (das ist schlecht, wenn man verlinkt sein will bzw. selbst aus dem Blog verlinkt hat) und auf bestimmten Seiten alte Informationen durch den neuesten Stand ersetzt habe. Besser wäre da wohl gewesen, die einzelnen Seiten wirklich chronologisch zu führen, also ältere Informationen mit Datum versehen nach unten durchwandern zu lassen. Aber wäre das immer aufgegangen?
  • Was nicht verheimlicht werden darf: Es gibt trotzallem immer noch Informationen, die man nicht schreiben kann. Telefonate, Hintergrundgespräche, die mir selbst bei der Einordnung bestimmter Sachverhalte geholfen haben, die aber eben nicht zitierfähig waren. Vollständige Transparenz - davon kann also auch hier nicht die Rede sein.

Trotzdem kann ich sagen: Ich kann den Einsatz eines Wikis bei der Begleitung eines solchen Ereignisses nur empfehlen. Möglicherweise, das ist nur so ein Gedanke, hätte ich es gar nicht so formal korrekt führen, sondern einfach alles sammeln und dort "abladen" sollen. Dann hätte die Berichterstattung im Blog noch mehr Gewicht bekommen und der Leser hätte vertiefend im Wiki lesen können. Nichtzitierfähige Telefonate hätte ich dann ja anonym dort wiedergeben können... wobei: Dann wäre die Arbeit wohl gar nicht mehr zu bewältigen gewesen, schätze ich.

Abschließend noch eine (ernstgemeinte) Frage: und jetzt? Was mache ich jetzt mit dem Wiki? Einfach alles stehen lassen? Weiterführen - also etwa der neuen Intendantin oder dem Sender allgemein widmen (dafür ist es fast schon ein wenig spät, oder?)? Ich würde mich über Kommentare zu der Frage freuen.

So, genug ausgewertet, zum Ende noch ein paar Zahlen (die vollständige Statistik-Tabelle unten):

  • Es sind im IntendantenWiki am Ende insgesamt 52 Seiten geworden, davon 35 Inhaltsseiten.
  • Insgesamt sind diese Seiten 846 mal von uns bearbeitet worden; im Schnitt also 16,27 mal pro Seite.
  • Von den 5 registrierten Benutzern war ich der einzige, der inhaltlich "gewikit" hat (was für ein Wort, steht das schon im Duden?). Die anderen waren einmal ein Spaßvogel, den wir direkt wieder gesperrt haben und die beiden Technik-Supporter, die ich ins Boot geholt hatte.
  • Laut der internen Wiki-Statistik gab es bis heute (21.1.2012) insgesamt 53.095 Seitenaufrufe. Die Verteilung auf die einzelnen Seiten sind der Tabelle zu entnehmen. Bittesehr:

Die Statistik vom Flurfunk-Intendaten-Wiki

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