Eine Kollegin aus dem Musikjournalismus hat mich heute im Internet auf folgenden Link aufmerksam gemacht: Das Label 36music und die Band Tab Two haben auf ihrer Homepage einen offenen Brief an die Kulturredaktion des “Spiegel” in Hamburg veröffentlicht. Das Label und die Band möchten gerne wissen, warum Promo-CDs, die sie an die Redaktion geschickt hatten, vor der Veröffentlichung (27.04.12) zum Verkauf beim britischen Ableger von Amazon angeboten wurden. Der Anbieter bei Amazon ist ein Second-Hand-Dealer aus Hamburg, der nach eigener Aussage “kistenweise CDs, DVDs und Bücher beim ‘Spiegel’ abholt”. Das ganze Vorgehen sei ein “üblicher Vorgang”.

Nun hat dieses Thema vordergründig nix mit der hiesigen Medienlandschaft zu tun: Ich schätze aber mal, dass es hier in Dresden doch einige Kollegen gibt, die ebenfalls regelmäßig mit Promo-CDs von Labels und Künstlern bemustert werden. Viele Musik- und Kulturjournalisten arbeiten auf freiberuflicher Basis – und gerade im Musikbereich ist die Bezahlung oftmals alles andere als üppig. Deswegen hätte es mich an dieser Stelle nicht verwundert, wenn da ein armer kleiner Musikjournalist oder eine kleine Redaktion an den Pranger gestellt worden wäre. Da liegt der Verdacht nahe, dass man sich das geringe Autorenhonorar mit dem Verkauf von Promo-CDs aufbessert. Ich persönlich habe da zwar trotzdem kein Verständnis für – aber es ist tatsächlich nachvollziehbar. Und auch ich weiß von Freiberuflern in dieser Branche, die Promomaterial bei Amazon oder anderen Plattformen anbieten, allerdings tun diese das erst weit nach Veröffentlichung.

Dass ausgerechnet das Problem bei den großen Zeitschriften wie der “Spiegel” auftritt, hat mich doch etwas schockiert. Bisher hat es das Thema nur in die Regionalmedien der “Südwestpresse” und der “Stuttgarter Nachrichten” geschafft. Vor allem der Artikel der “Südwestpresse” ist interessant, weil Frankt Mundt, der Anbieter der CDs ein bisschen aus dem Nahkästchen plaudert: “Ich könnte einige nennen, die sich ein Einfamilienhaus mit Promoexemplaren gebaut haben”.

Ich bin mal gespannt, ob und wie die Redaktion in Hamburg auf die Vorwürfe reagiert.

Update (1.3., 15.40 Uhr): Auf der Facebookseite des “Kulturspiegel” kam gerade eben die Antwort: “Leider ist es tatsächlich so, dass ein freier Mitarbeiter unseres Magazins die Promo-CD an diesen Laden verkauft hat. Wir entschuldigen uns dafür und erklären, dass wir dieses Verhalten nicht billigen.”