SLM: Freie Radios sollen von UKW zu DAB+ wechseln

Unterschiede in den Verbreitungsgebieten - Karte: slm-online.de. Auf's Bild klicken, um das PDF zu sehen.

Die Sächsische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) hat den Freien Radios Coloradio Dresden, Radio Blau Leipzig und Radio T Chemnitz vorgeschlagen, von der analogen UKW- zur digitalen Verbreitung via DAB+ zu wechseln.

Mit einer ausführlichen Pressemappe erklärt die SLM ihren Vorschlag, den sie bereits im Juli den freien Radios unterbreitet und am 22.10.2012 im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Darin sind die Modalitäten dargestellt, wie der Wechsel über die Bühne gehen könnte - und auch die Erklärungen der SLM, warum nicht einfach die bestehende Förderung der NKL (Nichtkommerzielle Lokalradios) ausgebaut werde.

In dem Papier beschreibt die SLM die Vorteile für die Freien Radios, sollten sie zu DAB+ wechseln:

  • Es gäbe kein Frequenzsplitting mehr - die Freien Radios hätten 24h Sendezeit zur Verfügung.
  • Die SLM hätte laut dem Papier "deutlich mehr finanziellen Spielraum (...), wenn die NKL auf digitale Verbreitungstechnik in Gestalt von DAB+ umstiegen und damit dazu beitrügen, dass dieser zukunftsweisende Übertragungsweg verstärkt wahrgenommen, genutzt und akzeptiert wird."
  • "Die prognostizierten Verbreitungsgebiete und Bevölkerungsreichweiten der jeweiligen NKL-Programme würden sich deutlich vergrößern."

Konkret bietet die SLM den NKL-Veranstaltern an, die "Sende- und Leitungskosten für die Verbreitung ihrer Hörfunkprogramme mittels DAB+ in voller Höhe bis zunächst 31. Dezember 2014" zu fördern und stellt auch eine Anschlussförderung in Aussicht. Auch die Rückkehr zu den alten Sendefenstern (49h die Woche via UKW) wird zugesichert, sollte DAB+ etwa durch den Ausstieg des MDR scheitern. Und der Verbreitung via Internet steht weiterhin nichts im Wege.

Allerdings hat man auch Bedingungen:

"Dieses 'Umstiegs-Paket' erfordert, dass alle drei in Rede stehenden NKL-Veranstalter in gleicher Weise auf DAB+ umsteigen. Sofern nur einer oder zwei von ihnen eine entsprechende Umschreibung ihrer Zulassung beantragen sollten, wären die Auswirkungen für den Ausbau der technischen Infrastruktur zur Versorgung des gesamten Landes sowie neuer Rundfunkübertragungstechniken zu gering, um ein finanziell derart umfängliches Maßnahmenpaket begründen zu können."

Das ganze Papier mit dem Vorschlag der SLM findet sich auf den Seiten der SLM als PDF. Aus dem Papier gehen auch die genauen Summen hervor, wie hoch die Förderung seitens der SLM bislang für die NKL ist und wie viel Geld bis Ende 2014 fließen würde. Eine grafisch aufbereitete Kurzfassung der Vor- und Nachteile ist ebenfalls auf SLM-Online zu finden.

Bei den NKLs selbst kommt der Vorschlag offenbar ganz gut an, zumindest bei Coloradio. In einer dpa-Meldung, die bereits am 22.10.2012 etwa bei LVZ-Online und SZ-Online* zu finden war, heißt es, Vertreter der Freien Radios würden den Vorschlag begrüßen - vermutlich aber würden die vorgeschlagenen Fördergelder nicht ausreichen (PM auf der Seite von Coloradio: "coloRadio sieht in der Digitalisierung des Rundfunks große Chancen, kann aber die damit verbundenen Risiken nicht allein tragen").

Mit dem Vorschlag der SLM dürften die Freien Radios nun vor einer schwierigen Entscheidung stehen: Allen voran steht die Frage, ob sich DAB+ langfristig durchsetzen wird - bislang gibt es, selbst wenn das theoretische Verbreitungsgebiet wesentlich größer sein wird, nur eine überschaubare Zahl von Empfangsgeräten für das digitale Radio. Wer heute ein Auto kauft, bekommt immer noch das gute alte UKW-Radio als Standard-Ausrüstung; für DAB+-Empfänger muss man zusätzliches Geld berappen. Und auch die privaten Radio-Anbieter zeigen wenig Interesse, ihre Programme via DAB+ zu verbreiten (vgl. dazu Medien Mittweida: "Privatsender setzen weiterhin auf UKW").

Abgesehen davon ist ein 24h-Betrieb sehr aufwändig - wobei auch den Freien-Radio-Machern die Trennung von den Privatsendern gefallen düfte. Gerade hier liegt vermutlich aus Sicht der SLM eine theoretische Chance: Sollten sich die Freien Radios zu spannenden Programmen entwickeln, steigt vielleicht die Zahl der Empfangsgeräte - und damit die Attraktivität von DAB+. Der aktuelle Vorschlag der SLM dürfte auch den Privatradio-Anbietern sehr gefallen - die haben Anfang 2011 einen Anlauf genommen, Apollo Radio (das Programm der Privat-Radio-Anbieter, mit dem sich die Freien Radios die Frequenz teilen) zu vermarkten (vgl. Flurfunk Dresden vom 21.2.2011: "Apollo Radio: Änderungen in der Geschäftsführung, Umzug nach Dresden").

Zum Hintergrund: Im Frühjahr 2010 waren die Freien Radios in Sachsen für einen Monat nicht über UKW zu hören, weil eine Vereinbarung mit dem privaten sächsischen Radiosendern ausgelaufen war, die die Leitungskosten der Freien Radios übernommen hatten. Nach einem Monat erzielten die NKLs eine Vereinbarung mit dem Sende-Anbieter Media-Broadcast (vgl. Flurfunk Dresden vom 13.5.2012) und tragen seitdem ihre Leitungskosten selbst - eine schwere finanzielle Belastung für die werbefreien Programme, die von Vereinen betrieben werden. Der Kompromiss, der 2010 "ausgelaufen" war, war ursprünglich auf Vermittlung der SLM zustande gekommen - und brachte den privaten Radioanbietern den Vorteil, dass kein "außer-sächsischer" Radio-Anbieter eine Frequenz in Sachsen bekam, sondern Apollo-Radio.

*Randnotiz: SZ-Online hat dem dpa-Text den Einstiegssatz verpasst: "Bürgerradios sind vor allem bei jungen Leuten beliebt". Oder sollte man sagen: dazufantasiert? Für die Aussage hätten wir gern mal einen Beleg gesehen. 

2 Kommentare
  • Steffen Peschel
    Oktober 26, 2012

    Ich bin sehr davon überzeugt, dass der Erfolg von DAB+ weniger vom Angebot abhängt, sondern mehr davon, wo die Empfänger eingebaut sind. Das Internet kam auch nicht auf Handy, weil plötzlich alle ihre Webseiten dafür optimiert haben, sondern weil Apple die passende Technik dafür gebaut hat.
    So lange DAB+ nicht nativ über Smartphone und Tablets zu empfangen ist, wird das immer ein Sandkasten bleiben. Schon heute hören viel viel mehr Menschen Podcasts als dass sie DAB+ Angebote nutzen würden. Selbst Livestream übers Internet kannst du schon übers Smartphone empfangen.

  • stefanolix
    Oktober 26, 2012

    Welchen Aufwand würde das erfordern? Ist denn der Empfänger für DAB+ so klein, dass er in ein Smartphone passt?

    Die Wikipedia hat zum Empfang noch die Anmerkung, dass DAB/DAB+ relativ viel Energie verbraucht. Das wäre also gar nicht gut für die Akkulaufzeit:

    »Ein Nachteil gegenüber dem analogen UKW-Empfang ist der höhere Energieverbrauch der DAB-Empfänger, erkennbar vor allem am Batteriehunger portabler DAB-Geräte. Das gilt nach ersten Erfahrungen auch für DAB+-Empfänger.«

    [Quelle]

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