5 Thesen zur Zukunft des MDR und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks


Am Donnerstag hat mich ein Team des MDR-Sachsenspiegel zur Zukunft des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) interviewt.

Hintergrund ist, dass der MDR diese Tage 25 Jahre alt wird. Und, statt sich selbst zu loben, hat man sich entschieden der Frage nachzugehen, was noch kommt.

Der Beitrag - den ich ziemlich gelungen finde, weil er eine ganze Reihe von Aspekten von verschiedenen Positionen beinhaltet - ist hier zu finden: mdr.de/mediathek/mdr-videos/a/video-73490.html.

5 Thesen zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Aber wie das im Fernsehen so ist, sind natürlich nicht alle meine Thesen untergekommen. Deswegen will ich hier noch einmal kurz wiedergeben, was ich in meiner Vorbereitung zusammengetragen hatte.

Da ich keine Glaskugel besitze, die wirklich in die Zukunft blicken kann, ist die Aufzählung selbstverständlich nicht vollständig. Und: Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich komplett falsch liege oder Aspekte übersehen habe – ich freue mich also über Kommentare und weiterführende Diskussionsbeiträge.

Meine Thesen:

1. Inhalte müssen im Vordergrund stehen

Eine zentrale Frage ist in meinen Augen, wie sich die Technik entwickelt: Wie konsumieren wir in 25 Jahren Nachrichten?

Vor 25 Jahren hätte sicher niemand erwartet, dass wir (fast) alle die Augen nicht von so kleinen Dingern in unseren Händen lassen können, die weit mehr Computertechnik enthalten als die erste Raumsonde, mit der Menschen auf dem Mond gelandet sind. Ich jedenfalls erinnere mich gern an ein Referat während des Studiums, als jemand die Vision eines schnurlosen Telefons für die Hosentasche – mit Bildschirm und Lautsprecher! – vorstellte und wir uns das alle für eine irre Fantasie hielten.

Vor dem Hintergrund halte ich die Entscheidung, dass der MDR seine Struktur inzwischen nach Inhalten und eben nicht mehr nach Ausspielwegen ausrichtet, für richtig. Früher gab es eine Radio-Direktion, eine Fernsehdirektion und irgendwo angedockt das Internet - mit dem Konzept MDR 2017 gibt es inhaltliche Direktoren. Richtig so!

2. Wir brauchen Journalismus, der von Werbung und Abo-Modellen unabhängig ist

Größte Herausforderung für den Öffentlich-Rechtlichen und also den MDR wird sicherlich sein, in 25 Jahren überhaupt noch existent zu sein. Mit dem Wissen, wie langsam Mühlen in der Politik so mahlen, gehe ich davon aus, dass die Rundfunkanstalt in 25 noch da sein wird.

Aber vermutlich wird sie dann komplett anders aussehen! Wie? Ich weiß es nicht. Fernsehen wird jedenfalls in meinen Augen eine wesentlich kleinere Rolle spielen als heute.

Aus Sicht der Zuschauer stellt sich immer auch die Frage der Legitimation:

Ich arbeite passender Weise gerade an einem Projekt, dass sich auch mit der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beschäftigt. Einer der Gründe zur Gründung des ÖR nach dem zweiten Weltkrieg (und in Ostdeutschland nach der Friedlichen Revolution) war, dass man dem Rundfunk sehr hohes Potential zur Manipulation von Massen zugetraut hat. Die westlichen Besatzungsmächte entschieden also sicherzustellen, dass es unabhängige Medien gibt, die den Menschen ermöglichen, unabhängig vom Staat Informationen und Einordnungen zu erhalten.

Ich halte die Konstruktion, dass es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf der einen Seite und private Medien auf der anderen gibt, für unsere Gesellschaft für sehr gut. Ich sorge mich ziemlich, wie sich private Medien mittel- und langfristig finanzieren – aber selbst, wenn sich da neue Geschäftsmodelle finden, ist es in meinen Augen notwendig, beide Seiten zu haben.

Heißt: Es ist für die Demokratie wichtig, dass es eine irgendwie geartete Sicherstellung zur Finanzierung von unabhängigem Journalismus gibt. Das kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein.

3. Muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk wirklich so groß dimensioniert sein?

Ein anderer Grund, warum Rundfunk in Deutschland so streng reguliert ist, war in der Gründungsphase die UKW-Frequenzknappheit. Wie oben beschrieben: Die Technik hat sich stark gewandelt. Dieser Legitimationspunkt entfällt in meinen Augen - Frequenzen werden immer nachrangiger. Das Internet absorbiert die anderen Mediengattungen.

Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk wirklich so groß dimensioniert sein? Wäre das ganze Konstrukt eine oder vielleicht sogar zehn Nummern kleiner nicht ausreichend?

Die Diskussion über die Struktur und das ganze Konzept läuft schon ziemlich lange - und wird wohl noch eine ganze Weile dauern. Fakt ist da aber auch: Man zerschlägt nicht mal eben so ein funktionierendes System. Trotzdem: Etwas kleiner täte es auch.

4. Der Journalismus wandelt sich. Massiv!

Der Aspekt, der im MDR-Beitrag ebenfalls zur Sprache kommt: Die Arbeit des Journalisten wird sich massiv verändern. Am Donnerstag waren eine Reporterin, ein Kameramann und ein Ton-Techniker bei uns im Büro. Das kostet.

Viele Sender arbeiten jetzt schon mit VJs - also Reportern, die die Technik mitbedienen. Das VJ-Konstrukt hat in meinen Augen große Nachteile für die inhaltliche Bearbeitung eines Themas, aber egal – denn es wird sich ebenfalls überholen: In Zukunft werden die Bilder im Netz sein. O-Töne werden über Online-Verbindungen geholt – die heute noch so wichtige Qualität von Bildern rückt im Youtube-Zeitalter immer weiter in den Hintergrund.

Sind Roboter bzw. Programme, die Nachrichten anbieten, eine Bedrohung? Im Beitrag kommt das so rüber – ich sehe das aber eigentlich gar nicht so negativ. Grundsätzlich machen Roboter weniger Fehler als Menschen, es könnte also auch Vorteile haben.

Deswegen wird es aber die menschliche Komponente im Journalismus trotzdem noch geben, Roboter bzw. Programme werden die Menschen an der Stelle nie ersetzen können.

Aber, ebenfalls zu berücksichtigen: In Zukunft werden immer mehr Institutionen und Unternehmen eigene Inhalte anbieten. Es gibt außerdem ja auch noch Blogger, Onliner, Influencer, die alle ebenfalls Informationen ins Netz kippen.

Die Aufgabe von Journalisten wird also viel mehr darin liegen, das große Wirrwarr zu entzerren, Fakten zu checken, Manipulationen aufzudecken, Diskussionen zu moderieren und Themen einzuordnen.

5. Die Chance der klassischen Medienmarken ist: Transparenz

Transparenz ist die neue Objektivität. Die These stammt nicht von mir, ist aber m.E. die Chance für die klassischen Medienmarken, die eigene Glaubwürdigkeit wieder zu festigen und sich als starke Marken zu behaupten. Ich hatte sie ja schon am Dienstag in der MDR-Radiotalkshow Dienstags direkt vertreten (vgl. FLURFUNK vom 3.1.2017 – die Redaktion hat in der Folge auch noch eine Meldung aus meinen Einlassungen gemacht, hier nachzulesen).

In Zeiten, in denen wahnsinnig viele Informationen im Raum sind und man so gar nicht mehr weiß, wem man glauben soll und was man glauben kann, hilft vor allem Transparenz.

Woher kommt die Information? Welche Interessen hat der Absender? Welches Wissen fehlt zur Einordnung, was können wir nicht wissen? Was ist unser Anspruch? Wo haben wir Fehler gemacht?

All diese Dinge müssen transparent und nachvollziehbar sein und immer wieder wiederholt werden, so dass die Zuschauer und Nutzer wissen, mit wem sie es zu tun haben - und erkennen können, welche Motivation der Nachrichten-Verbreiter hat.

Aus dem Medienwandel ergibt sich dabei auch eine Verantwortung für die Nutzer: Dass man längst nicht alles glauben soll, was man so liest, sollte sich inzwischen rumgesprochen haben. Eine tatsächliche Einordnung aber eines Mediums, einer Quelle, kann erst mit der Zeit erfolgen.

Dabei aber sollten Medien ihre Nutzer unterstützen.

4 Kommentare
  • Lars Körner
    Januar 7, 2017

    Guter Beitrag. Ich persönlich bin der Meinung, dass sich Journalisten generell ihrer Aufgabe als Multiplikatoren und Bestimmungsmächte bewusst sein müssen und entsprechend arbeiten. Da sind wir in Deutschland und Sachsen gut aufgestellt...aber Verbesserungsmöglichkeiten gibt's immer.

  • Heiko Frey
    Januar 8, 2017

    "2. Wir brauchen Journalismus, der von Werbung und Abo-Modellen unabhängig ist"
    Mir fehlt hier noch der Gedanke, dass der Journalismus auch unabhängig von der Politik sein sollte. Die Zusammensetzung der verschiedenen Medienräte war hier beim Flurfunk schon öfter ein Thema. Aber auch die Entscheidungen der KEF scheinen mir bisweilen unter politischem Druck zu erfolgen.
    Ich hoffe, dass wir in 5-10 Jahren noch gute Journalisten haben, die auch noch ein Medium bedienen dürfen. Ich finde es jetzt schon äußerst schwer, sich über außereuropäische Zusammenhänge oder innenpolitische Entwicklungen zu informieren. Und hier ist speziell der MDR leider nicht meine erste Quelle.

  • M. Boettcher
    Januar 8, 2017

    Wie Heiko Frey schon erwähnte, ist der ÖRR nicht frei von politischen Einflüssen. Deutlich wird dies u. a. daraus, dass sich einzelne Sender in der Vergangenheit aus dem Gemeinschaftsprogramm ausklinkten, weil der Landesregierung der politische Tenor der Sendung nicht passte. Politiker nehmen auch Einfluß auf die Beschäftigten, sichtbar z. B. am Fall des Chefredakteurs B., der auf Intervention der hessischen Landesregierung nicht weiter beschäftigt wurde. Aktuell wollen die Länder die von der KEF vorgeschlagene Absenkung des Beitrags nicht umsetzen. Diese Beispiele zeigen, dass die politische Unabhängigkeit eine Fiktion ist. Es hakt auch an anderen Stellen. Versuchen Sie doch einmal einen Radio- oder Fernsehbeitrag zu plazieren, der sich kritisch mit den christlichen Kirchen auseinandersetzt, zu senden.
    Zur Größe des ÖRR: es wäre schon einiges gewonnen, wenn man den Landesregierungen ihr Spielzeug wegnähme und das ZDF einstampfte. Anfang der 60er als "Adenauerfunk" erfunden, in dieser Form vom BVerfG verboten, wurde es von den Ländern eingerichtet. Nicht zufällig hat das BVerfG vor 3 Jahren den hohen Anteil Politiker im ZDF-Rundfunkrat untersagt. Die Doppelstruktur an Korrespondenten oder bei der Entsendung von Mitarbeitern zu Großveranstaltungen (Fussball, Olympia u. Co.) treibt unnötig die Kosten. Wir brauchen keinen Wettbewerb des ÖR in der Form, sondern einen mit den privaten Sendern. Dies allerdings vor allem hinsichtlich Qualität, nicht bezüglich austauschbaren Trallalas.
    Schließlich gibt der ÖRR zu viel für Personal aus. Nicht nur, dass die Intendanten zu hoch bezahlt werden und die hihe Altersversorgung ein Problem darstellt, es fliesst auch zu viel Geld für Moderatoren von Talk-, Quiz- und Samstagabendsendungen. Zudem wird für das Anmoderieren in Nachruchtensendungen teils extrem viel bezahlt (Tagesthemen, Heute Journal).

  • Ute Enderlein
    Januar 8, 2017

    Danke für diesen guten Impuls. These 1 würde ich gern durch einen lokalen Bezug ergänzen: die thematisch ausgerichteten Programmdirektionen sollten unbedingt die regional unterschiedliche (Nicht)Besetzung der Themen mit reflektieren und auch darüber auch berichten. Bestimmte Themen sind eher in den urbanen Gebieten virulent, andere nur in den ländlichen. Berücksichtigt werden sollten beide und auch das Nicht-Thema-Sein ist Ausdruck von Lebensrealitäten, die in sich auch viel diverser sind, als es in einer simplen Gegenüberstellung Stadt - Land erscheint.

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