Der fragwürdige Journalismus von Journalistenwatch.com (Jouwatch)

Heute (8.2.2017) ist auf einer Seite namens Jouwatch (Journalistenwatch.com) ein Beitrag zu dem Dresdner Kunstwerk "Monument" erschienen.

Titel: "Dresdner Bus-Monument: Solidaritätsaktion für Terrormiliz?"

Der Beitrag ist offenkundig von einem anderen Portal ungeprüft übernommen worden – aus journalistischer Sicht der erste von einer Reihe grober Schnitzer im Umgang mit dieser Geschichte.

In dem Beitrag selbst geht es um ein Foto aus Aleppo, das aktuell heftig in den sozialen Netzwerken diskutiert wird: Die drei auf dem Foto zu sehenden, aufgerichteten Busse haben große Ähnlichkeit mit dem Kunstwerk des Künstlers Manaf Halbouni, das derzeit in Dresden zu sehen ist. Das Foto könnte als Vorbild gedient haben.

"Seriöse Fotografie"?

Das Foto wird diskutiert, weil auf den Bussen in Aleppo eine Fahne weht, die laut Jouwatch "der dschihadistischen Terrormiliz Ahrar al-Scham" zuzuordnen ist.

Zitat aus dem Beitrag:

"Eine seriöse Fotografie dient als Quelle."

Jetzt mal ganz im Ernst: Spätestens seit 2006 und den durch einen – eigentlich als seriös geltenden – Fotografen manipulierten Bildern von der Bombardierung Beiruts weiß doch nun wirklich jedes Journalistenschülerkind, das Fotos nicht mehr als Beweis für irgendwas herhalten können!?

Im Text heißt es außerdem:

"Die Fotografie der drei aufgerichteten Busse in Syrien stammt von dem syrischen Reuters-Fotojournalisten Ammar Abdullah. Es ist somit äußerst unwahrscheinlich, daß es sich um eine Fälschung handelt."

Lieber Leserinnen und Leser: Es ist äußert unwahrscheinlich, dass es sich bei Jouwatch um eine seriöse und ernstzunehmende Quelle handelt!

Ganz banal mal festgestellt: Spekulationen ("es ist äußerst unwahrscheinlich") haben in so einer Berichterstattung nichts zu suchen. Könnte den Machern mal bitte jemand die einfachsten Grundlagen des Journalismus beibringen, damit sie sich in Zukunft seriös mit Journalismus auseinandersetzen können?

Kritische Einordnung: Fehlanzeige

Amteurhaft ist auch die wirklich mangelhafte und einseitige Einordnung des Fotos durch die Autoren:

Aus journalistischer Sicht wäre zum Beispiel unbedingt die Frage zu stellen, von wann das Foto ist. Journalistisch korrekt wäre außerdem, den Künstler mit dem Vorwurf zu konfrontieren (der inzwischen gegenüber diversen Medien kundgetan hat, das Foto vorher nicht gekannt zu haben).

Jouwatch nutzt die Vorlage aber offenkundig lieber ideologisch:

"Steht auf dem Dresdner Neumarkt somit ein 'Kunstwerk', das – gewollt oder ungewollt – einer dschihadistischen Terrormiliz huldigt? Wie wird Oberbürgermeister Hilbert reagieren? Wir werden morgen ausführlich berichten."

Dazu kommen uns einige Fragen: Warum stellt man sich bei Jouwatch nicht die Frage, wer genau wann die Fahne auf dem Foto gehisst hat? Zumindest rein theoretisch könnte es doch sein, dass die Busse nachträglich oder sogar nur temporär von der Miliz vereinahmt worden sind?

Unprofessionelle "Lügenpresse"

Warum geht man auf einer Seite, die sich beim Namen der "Watch"-Bezeichnung bedient und damit also vorgibt, sich kritisch mit Journalismus auseinanderzusetzen, so dermaßen unjournalistisch und unprofessionell mit so einem Thema um?

Es bleibt nur der Schluss: Jouwatch kann (oder will) Journalismus nicht. Zur Journalismusbeobachtung ist das Angebot also völlig ungeeignet. "Lügenpresse" heißt sowas heute, richtig?

"Wir werden morgen ausführlich berichten."

Wir sind hier gerade extrem gespannt.

P.S.: Abschließend noch der Hinweis: Die "kritische" Schlussfolgerung der Autoren in Richtung des Kunstwerks "Monument", dass, sollte das Foto mit der Fahne echt sein, man damit dann ja einer dschihadistischen Terrormiliz huldigen würde, hinkt gewaltig: Denn auch im zerstörten Dresden von 1945, dem am 13.2. jährlich gedacht wird, dürfte die eine oder andere Nazifahne gehangen haben. Nach der Logik von Jouwatsch dürfte man dann wohl diesen Opfern nicht gedenken.

P.P.S.: Es gibt inzwischen auch schon seriöse Auseinandersetzungen mit dem Fahnen-Foto. Zum Beispiel hier und hier nachzulesen.

7 Kommentare
  • JU.Ki-oh
    Februar 9, 2017

    Hallo,

    ich hab den Artikel bei journalistenwatch mal angeklickt und mußte loslachen:

    "Diesen Beitrag haben wir von „Einprozent“ übernommen und hoffen, dass die Recherchen nicht von Photoshop-Profis reingelegt wurden…"

    Schonmal recherchiert, wer hinter "Einprozent" steckt?!?

    Schon wieder nur Nazis !!!

    Vorher Recherchieren, hatte ich damals schon Bekannten wegen Pegida empfohlen, hat nix genützt, kenne die jetzt nicht mehr ...

  • Frank
    Februar 9, 2017

    Jouwatch mag eine unseriöse Seite sein. Ich kannte sie bisher nicht. Ein erster Blick vermittelt, dass sie zumindest eine leicht erkennbare politisch sehr rechte Tendenz hat. Aber einmal unabhängig davon: Die drei auf dem Foto zu sehenden, aufgerichteten Busse könnten nicht nur als Vorbild für das Kunstwerk in Dresden gedient haben, sondern sie sind die Vorlage. Das sagt der Künstler ja selbst. Weshalb ich aber diesen Kommentar schreibe: Hier im Text wird unterstellt, das die Fotos aus Aleppo gefälscht sein könnten. (Zitat):

    "Spätestens seit 2006 und den durch einen – eigentlich als seriös geltenden – Fotografen manipulierten Bildern von der Bombardierung Beiruts weiß doch nun wirklich jedes Journalistenschülerkind, das Fotos nicht mehr als Beweis für irgendwas herhalten können!?"

    Nur weil eine möglicherweise unseriöse Quelle wie Jouwatch behauptet, ein Foto stamme aus einer seriösen Quelle, muss diese Angabe deshalb nicht gleich mit unseriös, also falsch sein. Das erste bekannte Foto dieser Busse stammt durchaus von Ammar Abdullah und wurde in einem Artikel (1) von Reuters vom 31. 3. 2017 gezeigt. Wollt Ihr hier allen Ernstes ausgerechnet Reuters unterstellen, eine vorsätzlich gefälschte Fotomontage veröffentlicht zu haben? Und was hätte das für einen Sinn ergeben sollen? Normalerweise benutzt man Fakes für anschließende Vorwürfe, Unterstellungen usw. gegen einen politischen Gegner. Wo blieb denn diese entsprechende Maßnahme im vorliegenden Fall? Es gab keine. Oder denkt Ihr ernsthaft, man hätte im März 2015 schon gewusst, dass die Busse fast zwei Jahre später einmal im - für Syrien völlig unbedeutenden - Dresden eine Rolle spielen würden? Dann hätte Ammar Abdullah bzw. Reuters also einen Fake veröffentlicht, um Pegida zu unterstützen ... klingt alles andere als nachvollziehbar. So viel Weitsicht haben nicht einmal wir von den Illuminaten ;-)

    (1) https://widerimage.reuters.com/story/in-the-shadow-of-syrias-snipers

  • owy
    Februar 9, 2017

    Dazu auf die Schnelle zwei Hinweise:

    1. Die im Beitrag verlinkten Beirut-Fotos sind damals auch über Reuters verbreitet worden.
    2. Es geht nicht darum, ob die Fotos manipuliert sind oder nicht - als der Beitrag entstanden ist, war die Frage noch nicht geklärt. Der Vorwurf ist, die Fotos ungeprüft genutzt zu haben. Die Argumentation des Textes basiert also ausschließlich auf einer Spekulation. Das ist unjournalistisch und einer Seite, die von sich selbst behauptet, kritisch mit Journalismus umzugehen, nicht zuträglich. Im Gegenteil: Das Vorgehen belegt, dass die Herrschaften keine Ahnung von dem haben, was sie tun.

  • stefanolix
    Februar 9, 2017

    Zuerst: Ich distanziere mich von der Bewertung des Kunstwerks von rechtspopulistischer Seite. Die paar Dutzend pegidistischen Störer vom Dienstagmittag haben viel zu viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen.

    Die Argumentation des Textes von »Journalistenwatch« geht in dieselbe rechtspopulistische Richtung. Ich denke, dass das Kunstwerk temporär am Rande des Neumarktes stehen sollte und dass es seinen Sinn mittlerweile auch erfüllt: Es wird nach meiner Wahrnehmung zum großen Teil zivilisiert darüber diskutiert.

    Davon getrennt aber die Bewertung des Bildes von der Barrikade in Aleppo. Ich gehe grundsätzlich bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass ein Foto ehrlich fotografiert wurde und ohne Manipulation verwendet wird.

    Wenn wir nun das Beispiel mit dem ins Bild manipulierten Rauch aus Beirut als Grundlage zur Auseinandersetzung mit dem Aleppo-Bild nehmen: Es müsste m. E. zunächst einmal bewiesen werden, dass die Flagge der islamistischen Terrororganisation IN das Bild manipuliert wurde.

  • Hansjörg Rothe
    Februar 10, 2017

    Es gibt eine einfache Lösung für dieses Dilemma: Was spricht dagegen, aus dem "Momument" ein wirkliches Mahnmal für die in Aleppo getöteten und vertriebenen Zivilisten zu machen? Durch Anbringung zahlloser Kreuze durch die Dresdner könnte zum Beispiel daran erinnert werden, dass die syrisch-orthodoxe Gemeinde von Aleppo nahezu ausgelöscht wurde. Dass würde auch den bisher stark künstlich wirkenden "Brückenschlag zu Dresden" mit Leben erfüllen, da die hier beim Bombardement am 13. Februar 1945 lebendig Verbrannten ja auch Christen waren

  • SteffenDD
    Februar 17, 2017

    Also ob die "Presse" in Dresden nicht jeden Tag X-Beiträge u.a. von DPA überehmen würde. Da wird doch auch nichts "geprüft" , sondern einfach übernommen. Dann noch ein paar Berichte gegen alles, was einen nicht passt und nicht in eigene Weltbild passt, und fertig ist die Zeitung.

  • owy
    Februar 17, 2017

    @SteffenDD Sie haben offenkundig ein sehr schlichtes Verständnis von der täglichen Arbeit von Journalisten – das so schlicht einfach falsch ist.

    Viele Medien haben zum Beispiel Korrespondenten an den unterschiedlichsten Standorten.

    Auch der Hinweis, "ein paar Berichte gegen alles, was einen nicht passt" ist falsch – die Mehrzahl der Medien wählt nach festgelegten Nachrichtenfaktoren aus.

    dpa gilt übrigens gemeinhin als vertrauenswürdige Quelle, die auf Basis von journalistischen Standards arbeitet.

    Verschaffen Sie sich doch mal einen Eindruck, wie eine täglich aktive Redaktion arbeitet, in dem Sie Journalisten mal einen Tag lang bei der Arbeit über die Schulter schauen. Wir helfen gern bei der Vermittlung in eine Redaktion Ihrer Wahl –Kontakt über die Mail-Adresse im Impressum!

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