Fake News und „Lügenpresse“: Der Nährboden des Misstrauens

Von Alexander Laboda

In jedem Konflikt kommen die beteiligten Parteien üblicherweise an einen Punkt, an dem sie Verständnis für die Positionen der anderen Seite aufbringen und eigene Fehler eingestehen.

In der Debatte um die Vertrauenskrise etablierter Medien, verbunden mit dem Unwort "Lügenpresse", haben viele Journalisten offenbar diese Phase der Selbstkritik inzwischen erreicht. So lässt sich die Diskussion deuten, die am Freitagabend unter der Überschrift "Vertrauen Sie uns?" in Leipzig stattfand.

Auf Einladung von mephisto 97.6, dem Lokalradio der Universität Leipzig, sprachen auf dem Feinkost-Gelände in der Südvorstadt Experten und Branchenvertreter über Fake News und Lügenpresse-Vorwürfe.

"Das Misstrauen, das durch Fake News gesät wird, fällt auf fruchtbaren Boden", sagte David Schraven vom gemeinnützigen Recherche-Büro Correctiv bereits in seinem Einführungsvortrag. Es gäbe in den klassischen Medien problematische Mechanismen, die ursächlich für den Vertrauensverlust seien.

Anzeigenkunden würden Berichterstattung beeinflussen, Journalisten sich auf negative und marktgängige Nachrichten konzentrieren und aufsehenerregende Fotos und Videobilder drängten allzu oft die lange, sorgfältig recherchierte Textgeschichten in den Hintergrund, lauteten einige von Schravens Ansatzpunkten.

Einseitige, kampagnenartige Berichterstattung

Die weiteren Teilnehmer der Diskussion übten ebenfalls Selbst- und Medienkritik. Jörg Winterbauer sprach etwa davon, dass es zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 einen "kampagnenartigen Journalismus" sowohl in der Wochenzeitung Die Zeit als auch in der Bild gegeben habe, der die Ankunft der Geflüchteten und die Willkommenskultur einseitig positiv darstellte.

"Es wurden Sachen weggelassen", sagte der Welt-Journalist. Bereits damals sei es ein mögliches Thema gewesen, dass mit den Flüchtenden auch IS-Terroristen nach Deutschland kommen. Hierüber hätte es aber kaum eine Berichterstattung gegeben.

Martin Hoffmann, ZDF-Journalist und Mitarbeiter des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit in Leipzig (ECPMF), untermauerte diese Sichtweise aus wissenschaftlicher Sicht. Beim Ukraine-Konflikt seien beispielsweise Gremien der ARD selbst zu dem Schluss gekommen, dass die Berichterstattung nicht ausgewogen war.

Außerdem nannte er eine Studie der Universität Würzburg, die zum Schluss kommt, dass ARD und ZDF in der Griechenlandkrise zentrale journalistische Qualitätskriterien verletzt hätten sowie eine noch unveröffentlichte Untersuchung der Hamburg Media School, wonach die Berichterstattung über die Flüchtlingspolitik zumindest bis Ende 2015 zum weit überwiegenden Teil positiv konnotiert war.

Auf die Frage, wie viel Haltung denn im Journalismus angesichts dieser Befunde erlaubt sei, sagte Hoffmann: "Ohne Haltung wir man meiner Meinung nach kein Journalist. Die Haltung darf aber nicht dazu führen, dass Kriterien guter Berichterstattung untergraben werden."

Lernprozess im Umgang mit Legida/Pegida

Bei der Debatte sollte es speziell um die Rolle von lokalen und regionalen Medien in der Vertrauenskrise gehen. So führte am Thema Legida/Pegida natürlich kein Weg vorbei. Johannes Filous, der gemeinsam mit anderen über den Twitteraccount Straßengeflüster seit März 2015 über die Demos in Dresden berichtet, stellte den hiesigen Medien nicht das beste Zeugnis aus. "Wir sind mit unserem Angebot damals in eine Lücke gestoßen", sagte Filous. Erst allmählich habe es dann bei allen Medien einen "großen Lernprozess" im Umgang mit Pegida gegeben.

Dies bestätigte Ine Dippmann, Korrespondentin des MDR in Dresden und zugleich Vertreterin des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV). Persönlich habe sie gelernt, gegenüber ihrer Redaktion auch einmal nein zu sagen.

Sie gab zu, früher Einschätzungen zu den Teilnehmern einer Pegida-Demonstration in einer Live-Schalte abgegeben zu haben, bei denen sie sich auf die Aussagen von anderen verlassen habe. Als Grund dafür nannte sie den hohen Produktions- und Berichterstattungsdruck.

Dies würde sie heute nicht mehr machen. Inzwischen seien bei solchen Ereignissen auch mehr Kollegen als früher im Einsatz.

Journalismus soll konstruktiver und wissenschaftlicher werden

An dieser Stelle wurde einmal mehr deutlich, dass nur eine hohe Qualität in der Berichterstattung die Antwort auf schwindendes Vertrauen sein kann.

Correctiv-Gründer David Schraven plädierte für einen konstruktiven Journalismus, der eine Plattform für lösungsorientierte gesellschaftliche Debatten anbietet. Außerdem müsse der Journalismus heute stärker wissenschaftlich arbeiten und etwa große Datenmengen analysieren, um unwiderlegbare Fakten zu präsentieren. Dies alles kostet allerdings Geld.

Viele Redaktionen können anders als Correctiv nicht auf die Unterstützung großer Stiftungen bauen. "Es gibt ein ökonomisches Problem", gab Andreas Raabe, Chefredakteur des Leipziger Stadtmagazins Kreuzer, daher abschließend das Thema für eine mögliche Nachfolgeveranstaltung vor.

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