„Im Lokalen gibt es Geschichten, die sonst keiner hat. Weder Spiegel Online noch Tagesschau.“

In Halle soll es bald eine neue Zeitung geben. So der Plan von Felix Knothe. Im Juni 2017 hat der freie Journalist das Crowdfunding für die Stadtzeitung Halle, die ausschließlich online zu lesen sein soll, gestartet. Mit Erfolg. Flurfunk-Redakteurin Johanna Kelch hat nachgefragt.

Flurfunk: Wann und warum sind Sie auf die Idee gekommen, dass Halle eine Stadtzeitung braucht?

Felix Knothe: Die Medienkrise ist in Halle sehr deutlich zu spüren. Hier gibt es mit der Mitteldeutschen Zeitung aus dem Kölner Dumont-Konzern einen angeschlagenen und taumelnden Monopolisten, der sinkende Auflagezahlen mit Personalabbau beantwortet und dabei die journalistische Qualität immer weiter aushöhlt. Im kostenlosen MZ-Onlineportal findet parallel fast nur noch boulevardeskes Klickbaiting statt.

Die Unzufriedenheit der Leserinnen und Leser ist in der ganzen Stadt mit Händen zu greifen, und viele halten nur noch mangels Alternative zur MZ.

Abseits davon gibt es auch ein paar quasi-ehrenamtlich arbeitende Kostenlosportale. Aber die haben nicht die Ressourcen, um zu recherchieren oder eigene Themen zu setzen. Also führte für mich auf lange Sicht kein Weg daran vorbei, eine journalistische Alternative aufzubauen.

Flurfunk: Was ist das Alleinstellungsmerkmal Ihrer Stadtzeitung oder soll es werden?

Knothe: Die Städtische Zeitung wird ausschließlich leserfinanziert sein oder zumindest zum Großteil. Vielleicht nehmen wir die eine oder andere Anzeige noch mit, aber das Grundprinzip bleibt der Versuch, bezahlten Onlinejournalismus zu etablieren. Ob das ein Alleinstellungsmerkmal ist, weiß ich nicht. In Halle jedenfalls ist es das. Ich denke, dass eine Paywall im Lokalen am ehesten funktioniert, denn hier werden die Geschichten gemacht, die sonst kein anderer hat, weder Spiegel Online, noch die Tagesschau. Außerdem gibt es fürs Lokale so etwas wie ein Grundbedürfnis, nicht bei jedem, aber schon weit verbreitet. Die Stadt ist das den Bürgern nächste Gemeinwesen. Wenn man Leser überzeugen will, Geld auszugeben, muss natürlich der Anspruch sein, auch journalistische Qualität zu liefern, also interessante Nachrichten und spannende Geschichten, abwechslungsreiche Perspektiven und Debatten. Eine Großstadt wie Halle gibt das allemal her.

Flurfunk: Wie sind Sie nach der Ideenfindung weiter vorgegangen?

Knothe: Ich bin auf die Suche nach Finanzierung gegangen. Schnell war klar, dass potenzielle Kapitalgeber für Lokaljournalismus nicht Schlange stehen. Die Krise. Noch dazu ist es ein personalintensives Geschäft, und man stellt auch nichts her, das sich weltweit vermarkten lässt. Also blieb nur der Weg, von Null anzufangen und über das Crowdfunding zu testen, ob die Idee funktionieren kann, ob es bei den Hallensern einen Resonanzboden für die Idee gibt. Das hat geklappt.

Flurfunk: Statt der 12 000 Euro, die sie als Projektziel angegeben haben, sind inzwischen mehr als 14 000 Euro für die Städtische Zeitung Halle gefoundet worden. Und das in Zeiten, wo der Eindruck entstehen könnte, die Leute haben kein gutes Bild vom Journalismus. Überrascht Sie diese positive Resonanz?

Knothe: Ich hätte nicht angefangen, wenn ich nicht hätte hoffen können, dass es funktioniert. Wie gesagt, die Unzufriedenheit mit dem Medienangebot ist in Halle mit Händen zu greifen. Aber sicher war ich mir natürlich nicht.

Dass wir die Zielmarke deutlich übertroffen haben, ist fantastisch, aber damit ist es noch lange nicht geschafft.

Um eine Redaktion aufzubauen, braucht man nicht hunderte sondern tausende Abonnentinnen und Abonnenten. Das wird ein langer Weg. Aber mit dem Crowdfunding können wir jetzt zumindest anfangen und surfen auf einer positiven Welle.

Flurfunk: Woher kommt Ihrer Meinung die Verdrossenheit über den Journalismus? Und: Wird sich das Bild über Medien Ihrer Meinung nach ändern?

Darüber ist ja schon viel spekuliert worden: das Internet, die Echokammern, die allgemeine Verunsicherung. Ich kann da nicht viel Neues beitragen, würde aber unbedingt differenzieren. Nach meiner Erfahrung ist es bei weitem nicht die Mehrheit der Menschen, die sich wie Hassprediger durchs Internet bewegen oder „Lügenpresse“ rufen. Die Diskurse werden heute aber allzu oft von solchen Minderheiten gekapert, auch weil viele Journalisten Facebook und Twitter für bare Münze nehmen und beispielsweise die AfD immer noch, kurzsichtig betrachtet, mit ihren Skandalen den größeren Nachrichtenwert generiert. Ich habe selbst kein absolut sicheres Erfolgsrezept, wie man damit umgehen soll. Ich hoffe aber, dass wir als Städtische Zeitung vielleicht nicht in jede Klickfalle tappen. Wir wollen ja das althergebrachte Prinzip des zahlenden Lesers wieder stärken. Also müssen wir uns auch stärker überlegen, was wirklich spannende Geschichten sind, die die Leserinnen und Leser nicht jedes Mal an ihrem Abo zweifeln lassen. Täglicher Klamauk ist es nicht. Journalismus wird nur überleben, wenn er ständig an der Qualität arbeitet und den Lesern klar macht, dass das seinen Preis hat.

Flurfunk: Was sind jetzt die nächsten Schritte für die Zeitung? Haben Sie schon Redaktionsräume? Redakteure?

Knothe: Wir fangen bei Null an. Ich glaube, das muss man immer wieder betonen, damit die Erwartungen nicht schon am Anfang so hoch schießen, dass wir ihnen nicht gerecht werden können. Das Crowdfunding ist jetzt abgeschlossen. Jetzt können wir strategische Entscheidungen treffen. Wie setzen wir die Plattform auf, wieviel können wir in Marketing stecken und wen sprechen wir für eine Mitarbeit an? Der Plan ist, zwischen Ende September und Mitte Oktober an den Start zu gehen. Es gibt schon einen Redaktionsraum im halleschen Medien-Gründerzentrum MMZ, und es gibt schon einige Angebote von Kolleginnen und Kollegen mitzumachen. Auch das war ein positiver Effekt des Crowdfundings: Wir haben schon jetzt die Spannung in die hallesche Medienlandschaft zurückgebracht. Viele erwarten von uns einen neuen Aufbruch. Diese Erwartung wollen wir natürlich nicht enttäuschen.

Flurfunk: Vielen Dank für das Interview

 

 

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