Die neue Öffentlichkeit: „Wir stehen an der Schwelle einer Revolution“

Auf dem Abschlussplenum von links nach rechts: Uwe Krüger, Uwe Kulisch, Johann-Michael Möller, Karolin Schwarz, Stefan Primbs, Christina Elmer.

Die Medien können die technischen Herausforderungen der Digitalisierung bewältigen. Vergleichsweise ratlos stehen die Journalisten jedoch ihrem Bedeutungsverlust und dem schwindenden Vertrauen des Publikums gegenüber.

Dies sind die beiden zentralen Erkenntnisse der Fachtagung "Die neue Öffentlichkeit: Wie Bots, Bürger und Big Data den Journalismus verändern", die am Freitag (29.9.2017) an der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig) stattfand.

Ein gigantischer Sturm zieht heran – und der gesamte Gegenwind, der Journalismus, Massenmedien und Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren entgegengeschlagen ist, stellt lediglich erste Ausläufer dieses Unwetters dar. Mit dieser drastischen Metaphorik beschrieb Journalist Richard Gutjahr den Teilnehmern der Konferenz die Lage in seinem Eingangsvortrag.

Digitalisierung, Vernetzung, Bandbreite, Automatisierung und Künstliche Intelligenz – diese fünf technischen Entwicklungen generierten den Sturm. Die Folgen sind zwar auch für Gutjahr, den Online-Erklärer der Branche, noch unabsehbar, aber er prophezeite: "Wir stehen an der Schwelle einer Revolution. In fünf Jahren leben wir in einer neuen Welt."

Automatisiertes Vorgehen gegen Hassrede

Die gute Nachricht für die Journalisten: Was nach Apokalypse klingt, kann aus gegenwärtiger Sicht zumindest auf technischer Ebene bewältigt werden, so der Tenor der folgenden Vorträge. Algorithmen erkennen in Zukunft Hasskommentare im Netz und können diese automatisiert löschen, erklärte etwa Dr. Andreas Niekler, Informatiker an der Uni Leipzig. Mögliche Fake News könnten zur weiteren Prüfung ebenfalls automatisiert aufgespürt werden.

Sport- und Wirtschaftsberichte generieren in wenigen Jahren Computer, die sich die Informationen dafür selbstständig aus Datenbanken ziehen. "Der eigentliche Beruf des Journalisten ist dadurch nicht betroffen", beschwichtigte Niekler. Im Gegenteil: Die technischen Hilfsmittel erleichterten das Tagesgeschäft und verschafften den Redakteuren Zeit für relevante Recherchen.

Schneller und näher dran mit dem Handy

Optimismus verbreitete ebenso Benjamin Unger, Mitglied des NextNewsLabs des NDR, bei seinem Vortrag über TV-Journalismus mit dem Smartphone. Mit dem Handy könne sendefähiges Bildmaterial – selbst nach den Kriterien der Tagesschau – wesentlich schneller erstellt werden. Dank moderner Apps, Unger nannte Luma Fusion und Filmic Pro, sei das handwerklich relativ einfach.

Die Journalisten könnten die Zuschauer mit dem ergänzenden Hilfsmittel Smartphone mehrere Stunden früher als bislang informieren und kämen außerdem näher an ihre Protagonisten heran. Bonmot: "Kinder sind es gewöhnt, dass man ihnen ein Smartphone vor das Gesicht hält."

Doch schon während dieses Vortrags wurde offenbar, dass viele Journalisten nicht einmal auf technischer Seite bereit sind, sich dem Sturm mutig entgegen zu stellen, um dieses Bild wieder aufzunehmen. Die ersten Altvorderen riefen: "Was sagen die Gewerkschaften dazu?" und "Ihr wollt doch nur die Kameramänner einsparen."

Wahlsonntag korrigiert Repräsentationsdefizit

Noch deutlicher wurde die eingeschränkte Wetterfestigkeit der Branche bei der eigentlichen Frage des Tages: Wer entscheidet vor dem Hintergrund des technischen Wandels und der damit einhergehenden Vertrauenskrise in Zukunft noch über Qualität und Wahrheit im öffentlichen Diskurs?

Der Leipziger Medienwissenschaftler Dr. Uwe Krüger beschrieb hier die Großwetterlage: "Der liberale Konsens trifft momentan auf Nutzer, die andere Ansichten haben, aber bisher stumm geblieben sind". Er warf den Journalisten vor, bestimmte legitime Ansichten und Meinungen in der Vergangenheit nicht ausreichend abgebildet zu haben. "Es hat ein Repräsentationsdefizit im Mediendiskurs gegeben. Das wurde am Wahlsonntag korrigiert", sagte Krüger.

Richard Gutjahr hatte zu Tagesbeginn bereits ähnlich geäußert: "Es gibt eine Elite, einen Club aus Journalisten, Politik und Wirtschaft, die an den Schalthebeln der Macht sitzen und nur miteinander sprechen, aber nicht mit dem Hartz-4-Empfänger. Das ist ein Grund, warum die Kritik von AfD und Verschwörungstheoretikern verfängt."

Keine Patentrezepte in der Vertrauenskrise

All dies blieb von Seiten der anwesenden Journalisten unwidersprochen. Weitgehend offen blieb auch, wie die Situation verändert und Vertrauen zurückgewonnen werden kann. Danko Handrick, Reporter des MDR, lieferte Ansätze. Er zeigte einen TV-Beitrag, bei dem er versuchte, mit Pegida-Demonstranten ins Gespräch zu kommen und diese sogar zu einem Besuch in seiner Redaktion bewegte. Sein Fazit fiel ernüchternd aus. "Es ist eine schwierige Aufgabe für einen Journalisten, Gefühle mit Fakten zu widerlegen."

Patentrezepte hatten auch die anderen Praktiker nicht parat. Stefan Primbs, Social-Media-Beauftragter des Bayerischen Rundfunks, mahnte die Kollegen dazu, sich bewusst zu sein, dass das Publikum die journalistische Arbeit in der neuen Öffentlichkeit jederzeit kritisch hinterfragt.

Kameraleute müssten beispielsweise aufpassen, was und wie sie bei einem Ereignis filmen. Keineswegs dürfte der Eindruck entstehen, es werde etwas inszeniert. "Die Leute lassen uns da nichts mehr durchgehen", sagte Primbs.

Außerdem müsse man die journalistische Arbeit besser erklären: "Die Leute wissen nicht, wie die Zeitung oder die Nachrichten entstehen. Manchmal habe ich den Eindruck, manche Menschen denken, es passiert jeden Tag genau so viel, wie in eine Tagesschau passt."

Auf Aufklärung und Transparenz setzt auch Christina Elmer, Mitglied der Chefredaktion bei Spiegel-Online. Sie könne sich etwa vorstellen, nach dem Vorbild der Washington Post in jedem Artikel ihres Mediums eine Erklärbox zur Entstehung und zu den Hintergründen des Textes einzubetten.

Auf die Frage, ob die Medien in der Vergangenheit tatsächlich Ansichten verschwiegen hätten, blieb Elmer wortkarg: "Möglicherweise hat es da blinde Flecken gegeben, weil wir diese Ansichten für undemokratisch gehalten haben."
Alexander Laboda

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