Bettina Jansen: „Es mangelt an Diskussionskultur“

Vom 26. bis 28.10.2017 findet in der Zentralbibliothek des Kulturpalast Dresden (Schloßstraße 2, 01067 Dresden) die Tagung "Gemeinschaft Neu Denken/Re-Thinking Community" statt.

Organisiert wird die Tagung von Dr. Bettina Jansen von der Professur für Englische Literaturwissenschaft an der TU Dresden, die Forscher und Aktivisten eingeladen hat, gemeinsam nach Antworten auf die Frage zu suchen, wie ein "respektvolles und friedliches Zusammenleben mit Anderen und Fremden ungeachtet von Ethnie, Religion, Hautfarbe, Geschlecht und Alter" aussehen könnte.

Anmelden kann man sich auf der Internetseite der Verantstaltung.

Wir haben Bettina Jansen zu den Inhalten und ihrer Motivation zur Organisation der Konferenz befragt. Sie sagt:

"Die Tagung soll zu einem respektvollen und offenen Dialog anregen."

FLURFUNK: Sie veranstalten am vom 26. bis 28.10.2017 die Konferenz "Gemeinschaft Neu Denken/Re-Thinking Community“. Wer sollte sich da anmelden? Wer ist Zielgruppe?
Bettina Jansen: Es sollten sich all jene anmelden, die sich für das Thema Gemeinschaft interessieren und sich aktiv in die Diskussion einbringen möchten, wie wir zukünftig zusammenleben wollen – hier in Dresden, aber auch in Deutschland und darüber hinaus. Es ist auch möglich, spontan, ohne vorherige Anmeldung, an der Tagung teilzunehmen. Die gesamte Konferenz ist öffentlich und kostenfrei zugänglich.

FLURFUNK: Was erwartet die Besucher?
Bettina Jansen: Die Besucher_innen erwartet eine bislang einzigartige wissenschaftliche Tagung, die erstmals namhafte nationale und internationale Forscher_innen aus 18 geistes- und sozial-wissenschaftlichen Disziplinen versammelt. Sie alle werden das in ihren Fächern erarbeitete Wissen zu Mechanismen und Dynamiken der Gemeinschaftsbildung präsentieren und kritisch diskutieren. Die Tagung möchte auf diese Weise den Grundstein für eine kritische, transdisziplinäre Gemeinschaftsforschung legen.
Die Konferenz ist aber auch deshalb einzigartig, weil sie den Versuch unternimmt, wissenschaftlich-theoretische Gemeinschaftsforschung und Praxis zu verbinden. In Vorträgen, in einer Podiumsdiskussion und im Rahmen einer Posterausstellung im 2. Obergeschoss des Kulturpalastes können sich die Besucher_innen über Dresdner Projekte und Vereine sowie nationale und internationale Initiativen zur Gemeinwesensarbeit und Bürgerbeteiligung informieren und für sich selbst die eine oder andere Möglichkeit des bürgerschaftlichen Engagements entdecken. Ziel ist es, Wissenschaft und Stadtgeselleschaft miteinander in einen intensiven, für beide Seiten bereichernden Dialog über alternative Formen des Zusammenlebens zu bringen.

FLURFUNK: Was sind aus Ihrer Sicht Höhepunkte?
Bettina Jansen: Als Höhepunkte sind zunächst die drei Keynote Lectures zu nennen: Die Medienwissenschaftlerin Mary Chayko (Rutgers University) wird sich am Donnerstag dem Phänomen der 'digitalen Gemeinschaft to go' widmen, während der von der UN ausgezeichnete Gemeinschaftsaktivist Paul Born (Tamarack Institute) am Freitag über seine Gemeinwesensarbeit in Kanada berichten wird; der preisgekrönte Philosoph und Literaturwissenschaftler Irving Goh (National University of Singapore) wird am Samstag schließlich die zeitgenössische Philosophie auf ihre Vorstellungen von Gemeinschaft befragen und ein eigenes Gemeinschaftskonzept vorstellen.
Ein weiterer Höhepunkt ist aber natürlich auch der Vortrag von Norbert Rost am Freitagnachmittag. Herr Rost wird als Projektleiter einen Zwischenbericht über das Projekt "Zukunftsstadt Dresden 2030+" geben. Außerdem ist die Podiumsdiskussion zum Thema "Gemeinschaftsprojekte" mit Vertreter_innen von Sukuma arts e.V., Romano Sumnal e.V., dem Forum Community Organizing e.V. sowie den Quartiersmanagements Nördliche Johannstadt und Prohlis am Samstagnachmittag als Höhepunkt zu nennen, der sicherlich viele Dresdner_innen interessieren wird.
Für alle Literaturfans ist die Lesung mit der deutschen Schriftstellerin kroatischer Herkunft, Marica Bodrožić, am Donnerstagabend im Literaturhaus Villa Augustin ein echtes Highlight. Die Autorin wird aus dem mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung prämierten Werk "Mein weißer Frieden" lesen.

FLURFUNK: Was ist Ihre Motivation zur Organisation und Durchführung der Veranstaltung?
Bettina Jansen: Meine Motivation ist zweierlei. Einerseits habe ich im Rahmen meiner in der Literaturwissenschaft angesiedelten Doktorarbeit zu Gemeinschaftsvorstellungen in der britischen Einwandererliteratur schnell gemerkt, dass bislang praktisch keine interdisziplinäre Gemeinschaftsforschung existiert. Es gibt viele verschiedene Überlegungen zum Gemeinschaftsbegriff und es existieren in unterschiedlichen Disziplinen Theorieansätze; es fehlt aber an einer systematischen transdisziplinären und kritischen Gemeinschaftsforschung.
Zum Zweiten lebe ich seit 7 Jahren in Dresden und bin wie alle anderen Dresdner_innen insbesondere seit der Gründung von Pegida praktisch jeden Montag mit der Frage konfrontiert, wie wir zusammenleben wollen. Daraus ergeben sich eine Reihe von weiteren Fragen: Woher kommt die Angst vor dem Fremden? Welches Gemeinschaftskonzept könnte uns als Grundlage einer inklusiven, dabei toleranten und gerechten Gesellschaft dienen? Wie entsteht überhaupt ein Gemeinschaftsgefühl und was zeichnet eine Gemeinschaft aus? Die Tagung soll nicht in erster Linie definitive Antworten auf diese Fragen finden, sondern vor allem zu einem respektvollen und offenen Dialog anregen.

FLURFUNK: Wieso ist Dresden als Veranstaltungsort ausgewählt worden?
Bettina Jansen: Diese Frage hängt unmittelbar mit der vorhergehenden zusammen. Durch die hochkarätig besetzte internationale Konferenz soll von der Stadt, die durch die fremdenfeindliche, rechtsextreme und islamophobe Pegida-Bewegung zu einem Zentrum populistischer und nationalistischer Kräfte geworden ist, ein außenwirksamer Impuls für einen neuen Gemeinschaftsdiskurs ausgehen, der Gemeinschaft jenseits der trivialen und potenziell gefährlichen Logik von Selbst versus Anderem, Eigenem versus Fremdem, Einschluss versus Ausgrenzung denkt. Ein solcher Gemeinschaftsdiskurs hat seine Wurzeln im Übrigen auch hier in Dresden: Friedrich Schiller verfasste in Loschwitz im Jahre 1785 die "Ode an die Freude", die bekanntlich eine Vision von weltweiter Verbrüderung und Solidarität entwickelt. Schiller träumt von der Einheit in der Vielheit, da erst sie den Weltfrieden ermöglicht. Wir täten gut daran, uns heute hier in Dresden an dieses kulturelle Erbe zu erinnern.
Der Neue Kulturpalast ist dabei als Veranstaltungsort der Tagung besonders geeignet, da er sich als Kulturzentrum der Stadt versteht, in dem Wissenschaft, Kunst und Stadtgesellschaft in einen intensiven Dialog miteinander treten können.

FLURFUNK: Wie steht es denn Ihrer Meinung nach ingesamt um die politische Kultur in Deutschland?
Bettina Jansen: Es mangelt aus meiner Sicht an einer Diskussionskultur, die von einseitigen Verteufelungen und Schuldzuweisungen absieht und den offenen, ehrlichen und respektvollen Dialog über politische Themen sucht. Zu einer solchen Diskussionskultur gehört selbstverständlich auch der Streit, solange er der Sache dient. Vor allem aber nimmt eine solche Diskussionskultur die Ängste, Sorgen und Befürchtungen aller Bürger_innen ernst und versucht gemeinsam mit ihnen Lösungen zu finden.

FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt. 

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