Schlösserland Sachsen setzt auf „ausgebildete Influencerin“

Das Schlösserland Sachsen, genauer: die Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gemeinnützige GmbH (SBG gGmbH), setzt bei der Vermarktung der eigenen Aktivitäten jetzt auch auf Influencer-Marketing.

Das berichtete tag24 bereits am 25.2.2018 unter dem Titel: "20-jährige Bloggerin soll Jugend in unsere Schlösser locken".

Influencer-Marketing gehört heutzutage ja schon irgendwie dazu, wenn es auch nach wie vor in den Kinderschuhen steckt (vgl. FUNKTURM 2/2017: "Reisefieber durch Influencer") - deswegen bedürfte es nun nicht unbedingt einer eigenen Meldung hier im FLURFUNK.

Aus- oder eingebildete Influencerin?

Aber die Sache ist uns eine Flurschelte wert – aus zwei Gründen, die aus folgendem Zitat der tag24-Meldung deutlich werden:

"Mit Deutschlands bald erster ausgebildeten Influencerin soll auch die junge Generation für Schlossgeschichte begeistert werden."

Eine vergleichbare Meldung hat die SBG auch bereits am 14.2.2018 auf der eigenen Facebook-Fanpage veröffentlicht:

"Nächste Woche begrüßen wir einen besonderen Gast im Schlösserland: Deutschlands erste ausgebildete Influencerin".

Nun fragen wir uns hier: Was bitte soll eine "ausgebildete" Influencerin sein?

Und wieso bezeichnet man jemanden, der faktisch keine Reichweite mit seinen Aktivitäten in den sozialen Netzwerken hat, überhaupt als "Influencerin"?

Die Netz-Recherche ergibt: Die 20-jährige Raffaela Gohr, die das Blog ReduxGlory (Untertitel: "Neuer Glanz, Fashion & Food in alten Mauern") und einen gleichnamigen Instagram-Channel betreibt, wurde neben ihrem Studium der Landschaftsarchitektur in Berlin von der "Influencer Marketing Academy" Potsdam gecoacht.

Blog und Instagram-Kanal ohne Relevanz

Mal zwei Sätze zur Bewertung ihres Blogs: So wie das aussieht, hat die junge Frau bislang insgesamt 12 (!) Beiträge veröffentlicht – den ersten Ende November 2017.

Wenn man es wohlwollend bewerten will, könnte man sagen: Das Blog ist gerade geschlüpft – Relevanz, also irgendeine Bedeutung (im Sinne von Reichweite, große Leserschaft = Einfluss = Influence!) hat die Geschichte ganz sicher noch nicht.

Bei der Influencer Marketing Academy (#wtf! Warum sind wir eigentlich nicht auf die Idee gekommen, selbst so eine fancy Institution ins Leben zu rufen, um reichlich Kohle zu scheffeln!) ist man sich nicht zu blöde, den wirtschaftlichen "Erfolg" der jungen Frau entsprechend zu feiern:

"Wir gratulieren Raffaela Gohr zu ihren ersten 1.000 Followern auf Instagram! Raffaela wurde und wird von der Influencer Marketing Academy bei ihrem Einstieg ins Social Media Business gecoacht. Mit ihrem Blog und Insta-Channel @reduxglory bringt die Wahl-Potsdamerin neuen Glanz in alte Mauern, verbunden mit Fashion & Food. Die ersten Bilder waren bereits am 9.12. online, offiziell gestartet sind der WordPress Blog und das Instagram-Profil zur Jahreswende. Ein erster Vertrag für eine umfangreiche bezahlte Kooperation liegt bereits vor. Herzlichen Glückwunsch vom IMA Team, von Niko und Sascha."

Ähhh, die ersten 1.000 Follower??? Fehlen da ein paar Nullen oder soll das ein Witz sein?

Noch nicht mal Schall und Rauch

Wenn also die junge Frau über ihr Blog schon nicht wirklich "influencen" kann – bewerten wir doch mal kurz ihre Instagram-Reichweite: Zur Stunde sind es sogar 1.465 Instagram-Follower - bei 87 Beiträgen.

Nur mal so zum Vergleich: In FUNKTURM 2/2017 (Nr. 5) haben wir die wichtigsten Influencer aus Mitteldeutschland ermittelt – Reichweite war nicht die einzige, aber eine zentrale Größe bei der Bewertung der Personen.

Da brachte etwa eine Adrienne Koleszar, unsere Nr. 1, lockere 437.000 Instagram-Abonennten auf die Waage. Und das Fitness-Duo Calisthenic Movement aus Leipzig kam damals auf 70.000 Instagram-Follower (inzwischen deutlich mehr; die damals über 600.000 Youtube-Abonnenten seien hier nur am Rande erwähnt).

Jetzt betonen wir ja auch immer wieder, dass Zahlen im Netz Schall und Rauch sind, weil so leicht manipulierbar. Aber wie bezeichnet man etwas, das so dermaßen viel weniger als Schall und Rauch ist?

Gut, man kann ja jetzt argumentieren, die passen alle nicht so zu den Zielen der Schlösserland Sachsen GmbH und wären vermutlich auch viel zu teuer – aber ehrlich: Die Dimensionen reichen doch wohl aus, um klar zu machen, dass es sich bei der jungen Frau eher um eine Möchtegern-Influencerin handelt.

Es wird noch besser: Das steht sogar so im Netz. Ende Dezember berichtete bento über die junge "Influencerin" ("Wie Raffaela versucht, Influencerin zu werden"). In dem Bericht ist u.a. zu lesen, was die 56 Unterrichtsstunden in der IMA-"Ausbildung" zum Influencer kosten – 4.500 Euro. Und dass Rafaela eben davon träumt, "Influencerin" zu werden.

Dabei haben wir noch gar keine Bewertung der von ihr geposteten Inhalte vorgenommen, mit der sie ihre Leserschaft erreichen will. Da nur aus dem Bauch raus: Das wirkt ganz schön aufgesetzt und reichlich unauthentisch. Also so, wie es gerade nicht sein sollte.

Unauthentisch und irrelevant – ein Marketing-Gag

Ehrlich, Leute: Jeder, der sich nur ein wenig auskennt, weiß, dass sich die Leute mit großer Reichweite diese hart erarbeitet haben – gewöhnlich über Jahre mit viel Liebe und Herzblut. Die "Ausbildung" zur Influencerin ist also in etwa so sinnvoll wie die Ausbildung zum Rockstar. Oder zum Fussballprofi. Oder zum Mars-Astronauten.

Dass es inzwischen Leute gibt, die auf den ganzen Hype und Buzz-Word-Trend aufsatteln und für (viel?) Geld Kontakt in diese schwer greifbare Gruppe "Influencer" vermitteln, sollte sich eigentlich auch langsam mal rumgesprochen haben.

Unsere Bewertung: Bei der Geschichte handelt es sich um eine Luftnummer. Ein Marketing-Gag. Aber schön, dass es jetzt Berichterstattung gibt - das dürfte der eigentliche Effekt sein.

Nix für ungut, liebe Schlösserländer: Es ist sehr lobenswert, dass ihr experimentiert und neue Wege beschreitet. Und es ist ausdrücklich erlaubt, dass man bei sowas auch mal scheitert.

Die Aktion hier: Die ist noch nicht.

3 Kommentare
  • Sportmagazin PULSTREIBER
    März 1, 2018

    Kleine Korrektur: Calisthenic Movement ist bereits bei 977.635 Abonnenten, das sind ein wenig mehr als 600.000. Auch bei Instagram sind es 129.000 (statt 70.000). Ändert aber nichts an der Aussage des Artikels. Wenn man das so liest, hat man das Gefühl, im Marketing wird sich nur noch gegenseitig in die Tasche gelogen. Da kann man weder den Werbetreibenden, noch das Werbemedium ernst nehmen.

  • Sascha Schulz
    März 1, 2018

    Wirklich peinlich, Euer "Kommentar" (Bericht kann man das ehrlicherweise nicht nennen). Das passiert wohl, wenn man einfach so daher schreibt ohne zu recherchieren, ohne Zusammenhänge zu hinterfragen oder überhaupt erst einmal zu verstehen - schlichtweg ohne sich im Markt auszukennen. Oder wenn man "Klientel-Journalismus" betreibt...Eine Glanzleistung jedenfalls an "Nicht"-Professionalität.

    1. Adrienne Koleszar
    Die "wichtigste Influencerin in Mitteldeutschland..." kennen wir nicht persönlich, wir finden die Bilder und Texte sehr sympathisch - aber dennoch haben wir mal den Channel analysiert. Über Adrienne´s Insta Channel, der derzeit um 0,11% wächst, erreicht man mit ca. 507k Followern eine Engagement-Rate von 3% (=15.238) bei einem Media Value pro Post von 2.423 €. Von den ø 15.238 Interagierenden befinden sich 43% in DE (=6.591), 3% in AT, 2% in HU. (Quelle: InfluencerDB / heute)
    Ich denke, Ihr schafft es selbst nachzurechnen, wie viele Einwohner Mitteldeutschland und Sachsen hat. Dresden hat 536k - was bewegen da 6.591 in ganz DE?...Und auf dieser Grundlage könnt Ihr auch selbst bewerten, wann man "Influence" hat, und ob es überhaupt einzelne Personen unterhalb der Top 5% gibt, die über nennenswerten Influence rein auf Basis von Zahlen verfügen, die Ihr hier für Euer "Number Crunching" verwendet.

    2. Organisches Wachstum 2018
    Wie Ihr vielleicht irgendwo am Rande (so halb oder weniger halb) mitbekommen habt, ist es nach dem Algorithmus-Update von Facebook und Instagram seit Jahresanfang für sämtliche IG Channels schwierig, organisch Reichweite aufzubauen. Vor diesem Hintergrund sind fast 1.500 Follower innerhalb von etwas mehr als zwei Monaten bei einem aktuellen Wachstum von 50% bei Raffaela eine sehr gute Leistung. Ihr wisst das sicherlich sehr gut selbst: Adrienne ist seit Mitte Januar 2015, also drei Jahre länger im Markt. Und Ihr wollt ja bestimmt nicht behaupten, dass niemand Neues mehr starten soll oder darf, gell?!

    3. Like-Follower-Ratio
    Die Like-Follower-Ratio (zur Erklärung: das Verhältnis zwischen Followern, Likes und Kommentaren) liegt bei Raffaela bei 11%, bei Adrienne bei (immer noch guten) 3%.

    4. Micro Influencer
    Weltweit geht der Trend hin zur Buchung von Micro Influencern mit Reichweiten zwischen 1.000 und 40.000 Followern, da diese Gruppe am effizientesten performt (siehe Punkt 1). Hierzu bucht man Netzwerke derartiger Micros, und erzielt dieselbe Reichweite und höhere Glaubwürdigkeit als mit einem einzigen großen - bei einem Bruchteil der Kosten. Kann man auch googeln.

    5. Influencer Marketing Academy
    Auch hier scheint Ihr Lesehemmungen zu haben (nachfragen / anrufen / mailen wolltet oder konntet Ihr ja wahrscheinlich nicht): Wir helfen vor allem bestehenden Social Media Publishern bei der Vermarktung. Und Firmen bei der Beauftragung. Raffaela haben wir komplett begleitet und stehen auch voll dahinter, dass sie mit Mut und Elan durchstartet - um dann auf solche wie Euch zu treffen...Wenn Du Raffaelas Texte "aufgesetzt und unauthentisch" findest, kannst Du das natürlich. Ist halt ihr Stil. Da entscheidest Du ja glücklicherweise nicht wesentlich ;-)

    Viele Grüße aus Berlin.

  • owy
    März 2, 2018

    @Sascha Schulz Danke für den Kommentar - und schön, dass du Kommentierung und Berichterstattung auseinanderhalten kannst.

    "Weltweit geht der Trend hin zur Buchung von Micro Influencern mit Reichweiten zwischen 1.000 und 40.000 Followern, da diese Gruppe am effizientesten performt (siehe Punkt 1)."

    Wahlweise willst Du die Kritik meines Beitrages nicht verstehen oder Du hast Dich so in deiner Zahlenhuberei verrannt, dass du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr siehst.

    Das Mädel ist ein Möchtegern-Influencer. Nur, weil ihr dem Gefäß ein hübsches Ettikett verpasst ("ausgebildete Influencerin"), ist drinnen trotzdem weiterhin nur Luft. Noch nicht mal heiße.

    Jemanden als "Influencer" zu bezeichnen (ob jetzt Micro oder nicht), der über keine wirkliche Community verfügt, ist schon ganz schön dreist. Großen Respekt.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen