„Für diese Aufgaben haben Medien kein Exklusivrecht.“

Vergangene Woche kommentierte Andreas Szabó, Redaktionsleiter bei Radio Dresden, hier im FLURFUNK die Social-Media-Arbeit der Polizei Sachsen (FLURFUNK vom 18.6.2018: "Polizei im Social Web: 'Ist das die originäre Aufgabe einer Behörde?'").

In seinem Gastbeitrag lobte er zwar die Arbeit des Social-Media-Teams der sächsischen Polizei, regte gleichzeitig aber auch eine Diskussion über die Grenzen behördlicher Medienarbeit an.

Nun hat in die Polizei Sachsen reagiert. Pressesprecher Thomas Geithner hat unter Szabós FLURFUNK-Beitrag einen langen Kommentar hinterlassen (hier zuerst erschienen).

Damit er nicht untergeht, heben wir Geithners Beitrag hier noch einmal gesondert als eigenen FLURFUNK-Beitrag hervor. (owy)

Warum die (zu) gute Arbeit der @PolizeiSachsen keine Bedrohung etablierter Medien ist

Ein Gast-Kommentar von Thomas Geithner, Polizeisprecher der Polizeidirektion Dresden

"Wir wünschen uns eine aktuellere, kommunikativere, transparentere Polizei" war jahrelange die Standardforderung vor allem von Medienvertretern. Seit unserem Engagement im Social Web sind wir in diesem Punkt ein ganzes Stück weiter. Doch schon regt sich erster Widerstand. Andreas Szabó ist es bereits zu viel des Guten. Aber wie ist es denn nun mit den Geistern, die (auch) er rief…

Andreas Szabó hat seine Sorge an drei Punkten festgemacht:

1. Privilegierter Zugang zu Informationen

Ja, den haben wir – aber schon immer. Das liegt schlichtweg in der Natur der Sache. Wenn wir die Bombe entschärfen, wissen wir zwangsläufig auch zuerst wenn die Gefahr vorüber ist. Dies allen schnellstmöglich mitzuteilen, ist unsere Pflicht. Früher waren wir dabei auf die Medien als Boten der Nachricht angewiesen. Seitdem wir im Social Web aktiv sind, sind die Medien weiterhin wichtige Partner, schon um die Nachricht möglichst weit zu verbreiten. Die Expresslieferung können wir nun aber mit eigner Logistik stemmen. Und da alle Nutzer die Information gleichzeitig erhalten, ist auch eine Gleichbehandlung gewährleistet. In dem Fall nicht nur eine Gleichbehandlung der Medien, sondern aller Menschen. Daher die Frage zurück: Warum sollten die Menschen auf den (ansonsten) privilegierten Zugang der klassischen Medien zu Informationen angewiesen sein?

2. Kostenlose Fotos, Videos, O-Töne

Na klar wissen wir, dass sich mit Bewegtbild mehr Reichweite erzielen lässt. Und ja, wir setzen dieses Mittel auch verstärkt ein. Aber wir sind keine Konkurrenz für die Freiberufler. Vielmehr ergänzen wir das Angebot. Denn ein Freiberufler kann keine Hubschrauberbilder liefern, er darf auch nicht in den Sperrbereich. Er kann aber auch nicht mitfliegen oder in den Führungsstab, da wir auf Grund des Gleichbehandlungsgrundsatzes es allen Medienvertretern ermöglichen müssten. Das ist in einem laufenden Einsatz logistisch schlichtweg nicht möglich. Wir nehmen also niemanden etwas weg. Um den zweifellos bestehenden Informationsdurst dennoch zu stillen, stellen wir Material im Social Web zur Verfügung – und zwar gleichzeitig und kostenlos für alle Menschen. Was kann daran falsch sein?

Im Übrigen waren die Rückmeldungen der zahlreichen Medienvertreter vor Ort eindeutig. Es herrschte einhellig Dankbarkeit für das angebotene Material. Schon allein der Druck aus den eigenen Reaktionen innerhalb ein, zwei Stunden Neuigkeiten zu präsentieren, konnte man damit erfolgreich begegnen. Und unter uns Herr Szabo: Was macht denn Radio Dresden vor Ort? Sie greifen nicht auf das (kostenpflichtige) Material der Freiberufler zurück, sondern lassen O-Töne und Bilder durch eigene Mitarbeiter fertigen…

3. Wo endet der Katastrophenschutz und wann beginnt der Journalismus?

Andreas Szabo beschreibt die Aufgaben der Medien so: "Unsere Aufgabe als Journalisten ist es, Hintergründe zu beleuchten, Zusammenhänge zu erklären, zu hinterfragen, persönliche Geschichten, Eindrücke, kritische Fragen, einfach ein ausgewogenes Bild zu transportieren."

Die Aufgabenbeschreibung deckt sich mit meinen Erwartungen an den Journalistenberuf. Und doch gibt es ein Detail, was gern vergessen wird: Für diese Aufgaben haben Medien kein Exklusivrecht. Gerade in Zeiten, in denen Sicherheitsgefühl und tatsächliche Kriminalitätsbelastung sich völlig entgegengesetzt entwickeln, reicht der alleinige Ereignisbericht nicht mehr aus. Wir müssen (und wollen) Ereignisse erklären, einordnen und in einen Kontext setzen. Unsere Sicht der Dinge muss dann nicht übernommen werden, aber sie sollte bei der persönlichen Meinungsbildung berücksichtigt werden können – auch ungefragt.

Zuletzt noch einige Worte zu einer weiteren Befürchtung von Andreas Szabo. „Es ist sicherlich nicht im Interesse der Allgemeinheit, wenn die Polizei als wichtiger Akteur etwa bei politischen Demonstrationen die Informationshoheit innehat…“ Welche Informationshoheit hat denn die Polizei bei Demonstrationen? Bei Demonstrationen gibt es keinen Sperrbereich, jeder kann sich frei bewegen und seine Informationen einholen wo und wann er will.

Ohnehin sind wir an unsere Neutralitätspflicht gebunden. Gerade diese Neutralität machen polizeiliche Informationen für die Medien so wichtig, wie sie uns gegenüber immer argumentieren. Weil wir informieren, ohne Ereignisse zu instrumentalisieren und politisch zu verwerten. Wir beleuchten nur die reine Sicherheitslage, also unser Kerngeschäft, und vor allem erklären wir polizeiliche Maßnahmen. Damit wollen wir Missverständnissen vorbeugen, die schnell Emotionen hochkochen lassen und am Ende wieder an der Eskalationsschraube drehen. Öffentlichkeitsarbeit ist hier also nicht reiner Selbstzweck im Sinne von „Vermarktung“ der Polizei sondern vielmehr ein wichtiges taktisches Mittel zur Deeskalation. Die politische Deutungshoheit, um die es bei der Berichterstattung über Demonstrationen im Schwerpunkt geht, liegt hingegen bei vielen anderen Akteuren - nur nicht bei uns.

3 Kommentare
  • Blaulicht FM
    Juni 25, 2018

    Bravo. Er hat einfach recht. Was erwarten denn die Journalisten, dass es nach wie vor erst drei Tage nach dem Ereignis ein Fax von der Polizei gibt?

    Die Ergebnisberichterstattung wird immer weniger zum Kerngeschäft der Medien gehören. Um zu erfahren wie das Wetter wird, wie Dynamo gespielt hat... brauche ich Heute nicht mehr das Radio sondern mein Handy. Aber ich kann es natürlich weiterhin hören. Machen Sie ihr Programm doch so interessant ...dass es hörenswert bleibt, auch bei neuer "Gefächtslage".

  • Kai Schulz
    Juni 26, 2018

    Sowohl Andreas Szabo als auch Thomas Geithner liefern wichtige Beiträge für die aktuelle Debatte, wie weit staatliche Öffentlichkeitsarbeit gehen darf, kann und sogar muss. Ohne das Gesagte zu wiederholen, gibt es einige Aspekte, die es sich vielleicht lohnt in Zukunft in dieser Diskussion zu beachten.
    Eine Fliegerbombe ist im Vergleich mit anderen Einsätzen von Polizei, Feuerwehr und Katastrophenstäben ja ein noch überschaubares Ereignis. Nicht zuletzt die Hochwasserereignisse von 2002 und 2013 haben gezeigt, dass eine schnelle, direkte und unmittelbare Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern unerlässlich geworden ist. Die Informationslage der Behörden und die Informationswünsche der Betroffenen ist so vielfältig, dass kein journalistisches Format in der Lage sein wird alle notwendigen Fakten zu liefern. Letztendlich erwartet der Bürger sogar, dass er genauso schnell und umfassend informiert wird, wie die Medien. Aber hier gilt wie so oft: Tun wir es, kritisieren Medien die Pressestellen als „privilegierter Player“. Tun wir es nicht, kritisieren Medien uns wegen schlechter oder mangelnder Bürgerinformation. Fakt ist, dass wir z.B. im Presseamt doppelt so viele Kollegen in der direkten Bürgerkommunikation beschäftigen, wie in der klassischen Pressearbeit. Vor 15 Jahren war dieses Verhältnis noch ausgeglichen. Diese Entwicklung ist aber keine Idee der Behörden, sondern vielmehr eine Reaktion auf die sich verändernde Erwartungshaltung der Bürger selbst.
    Wir sind aber dennoch in Deutschland, insbesondere in Dresden, weit von einer Situation entfernt, wo staatliche Stellen den öffentlichen Diskurs bestimmen könnten – zum Glück. Die von Andreas Szabo angemahnte Nachdenklichkeit und insbesondere sein Beispiel mit der Informationshoheit bei Demonstrationen, zielt auf die alte orwellsche Angst vor dem allmächtigen und manipulierenden Staat. Doch betrachtet man die Sache einmal genauer, sollte unsere Nachdenklichkeit sich in eine ganz andere Richtung entwickeln. Den öffentlichen Diskurs bestimmen zunehmend weder die klassischen und journalistisch sauber arbeitenden Medien, noch die staatlichen Stellen. Es sind die Nutzer und Algorithmen von facebook, google und andere große Plattformen. Und anstatt zu überlegen, ob Pressestellen als Akteure bedrohlich sein könnten, sollten wir lieber darüber sprechen, wie wir unseren gemeinsamen „Feind“ entgegentreten: den Fake News.
    Gerade in der Katastrophe, gerade in einer wie auch immer gearteten Krise, ist nicht entscheidend wer zuerst eine Nachricht verbreitet. Viel wichtiger ist es, wie wir gemeinsam gegen Halbwahrheiten, Gerüchte und Falschmeldungen vorgehen können. Dies bedeutet keinesfalls, dass Journalisten uns als „Staat“ nicht auf die Finger schauen sollen. Es bedeutet aber sehr wohl, dass Medien und Pressestellen im Sinne ihrer eigenen Glaubwürdigkeit gegen die (politische) Instrumentalisierung von Ereignissen mit hoher Wahrnehmung auch gemeinsam vorgehen können. Positive Beispiele gibt es dafür zum Glück viele.
    Kai Schulz
    Pressesprecher der Stadt Dresden

  • Stephan Trutschler
    Juli 29, 2018

    Lieber Kai,
    Du hast mir auscder der Seele gesprochen. Wir sitzen ja auf beiden Seiten des Schreibtisches und unser Hauptproblem ist inzwischen tatsächlich sehr häufig die „Eindämmung“ und Richtigstellung von Fake News“, weil die eigentliche Nachricht nicht spektakulär genug erscheint.
    Beispielsweise die Geschichte mit dem verunglückten Bergmann vor zwei Wochen in Pöhla...! Die Faktenlage war klar, aber eine namhafte bundesweit erscheinende Zeitung wollte unbedingt wissen, dass der Betroffene „im Dorf als verhaltensauffällig“ bekannt sei. Absoluter Humbug und durch nichts belegbar, aber wir waren zwei Tage damit beschäftigt, das nachhaltig zu entkräften und damit nicht nur den verletzten Mitarbeiter/, sondern auch seine Familie und last but not least auch das Unternehmen zu schützen.

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