Sächsische.de: Ein Besuch im neuen Newsroom

Hier entsteht künftig Sächsische.de.

Citylights und Littfass-Säulen verkünden es bereits: Am 23.11.2018 schaltet die Sächsische Zeitung ihren neuen Online-Auftritt frei - SZ-Online heißt dann Sächsische.de.

FLURFUNK hat die Einladung von Chefredakteur Uwe Vetterick angenommen und den Newsroom - derzeit noch Baustelle - vorab besichtigt.

Langsamer Abschied von der gedruckten Zeitung

Hintergrund, warum überhaupt ein neuer Newsroom entsteht, ist der grundlegende Konzeptwechsel der Zeitung - der wiederum bedingt ist durch rückläufige Print-Auflagen und den Wandel der Nutzergewohnheiten (vgl. FLURFUNK vom 2.5.2018: "Neue Strategie: SZ-Online wird Premium-Angebot mit harter Paywall").

Damit haben alle Regionalzeitungen in Deutschland zu kämpfen - und es gab schon eine ganze Reihe von Versuchen und Bemühungen, die "Zeitung der Zukunft" zu erfinden.

Die Sächsische setzt jetzt auf Online First - mit dem langfristigen Ziel, online ausreichend Erlöse zu erzielen, die derzeit noch die verkauften Abos (Print und ePaper) einbringen. Langfristig könnte es dann "Online only" heißen.

Inspiration aus Skandinavien

Blick von der Newsbar in den noch nicht ganz fertigen Raum: Vorn rechts sitzt künftig die Fotoredaktion. Dahinter entsteht künftig die Zeitung. Insgesamt sind 16 Arbeitsplätze im Newsroom geplant.

Für das neue Redaktionskonzept, das auf eine Dreiteilung der Geschichten in News, Hintergrund und Kommentierung setzt, hat sich die Chefredaktion vor allem in Skandinavien Inspiration geholt. Es benötigt aber andere Arbeitsabläufe als bisher - deswegen ist im Erdgeschoss ein komplett neuer Newsroom eingerichtet worden.

In den Räumen war früher das Zeitungsarchiv. Durch die großen Scheiben zur Ostraallee hin soll Transparenz und Bürgernähe entstehen.

Zwar gab es vorher schon einen Newsroom im vierten Stock - dort stand allerdings die Produktion der Zeitung im Vordergrund, aus der die Online-Nachrichten gespeist wurde.

Künftig ist es genau andersherum: Mit dem neuen Online-Auftritt steht die Nachricht im Vordergrund, die für die verschiedenen Kanäle (Online, Voice für Sprachassistenten etc...) aufbereitet wird. Aus den Inhalten wird sich dann die gedruckte Zeitung zusammensetzen.

Newsroom im Coffeeshop-Style

Bewusst hat man bei der Gestaltung auf Coffeeshop-Atmosphäre gesetzt: An verschiedenen Stellen sind Mauersteine zu sehen ("Brickwall"), der Boden ist aus Industrie-Estrich, gemütliche Sitzbänke und -ecken mit Lederbezug ersetzen die klassischen Konferenzräume. Warmes Licht und von der Decke hängende Kabelbündel, wie man es von StartUp-Büros kennt, geben genug Flexibilität für weitere Umbauten und Anpassungen, falls sich die Raumbedarfe noch einmal ändern.

Auf dem großen Bildschirm werden alle regionalen Angebote zu sehen sein - und Statistiken, welcher Beitrag wie gut läuft.

An dem langen Newsdesk mit sieben Plätzen wird demnächst der Online-Auftritt editiert. Auf einer aus sechs Monitoren zusammengesetzten riesigen Bildschirmwand lassen sich die unterschiedlichsten Elemente groß und klein zoomen, verschieben und übereinanderlegen.

Die Technik dafür stammt aus den USA und dürfte in Deutschland in einer Zeitungsredaktion so noch nicht zum Einsatz gekommen sein.

An der "Bar" entsteht der gesamte zentrale Auftritt von sächsische.de - d.h. die regionalen Auftritte werden weiter an regionalen Newsdesks vor Ort gemanagt. Seit dieser Woche läuft ein entsprechender Testbetrieb in Löbau-Zittau - dort steht Online jetzt schon im Vordergrund (Absatz nachträglich korrigiert, owy).

Neues technisches System

Kern des Relaunches ist aber nicht der Newsroom allein, sondern vor allem auch der neue Auftritt mit neuem, dahinterliegenden CMS (steht für Content Management System). Dieses ist von den Kollegen von Tag24 aus dem eigenen Haus programmiert worden und erfährt gerade noch letzte Anpassungen.

Spannend: Auf der Nutzeroberfläche für den Redakteur ist parallel die Online- und die mobile Ansicht zu sehen - das ganze System soll intuitiv und möglichst leicht zu bedienen sein.

Performance von Beiträgen wird live beobachtet

Neu ist auch der Umgang mit Geschichten hinter und vor der Paywall: Direkt am Desk sitzt eine Conversion-Managerin, die live beobachtet, wie eine Geschichte "performed".

Sprich: Sie beobachtet, wie viele Kommentare, Interaktionen und auch Abos und Probeabos eine Geschichte generiert. Um die Performance zu befeuern, schaltet sie im Zweifel auch Social-Media-Kampagnen bei bestimmten Zielgruppen.

Online entscheidet derweil ein Algorithmus, welche Geschichte oben steht - der orientiert sich an den Reaktionen und das Feedback.

Daten spielen also eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, dem Leser ein attraktives Angebot zu machen - hier profitiert die Sächsische auch von den Erfahrungen des Produktes Lesewert, mit dem seit Jahren die Reichweiten und die Lesedauer einzelner Beiträge in der Zeitung gemessen werden.

Aufbruchstimmung in der Ostra-Allee

Die Spannung vor dem Start des neuen Angebotes ist im neuen Newsroom, der auch noch eine richtige Kaffeebar bekommt, anzumerken. Uwe Vetterick rechnet fest damit, dass das System am Anfang vielleicht noch etwas ruckelt - das gehöre halt dazu.

Er spricht aber auch von Aufbruchstimmung und Spirit, der durch den Umbau und den Wechsel des Systems entsteht. Ab dem 23.11.2018 werden es dann auch die Leser mitbekommen.

11 Kommentare
  • Spitze Feder
    November 21, 2018

    Da ist jemand wirklich mal - mit Risiko - konsequent. Kennt man sonst nicht so in diesem Geschäft.

  • Loschwitzer Göhre
    November 22, 2018

    Ich kann mir nicht helfen, aber anstatt endlich mal Zeitungen und Magazine mit Niveau und Nutzwert herauszugeben, geht jetzt der Fokus auf lieblosen-Pöpel-Journalismus, bei dem Algorithmen bestimmen, mit was man den Leuten die Zeit (bzw. das Geld) aus der Tasche zieht. Auch wen diese Verlagsgruppe (leider) die Medienlandschaft vor Ort dominiert, ist sie doch ein Sumpf, in dem sie selbst ertrinken wird.

  • Testleser
    November 22, 2018

    Also da geht man auf sächsische.de und erstmal bekommt man über 20 Cookies (ungefragt, vielleicht mal DSGVO googeln), ein Impressum gibt es auch nicht. Aber dafür zu jedem Artikel unbedingt ein Bild, ob sinnvoll oder nicht (so läuft es ja schon länger bei tag24.de und da nervt es auch). Auf jeden Fall ist die Startseite dann schon mal fast 3 MB groß, fehlen nur noch paar automatische Videos, Hauptsache es ist schön unübersichtlich und verwirrend. Schließlich ist es bei Facebook ja auch so, da kann es ja nicht verkehrt sein ... naja, insgesamt scheint das neue Konzept recht oberflächlich zu sein, wirklich seriöser Journalismus sieht da definitiv anders aus, stimme ich "Loschwitzer Göre" unbedingt zu.
    Gerade nochmal paar Minuten rumgesurft, Übersicht hat man da wirklich nicht. Hauptsache es sieht alles schön "bunt und modern" aus. Vielleicht hätte man sich mal die Frage stellen sollen, ob man Boulevardjournalismus anbieten möchte oder inhaltlich tiefgehende regionale Berichterstattung. Für Letzteres würde ich gern auch Geld bezahlen, für das Andere sicher nicht.

  • R. Seidel
    November 23, 2018

    Das wars mal wieder. Von einer relativen seriösen Zeitung ins Bild(er)-Milieu abgerutscht. Kein strukturierter Aufbau, Rubriken, Sportteil, Kurznachrichten, eben alles, was eine TAGESZEITUNG so ausmacht. Nur austauschbare Beiträge ohne Datum und Uhrzeit, keine Kommentare zu Beiträgen. Insbesondere das Fehlen der Lesermeinungen bzw. der Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen zeigt, dass jetzt nur noch Nachrichten produziert werden ohne das jemand darauf reagieren kann. Meinungen, Vorschläge und Kritik werden nicht nur unterdrückt sondern einfach ausgeblendet. Es ist nicht einmal möglich, sich zu dem neuen Auftritt zu äußern. Sorry, da kann ich mir auch die Startseiten x-beliebiger Portale ansehen. Ich glaube nicht, das dafür viele die knapp 10 € aufbringen wird. Gut, wenns nicht gewollt ist, dann ohne mich.

  • Peter
    November 23, 2018

    Ergänzend und zustimmend zu den oben genannten: Entweder hat man den Launch überhastet vorziehen müssen, oder mir fehlen jegliche Argumente für die folgenden überhaupt nicht akzeptablen Punkte:
    - Hauptdomain mit Umlauten, möchte man allen Ernstes als xn-schsische-v2a.de zitiert und verlinkt werden?!?
    - Online First mit Paywall - sollte man da nicht das Abomodell mit konkreten Preisen auch mal vorstellen, und zwar bevor man sich als potentieller Kunde registrieren muss?
    - keinerlei Zeitstempel für Artikel?!?
    - sämtliche alte URL werden nicht korrekt weitergeleitet sondern landen als 404?

  • PULSTREIBER
    November 23, 2018

    Interessant auch das Menü:

    Startseite
    Meine Region
    Dynamo
    ....

    Aha, Sachsen hat nur einen Sportverein und der muss natürlich sogar ein eigener Menüpunkt werden. Das Konzept muss mir mal einer erklären.

  • Testleser
    November 23, 2018

    Mit der Umlautdomain war mir auch gleich aufgefallen, die nicht codierte Domain xn--schsische-v2a.de sieht wirklich unmöglich aus und da werden auch etliche User nicht wissen, was es damit auf sich hat (wirkt vorsichtig gesagt dann nicht sonderlich seriös). Aber sicher hat das Marketing gemeint, da muss unbedingt sächsiche.de in der Adresszeile stehen und nicht - wie bei ganz vielen ähnlichen Adresse üblich - saechsische.de (und daran sind die Leute absolut gewöhnt, siehe köln.de, münchen.de etc.). Übrigens gibt es auch Browser, die (optional) solche codierte Domains (IDN) nur nicht codiert anzeigen, dann steht da eben immer xn--schsische-v2a.de in der Adresszeile :)
    Wenigstens gibt es zwischenzeitlich auch ein Impressum, auch wenn der Fußbereich zunehmend unaufgeräumter wirkt. Auch wirken die verschiedenen SZ-Portale überhaupt nicht mehr aus einem Guss, die Gemeinsamkeit "SZ" hat man ja jetzt mit dem Relaunch auch plattgemacht, da hilft auch der "SZ-Punkt" im Logo nicht mehr weiter.
    https://web.archive.org/web/20020127025311/http://www.sz-online.de:80/ fand ich persönlich angenehmer zu lesen und die Website wirkte auch deutlich seriöser. Aber vielleicht muss man ja heute überall große Bilder und weniger Text haben, damit es die Masse der Leser anspricht. Ob die dafür auch Geld bezahlen wollen, wage ich zu bezweifeln ...

  • Matthias
    November 23, 2018

    Zumindest der letzte Punkt von Peter ist so nicht seitens "Sächsische.de" beabsichtigt, wie wir bereits gestern Nacht via Facebook-Chat erfuhren. Es wird daran gearbeitet, dass alle alten irgendwo geposteten Links auf die sz-online.de/... Domain wieder angezeigt werden, mit einer internen Umleitung auf sächsische.de. Bei einem schnellen test aus einer unserer facebook-Seiten heruas fanden sich tatsächlich schon Texte, wo es funktionierte - bei anderen hingegen hatten wir auch noch 404. Das düfte sich aber mit der Zeit geben,

  • Jens Tusche
    November 27, 2018

    Über diese "Neuerung" war auch ich ganz schön erschrocken. Keine Übersicht mehr, riesengroße Kacheln und Bilder gleich auf der Startseite. Außerdem fehlen mir die oftmals weiterführenden und auch unterhaltsamen Kommentare der Leser.

    Ich kann die Entscheidung nachvollziehen, dass man sich der neuen Zeit stellen muss und die Entwicklung weg von Print zu Onlinemedium geht. Bin auch gerne bereit, dafür zu bezahlen, aber überlege mir dann genau, bei wem. "sächsische.de" wirds da aber schwer haben.

  • O.M.
    November 28, 2018

    (...) Wenn denn sächsische.de - wie es gegenwärtig subjektiv augenscheint - als Online-Produkt genau so gewollt ist, wäre es Schade. Dresdner Morgenpost Online – just a little more serious? No more? (...)

    Sächsische.de - ein Mausrutscher?

    -> http://meyview.com/saechsische-de-ein-mausrutscher/

    [MeyView.com, 27. November 2018]

  • Jule
    Dezember 3, 2018

    Oh Gott, das ist ja wohl der peinlichste Relaunch, den man sich vorstellen kann.

    War das ein Azubi-Projekt? Hier passt doch gar nicht zusammen. So eine Nullnummer kann doch einer großen Verlagsgruppe nicht passieren. Musste das schnell gehen oder warum hat niemand sich das Ganze mal angeschaut und hinterfragt? Markenführung desaströs, Usability bescheiden, Inhalte 0815, URL mit Umlaut, Boulevardstil...

    Würg & Schüttel. Wer dafür Geld ausgibt...

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