Interview: Wie „Zukunft Sachsen“ eine AfD-Regierung verhindern will

Seit ein paar Tagen ist die Webseite www.zukunftsachsen.org online. Dahinter steckt eine Kampagne, die dafür wirbt, zur Landtagswahl in Sachsen am 1. September taktisch zu wählen. Man solle sein Kreuz nicht bei der FDP oder der Linken machen, sondern bei CDU, SPD oder den Grünen, um eine Kenia-Koalition zu ermöglichen und gleichzeitig eine Regierungsbeteiligung der AfD zu verhindern.

FLURFUNK hat sich mit Sascha Kodytek unterhalten. Der 23-jährige Jura-Student aus Leipzig ist Sprecher der Kampagne und hat sie gemeinsam mit Freunden und Bekannten geplant.

Sascha Kodytek, Sprecher der Kampagne "Zukunft Sachsen"

FLURFUNK: Sie rufen mit Ihrer Kampagne "Zukunft Sachsen" dazu auf, taktisch zu wählen und so die AfD im Landtag zu verhindern. Warum haben Sie die Kampagne gestartet?

Sascha Kodytek: Als junge Menschen wollen wir hier in Sachsen eine Zukunft haben und glauben, dass das unter einer AfD-Regierung nicht möglich ist. Deswegen wollen wir gemeinsam einen Beitrag leisten, um die Beteiligung der AfD an der Regierung zu verhindern.

FLURFUNK: Wer sind die Köpfe hinter Ihrer Aktion?

Sascha Kodytek: Wir sind ein Kernteam von etwa sieben Leuten. Darüber hinaus gibt es noch ein erweitertes Team von circa zehn Köpfen: Fotograf*innen, die uns in der Öffentlichkeitsarbeit helfen, Übersetzer*innen, Informatiker*innen oder Menschen, die sich mit Zahlen auskennen und die Umfragen für uns auswerten. Durch diese Zusammensetzung konnten wir eine fundierte Kampagne aufsetzen.

"Eine solche Kampagne zu fahren, ohne beleidigt zu werden, ist nicht möglich"

FLURFUNK: Wer sind Ihre Mitstreiter*innen? Auf der Website stehen ja nur Sie…

Sascha Kodytek: Viele Leute aus dem Team wollten eigentlich nicht namentlich genannt werden. Mit einer solchen politischen Meinung aufzutreten ist ein sehr heikles Thema. Besonders im Netz werden solche Diskussionen sehr schnell beleidigend und persönlich. Es ist eigentlich gar nicht möglich, eine solche Kampagne zu fahren, ohne beleidigt zu werden.

Wir haben das aber noch einmal diskutiert und wollen bald nachlegen und mehr Menschen aus unserem Team auf der Website präsentieren. Damit wollen wir zeigen, dass hinter der Kampagne keine millionenschwere Stiftung steckt, sondern junge Menschen, die sagen, dass sie nicht von der AfD regiert werden wollen und sich auflehnen.

FLURFUNK: Wie haben Sie sich gefunden? Was sind Sie für eine Gruppe?

Sascha Kodytek: Wir sind ein Freundeskreis aus Dresden und Leipzig. Unser Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 20, ich selbst bin 23 Jahre alt. Auch kommen wir aus unterschiedlichen Bereichen des Lebens, gut die Hälfte im Kernteam studiert, die andere Hälfte ist in Ausbildung. Wir sind bunt gemischt.

FLURFUNK: Wie lange planen Sie Ihre Kampagne schon?

Sascha Kodytek: Wir sind Nägel-mit-Köpfe-Typen, lange Vorlauf hatten wir nicht. Am 17. März haben wir die Domain zukunftsachsen.org gekauft, nach der Europawahl ging sie online.

Logo der Kampagne

"Zukunft Sachsen ist eine Notbremse, nicht mehr und nicht weniger"

FLURFUNK: Halten Sie den Aufruf zum Taktischen Wählen für den richtigen Weg? Sollten Menschen nicht aus Überzeugung eine Partei wählen anstatt aus Taktik?

Sascha Kodytek: Wir wissen, dass taktisches Wählen eine hochgradig heikle Angelegenheit ist. Aber es kann eben auch sehr effektiv sein.

Unsere Kampagne war von vornherein nicht festgesetzt. Wir haben uns gesagt: Wenn bei der Europawahl die AfD so stark bleibt wie in den Umfragen, dann müssen wir was machen. Wenn die AfD bei den Kommunal- und Europawahlen geschwächt worden wäre, hätten wir die Kampagne nicht machen müssen. Aber das Gegenteil war der Fall.

Zukunft Sachsen ist eine Notbremse, nicht mehr und nicht weniger. Wir wollen weder die Verhältnisse verändern, noch inhaltlich arbeiten. Das sehen wir als Aufgabe der Parteien und wir sind von allen Parteien unabhängig. Wir haben uns gefragt, was wir aus der Zivilgesellschaft heraus tun können und kamen zum Schluss, dass der Aufruf zu einer taktischen Wahl, dem informierten Setzen des Kreuzes, die einzige Möglichkeit ist.

Uns war auch klar: Wenn wir das machen, muss das ein unparteiisches Ding sein. Ich hoffe sogar, dass sich alle Parteien davon distanzieren und sagen, dass das keine gute Idee ist. Auch die Parteien, zu deren Wahl wir aufrufen. Taktisches Wählen sollte nie von Parteien angestrebt werden. Sie sollten immer durch Inhalte überzeugen und nicht dadurch, dass man sonst eine andere Partei bekommt.

"Für einen neuen Weg braucht es neue Ideen"

FLURFUNK: Haben Sie und Ihr Team Erfahrung mit Campaigning?

Sascha Kodytek: Nicht wirklich. Früher habe ich mich mal ein bisschen mit Social-Media-Kampagnen beschäftigt. Außerdem bin seit 10 Jahren politisch aktiv, weiß also ein bisschen, wie das politische Haifischbecken funktioniert.

Aber wir haben keine wirklich alten Politik-Hasen bei uns, was ich aber auch ganz gut finde. Schließlich gehen wir einen völlig neuen Weg, um die AfD zu verhindern. Dazu braucht es auch neue Leute und neue Ideen.

FLURFUNK: Wie machen Sie Ihr Anliegen bekannter?

Sascha Kodytek: Da haben wir ganz verschiedene Ideen, momentan sind wir aber noch in der absoluten Anfangsphase. Nun warten wir auf Rückmeldungen. Wie wird unser Anliegen verstanden? Wird es überhaupt verstanden, schließlich ist taktisches Wählen eine komplexe Angelegenheit.

Zunächst wollen wir gar nicht so stark in die Offensive gehen, sondern die Sache erstmal auf ein sicheres Fundament stellen. Der richtige Wahlkampf geht erst vier Wochen vor der Wahl los, vorher haben es die Leute noch gar nicht wirklich auf dem Schirm. Dann wollen wir richtig zünden. Bisher haben wir auch noch keine Prominenten nach ihrer Unterstützung gefragt, noch keine großen inhaltlichen Videos verwirklicht, das soll alles noch kommen.

FLURFUNK: Also sind für die nächste Zeit keine Aktionen geplant?

Sascha Kodytek: Doch, am kommenden Montag planen wir eine Aktion in Görlitz. Wir kooperieren mit dem Filmproduzenten Michael Simon de Normier. Er hat den Film "Der Vorleser" produziert, der zu großen Teilen in Görlitz gedreht wurde. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern aus dem Cast, zum Beispiel Schauspieler Burkhard Klausner, dem Autor der Romanvorlage Bernhard Schlink und Regisseur und Oscar-Preisträger Stephen Daldry wollen wir am kommenden Montag (10.6.19) einen offenen Brief veröffentlichen.

Zum 16. Juni soll in Görlitz ein neuer Oberbürgermeister gewählt werden. Es könnte den ersten OB aus den Reihen der AfD geben. Mit einem offenen Brief der Künstler*innen stellen wir uns dagegen und rufen zu Frieden und Toleranz und gegen Hass und Feindseligkeit auf. Wir wollen eine positive Botschaft vermitteln.

Der Initiator des Briefes kam auf uns zu, da wir für die gemeinsame Sache kämpfen. Seine Idee war, das Anliegen in ganz Sachsen bekannt zu machen. Unsere erste Aktion wollten wir eigentlich erst später starten, aber die Stichwahl in Görlitz findet eben jetzt statt.

"Wir dürfen auf keinen Fall populistisch sein"

FLURFUNK: Glauben Sie, dass Ihre Kampagne Erfolg hat?

Sascha Kodytek: Das hängt total davon ab, ob wir in der Lage sind, sachlich und ohne Häme darüber zu informieren, wie taktisches Wählen bei dieser Landtagswahl funktioniert. Wenn wir wirklich bei den Fakten bleiben und nicht politisieren, gelingt es uns vielleicht, Linke- und FDP-Wähler*innen zum Umdenken zu bringen. Wenn wir polemisch werden oder nicht bei den Fakten bleiben, dann können wir keinen Erfolg haben. Wir dürfen auf keinen Fall populistisch sein.

Im Endeffekt denken wir mathematisch und schauen auf die Zahlen. Laut aktueller Umfragen steht Kenia kurz vor einer Mehrheit. Wir müssen nicht viele Prozente, sondern nur zwei bis drei Prozent aus den Lagern der Nichtwähler*innen, Linken oder FDPler*innen gewinnen.

Sachsen hat nicht so viele Einwohner. Unterm Strich müssten sich 90.000 bis 100.000 Wähler*innen dazu entscheiden, taktisch zu wählen. Selbst wenn sich nur ein Prozent dazu entscheiden würde, hätten wir viel erreicht. Schließlich haben wir keine großen Gelder oder eine Stiftung im Rücken.

"Wir wollen der CDU nichts unterstellen. Es ist nur sehr schwierig an einer 25 bis 30% starken Partei vorbeizuregieren"

FLURFUNK: Auf Ihrer Website warnen Sie vor einer CDU-AfD-Koalition. Die CDU hat jedoch mehrfach eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen. Glauben Sie, die Partei blufft nur?

Sascha Kodytek: Nein, ich glaube nicht, dass sie blufft. Ich glaube aber, wenn die CDU in eine Situation kommt, in der sie mit niemandem eine Regierung bilden kann, kommt sie unter Druck. Stimmt, sowohl CDU-Generalsekretär Alexander Dierks als auch Ministerpräsident Michael Kretschmer haben nein zu einer AfD-Koalition gesagt.

Aber nach der Wahl wird eine völlig andere Situation sein. Wir wissen nicht, was passiert, wenn die AfD stärkste Kraft wird. Wir wissen nicht, wie die CDU nach der Wahl reagiert, wie CDU-Hinterbänkler reagieren. Wir wollen nichts riskieren, deswegen wollen wir eine sichere Mehrheit.

Außerdem haben wir bei unserer Kampagne in alle Ecken gedacht. Selbst wenn die CDU keine Koalition mit der AfD eingehen würde und Kenia keine Mehrheit hätte, was würde passieren? Es gäbe eine Minderheitsregierung. Für jedes neue Gesetz braucht es immer neue Mehrheiten. Die CDU käme gar nicht drumherum, als sich diese Mehrheiten auch bei der AfD zu suchen. Es gäbe also erste Kooperationen zwischen CDU und AfD und nach fünf Jahren spätestens wäre die AfD eine salonfähige Partei. Diesen zweiten Schritt wollen wir von Anfang an kategorisch ausschließen. Deswegen braucht es eine stabile Mehrheit abseits der AfD.

Wir machen der CDU weder Vorwürfe noch wollen wir ihr etwas unterstellen. Es ist nur sehr, sehr schwierig bis unmöglich an einer 25 bis 30% starken Partei vorbeizuregieren. Gerade wenn es mit der Links-Partei noch eine weitere vergleichsweise starke Partei im Landtag gibt, mit der eine Koalition ebenfalls ausgeschlossen wurde.

FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview!

Interview: Ben Kutz

10 Kommentare
  • Klein
    Juni 7, 2019

    Danke für die Initiative! Viel Erfolg Euch allen!

  • don
    Juni 8, 2019

    Gängelung des Wählers! Wir wissen schon selbst, für wen wir unser Kreuz machen. Ich werde nicht aus Taktik eine Partei wählen, die mir nicht zusagt. Das hat nichts mit Demokratie zu tun und es ist ein Armutszeugnis, CDU, SPD und Grüne wie Blockparteien in einem Atemzug zu nennen. DDR 2.0 lässt grüßen! Wünsche keinen Erfolg.

  • Borin
    Juni 9, 2019

    „Außerdem wisse man, wenn man die Geschichte der Partei kenne, auch, wofür die SPD steht. Gemeinsam mit Sascha Kodytek will Weiselowski die Genossinnen und Genossen kampagnenfähig machen. In Leipzig, wo die beiden herkommen, hat das schon gut geklappt. Im Sommer haben sie eine Mitgliederkonferenz veranstaltet. Neben der SPD-Geschichte standen der richtige Umgang mit sozialen Netzwerken und Gesprächsführung am Infostand auf dem Programm.“ https://www.vorwaerts.de/artikel/mehr-2500-menschen-diskutieren-beim-debattencamp-spd-morgen

  • owy
    Juni 9, 2019

    Ein Hinweis in eigener Sache: Wir veröffentlichen keine Kommentare, die unbewiesene Tatsachenbehauptungen verbreiten. (owy)

  • Jahn
    Juni 9, 2019

    Ich hoffe wirklich sehr das die AFD einzug gewinnt. Ich bin bei leibe kein AFD Fan aber hier wird versucht die Demokratie zu umgehen. Sowas finde ich nicht gut.

  • Gaby GH
    Juni 9, 2019

    Eine wirklich hervorragende Idee zu zeigen, dass man parteiunabhängig denken und handeln kann, wenn es darum geht die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen und sich gegen ihre Feinde zu wehren. Ich hoffe und wünsche viel Erfolg. Keine AfD in Regierungen, Bildungsinstitutionen, etc.
    Wenn es nicht anders geht, dann halt durch taktisches Wählen ein Bollwerk gegen die AfD bilden.

  • peter
    Juni 10, 2019

    und wie lang will man dann 25-30% der afd wählenden von der poltischen gestaltung ausschließen .?

    das wird alles nicht klappen udnd ie gräben nur noch vertiefen . ohne komprissfähikeit ist alles nichts. und kompromisslos sind vor allen grüne .

    aber das haben cdu und spd zunehmend auch erkannt, wie die debatte am freitag im bundestag gezeigt hat.

    ich finde als spd´ler die grünen den poltischen hauptgegner, jedenfalls bundesweit.
    (beide rafd findet man viele ehemalige spd wähler- das muß uns zu denken geben)

  • Fidel
    Juni 13, 2019

    Sehr schwache journalistische Leistung.... aber dafür umso meinungstärker.

    Man ist geneigt zu glauben, dass sich da die #Klimajugend verabredet hat, um einen Ableger zu gründen.

    Sascha Kodytek ist offenbar aktives SPD-Mitglied und engagiert sich für den Radverkehr, den Klimaschutz, den Hambacher Forst (*) und hat bei #pulseofeurope moderiert.

    Jetzt hat er halt mal ne website aufgesetzt und befüllt und spricht für all diejenigen, die lieber anonym gegen einen politischen Mitbewerber agitieren wollen.

    Politisches Engagement in allen Ehren...

    Aber "unter falscher Flagge" bzw. ohne eine Flagge zu segeln, wird so mancherorts als #Piraterie begriffen ;-)

    (*) Die Abbau-Genehmigung und somit Abholzung des #Hambi hat seinerzeit eine rot-grün-geführte NRW-Landesregierung bzw. die damals rot-grüne Mehrheit im Landtag von NRW zu verantworten

  • Denkender Bürger
    Juni 13, 2019

    Mit Verlaub:
    Wovon träumen die eigentlich nachts?

    Mal davon abgesehen, daß eine solche Wählerbeeinflussung unter rechtlichen Gesichtspunken äußerst bedenklich ist.
    Der Herr Jura-Student sollte dazu vielleicht mal seinen Staatsrechts-Dozenten Prof. Christoph Degenhardt befragen - der kennt sich mit sowas aus.

  • Carla Schütte
    Juni 16, 2019

    ...IHR GLAUBT ...aber Ihr wisst eben nicht !

    ...wie viel Spaltung braucht Ihr noch ? Ihr seid Studenten, bei denen man davon ausgeht, dass sie intelligent sind...mir wird Angst und Bange, wenn Ihr die Zukunft seid...vielleicht solltet Ihr erst einmal lernen, was Demokratie ist und Euch dann engagieren...man kann Sachsen nur wünschen, dass die AfD das Rennen macht und dann mal zeigt, was alles möglich ist, wenn man FÜR die Wähler arbeitet...

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