„Einem reicht’s jetzt“ – zum „Mopo“-Bericht über das FB-Profil des Ministerpräsidenten

Ausriss des "Mopo"-Berichts vom 9.4.2015

Ausriss des "Mopo"-Berichts vom 9.4.2015

Die "Morgenpost Sachsen" meldet heute (9.4.2015), Ministerpräsident Stanislaw Tillich habe sein Facebook-Profil "vorübergehend still gelegt". In einem großen Bericht in der Zeitung (s. Foto) und online bei Mopo24.de heißt es:

"Beschimpft, bedroht, beleidigt: Politiker werden in Sachsen immer mehr zur Zielscheibe. Auch Ministerpräsident Tillich (55, CDU). Er hat seine Facebook-Seite vorübergehend still gelegt."

Im Text selbst werden zunächst die (realen) Drohungen gegenüber Burkhard Jung, Leipziger Oberbürgermeister, und Klaus-Peter Hanke, OB in Pirna, erwähnt. Diverse Medien berichteten darüber ausführlich Ende März, beide sind in der Folge jeweils unter Polizeischutz gestellt worden.

Von den realen Bedrohungen per Post, E-Mail und Facebook-Kommentaren schlägt der Mopo"-Text die Brücke zum Facebook-Profil des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich, bei dem seit dem 31.1.(!) keine Inhalte mehr eingepflegt worden sind.

Im Text ist folgende Erklärung zu finden, warum das Profil derzeit nicht gepflegt wird:

"'Vorrübergehend', betont Regierungssprecher Christian Hoose (62). 'Hintergrund sind Pöbeleien und persönliche Angriffe.' Wann die Seite wieder aktualisiert wird, ist noch unklar."

Die ganze Geschichte trägt den Titel: "Beschimpft, bedroht, beleidigt: Tillich legt Facebook still!", die Dachzeile lautet: "Seit PEGIDA werden unsere Politiker immer heftiger im Netz bepöbelt. Einem reicht's jetzt".

Ähmm... da bleibt einem glatt die Spucke weg. Über so viel Fantasie in der "Mopo"-Redaktion!

Ob den Beteiligten nicht klar ist, dass der einfachste Weg, ein FB-Profil aus der Schusslinie zu nehmen (wenn es denn diese Schüsse geben würde!), dass Profil einfach abzuschalten? "Löschen" heißt die Funktion, werte "Mopo"-Kollegen! Wobei es gar nicht mal so radikal sein muss: Es ist sogar möglich, die Veröffentlichung einer Fanpage vorrübergehend zurückzunehmen. Da mal nachzubohren, warum die Seite dann nicht gelöscht oder abgeschaltet wurde, hätte die tolle Schlagzeile zerschossen, oder?

Inzwischen meldet auch dpa: "Pöbeleien im Netz: Tillich legt seine Facebook-Seite still". Erster Satz der Agentur-Meldung: "Sächsische Politiker sehen sich zunehmend Anfeindungen in sozialen Medien ausgesetzt."

"Zunehmend" – au weia... Ob die Agenturkollegen mal den zeitlichen Verlauf nachvollzogen haben, den die "Mopo" da konstruiert hat?

Die Drohungen gegen Jung und Hanke sind keine drei Wochen alt. Das Profil des Ministerpräsdenten ist seit Ende Januar nicht mehr gepflegt. Die zeitliche Abfolge zu suggerieren, wie es durch Dachzeile und Text der "Mopo" geschieht und jetzt von der dpa nachgezeichnet wird, ist schlicht falsch. Eine Räuberpistole, wie man so schön sagt.

Was den recherchierenden Kollegen sicherlich geholfen hätte: Die älteren Beiträge auf dem Facebook-Profil des Ministerpräsidenten einmal durchzuschauen, was da so an "Drohungen" oder Beleidigungen aufzufinden ist. Oder nachzufragen, wie diese ausgesehen haben (sollen). Daraus erklärt sich sicher nicht, warum die Seite nicht mehr gepflegt wurde...

Man hätte auch nachfragen können, wie es sich eigentlich mit der anderen Facebook-Seite verhält, die die Staatskanzlei pflegt: Sachsen.de. Dort wird permanent zu den Pegida-Themen gepostet, die angeblich die Ursache für die Nicht-mehr-Pflege des MP-Profils sein sollen - die Seite ist aber noch nicht abgeschaltet! Nanu!?

Die Auflösung der "Nicht-Pflege" ist aus unserer Sicht an ganz anderer Stelle zu suchen:

Im Januar gab es in der Staatskanzlei eine Reihe von Personalwechseln, u.a. hat der MP einen neuen Büroleiter bekommen. Die Facebook-affine stellvertretende Regierungssprecherin ist auch weg, die neue gehört zur "falschen" Partei (vgl. Flurfunk Dresden vom 15.12.2014), der Regierungssprecher selbst steht dem Medium nicht so wirklich nahe (was der O-Ton verrät)...

Eine reine Mutmaßung: Der neue Büroleiter hat offenbar deutlich weniger Spaß daran, mit seinem Handy Shake-Hand-Fotos für das Profil des MP zu schießen (oder er stellt – zurecht – das strategische Ziel dahinter in Frage). Vielleicht gehört es auch schlicht nicht zu seinem Aufgabenprofil...oder er mag es nicht alleine machen.

Unsere Interpretation also: Es mangelt schlicht an Ressourcen, die Seite ist "liegengeblieben".

Ja, es gab vereinzelt Pöbeleien im Dezember, davon ist uns erzählt worden – wir haben damals lapidar angemerkt, das müsse man einfach aushalten und im Zweifel um kontroverse Themen unauffällig einen Bogen machen – dass man diesem Ratschlag so konsequent folgt, war aus unserer Sicht nicht geplant ;-)

Was wir aber gerade viel schlimmer finden: Der Regierungssprecher erwähnt, es hätte Beleidigungen und Beschimpfungen gegeben. Was veranlasst die "Mopo" dann, das Bild zu suggerieren, es hätte gegenüber dem Ministerpräsidenten "Drohungen" gegeben!? Damit ihr dann in Eurem Kommentar auf Seite 2 über die Stimmung im Land schreiben könnt: "Das Klima ist vergiftet"!?

Ähm, wer vergiftet?

3 Kommentare
  • Klaus D. Mueller
    April 10, 2015

    Erstaunlich, dass ein Ministerpräsident bei diesem Kinderkram mitmacht.
    Als aufgeklärter, erwachsener Mensch meidet man solch Datenkrake. Von Anfang an.
    (Kopfschüttel)

  • Marcus
    April 13, 2015

    Wär ich Politiker, besonders im Osten, NIE NIE NIE würd ich etwas mit Facedreck zu tun haben wollen. NIE. Da posten wirklich nur noch lichtscheues Gesindel, Pegidioten...und Aluhüte.
    Ach war das schön, als die Anfänge des Netzes noch Spass gemacht haben, also mit den sogenannten sozialen Netzwerken.
    Hoffe der Zeitpunkt kommt, an dem dort (Facebook, teils Twitter) mal richtig feucht durchgewischt wird und Strafverfolgung knallhart stattfindet.

  • Holperbald
    April 18, 2015

    Im Moment ist es einfach für Politiker schick, sich als "bedroht" und vor allem "beleidigt" darzustellen. Unabhängig davon, dass sie gepanzerte Limosinen und Personenschützer des BKA um sich haben, ist man auf den Trichter gekommen, dass man damit sich als "Opfer von Neonazis" stilisieren kann, und damit den Rechtsextremismus auf eine Stufe heben kann, auf der er gar nicht steht. Der Umgang mit dem Thema "Rechtsextremismus" ist ja seit jeher ambivalent: Lächerlichmachung ("ein paar Hanseln im Regen") einerseits, andererseits Dämonisierung ("Bedrohlich,"), ("fest in der Gesellschaft verankert").

    "Ja, was denn nun", möchte man sich fragen. Auch wäre ein Ministerpräsident, der sich von ein paar (tatsächlichen oder erfundenen) Drohungen einschüchtern lässt, vor einigen Jahren noch als "Memme" und "nicht für die Öffentlichkeit geeignete Führungsperson" dargestellt worden.

    Insofern - was bleibt?

    Wer öffentlich Meinungen vertritt, wie ein Politiker, muss damit leben können, dass er auch Gegenwind erntet. Auch, dass hier mancher sich in persönlichen Beleidigungen ergeht (was natürlich keine Billigung ist, aber so ist es nunmal).

    Dagegen kann man, wie mein Vorgänger schon schreibt, Strafanzeige stellen.

    Tillich geht den politischen - und damit unehrlichen Weg.

    Er nutzt die Situation (wie gesagt, so sie denn so stattgefunden hat) zur Konstruktion eines "Bedrohungsszenarios der allmächtigen, übermächtigen Nazikrake".

    "Wir, die Guten - Ich als Politiker bin einer von euch" gegen "die schlechten - sind alle die, die Pegida unterstützen, die AFD wählen, Vorbehalte gegen die Flüchtlingspolitik haben" - eben diejenigen, die "böse" sind.

    Das ganze ist so schlecht geschauspielert, dass es nur noch peinlich ist.

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