Journalisten bedrängen Angehörige der Instanbul-Opfer

"Dies hat nichts mehr mit seriösen und ethischen Journalismus zu tun": Der Verein Krisenintervention und Notfallseelsorge Dresden (KIT Dresden) übt auf seiner Internet-Seite harsche Kritik am Umgang von Medienvertretern mit Angehörigen der Opfer des Terroranschlags in Istanbul.

In einem langen Eintrag, der auch bei Facebook veröffentlicht wurde, beschreibt der Vereinsvorsitzende Tom Gehre, die Angehörigen seien von Medienvertretern telefonisch und mit Klingeln an der Tür regelrecht bedrängt worden. Es seien Grenzen überschritten worden, wie er und seine Kollegin es noch nie erlebt hätten, so Gehre.

Besonders heftig: Ein oder mehrere Medienvertreter hätten den Fast-Zusammenbruch eines Angehörigen an der Wohnungstür ausgenutzt, um in die Wohnung zu gelangen.

Wörtlich schreibt er:

"Ich bin mir im Klaren darüber, dass auch Vertreter von der Presse ihren Beruf ausüben müssen, dass sie ihr Geld dadurch verdienen aber wird hier nicht eine Grenze überschritten wenn man Anfragt und ein Nein seitens der Angehörigen nicht akzeptiert? Wenn trotz eines Neins versucht wird die Angehörigen zu Fragen und auf ein Interview gedrängt wird? Wenn trotz eines Neins einfach in die Wohnung gegangen wird, nachdem ein Angehöriger fast zusammenbricht, weil an der Haustür auf ihn eingeredet wurde?"

Und weiter:

"Der Sinn ist für mich persönlich nicht erkennbar. Erkennbar ist für mich ganz deutlich, wie sehr die Angehörigen leiden, wie sie versuchen die Tage zu überstehen und irgendwie das Unfassbare zu realisieren. Sie wollen selbst entscheiden wie sie mit ihrer Hilflosigkeit und Trauer umgehen, und plötzlich wird ihr einziger privater Rückzugsort, ihre Wohnung durch ständige Anrufe, Klingeln oder Fragen an der Tür öffentlich. "

Sein Text beginnt mit dem Hinweis, dass sich die Mitarbeiter des KIT Dresden e.V. gewöhnlich nicht zu den eigenen Einsätzen äußern. Das Statement sei jedoch mit den Angehörigen abstimmt worden.

Konkrete Medien benennt Gehre nicht, die beschriebenen Methoden aber sind im Boulevard-Journalismus durchaus gängig - in der Branche spricht man von "Witwenschütteln". Seriöse Medien lehnen solche Arbeitsweisen ab, wie es auch im Pressekodex empfohlen ist.

Dort heißt es unter Ziffer 11 Sensationsberichterstattung:

"Richtlinie 11.3 – Unglücksfälle und Katastrophen
Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden."

Bereits am Donnerstag war im Bildblog ein Beitrag zu dem Umgang der Medien mit den Angehörigen erschienen. Dort wurde konkret die "Bild"-Zeitung kritisiert, die eine Opfer-Witwe auf dem Titel zeigte und mit dem Satz zitierte: "Ich erkannte meinen toten Mann im TV" (vgl. Bildblog vom 14.1.2016: "Die Opfer der 'Bild'-Zeitung").

Auch Mopo24.de zeigte Fotos und berichtete über die privaten Hintergründe der drei sächsischen Opfer.

Die Medienkritik des KIT Dresden e.V. trägt den Titel: "Gedanken zum Umgang durch die Presse mit den Dresdner Angehörigen des Terroranschlages in Istanbul".

2 Kommentare
  • Halbblut
    Januar 18, 2016

    Die Leipziger Volkszeitung ist dabei keinen Deut besser: einen Tag nach dem Anschlag findet sich auf der Titelseite ein mit "Quelle: privat/Facebook" gekennzeichnetes, unverpixeltes und großformatiges Urlaubsfoto der getöteten Leipzigerin. Unfassbar, sowas.

  • Franke
    Januar 22, 2016

    Die Grenze des Respekts vor dem Leid der Opfer ist mehr als nur möglich überschritten worden. Das hat alles aber nichts mit einer rücksichtsvollen Berichterstattung zu tun. Dieser Journalismus muss verboten werden und diese Journalisten abgemahnt werden.
    Diese waren nur auf mega Sensationslust aus. Wissen sie von dem unsagbarem Leid?

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