Chemnitz und die Rolle „der Medien“

Hetzjagden? Pogrom? Die Ausschreitungen in Chemnitz vom vorherigen Wochenende sorgten bundesweit für Schlagzeilen. Seit dem tödlichen Messerangriff auf den 35-jährigen Daniel H. herrscht Ausnahmezustand in der Stadt - Sonntags marschierten eine größere Gruppe Hooligans durch Chemnitz, am darauffolgenden Montag demonstrierten 6.000 Menschen, darunter ebenfalls gewaltbereite Neonazis und Hooligans.

Szenen von Übergriffen auf Ausländer gingen durch die Medien. Von "Hetzjagden" war vielfach die Rede; aus Berlin kam auch noch die Einschätzung, es habe sich um ein Pogrom gehandelt.

Die Redaktion der Freien Presse hat bereits am am Donnerstag (30.8.2018) einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie erklärt, warum sie den Begriff "Hetzjagd" in ihrer Berichterstattung nicht verwendet.

"Der Begriff 'Jagdszene' wäre gerechtfertigt"

Chefredakteur Torsten Kleditzsch schreibt:

"Die Ereignisse in Chemnitz werden deutschlandweit und darüber hinaus mit dem Label Hetzjagd versehen. Wir, die Redaktion der Freien Presse, haben uns bewusst entschieden, für das Geschehen am Sonntag von Anfang an den Begriff Hetzjagd nicht zu verwenden, weil er aus unserer Sicht nicht zutrifft."

Und weiter:

"Es gab aus der Demonstration heraus Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten. So wurde Menschen über kurze Distanz nachgestellt. Insofern wäre der Begriff 'Jagdszene' noch gerechtfertigt. Eine 'Hetzjagd', in dem Sinne, dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben, haben wir aber nicht beobachtet. Wir kennen auch kein Video, das solch eine Szene dokumentiert."

Der Beitrag aus der Freien Presse vom 30.08.2018 ist hier zu finden: "Chemnitz: Darum sprechen wir nicht von Hetzjagd".

Prüfstein für den Journalismus

Kleditzsch Differenzierung fand auch an anderer Stelle medialen Wiederhall. Michael Hanfeld (FAZ) griff die Argumentation auf und schrieb am 31.8.:

"Für den Journalismus ist das Geschehen in Chemnitz ein Prüfstein. Es gilt nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen – auch für die Medien. Alles andere spielt nur den Propagandisten in die Hände."

Der FAZ-Beitrag vom 31.8.2018 trägt den Titel: "Chemnitz und die Medien: Es bedarf keiner Dramatisierung".

Verharmlosung oder Diffamierung?

Die feine Differenzierung der Sprache hat gute Gründe: Scheinbar (?) ist vielen Demonstrationsteilnehmern und Sympathisanten nicht bewusst, mit wem sie da marschiert sind. Oder sie betrachten es als wenig problematisch, mit Leuten zu "trauern", die sich selbst als Nazis sehen und extremistische Einstellungen haben.

Eine sehr kurzsichtige, wenn nicht einfältige Betrachtung, keine Frage. Und man kann natürlich darüber streiten, ob Medien auf diese Naivität wirklich Rücksicht nehmen sollten - oder ob es nicht richtiger ist, Nazis (und deren Mitläufer) in aller Deutlichkeit auch als Nazis zu bezeichnen.

Andererseits, das wurde uns am Rande des Sachsengesprächs des Ministerpräsidenten am Donnerstag in Chemnitz deutlich: Medien sind für viele Menschen zum Feindbild geworden - beizeiten wirkt es so, als sei die Wut auf die Medien größer als auf die Politiker.

Viele Bürger brachten zum Ausdruck, dass sie nicht verstehen können, als Nazi abgestempelt zu werden - wo sie sich im Grunde nicht sehen.

Fakenews und Feindbild Medien

Es sind aber nicht nur einzelne Medien, die durch sprachliche Vereinfachungen und vermeintliche Wahrheiten zur Polarisierung und damit möglicherweise zur weiteren Eskalation beitragen.

Im Gegenteil, die Demokratiefeinde drehen ordentlich daran, die Wirklichkeit zu verzerren und zu verdrehen.

Aktuell sind eine ganze Reihe von Falschinformationen im Umfeld, die teilweise erschreckend platt und manchmal nicht völlig auszuräumen sind, weil es an Fakten fehlt. Zwei besonders platte Beispiele hatten wir hier im Blog thematisiert (hier und hier).

Noch mehr Beispiele finden sich beim faktenfinder von tagesschau.de.

All diese Fakes haben ihre Wirkung - sie dienen dem Ziel, Wut und Verunsicherung weiter anzufachen und so die Gesellschaft zu destabilisieren. So wird die sprachliche Abgrenzung von Freie-Presse-Chefredakteur Torsten Kleditzsch ebenfalls von den Rechten instrumentalisiert - und dabei ordentlich verdreht.

Sprich: Kleditzsch Aussagen werden genutzt um zu behaupten, sämtliche Übergriffe seien "frei erfunden".

So schreibt das "Nachrichtenangebot"Lügenpresse-Angebot Wochenblick.at:

"Zahlreiche deutsche, österreichische und internationale Medien hatten berichtetet, es habe nach der brutalen Ermordung eines Deutschen in Chemnitz regelrechte 'Hetzjagden' in der Innenstadt gegeben! Jetzt verdichten sich immer mehr Hinweise, dass diese Geschichten frei erfunden sind. Der Chefredakteur der Chemnitzer Regionalzeitung 'Freie Presse' Torsten Kleditztsch packte nun in einem Interview mit dem 'Deutschlandradio Kultur' mutig aus!"

Kleditzsch selbst hatte aber geschrieben, es habe durchaus Jagdszenen gegeben (s.o.)!

Titel des Wochenblick.at-Artikels: "Chemnitz-Insider packt aus: Rechte 'Hetzjagden' waren erfunden".

Die Methode ist perfide, aber einfach durchschaubar: Wo man sonst nur von Lügenpresse spricht, pickt man sich das eine Teilelement heraus, dass in die eigene Argumentation passt. Die Wahrheit als Maßstab? Spielt bei wochenblick.at keine Rolle, solange es den eigenen politischen Zielen nutzt.

Aber andere als Lügner und Lügenpresse bezeichnen... Das geht auf Dauer nach hinten los.

6 Kommentare
  • FrankD
    September 2, 2018

    Demnach verbreitet auch die Generalstaatsanwaltschaft FakeNews.
    Oder habe ich was falsch verstanden?
    https://www.publicomag.com/2018/09/sachsens-generalstaatsanwaltschaft-widerspricht-merkel/

  • owy
    September 3, 2018

    Ja, sie haben da was falsch verstanden.

  • T. Fischer
    September 5, 2018

    Vielleicht gab es ja "eine ganze Reihe von Falschinformationen im Umfeld" irgendwelcher Blogs, aber das ist ja Pillepalle im Vergleich zu zu Falschinformationen von Regierungsseite oder von den reichweitenstarken Medien. Wenn also in Zukunft Politiker und Journalisten versuchen Fakten "politisch einzuordnen", dann kann sich jeder denken, dass dies nur ein Synonym für politisch korrekte Fake News ist.

  • R. Berger
    September 6, 2018

    Nein, Herr Kleditzsch hat nicht geschrieben, es habe "durchaus Jagdszenen gegeben". Er hat geschrieben, dass es Angriffe gab und "man" von Jagdszenen sprechen "könne". Das ist a) eine sehr subjektive Einschätzung und b) keinerlei Beweis dafür, dass es tatsächlich Jagdszenen gegeben hat. Das ist der erste Fehler.

    Der zweite Fehler ist, dem Wochenblick vorzuwerfen, er habe sich aus Kleditzschs Aussagen nur die passenden herausgepickt. Der Artikel im Wochenblick vom 29.08. bezieht sich ausdrücklich auf ein DLF-Interview vom 28.08. (das ja auch verlinkt ist), während die hier zitierten Aussagen von Kleditzsch aus einem Artikel vom 30.08. stammen. Sie verlangen also offenbar, dass der Wochenblick Aussagen einbezieht, die erst einen Tag später gemacht wurden.

    Im Übrigen hat der Wochenblick auch nicht behauptet, dass sämtliche(!) Übergriffe frei erfunden waren. Er bezieht sich auf Hetzjagden und spricht von "diesen" Geschichten. "Diese" bezieht sich eindeutig auf Hetzjagden. Davon abgesehen zitiert der Wocheblick Kleditzsch sogar und in eben diesem Zitat werden die Angriffe sehr wohl erwähnt. Er zitiert (und verlinkt) aber auch die Polizeimeldung und in der ist von Attacken auf Migranten oder gar von Hetzjagden nicht die Rede.

  • Erwin Steinhauer
    September 6, 2018

    Ich habe den Beitrag bei "Wochenblick.at" gerade gelesen. Er kommt inhaltlich exakt zum gleichen Ergebnis wie Sie. Von vereinzelten Übergriffen ist die rede und davon, dass Hetzjagden frei erfunden wurden. So ganz glaubwürdig ist ihre Argumentation im Schluss-Absatz daher nicht. Man muss Wochenblick.at nicht mögen. Aber der vorliegende Artikel ist faktisch korrekt und keineswegs perfide.

  • Johannes Pöhlandt
    September 12, 2018

    Der Wochenblick-Artikel ist nicht faktisch korrekt. Mal abgesehen von vielen eindeutig wertenden und tendenziösen Formulierungen, ist von einem "brutalen Mord" die Rede. Mord setzt Vorsatz voraus. Die Hintergründe der Tat am Stadtfest-Wochenende sind aber noch unklar, da die Ermittlungsbehörden sich bislang recht bedeckt halten. Seriöse Medien sprechen daher nicht von Mord, sondern von einem Tötungsdelikt.

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