Warum politische Kommunikation heute ein Drahtseilakt ist und wie wir ihn bewältigen.
Ein Beitrag von Prof. Dr. Lutz Hagen und Peter Stawowy
Ein Beschluss im Gemeinderat ist gefasst, die Pressemitteilung verschickt, alles sachlich erklärt. Und dann? In den sozialen Netzwerken eskaliert die Stimmung: Wut, Vorwürfe, tiefes Misstrauen. Oder es passiert das Gegenteil: völlige Funkstille. Kein Interesse, keine Reaktion. Beides erleben wir täglich – von der großen Bundespolitik bis hin zur Entscheidung über den neuen Radweg vor der eigenen Haustür.
Das zeigt: Politische Kommunikation ist heute ein anstrengender Drahtseilakt. In der Aufmerksamkeitsökonomie des Internets ist sie zugleich wichtiger und schwieriger denn je.
Empörung frisst Sachlichkeit
Menschen suchen schon seit jeher nicht bloß nackte Fakten, sie wollen Emotionen und Bestätigung. Soziale Netzwerke bedienen diese Bedürfnisse, klassische Medien spielen zunehmend mit. Wir reagieren nicht zuerst auf Daten, sondern immer stärker auf Gefühle wie Angst und Ärger.
Früher gab es klare und professionell begründete Filter. Journalistische Medien haben eingeordnet, sortiert und erklärt. Heute entscheiden oft Algorithmen auf Plattformen, was wir zu sehen bekommen. Dabei folgen sie einer gnadenlosen Regel: Was aufregt, gewinnt. Nicht die fundierteste Erklärung setzt sich durch, sondern die lauteste.
Niedergang des Journalismus, Aufstieg der Eigenmedien
Gleichzeitig verschwinden genau die Medien, die früher Orientierung gegeben und verschiedene Lager verbunden haben – besonders im ländlichen Raum. Wo Redaktionen schrumpfen, fehlt der Kontext, geht Gemeinschaft verloren.
An die Stelle journalistischer Medien treten vielfach Eigenmedien von politischen Akteuren, die Einzel- oder Klientelinteressen in den Vordergrund stellen. Die Folge: Vieles wird politisch aufgeladen – und damit überladen. Selbst reine Verwaltungsakte stehen plötzlich unter Generalverdacht und werden bewertet, als befänden wir uns im Dauerwahlkampf.
Dabei zersplittert die Öffentlichkeit. Geschlossene Foren, in denen sich nur gleichgesinnte austauschen, andere eventuelle gar keinen Zugang haben, spielen eine immer wichtigere Rolle.
Lautstark oder unsichtbar?
Wer heute gehört werden will, muss einerseits die neuen Kanäle nutzen und möglichst zuspitzen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wer dabei das Vertrauen des Publikums behalten will, muss zugleich sachlich bleiben. Das geht nur schwer zusammen. Wer zuspitzt, wird zwar gehört, wirkt aber schnell unglaubwürdig. Wer nur sachlich erklärt, geht im digitalen Rauschen unter.
Es wird also nicht zu wenig informiert. Informationen wirken heute anders. Diese Gefühle lassen sich aber nicht einfach „wegargumentieren“. Wer das ignoriert, verliert den Anschluss.
Die Lage wird durch Künstliche Intelligenz noch weiter verschärft. Inhalte werden künftig noch schneller und zugespitzter produziert. Wir erleben mehr Stimmen und mehr Meinung, aber eben nicht automatisch mehr Orientierung. Es wird zunehmend unklarer, aus welchen Interessen und Quellen Inhalte entspringen. Das betrifft uns alle: Wer heute Informationen konsumiert, muss mehr prüfen und mehr aushalten. Das ist anstrengend und gelingt nicht immer.
Was wir jetzt brauchen: Vertrauen
Mehr Pressemitteilungen oder ein höheres Tempo sind nicht die Lösung. Was fehlt, ist echte Orientierung. Wir brauchen klare Antworten und das Gefühl: Da ist jemand echt und sagt ehrlich, was Sache ist – auch wenn es mal unbequem ist. Denn eines ist klar: Wer wie bisher nur informiert, wird überhört. Wer nur laut ist, wird nicht ernst genommen.
Aber auch die Bürgerinnen und Bürger sind gefordert: Verwaltungshandeln zu hinterfragen, zeugt von mündigem Bürgertum. Lautstark im Konzert der Dauererregten mitzusingen, eher weniger. Wir alle dürfen nicht vergessen: Auf beiden Seiten sitzen Menschen, die im Zweifel nur ihr Bestes geben.
Auch wenn die Zukunftsaussichten hinsichtlich einer gemeinsamen und konstruktiven Öffentlichkeit gerade eher düster scheinen: Gerade deshalb haben wir die Aufgabe, wieder Wege zur Verständigung zu finden.
Denn was am Ende zählt: Vertrauen und Verständigung. Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu vermitteln, so dass sie die Bürgerinnen und Bürger erreichen, ist die große Herausforderung der neuen politischen Kommunikation. Nur durch glaubwürdiges Agieren kann neues Vertrauen entstehen. Es ist Zeit, dass das in den Kommunikationsabteilungen ankommt.
Einladung zum Austausch
Wie sieht Kommunikation aus, die wieder verbindet statt zu spalten? Wie sind die Perspektiven für die neue politische Öffentlichkeit, welche Rolle spielen Narrative, wie umgehen mit einem Shitstorm? Welche harten wissenschaftlichen Befunde helfen in der Praxis?
Um diese Fragen geht es beim DIU FachForum Politik & Medien am 27. April 2026 in Dresden. Gemeinsam mit Experten aus Praxis und Wissenschaft suchen wir nach Wegen für eine glaubwürdige Kommunikation in digitalen Zeiten.

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