Vorsicht! Ausrasten kann süchtig machen!

Das Internet sollte ursprünglich mal ein schöner Ort werden: mit viel Wissen, bunten Bildern und weltweiter Vernetzung. Doch das Projekt scheint gescheitert. Längst ist das Netz ein Ort, in dem die menschlichen Abgründe bodenlos ausgelebt werden. Es wird Zeit, dass wir die Rettung angehen.

Die schöne und blühende Pionierzeit ist längst vorbei. In der Realität des digitalen Kapitalismus gilt im Internet eine andere, bittere Logik: Verweildauer ist zur Währung geworden. Und nichts bindet die menschliche Aufmerksamkeit mehr als negative Gefühle. Ganz oben auf der Liste: Empörung.

Das Geschäft mit der Empörung

Die großen Plattformen haben ihre Algorithmen darin perfektioniert, uns so lange wie möglich vor dem Monitor zu halten. Dafür nutzen die Tech-Konzerne das Wissen über die menschliche Psyche.

Dieser Text ist zuerst auf UNGLAUBLICH.de erschienen –passend zu unserer UNGLAUBLICH-Podcast-Folge #32, hier bei Spotify oder bei bei YouTube.

Denn das Bedürfnis, gemeinsam zu schimpfen, existiert so lange wie die Menschheit. Früher trafen sich die Menschen am Lagerfeuer, am Stammtisch oder im Verein, um auf „die da oben“, „die Reichen“, „die von anderswo“ oder vielleicht auch nur das Wetter zu schimpfen. Das gemeinsame Genörgel und Gemecker war verbindend: Es stiftete Zusammengehörigkeit und entlastete das eigene, kleine Gemüt – zumindest kurzfristig. Nicht, dass das missverstanden wird: Nörgeln und schimpfen sind zutiefst menschliche Eigenarten. Auch Fußballfans im Stadion schreien sich gern den Frust der Arbeitswoche aus dem Leib, wenn der Schiedsrichter Mist baut oder das eigene Team scheitert – und das ist auch gut so.

Wut kann so ungeheuer verbindend sein. Sie gibt das beruhigende Gefühl, nicht allein zu sein.

Die Epidemie des Hasses und der Abwertung

Dummerweise hat sich die Stammtischkultur ins Digitale verlagert – verbunden mit einer Eskalationsdynamik, die uns als Gesellschaft durchaus gefährlich werden könnte. Das Gute daran: Das Netz funktioniert wie ein gigantischer Katalysator für aufgestaute Emotionen. Das Schlechte daran: Das Netz funktioniert wie ein gigantischer Katalysator für aufgestaute Emotionen.

Viele Menschen haben schlicht nie gelernt, schwierige Gefühle im Privaten auszuhalten oder zu verarbeiten. Ohnmacht, das Gefühl der eigenen Kleinheit, Eifersucht, Neid oder auch ein diffuses Enttäuschungsgefühl finden in einer leistungsorientierten Gesellschaft und im täglichen Miteinander faktisch keinen Raum. Sie sind unerwünscht, wenn sie öffentlich zu sehr gelebt und gefühlt werden.

Auch Gefühlsregungen wie Enttäuschung sind gesellschaftlich nahezu aberkannt; wer sie zeigt, gilt als schwach. Doch emotionale Spannungen lösen sich nicht einfach auf. Sie suchen sich ein Ventil. Und das wissen sich findige Geschäftsleute zunutze zu machen.

Durch Verstärkung dieser Emotionen werden die Menschen im Netz gebunden und schenken ihre Aufmerksamkeit und damit den Inhalte-Anbietern Werbeeinnahmen.

Gleichzeitig werden die negativen Emotionen aber häufig nicht sublimiert, abgebaut oder transformiert, sondern verdichtet. Mit einer folgenschweren Reaktion: Hass und Wut breiten sich aus wie eine Epidemie.

Negative Gefühle sind bares Geld wert

Eine ganze Reihe von Empörungs-Unternehmern lebt mittlerweile davon, die unbearbeiteten menschlichen Emotionen weiter anzufachen und monetär auszubeuten. Die Themengebiete sind dabei breit gefächert, die Methoden immer ähnlich: ständig wird die Wut und die Empörung am Köcheln gehalten. Klare Feindbilder, permanente Krisenrhetorik, die maßlose Zuspitzung und Übertreibung werden gekoppelt mit der Behauptung, eine ungewollte Gegenöffentlichkeit zu sein und die Wahrheit aufzudecken.

Innerhalb dieser Empörungsökonomie lassen sich vier verschiedene Akteurstypen beobachten, die das Spiel auf ihre Weise beherrschen:

  • Die Weltuntergangs-Propheten: Sie wittern hinter jeder Kurskorrektur und jeder politischen Entscheidung den unmittelbar bevorstehenden Systemkollaps. Mit ständiger Alarmbereitschaft halten sie ihre Anhängerschaft in Atem und bieten die Rettung direkt mit an: Bestseller-Bücher, exklusive Börsenbriefe oder den Kauf von Edelmetallen. Angst ist hier die direkteste Brücke zum Geldbeutel.
  • Die Provokations-Profis: Ihr „Geschäftsmodell“ ist der kalkulierte Tabubruch. Sie greifen gesellschaftliche Reizthemen auf, bedienen platte Vorurteile und warten auf den vorhersehbaren Aufschrei. Der Shitstorm ist für sie kostenlose Werbefläche, um ihre Hass-Botschaften in die Welt zu tragen. Gegenrede erhöht die Reichweite, jeder Kommentar stärkt ihren Status als mutige Vorkämpfer gegen eine angebliche Sprachdiktatur.
  • Die Berufs-Misstrauischen: Sie haben sich darauf spezialisiert, aus jedem offiziellen Narrativ eine Verschwörung zu deuten. Ob Geopolitik, Gesundheit oder Medien: Sie liefern ihren Followern das Gefühl, zu einer eingeweihten Elite zu gehören, die „die Wahrheit“ kennt. Die daraus resultierende Empörung über die angeblich gelenkten Massen („Schlafschafe!“) bindet die Community an den jeweiligen Kanal.
  • Die Dauerwarner: Sie treten oft mit wissenschaftlichem oder journalistischem Habitus auf und warnen unermüdlich. Vor dem schleichenden Niedergang der Moral, der kollabierenden Wirtschaft oder der erodierenden Kultur. Ihre Rhetorik bedient ein tiefes Verlangen nach Orientierung in einer komplexen Welt, indem sie einfache Schuldige für komplexe Probleme präsentieren.

Die Kundschaft der Krawall-Unternehmer fällt auf die Inszenierungen herein, weil deren Angebote emotionale Schmerzpunkte berühren. Sie bedienen die Wut und die Angst und legen immer noch einen drauf.

Die menschliche Psyche springt genau darauf an: Aus der Forschung weiß man, dass unser Gehirn es liebt, bestätigt zu werden. Confirmation Bias ist der Fachbegriff. Die Algorithmen der sozialen Netzwerke bedienen sich dieser menschlichen Schwäche, ziehen immer weiter in die aufgestellte Falle (neudeutsch Rabbit Hole genannt) und fachen das Frust-Feuer damit noch richtig an.

Was hilft: Immer wieder hinterfragen

Was wäre ein gesunder Umgang mit dieser ungesunden Dynamik? Am Anfang ist immer das Wissen. Das Wissen um die Schwäche der menschlichen Psyche. Die Erkenntnis, dass Empörung gewollt und forciert wird, um die Aufmerksamkeit zu binden.

Das wäre immerhin ein Anfang. Der nächste Schritt wird schon schwieriger, denn er liegt in ehrlicher Selbstreflexion: Jeder einzelne von uns darf verstehen, wie diese Emotionen in ihm selbst entstehen. Wie viel Selbstauskunft und -erkenntnis in Wutausbrüchen und Hasskommentaren liegt. Wie wenig sachdienlich es ist, der eigenen Wut ständig freien Lauf zu lassen. Und wie ungesund das ist!

Denn: Kein Algorithmus und auch kein Netz-Provokateur pflanzen uns Wut aus dem Nichts einfach so ein. Aber die Erregungsunterehmer und die Algorithmen können und wollen sie finden, verstärken und immer wieder anfüttern.

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Tatsächlich ist das Gefühl der Wut schon lange da – in jedem von uns. Es stammt meist aus früheren persönlichen Erfahrungen von Ohnmacht, Kränkung oder Kontrollverlust, die schlicht nicht verarbeitet wurden. Wenn wir auf einen Beitrag im Netz mit kochendem Zorn reagieren, zeigt das primär unseren eigenen inneren Unfrieden.

Die öffentlich zur Schau gestellte Empörung ist dann meist nur der Versuch, sich an einem Ersatzobjekt abzureagieren, statt den eigenen Frust an der Wurzel zu packen. Passiert das im Fußballstadion, am Stammtisch oder Verein, bleibt es im gewissen Sinne im geschlossenen Raum. Erfolgt das aber im Netz, steckt es an und breitet sich aus wie ein wucherndes Geschwür.

Alle auf die Couch!

Empörung und Wut sind aber nicht immer grundsätzlich falsch und Ruhe keineswegs erste Bürgerpflicht. Ohne Empörung wären viele gesellschaftliche Missstände sicherlich unsichtbar geblieben – sie gehört also zur gelebten Demokratie dazu. Entscheidend ist, ob die Empörung in Erkenntnisse und Handlungen übergeht. Oder ob sie sich in endlosen Reaktionen selbst genügt.

Wir Menschen bauen Quantencomputer und fliegen zum Mond, aber beim Umgang mit den eigenen Gefühlen verharren wir auf dem Niveau von Neandertalern. So gesehen wäre es nur konsequent, die gesamte digitale Gesellschaft immer mal auf die Therapiebank zu schicken. Um zu prüfen, ob die Empörung einen berechtigten Hintergrund hat oder nur der eigenen Selbstvergewisserung dient.

Das wäre auch deshalb wichtig, weil die Dauererregung, in der sich mancher Netzbewohner suhlt, regelrecht süchtig machen kann. Dazu ist sie mit der Zeit überaus ungesund und geht an die körperliche Substanz. Mal ganz abgesehen davon, was das mit den Menschen macht, die diese Wut abbekommen – ob im Netz oder sogar im richtigen Leben.

Was also ist der Ausweg aus der Empörungsspirale? Es geht darum, das Verlangen nach der schnellen emotionalen Entladung zu erkennen und kurz innezuhalten.

Wer erkennt, wie viel die vorhandene Ohnmacht oder Enttäuschung über ihn selbst aussagt, kann sich ihr stellen. Statt des wütenden Hass-Kommentars wäre ein kurzes Innehalten und Reflektieren angezeigt: Warum regt mich das so auf? Was passiert, wenn ich nicht kommentiere?

Richtig: in den allermeisten Fällen nichts. Außer, dass es der Empörungsindustrie die Grundlage entziehen könnte. Denn ohne ein Publikum, das sich bereitwillig auf die Barrikaden bringen lässt, bricht das gesamte Geschäftsmodell der Wutmakler in sich zusammen. Peter Stawowy

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