Junges Angebot „Funk“: Dasselbe in öffentlich-rechtlich

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Es ist Online. Mit Funk startete Anfang Oktober nun auch offiziell das oft angekündigte, fast sagenumwobene "junge Angebot" von ARD und ZDF. Aber was ist das nun eigentlich genau? Ein Angehöriger der Zielgruppe schaut sich das mal genauer an.

Jung und hipp soll es sein, es will die Jugendlichen dort abholen, wo sie sind: im Internet. Die Gruppe der 14- bis 29-jährigen, die jahrelang vernachlässigt wurden, sollen nun eine eigene öffentlich-rechtliche Heimat bekommen. Kein verstaubtes, lineares Fernsehprogramm, stattdessen mehr oder weniger kurze Clips auf YouTube, Facebook oder Snapchat. Um vor lauter zelebrierter Dezentralität die Übersicht behalten zu können, gibt’s außerdem eine App und natürlich die Website funk.net, auf der vor wenigen Tagen noch angekündigt wurde, dass das Internet nun bald vorbei sei.

Das ist so nun nicht eingetreten. Stattdessen wurde ein Portal geschaffen, wo alle Fäden irgendwie zusammenlaufen. Es gibt eine Übersicht über alle Formate und außerdem können hier aktuell vier eingekaufte Serien gestreamt werden.

Screenshot von funk.net - Übersicht über einige der bisher 39 Formate

Screenshot von funk.net - Übersicht über einige der bisher 40 Formate

 

Verschenkte Riesenchance oder großer Glücksfall?

Dass das junge Angebot ausschließlich im Internet stattfindet, war ursprünglich eine politische Entscheidung. Die Ministerpräsidenten genehmigten keinen TV-Sender. Die Fernsehmacher waren davon nicht sonderlich begeistert. Die Politik habe eine "Riesenchance verschenkt!", twitterte beispielsweise damals SWR-Chefredakteur Fritz Frey.

Viele Medienjournalisten sehen das jedoch anders. Für Übermedien könnte dieser Umstand "eine große Chance für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk" sein, DWDL.de spricht von einem "großen Glücksfall"; den Öffentlich-Rechtlichen hätte kaum etwas Besseres passieren können.

Zugegeben: Das Konzept, online, und nur online ein individuelles Programm für Jugendliche zu schaffen, ist gar nicht schlecht. Schließlich haben sich viele junge Leute ohnehin vom linearen Fernsehen verabschiedet und schauen die Inhalte, wenn überhaupt, in der Mediathek.

Auch dass die Inhalte dezentral auf verschiedenen Plattformen angeboten werden, ist nachvollziehbar. Wenn die Jugendlichen nicht zu den Mediathek kommen, müssen die Angebote eben zu den Jugendlichen kommen. Genau hier setzt aber auch das Problem an.

"Ich erzähle euch mal meine Meinung über die Welt"-Formate gibt es einige im Funk-Portfolio

Teile des Funk-Teams bei der Pressekonferenz am 29.09.2016; Foto: Stefan Hoederath/funk

Teile des Funk-Teams bei der Pressekonferenz am 29.09.2016; Foto: Stefan Hoederath/funk

Auf YouTube wird nun genau das präsentiert, was es hier schon tausendfach gibt. Kurze Videos – kaum ein paar Minuten lang. YouTuber, die vor einer Kamera sitzen und ihre Meinung unter die YouTube-Gemeinde bringen. Viele etablierte Videomacher, die schon vorher eine große Fangemeinde hatten, verdienen sich nun durch einen Zweitkanal ein öffentlich-rechtliches Zubrot – machen dabei aber oft sehr ähnliche Dinge wie auf ihrem werbefinanzierten Kanal.

Rayk Anders, Moderator von Headlinez, Foto; Stefan Hoederath/funk

Rayk Anders, Moderator von Headlinez; Foto: Stefan Hoederath/funk

Rayk Anders betreibt seit Jahren sein Format "Armes Deutschland", in dem er das aktuelle Politikgeschehen kommentiert – und macht nun etwas sehr ähnliches: das Funk-Format "Headlinez". Und die Sendung "Auf eine Zigarette mit Moritz Neumeier" wurde einfach – etwas pädagogischer – in "Auf einen Kaffee…" mit dem jungen Herren umbenannt.

Auch hier sitzt eben dieser Moritz Neumeier nun vor seiner Kamera und macht sich seine Gedanken. Solche "Ich erzähle euch mal meine Meinung über die Welt"-Formate gibt es einige im Funk-Portfolio. Was all diese Formate gemeinsam haben, ist ihre Länge, oder besser: ihre Kürze. Im Durchschnitt sind die Videos zwischen drei und acht Minuten lang. Daran kranken viele Formate.

Fünf Minuten Sendezeit - reichlich wenig für eine investigative Recherche

Beginnen nun auch die Öffentlich-Rechtlichen, den Jugendlichen eine Aufmerksamkeitsspanne von unter zehn Minuten zu unterstellen? Das Format "Jäger & Sammler" beispielsweise bezeichnet sich als "investigatives Format auf Facebook", das laut Funk-Beschreibung Missstände suchen und aufdecken und neue Perspektiven zeigen würde.

Die erste Folge "Rappen fürs Vaterland" bürgt auch direkt ein interessantes Thema rund um die rechte Musik-Szene. Aber gerade als es beginnt spannend zu werden, gerade als sich Konflikte aufzeigen, läuft auch schon wieder der Abspann. Fünf Minuten lief der Clip – reichlich wenig, um eine investigative Recherche aufzurollen. Das alles passt in die Zeit des schnelllebigen Internets, in der die User mit einem Klick aufs nächste Video schalten können. Kommt Langeweile auf, wird dem Kanal keine Beachtung mehr geschenkt. Sollten aber nicht gerade beitragsfinanzierte Formate mit diesem Risiko leben?

Ist es Anspruch der Öffentlich-Rechtlichen, privat geführte Formate einfach "einzukaufen"?

Auf den Plattformen selber scheinen sich die Formate dann fast für ihre öffentlich-rechtliche Herkunft zu schämen, auf vielen Kanälen gibt es keinen direkten Hinweis darauf, nur manchmal verrät eine Tafel am Ende der Videos doch noch das dunkle Geheimnis um die Finanzierung des Clips. Während die Marke "öffentlich-rechtlich" oft noch als Qualitätsmerkmal gilt, wirkt sie wohl – zumindest in den Augen der Macher - auf die "Generation YouTube" abschreckend.

Das Angebot hat Potential, bei der Zielgruppe anzukommen. Schließlich ist es ähnlich gestrickt, wie viele andere Formate im Internet, die momentan gut laufen. Aber sollte das der Anspruch eines öffentlich-rechtlichen Angebots sein, auf einen Zug aufspringen und bisher privat geführte Formate einfach "einzukaufen"?

Gibt es nun auch Quotendruck im Internet?

Im Fernsehen müssen sich die öffentlich-rechtlichen Sender oft den Vorwurf des Quotendrucks vorwerfen lassen – Bildungsformate werden weniger, weil sie nicht so oft eingeschaltet werden; stattdessen werden vermehrt Filme und Unterhaltungsshows gesendet. Müssen wir uns jetzt auch an einen Quotendruck im Internet gewöhnen, also: Was vermutlich nicht so oft geklickt wird, wird erst gar nicht produziert?

Genau das zeichnet sich momentan ab. Obwohl ausgerechnet die Öffentlich-Rechtlichen das nicht nötig hätten. Stattdessen könnten sie in inhaltlicher Tiefe, Länge und Qualität der Formate dort ansetzen, wo werbefinanzierte Anbieter aufhören.

Benjamin Kutz

1 Kommentar
  • Alexander Tzschimmer
    Oktober 18, 2016

    Habe mir einen ersten Überblick über das Programm verschafft. Fakten und Analysen? Meinungsvielfalt? Fehlanzeige. Stattdessen wird mit Meinungsmache das Weltbild eines bstimmten politischen Lagers unter die Jugendlichen gebracht. Ihrem Auftrag werden die Staatsmedien auch hier nicht gerecht. Aber das nimmt nicht Wunder.

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