Das Volontariat: Viele Wege führen nach Rom – doch welcher führt auf den Olymp?

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Über den Weg ins gelobte (Medien)Land

Montagmorgen halb neun in der Redaktion von Dresden Fernsehen. Wir betreten den Raum. Leere. Schreibtische, Lichtprojektoren, abgeschaltete Computer. Das Büro ist gleichzeitig Drehort. Nach und nach treffen die ersten Mitarbeiter ein. Die Redakteure starten mit der Zeitungsrecherche. So beginnt also ein Arbeitstag beim Lokalfernsehen. Gleiche Zeit, anderer Ort. Auch beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) in Leipzig beginnt der Alltag. Alles wirkt größer. Um zur Redaktion zu gelangen muss man einen Besucherausweis beantragen und zwei Pförtner passieren. Wir befinden uns auf den Spuren des "Königswegs" in den Journalismus: dem Volontariat. An beiden Stationen treffen wir ehemalige Volontäre und deren Ausbilder, die uns einen Einblick in die Welt der Medieneinsteiger gewähren. Die Frage, die sich uns bereits nach den ersten Gesprächen aufdrängt: Hat ein Volontär beim überregionalen Fernsehen einen Vorteil gegenüber dem beim Lokalfernsehen? Und welche Unterschiede gibt es?

"Ich denke, dass man bei dem Lokalsender viel für sich mitnimmt. Das heißt man kocht nicht Kaffee und schaut dem Anderen nur über die Schulter", sagt Sophia Matthes, Redakteurin und Reporterin bei Dresden Fernsehen. Sie absolvierte dort ihr Volontariat und wurde im Januar vergangenen Jahres übernommen. Eine Festanstellung ist in der Branche keine Selbstverständlichkeit.

Ein ehemaliger Volontär des MDR sagt: "Selbstverständlich ist es von unschätzbarem Vorteil, ein Medienhaus wie den MDR in sämtlichen Bereichen zu kennen." Wohlgefühlt haben sich beide während ihrer Ausbildungszeit. Jedoch ist das nicht immer das entscheidende Kriterium bei der Bewerbung auf eine Volontariatsstelle.

Learning by doing vs. strukturierter Ausbildungsplan

Bei Dresden Fernsehen läuft alles nach dem Motto: "Theorie ist schön, Praxis ist besser" ab. Deshalb findet die Ausbildung eher Learning by Doing statt. "Das ist dann auch der Spaß an der Sache", meint Sophia Matthes. "Man kann sofort seine eigenen Ideen einbringen, was bei einem überregionalen Sender sicherlich nicht möglich ist." Zudem hat sie mittlerweile ihre eigenen Formate, an denen ihr "Herzblut" hängt. Zu diesen Vorteilen kommt außerdem das familiäre Umfeld. "Deswegen gefällt es mir hier."

Strukturierter geht es da beim öffentlich-rechtlichen Sender zu. Beim MDR gibt ein Ausbildungsplan den Grad der Trennung zwischen Theorie und Praxis vor. Im praktischen Teil durchläuft man verschiedene Stationen. Darunter zählen unter anderem drei Hörfunk-, zwei Fernseh- und eine Onlineredaktion. Seminare runden den theoretischen Teil ab. Damit findet "eine absolut umfassende und genau auf die Bedürfnisse des MDR zugeschnittene Ausbildung“ statt, betont der frühere MDR-Volontär.

Studioleiterin Anja Herrmann liefert weitere Informationen zur Volontariatsausbildung bei Dresden Fernsehen. Derzeit arbeiten von 20 Mitarbeitern drei als Volontäre. Ein offizielles Bewerbungsverfahren gibt es nicht, da keine feste Stelle ausgeschrieben ist. Durchschnittlich gibt es jährlich ca. 40 Bewerber. "Noten und Auswahltests interessieren uns eigentlich gar nicht. Für mich spielt eher eine Rolle, wie die Leute in der Praxis arbeiten", sagt sie.

Zum Vergleich: etwa 500 Interessenten bewerben sich pro Jahr für ein Volontariat beim MDR. Über insgesamt drei Auswahlstufen werden mithilfe von persönlichen Gesprächen sowie Wissens- und Praxistests die zehn besten Kandidaten ermittelt. Diese dürfen sich dann über eine der begehrten Stellen freuen. Bei kleineren Sendern ist vor allem auch ein gutes „Bauchgefühl“ entscheidend. Rationale Entscheidungen spielen nicht immer eine Rolle. Die wichtigsten Kriterien sind, dass die Kandidaten Ausdrucksvermögen, Ehrgeiz und Engagement besitzen. Und Durchhaltevermögen - denn das Volontariat bei Dresden Fernsehen dauert 24 Monate. Diese sind laut Anja Herrmann gerade so optimal, um auch am Ende die Fähigkeiten zu besitzen als Redakteur eigenverantwortlich arbeiten zu können.

Das wird den MDR-Volontären bereits nach 18 Monaten Ausbildung zugetraut. Frank Thomas Suppé, seit 2001 Ausbildungsleiter beim MDR, begründet diesen Unterschied mit den unterschiedlichen Ausbildungsstrukturen beider Sender. Er betont, dass die tatsächliche Ausbildung, praktisch und theoretisch, die Hauptrolle bei einem Volontariat spielen sollte. Doch er sieht auch den wirtschaftlichen Druck vieler Sender, der die Unterschiede in der Handhabe der Volontariate verstärkt: "Die einen haben ein Volontariat und beschäftigen darin Volontäre praktisch wie reguläre Arbeitskräfte; nur schlechter bezahlt."

Tarif vs. die Hälfte davon

Damit trifft Suppé auch den wunden Punkt des Lokalvolontariats: die geringe Vergütung. Die beträgt im ersten Ausbildungsjahr 750 Euro und steigt im zweiten Ausbildungsjahr auf 850 Euro an. Dresden Fernsehen begründet das mit den im Vergleich zu geringen Einnahmen, die es ausschließlich aus dem Verkauf von Werbung erhält. Der MDR dagegen gehört zum öffentlich-rechtlichen Sendersystem des ARD und finanziert sich somit über Gebühren. Das lässt einen sehr viel größeren Spielraum bei den Gehältern zu, die tarifvertraglich gebunden sind. So verdient der MDR-Volontär zu jeder Zeit seiner Ausbildung knapp das Doppelte von dem, was ein Volontär bei Dresden Fernsehen erhält.

Frank Thomas Suppé hält die Vergütung im Lokalfernsehen für zu gering. Trotzdem weiß er die Leidenschaft, die seine Lokalkollegen an den Tag legen, zu schätzen. "Ich sehe natürlich auch, dass die wirtschaftlichen Möglichkeiten der lokalen Sender begrenzt sind und sie sich nach der Decke strecken. Gerade in Zeiten in denen der Werbemarkt schrumpft bzw. neu verteilt wird, ist es für die Sender immer schwieriger, journalistischen Inhalte von kommerziellen Interessen zu trennen.“

Letztlich liegt die Entscheidung zwischen Über- und Regionalem Ausbilder beim Bewerber. Qualitative Vergleiche in der Art der Wissensvermittlung sind schwer zu ziehen. Außerdem ist nach Anja Herrmann Lokalfernsehen nicht gleich Lokalfernsehen. Und auch Frank Thomas Suppé hält die Ausbildung dort "für eine gute Schule des Journalismus, egal ob im Fernsehen, Hörfunk oder im Print."

Fazit = Gewinner vs. Verlierer?

Wer also nach einer anspruchsvollen, eigenverantwortlichen Arbeit in familiärer Atmosphäre sucht, ist mit einem Volontariat bei Dresden Fernsehen gut beraten. Allerdings wäre es blauäugig, dem Lokalvolontär die gleichen Voraussetzungen und damit Chancen gegenüber den überregionalen Mitbewerbern auf dem nationalen Fernsehmarkt zu bescheinigen. Man kann nicht voraussetzen, dass die Personalleiter der großen privaten und öffentlich-rechtlichen Sender allesamt um die ausgeprägten Qualitätsstandards eines lokalen Wettbewerbers wissen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass im Zweifelsfall bei der Besetzung einer freien Stelle der MDR-Nachwuchs den Zuschlag bekommt. Zumal es sich um einen Sender handelt, dem der Ruf seiner fundierten Ausbildung vorauseilt. Von entsprechenden Kontakten die man in seiner Ausbildungszeit knüpft ganz zu schweigen.

In einem entscheidenden Punkt, abseits vom Konkurrenzdruck, sind sich jedoch sowohl Ausbilder als auch Volontäre beider Seiten einig: Der Beruf des Redakteurs setzt Idealismus voraus. In dem Berufsbild des Journalisten sollte der Anspruch an sich selbst und das qualitative Selbstverständnis gegenüber dem Gewicht der Lohntüte in jedem Fall überwiegen. Karriere ist nur das, was nebenbei passiert. Die Neugier und der Wille Menschen zu informieren, sollten immer ausschlaggebend sein bei der Entscheidung für den "Königsweg" in die Medienbranche.

Martin Lotze, Susann Richter, Stephanie Teistler 09.2.2011

Diese Arbeit entstand vergangenes Wintersemester im Rahmen des Seminars "Journalismus" am Institut für Kommunikationswissenschaften der TU Dresden. Dozent ist Peter Stawowy, Betreiber von Flurfunk Dresden. Der Text ist Teil der Seminarnote.


1 Kommentar
  • Frank-Thomas Suppee
    August 23, 2011

    Ein Gruß in die Kaffeeküche - und ein Dankeschön an Stephanie Teistler. Kein leichte Materie, Lokalfunk und öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Ausbilder zu vergleichen. Sie und ihr Team haben sich wacker geschlagen. Wie ist es aber um die "ausgeprägten Qualitätsstandards" der Volontariate beim privaten Veranstalter bestellt, wenn keine "offizielle Bewerberauswahl" stattfindet? Ich nehme an, da bildet Dresden Fernsehen eine Ausnahme. Wenn's stimmt.

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