Nicole Czerwinka ist in der Dresdner Blogger-Szene und darüberhinaus bekannt: Sie arbeitet als Kultur-Bloggerin, Journalistin und Pressesprecherin der Dresdner Musikfestspiele. Nun hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht.
Wie geht das? Im Interview erzählt Nicole über das lang gehegte Herzensprojekt Roman, über das Schreiben zwischen Pressearbeit, Pandemie und Selbstverlag und warum Zeit nicht die entscheidende Währung beim Romanschreiben ist.
"Die Kunst liegt darin, an der Geschichte dranzubleiben"
FLURFUNK: Dein erster Roman ist gerade erschienen - wie kommt’s dazu?
Nicole Czerwinka: Das ist ein Projekt, das ich schon ganz lange in meinem Herzen trage. Ich habe immer gern geschrieben, das hat mich auch zum Journalismus gebracht. Bei der Zeitung zeigte sich, dass mir atmosphärische Portraits und Reportagen eher liegen als nüchterne Nachrichtenmeldungen. Als ich 2016 zu den Dresdner Musikfestspielen in die Pressearbeit gewechselt bin, haben mir die täglichen Geschichten und das Schreiben bald gefehlt. Das war dann die Gelegenheit, das fiktionale Genre auszuprobieren.
FLURFUNK: Worum geht es denn in der Geschichte?
Czerwinka: Es ist eine Familiengeschichte. Meine Protagonistin Marie erbt die Buchhandlung ihrer Oma und findet nach deren Tod zufällig heraus, dass die Großmutter Norwegerin war. Das stellt ihr Weltbild so radikal auf den Kopf, dass sie alles stehen und liegen lässt, und nach Norwegen aufbricht, um nach ihren Wurzeln dort zu suchen. Angetrieben von der Frage, warum die Oma ihr nie von ihrer Herkunft erzählt hat. Warum hat sie geschwiegen? Ich denke, es gibt in fast jeder Familie solche Dinge, die über Generationen hinweg einfach nie ausgesprochen werden, weil sie vielleicht tiefere Wunden aufreißen könnten.
FLURFUNK: Gab es einen konkreten Moment, wo du gesagt hast: Jetzt schreibe ich einen Roman?
Czerwinka: Meine Schulfreunde würden jetzt sagen: Das war doch schon immer klar! Es stimmt, ich hatte immer ein Faible dafür, Erlebtes, Gedanken, Geschichten zu Papier zu bringen und habe auch früh gemerkt, dass ich die Leser mit meinen Zeilen erreiche. Gereizt hat mich das Romanformat wirklich schon sehr lange. Zugleich hatte ich z.B. in meinen Zwanzigern auch das Gefühl, noch nicht reif genug für so eine „große“ Geschichte zu sein. Mit Mitte 30 habe ich dann einfach mal angefangen.
FLURFUNK: Und wie lange hast du am Skript gearbeitet?
Czerwinka: Insgesamt waren es fünf Jahre, aber die Zahl ist nicht wirklich aussagekräftig. Mir kamen u.a. 2020 die Pandemie und 2021 die Arbeit an einem Reiseführer dazwischen, es gab immer wieder lange Pausen zwischen den Arbeitsphasen. Mit etwas Übung und viel Disziplin kann man so ein Projekt auch in drei bis sechs Monaten fertigstellen, aber Zeit ist nicht die entscheidende Währung für einen Roman. Die Kunst liegt darin, an der Geschichte dranzubleiben.
FLURFUNK: Du bloggst seit Jahren über Kultur und hast schon einen Reiseführer über Dresden verfasst. Wie hat das die Romanschreiberei beeinflusst?
Czerwinka: Es ist eher umgekehrt: Die Motivation für all das war immer die Freude am Schreiben. Die war zuerst da und alle anderen Projekte sind sozusagen das Ergebnis oder die logische Folge dessen.
FLURFUNK: Wo erscheint denn das Buch?
Czerwinka: Ich habe mich nach langem Überlegen im Sommer 2025 durchgerungen, das Buch im Selbstverlag herauszubringen. Es hat eine richtige ISBN, ist also im Verzeichnis lieferbarer Bücher gelistet, und somit überall im Handel erhältlich. Im Moment arbeite ich daran, dass der Roman zunächst in den Buchhandlungen in Dresden auch wirklich in den Regalen ausliegen wird.
FLURFUNK: Wie ist die Entscheidung dazu gekommen? Und was sind die Konsequenzen?
Czerwinka: Mir haben mehrere Experten bestätigt, dass der Roman in einem Publikumsverlag eine Chance hätte. Das ist allerdings ein Prozess, der mehrere Jahre dauern kann. Da ich schon weitere Ideen im Block habe und nicht der Mensch bin, der Manuskripte lange in der Schublade versauern lässt, war mir das zu lange. Ich habe also eine professionelle Coveragentur in München gesucht, zwei Lektorinnen aus Leipzig beauftragt und bei der Frankfurter Buchmesse ein paar finale Recherchen erledigt – dann ging’s los.
Im Vergleich zum Reiseführer, der bei MAIRDUMONT erschien, bin ich jetzt für alles selbst verantwortlich, muss mir eigenständig meine Deadlines setzen, u.a. Marketing und Vertrieb selbst organisieren. Das gibt mir aber als Autorin viel mehr Freiheit, meinen Stil und meinen Weg zu finden. Ich habe auf jeden Fall sehr viel gelernt in den letzten Monaten.
FLURFUNK: Was kostet das?
Czerwinka: Das kommt darauf an, welchen Anspruch man an sich stellt. Du kannst ein Buch mit LowBudget verlegen, das Cover mit KI konzipieren, auf Lektorat und Endkorrektur verzichten. Die Frage ist dann: Ist es markttauglich, macht es den Lesern Freude? Ich wollte es professionell machen, eben möglichst genauso wie in einem großen Verlag. Letztlich habe ich mir gesagt, ich sehe das Projekt als Investition. In 15 Jahren Freiberuflichkeit habe ich oft in Weiterbildungen investiert, aber noch nie in eigene Projekte. Es wurde also Zeit! Schon jetzt würde ich sagen, es hat sich gelohnt.
FLURFUNK: Wenn jemand selbst einen Roman schreiben will: Womit soll er/sie anfangen?
Czerwinka: Da gibt’s kein Geheimrezept. Jeder Autor arbeitet anders. Die einen konzipieren jahrelang Handlung und die Figuren, andere schreiben einen Krimi einfach drauflos und wissen bis zum letzten Kapitel selbst noch nicht, wer der Mörder ist. Ich würde daher sagen: Einfach anfangen. Jedes Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite ein Lernprozess, irgendwann kommt die Routine, aber wer noch nie eines geschrieben hat, soll einfach loslegen. Er wird schnell erkennen, wo seine Stärken und Schwächen liegen – letztere muss man dann gezielt angehen.
FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview!
Über „Das Geheimnis am Fjord“
Auf den Spuren der Vergangenheit schlummert die Chance auf einen Neuanfang.
Die Liebe zu Büchern hat Marie von ihrer Oma geerbt – ebenso wie die liebevoll geführte Buchhandlung mitten in Hamburg. Als sie dort zufällig ein altes Foto findet, kommt ein gut gehütetes Geheimnis ans Licht: Oma war Norwegerin. In dem Drang, mehr über ihre Herkunft zu erfahren, bricht Marie Hals über Kopf ins Abenteuer auf. Dabei lernt sie nicht nur den charmanten Zollbeamten Nils kennen, sondern kommt auch einem dunklen Kapitel ihrer Familiengeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Spur.
Ein gefühlvoller Roman über Familie, Herkunft und die Magie der norwegischen Landschaft.
346 Seiten – ET: 6.2.2026 – ISBN: 978-3-6951-3701-5 - hier bei Amazon
Hinweis: Am 27.3.2026 lädt die Buchhandlung LeseLust ab 19 Uhr zur Lesung mit Nicole Czerwinka, Eintritt: 8 Euro.
(Foto von Nicole: Amac Garbe)


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