Schlagzeile in der "Sächsischen Zeitung" vom 4.12.2012, S. 5

In den vergangenen drei Wochen sind (nicht nur) in der “Sächsischen Zeitung” mehrere Artikel erschienen, die sich mit dem Thema “Zeitungssterben” bzw. Zeitungskrise beschäftigen. Ein Thema, dass derzeit sehr breit in der Medienöffentlichkeit und noch breiter und kontroverser in Blogs und sozialen Netzwerken diskutiert wird (eine kleine Linksammlung folgt unten). Dazu hier einige persönliche Anmerkungen.

Hintergrund sind die Meldungen von der “Frankfurter Rundschau”, die insolvent ist – was übrigens keineswegs bedeutet, dass es nicht vielleicht doch irgendwie weitergeht – und der “Financial Times Deutschland”, die vergangenen Freitag (7.12.2012) das letzte Mal erschienen ist. Schon einige Tage zuvor ist verkündet worden, dass das Stadtmagazin “Prinz” nicht mehr in gedruckter Form erscheinen wird. Und heute (10.12.2012) erst kommt die Meldung, dass die WAZ-Gruppe weitere Einsparungen plant – angeblich wird auch dort die Einstellung einer Zeitung diskutiert.

Zunächst hier ein kleiner Überblick (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) über die Berichte und Kommentare in der “Sächsischen Zeitung”:

  • 23.11.2012: “Ja, sie lebt noch” (gemeint ist die Zeitung – der Text ist ursprünglich nur im Print erschienen, inzwischen auch im Nachwuchs-Gewinnungsblog der “SZ” zu finden);
  • 30.11.2012: “Google hat alles im Griff”, ein Stück zum Thema Leistungsschutzrecht, dazu der Kommentar: “Sind wir wirklich schon alle google?” (der es sogar zu einer Erwähnung im Blog von Stefan Niggemeier geschafft hat);
  • 3.12.2012: “Lasst sie nicht hängen” (ein dpa-Stück über die anstehende Redakteurs-Schwemme auf dem Arbeitsmarkt und die Zeitungskrise);
  • und 4.12.2012 ein Gastbeitrag von Kommunikations-Professor Wolfgang Donsbach: “Die Zeitung wird nicht untergehen” (ebenfalls zur Zeitungskrise, leider online nicht zu finden).
Die Zeitungen sind lokales Leitmedium. Noch.

Ja, richtig, zum Medium Zeitung gibt es – auf die Landeshauptstadt Dresden bezogen – derzeit keine wirkliche Alternative. Auch nicht im Internet. Bisher zumindest nicht. Man könnte also vermuten, dass die “Sächsische Zeitung” noch einigermaßen von den Entwicklungen entfernt ist, die in der Branche als Zeitungskrise betrachtet werden.

Aber was ist dann der Grund für die ausführliche Berichterstattung und Kommentierung?

Um mal einige Fakten einzustreuen: Die “SZ” gehört zu 60% zu Gruner+Jahr, dem Verlag, der gerade die “FTD” abwickelt. Nach unseren Informationen schreibt das DD+V als Herausgeber von “SZ” und “Mopo” schwarze Zahlen – allerdings ist das Zeitungsgeschäft rückläufig. Und: Man geht beim DD+V davon aus, dass es dauerhaft so bleibt.

Deswegen setzt man schon eine ganze Weile darauf, in die Breite zu wachsen (zum Beispiel ins Messe-Geschäft, in die Werbebranche, in den Veranstaltungsbereich usw.). Auch online wird Geld verdient, so heißt es. Allerdings ist auch hier, unterstelle ich mal, nicht der Qualitätsjournalismus der große Umsatzbringer.

Die Wundertüte ist nicht mehr zeitgemäß

Was an der Berichterstattung der “Sächsischen Zeitung” zu diesem Thema stört, ist der Grundtenor. Man könnte fast meinen, es handelt sich um eine Sammlung von Durchhalteparolen. Das manifestiert sich in der Überschrift des Gastbeitrags von Prof. Donsbach: “Die Zeitung wird nicht untergehen”.

Mein erster Gedanke zu der Schlagzeile war: Hat er die Überschrift wirklich selbst formuliert? Gut, man kann die Aussage durchaus aus seinem Text herauslesen – er schreibt an einer Stelle:

“‘Zeitung’ ist ein journalistisches Produkt, das unabhängig von seiner technischen Plattform ist.”

Seine Argumentation zielt dann – genau wie die im Text: “Noch lebt sie” “Ja, sie lebt noch” – darauf ab, dass sich die Zeitungen nur auf die alte Kernkompetenz konzentrieren müssten, nämlich richtig guten Journalismus (der irgendwie auch noch viel besser werden müsse), dann würde schon alles irgendwie werden. Der Verbreitungsweg sei schlicht egal.

Ich teile die Einschätzung, dass die Rückbesinnung auf den Journalismus erfolgen sollte (ohne damit sagen zu wollen, alles sei schlecht). Aber dass dieser Journalismus im irgendwie gearteten Konstrukt “Zeitung” Bestand haben wird – da bin ich doch sehr skeptisch.

Jetzt mal Hand auf’s Herz: Warum klammern sich eigentlich alle so wild an dieses Konstrukt “Zeitung” – diese “Wundertüte”, die einmal am Tag erscheint und jede Menge Überraschungen und noch mehr Altbekanntes beinhaltet?

Weil es eine gewisse Sicherheit für die Arbeitsplätze bedeuten würde, wenn sie weiter überlebt? Weil man es nur so kennt und die Fantasie für andere Konstrukte fehlt?

Oder, ketzerisch gefragt: Weil die bestehenden Verlagsstrukturen weiter finanziert werden müssen? Weil viele Zeitungen eine Druckerei auf der Wiese haben, die Aufträge brauchen?

Die Interessen der Leser

Das sind alles nicht die Interessen des Lesers, der am Ende dafür zahlen soll. Wer das mag, sich mit einem Tee oder Kaffee auf’s Sofa zurückzuziehen, im raschelnden Papier zu blättern, dem sei es gegönnt. Es gibt ja auch genug Leute, die die gute alte Schallplatte für wesentlich besser halten als die CD oder andere digitale Abspielwege für Musik. Möglicherweise ist das ein Grund, warum es tatsächlich in der langfristigen Zukunft noch gedruckte Zeitungen oder wenigstens Magazine geben wird. Aber müssen alle Anderen dafür zahlen? Geht es wirklich nur “im großen Paket”?

Mich (und ich unterstelle, dass es vielen Lesern so geht) interessieren an der Zeitung eben nicht alle Themen. Oft blättere ich unter großer Hektik mehrere lokale Tageszeitungen durch und finde nichts, was für mich Relevanz hat. Den Sportteil überspringe ich aus Prinzip, die “bunten” Panorama-Seiten arbeiten oft mit Nachrichten, die für Facebook- und Twitter-Nutzer zwei bis drei Tage alt sind. Auch der Kultur- und der Wirtschaftsteil haben nur selten etwas Lesenswertes für mich (positiv angemerkt: Der hier kritisierte Text “Lebt sie noch?” “Ja, noch lebt sie” ist im Kulturteil erschienen).

Nicht missverstehen: Es gibt tatsächlich sehr oft Geschichten, für die sich die Zeitungslektüre lohnt – deswegen kann man sich der Zeitung kaum entziehen. Aber das Verhältnis von investierter Zeit für die Lektüre und den gefundenen Mehrwerten steht in keinem Verhältnis – es gibt genug Tage, an denen man einfach auf die Zeitungslektüre verzichtet auf die Gefahr hin, vielleicht etwas zu verpassen.


Anders gesagt: Das Konstrukt Zeitung kommt mir manchmal vor wie eine große Suppe, aus der ich mir die kleinen Fleischstücken rausfischen muss. Viel lieber wäre mir, um im Bild zu bleiben, die Tappas-Bar, bei der ich schon bei meiner Bestellung die Vorlieben angeben kann.

Steckt der Journalismus wirklich in der Krise?

Alle Texte in der “SZ” sprechen das zentrale Problem an, wie der angeblich überlebende Zeitungsjournalismus künftig finanziert werden soll. Aber alle umgehen großzügig, ernstzunehmende Lösungen zu diskutieren. Das Leistungsschutzrecht wird wohl kaum Abhilfe schaffen; auch der Hinweis, dass es den Bürgern unbedingt wert sein sollte, diesen Journalismus zu erhalten, dürfte nicht wirklich zielführend sein.

Steckt der (Lokal-)Journalismus – auf die Stadt Dresden bezogen – wirklich in der Krise? Bei aller Kritik: In der Summe erfüllen die vier Zeitungen am Platze ihre Funktion. Sie informieren über und kontrollieren damit Politik und Verwaltung. Abgesehen davon gibt es noch eine ganze Reihe anderer Medien, die durch ihre Konkurrenz das Geschäft beleben und die Qualität hochhalten. Dabei stellen auch die Beiträge in Social-Media- und Blog-Angeboten eine große Bereicherung da.

Ich denke, man sollte folgende drei Fragen unbedingt getrennt voneinander diskutieren:

  • Steckt der Journalismus wirklich in der Krise?
  • Ist das Konstrukt Zeitung noch zeitgemäß?
  • Wie wird Journalismus in Zukunft finanziert?
Die bisherigen technischen Lösungen sind unausgereift

Vor allem die dritte Frage gilt es zu klären. Technisch gesehen wäre eine selektive Auswahl und Lieferung von Artikeln kein Problem – zumindest, wenn man die Zeitungen digital und nicht gedruckt liest. Die bisher von den Verlagen angebotenen Varianten (ePaper als PDF, Online-Exklusiv-Angebote, Sonderformate auf dem iPad) kommen diesem Bedürfnis nicht im Ansatz nach.

Der Text “Noch lebt sie doch, ja?” “Ja, sie lebt noch” bringt das Beispiel Musikbranche, die den Wandel ins Digitale schon hinter sich hat. Was der Text nicht erwähnt: Längst hat der Verkauf von einzelnen Musikstücken eine zentrale Rolle bekommen. Komplette Alben, ob als CD, Schallplatte oder Digital, spielen heutzutage eine nachgeordnete Rolle. Wann kommt diese Erkenntnis in den Verlagshäusern an?

Statt sich aber wirklich um die Interessen der Leser zu kümmern, versteigern sich viele Zeitungsmacher lieber in Argumente wie: die Kostenlos-Kultur im Internet habe den Markt kaputt gemacht. Mancher geht gern noch weiter und dreht daraus, dass Online- kein richtiger Journalismus sei. Das Argument liefern sogar die Autoren, die wenige Zeilen vorher noch schreiben, Journalisten sei es egal, wo und wie sie gelesen werden (nachzulesen in “Lasst sie doch leben” “Ja, sie lebt noch”).

Die Zeitung ist nicht die Zukunft des Lokaljournalismus

Die Antwort auf die Frage nach der künftigen Finanzierung von Lokaljournalismus ist in fast allen vier Geschichten der “SZ” zum Thema Zeitungssterben enthalten: Der erfolgreiche Wandel kann mit der Konzentration auf Journalismus gelingen. Mundgerecht, technisch einfach handhabbar geliefert – gern gegen Geld.

Denn: Ich zahle im Monat deutlich mehr als 50 Euro für vier Tageszeitungen – überregionale Blätter noch nicht mitgezählt. Gäbe es ein entsprechendes Angebot in meinem Segment, dass mich interessiert – ich würde auch dafür zahlen.

Ich frage mich allerdings, ob die Verlage die Kraft und Fantasie haben, diese Produkte zu entwickeln.

Was ich sehr bezweifle: Dass dieses Produkt der Zeitung ähnlich sein wird.

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P.S.: Ich verkneife mir eine ausführliche Kritik des Stückes “Google hat alles im Griff”, in dem schon die Unterzeile (“Müssen Suchmaschinen künftig Geld an Verlage zahlen, wenn sie einfach deren Inhalte verwenden?”) mit einer faktisch falschen Unterstellung arbeitet.

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