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Großflächig berichteten die Zeitungen am Samstag über das Fluthelfer-Plakat der Landeshauptstadt.

Fluthelfer-Plakat sorgt für Ärger” (SZ-Online), “Rathaus wirbt mit Polizei-Hasser” (“Mopo Dresden”), “Panne beim Flut-Plakat” (“Bild Dresden”) – drei von vier heimischen Tageszeitungen beschäftigten sich am Samstag (29.6.2013) großflächig mit einem Plakat, mit dem sich die Landeshauptstadt Dresden bei den vielen freiwilligen Hochwasserhelfern bedankt.

Vorgeblicher Grund für die Berichterstattung: Einer der auf dem Plakat abgebildeten Helfer trägt einen Pulli, auf dem “A.C.A.B.” zu lesen ist. Das Kürzel steht steht für “All Coulors Are Beautiful” “All Cops Are Bastards” (vgl. Wikipedia) und wird gern in den unterschiedlichsten Subkultur-Kreisen verwendet, um Polizisten zu ärgern.

Ach, Sie kannten das Kürzel vor Samstag noch gar nicht? Dann dürfte es Ihnen vermutlich wie der Mehrzahl der Dresdner gegangen sein. Zum Glück haben wir die Tageszeitungen – die uns nicht nur über das Kürzel informieren, sondern gleich auch noch ordentlich auf der Stadtverwaltung rumhacken, die sich aus Journalistensicht mit dem Plakat blamiert hat.

Man könnte aber auch sagen: Die Geschichte offenbart ganz wunderbar die Medienmethode, erst eine öffentliche Aufregung zu konstruieren, um sie anschließend mit großen Schlagzeilen auszuweiden. Hauptsache, die Reichweite stimmt!

Nicht, dass wir missverstanden werden: Selbstverständlich ist es nicht in Ordnung, dass Polizisten öffentlich pauschal beleidigt werden. Andererseits muss die Frage erlaubt sein, ob ein “A.C.A.B.” auf einem Dankes-Plakat für Hochwasserhelfer wirklich die Aufregung, oder besser: die großflächige Berichterstattung wert ist.

ACAB-SZ-online

Aussriss von SZ-Online vom 29.6.2013

Wie sagte eine befreundete Polizistin: “Wenn man sich als Polizist angesichts dieses Spruches schon beleidigt fühlt, ist man vermutlich im falschen Job”.

Man hätte ja auch einfach sagen können “Sch… drauf”, denen von der Stadt ist ein Fehler unterlaufen – hätte man besser vorher sehen sollen, ist aber vermutlich nicht absichtlich passiert. Und Fehler passieren Zeitungsmachern ja nun auch manchmal.

Ganz abgesehen davon hat der “A.C.A.B.”-Shirt-Träger schließlich auch geholfen – warum also sollte man ihm nicht auch danken?

Zwei Aspekte sind an der ganzen Kiste noch bemerkenswert:

1. Die Geschichte entspringt der aufwändigen und zunehmend weit verbreiteten Recherchemethode “Facebook abgreifen”. Tatsächlich tauchte das Motiv mit dem Hinweis auf “A.C.A.B.” schon am Freitag bei Facebook auf – aus den Reaktionen zum Motiv aber “Aufregung um” oder gar “Ärger” zu machen, finden wir offen gestanden etwas übertrieben. “Häme” wäre wohl vielmehr das richtige Wort.

2. Bemerkenswert ist außerdem, dass diese öffentliche Aufregung über so einen Fehler ausgerechnet von denen transportiert und forciert wird, die teilweise selbst ausgesprochen dünnhäutig reagieren, wenn man sie öffentlich kritisiert (wir wissen, wovon wir schreiben). An der öffentlichen Entschuldigung, die Stadtsprecherin Heike Großmann auf Medienanfrage ausgesprochen hat, könnte sich manch kritikempfindlicher Medienmacher ein Beispiel nehmen.

Na und, was hat die Medienberichterstattung jetzt gebracht? Jeder in der Stadt weiß, wofür “A.C.A.B.” steht. Die Berichterstattenden mit Facebook-Zugang haben unzählige Kommentare und also ihr Ziel, Reichweite zu machen, offenkundig erreicht. Und die Stadt hängt die Dankes-Plakete für die Hochwasserhelfer eine Woche früher ab.

Wie ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu lesen:

“Massenmedien erfüllen in einer funktionierenden Demokratie eine zentrale Aufgabe: Sie sollen Informationen beschaffen, bewerten, verbreiten und politische Institutionen bzw. politisch Handelnde kontrollieren und kritisieren, damit die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, mündig zu entscheiden und zu handeln.”

Wahnsinns Job gemacht, werte Kollegen. Ganz ganz toll. Nicht.

Nachtrag 18.05 Uhr: Weil Nachfragen kamen: “A.J.A.B.” steht natürlich für “All Journalists Are Beautiful”.