IVW-Zeitungsauflagen I/2015: Seriös gewinnt im Einzelverkauf, Boulevard verliert

Die verkauften Auflagen der sächsischen Zeitungen im 1. Quartal 2015, Quelle: ivw.de.

Die verkauften Auflagen der sächsischen Zeitungen im 1. Quartal 2015, Quelle: ivw.de.

Okay, auf den ersten Blick sieht alles wie immer aus: Bei den verkauften Auflagen des ersten Quartals 2015 (IVW I/2015) müssen sämtliche Tageszeitungen in Sachsen Einbußen hinnehmen. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stehen – wie in den letzten Jahren eigentlich immer – lauter Minuszeichen. Allerdings fallen zwei bemerkenswerte Aspekte auf, wenn man sich die Zahlen genauer anschaut.

Der erste betrifft die Umfänge der Verluste, oben in der Tabelle klar zu erkennen:

Die Boulevard-Blätter lassen deutlich mehr Federn Prozente als die Abonnentenzeitungen ("Sächsische Zeitung", "Freie Presse", "Leipziger Volkszeitung"). Gewohnt ist man üblicherweise Verluste im 3-Prozent-Bereich. Wobei man sagen muss: Mit Sonderverkäufen oder Bordexemplaren oder Aktionen kann man an diesen Ergebnissen auch noch etwas nachsteuern, damit es nicht so drastisch aussieht. Vor allem, wenn man eine recht große Auflage hat.

Diesen Weg sind die Boulevardblätter nicht gegangen – wahlweise, weil die Verluste so heftig gewesen sind, dass es mit der Kosmetik für mehr (also weniger) nicht mehr gereicht hat. Minus 6 bzw. minus 7 Prozent für "BILD" und "Morgenpost", das wird in Verlagskreisen sicher nicht mit Begeisterung aufgenommen worden sein. Wahlweise, weil man sich schlicht dagegen entschieden hat.

Die zweite bemerkenswerte Entwicklung betrifft den Einzelverkauf, also die Abfrage am Kiosk und den übrigen Verkaufsstellen:

Sämtliche sächsische Abonnentenzeitungen (in Szenekreisen gern auch als "Qualitätspresse" bezeichnet) haben im Einzelverkauf, wie bei der IVW in den Detailzahlen auszulesen, zugelegt. Kein Scherz – da stehen wirklich Pluszeichen in der Tabelle!

Zwar bewegen sich diese Zuwächse (immer im Vergleich zum Vorjahresquartal) nur im zwei oder dreistelligen Bereich, also zwischen 40 ("FP-Stadtausgabe") und 523 Exemplaren ("LVZ gesamt")  – aber hey, immerhin, wir können endlich mal wieder was positives schreiben! Kleine Einschränkung: nicht für alle. Die Boulevardtitel ("Morgenpost Sachsen", "BILD Sachsen") gehen diesen Weg nicht mit, sondern verlieren teils heftig am Kiosk.

Woran könnte diese Entwicklung wohl liegen? Es bieten sich folgende Interpretationen an:

Vielleicht gab es ja bestimmte Tage, an denen einzelne Ausgaben vermehrt gefragt waren – da würde sich für Dresden etwa der Dienstag anbieten, wo vortags immer irgendwelche "Lügenpresse"-Krakeeler durch die Stadt ziehen und ordentlich Werbung für die Branche machen (wir Branchen-Insider wissen ja: "Auch schlechte PR ist PR"!).

Oder: Die seriösen Zeitungen sind zu den besseren Boulevardblättern geworden. Ähm...

Oder aber (wobei wir das in diesen geifernden, nach Sensationen lüsternden Journalismuszeiten eine sehr schwache und also unspektakuläre Interpretationsvariante finden): Vielleicht haben die Kollegen auch einfach mal einen ganz guten Job gemacht?

Entscheiden Sie ruhig selbst!

Was sonst noch in der Auswertung der Zeitungsauflagen auffällt:

  • Es ist nicht nur alles schlecht beim Boulevard: Die "BILD"-Zeitung hat, wenn teilweise nur sehr bescheidenen, in allen drei Großstädten Abonnenten hinzugewinnen können. Gleiches gilt für die "Mopo Chemnitz" (+251 Abos), die dafür aber in Dresden ordentliche Kundschaft verloren hat (-1.457 Abos).
  • Die "LVZ" hat die Zahlen bei den ePaper-Ausgaben fast verdoppelt - jetzt liegt man schon bei 1.912 ePaper-Exemplaren. Das ist immer noch kein Vergleich zu "Freie Presse" (6.394 ePaper-Exemplare) und "Sächsische Zeitung" (3.627 Exempl.), aber ein bemerkenswerter Sprung. Gleichzeitig muss man sagen: Im Vergleich zu den Print-Ausgaben spielt ePaper nach wie vor keine große Rolle. Aber: Kleinvieh macht auch Mist!
  • Sorgen bereitet auch die Entwicklung der "Dresdner Neuesten Nachrichten": Seit dem dritten Quartal 2014 liegt die Abonnenten-Zahl unter der 20.000er Marke. Da tröstet auch nicht drüber hinweg, dass der Einzelverkauf um über 10% angesprungen ist - in absoluten Zahlen sind das nämlich nur 115 mehr verkaufte Zeitungen (immerhin: im Schnitt, am Tag).

Machen wir uns nichts vor: Der kurzfristige Hoffnungsschimmer am Horizont, im Einzelverkauf zu punkten und die Verluste bei den Abos aufzufangen, ist keine langfristige Perspektive. Zumal, das ist aus der Branche zu hören, viele Print-Kollegen sicher auch gern auf den Lügenpresse-Shitstorm verzichtet hätten. Hoffen wir mal, dass das nicht wiederkommt.

3 Kommentare
  • Frank
    April 21, 2015

    Für mich als Leipziger bemerkenswert. Die LVZ ist nun deutlich unter der 200.000er Marke in der Gesamtauflage, verliert von allen drei regionalen Zeitungen am deutlichsten und vergrößert somit den Negativ-Abstand zur Konkurrenz. Am wichtigsten scheint mir aber, dass die LVZ am meisten und er Fläche verliert (also nicht Stadtgebiet). Das ist das Gebiet, wo die zeitung und er Regel absolute Monopolstellung besitzt. Heißt das, die Leute verzichten zunehmend generell auf den klassischen Medienkonsum?

  • Anke
    April 23, 2015

    "Sämtliche sächsische Abonnentenzeitungen (in Szenekreisen gern auch als “Qualitätspresse” bezeichnet) haben im Einzelverkauf, wie bei der IVW in den Detailzahlen auszulesen, zugelegt. Kein Scherz – da stehen wirklich Pluszeichen in der Tabelle!" ????

    Habe ich da eine falsche Tabelle?
    SZ Gesamt (http://daten.ivw.eu/index.php?menuid=1&u=&p=&detail=true)
    alle Zahlen im Negativbereich

    Gleiches gilt für die Regionalausgabe DD der SZ.

  • owy
    April 23, 2015

    @Anke Der Link führt ins Nichts.

    Man betrachtet gewöhnlich bei der IVW-Auswertung das Vorjahresquartal, also vergleicht die aktuellen Zahlen von I/2015 mit denen von I/2014.

    Da steht bei SZ gesamt in der Zeile "EV-Verkauf" ein "+2.11%". Bei der Stadtausgabe der SZ ist der EV im Vergleich zum Vorjahresquartal um +2.28% gestiegen.

    Würde man jeweils die Zahlen zum vorangegangenen Quartal heranziehen (also im konkreten Falle IV 2014), hätte man u.U. auch saisonale Schwankungen mit drin - das will man vermeiden.

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