Literaturfest Meißen: Zündstoff?

Von 14 ,

Folgendes Experiment: Nehmen wir mal an der Leser dieses Beitrags schiebt seinen Drehstuhl, Hocker oder Sitzball für einen Moment zur Seite. Anschließend lenkt er seine Aufmerksamkeit auf den obigen Bildbanner dieses Beitrags und entfernt sich, theoretisch, zwei drei Schritte von seinem Monitor. Was sieht er in der linken, oberen Ecke des Screenshots?

Natürlich! Er sieht die Konturen von Meißner Burgberg, Dom und Albrechtsburg, wie sie aus einem aufgeschlagenen Werk der Literarturgeschichte hervorlugen ... oder er sieht eben ein brennendes Buch. So ging es mir zumindest nach einem ersten flüchtigen Blick und einem zweiten genauerem 'meinen die das ernst?'-Scan. Mit der entsprechenden Distanz stilisiert die Silhouette der Stadt zu Flammen, die zwischen den Seiten emporschlagen. Die Farbwahl im glühenden orange-rot tut ihr übriges. Ein Freudsches Versehen meinerseits? Unbefriedigte Antipathie gegenüber Literatur, die sich in dieser Assoziation manifestiert? Dabei ist mein Verhältnis zu Büchern im Regelfall eher entspannt bis liebevoll. Selten trifft man mich ohne passendes Leswerk im hippen Hippie-Beutel.

Also schnell rüber zum Chef, dem medienkompetenten, und nachgefragt: Hat eigentlich schon mal jemand bemerkt, dass das Logo vom Meißner Literaturfest aussieht wie ein brennendes Buch? "Nö", werde ich beruhigt. "Das sieht eher aus wie ein schwarzer Schlund, der die ganze Stadt in sich verschlingt." Verstehe, die in Flammen aufgehenden Buchseiten scheinen also zwar die makaberste, aber nicht die einzige Schwachstelle des Logos zu sein. Aber bevor ich mich an Spekulationen verbrenne, übergebe ich die Deutungshoheit lieber in Profihände.

Mario Oberländer, Berater für Werbung und Kommunikation, hat sich für Flurfunk Dresden das Logo einmal aus der Nähe angeschaut. Er hält es für einen gelungenen Versuch - mehr aber auch nicht. „Der normale Nutzer will ein Verkehrszeichen, dass ihm sagt, da und da geht es lang. Er will es nicht erst interpretieren müssen.“ Seiner Meinung nach ist das bedeutungsschwangere Bildzeichen durch das aufgeschlagene Buch, die Stadt-Silhouette, das Lesezeichen und den erklärenden Schriftzug zu überladen. „Die vier verschiedenen Farben machen die Sache nicht einfacher.“

Die Frage woher die vielen Farben kommen, hat sich für uns auch Joerg Fieback von der Chemnitzer Werbeagentur Zebra gestellt. Seine Assoziation zum Logo: "Ist das ein Gesicht mit Augenbrauen?" Fieback bemängelt neben der fehlenden symbolischen Eindeutigkeit auch die grafische Umsetzung. " Dem Entwurf fehlt die Festigkeit. Das gesamte Logo kippelt unsicher auf dem Buchrücken und erlebt eine Berg- und Talfahrt auf einer Linie, von der kein Mensch weiß, was sie bedeutet." Und so lacht uns die ominöse Linie als schiefer Mund im Büchergesicht mit brennender Monster-Mono-Braue entgegen und lässt weiterhin Spielraum für deutungswütige Literaturinteressenten.

Denen verspricht die Website ein „Vorlesefest rund um die Themen Mittelalter, Renaissance und Fantasy“. Hier schließt sich auch der Kreis. Denn jenseits aller Mittelalterromantik loderten zu dieser Zeit ja manchmal auch mehr als nur Scheite auf dem Holzhaufen. Stephanie Teistler

14 Kommentare
  • fridolin
    März 11, 2011

    zündstoff? sehe ich nicht! das ist doch deine persönliche meinung? und du schreibst selber das andere sofort etwas anderes darin sahen.

    das zeigt gut das man es nun mal nicht allen recht machen kann und sollte...

    Literaturfest Meißen!! das logo ist super .. und allein die tatsache das darüber geschrieben wird (egal wie) zeigt das ihr es richtig gemacht habt!

    meiner meinung nach gibt es bei solchen sachen, kein richtig oder falsch!

  • Christian Fischer
    März 11, 2011

    Ich sehe kein brennendes Buch :(

    Zuerst fragte ich mich, ob ich zu doof dafür bin. Aber dann kam mir die Idee, dass Ihr vielleich ein wenig mit der Kritik übertreibt. Es ist wirklich kein schönes Logo und es verdient keinen Design-Award. Stimmt. Auch Mario Oberländer hat vollkommen recht. Aber ich sehe immer noch kein brennendes Buch. Und keinen Zündstoff.

    Vielleicht könntet Ihr mit eifernder Hilfe Eurer Leser einmal eine kleine Sammlung häßlicher und mißglückter Logos "Made in Sachsen" zusammenstellen und abstimmen lassen, welches das allerhäßlichste ist. Das hätte Unterhaltungswert ;)

    PS: Ich schmäme mich ja, es zuzugeben. Aber ich sah die Konturen gespreizter Schenkel in dem Logo. Muss wohl mal zum Augenarzt...

  • Beate
    März 11, 2011

    Was man nicht sehen will sieht man auch nicht.
    Ich finde es erstaunlich wie ein Logo die Gemüter "erhitzen" kann. Hier zwei weitere Interpretationen. - Meißen als leuchtendes Beispiel für Mittelalterliche Literaturkunst oder Meißen ist "Feuer und Flamme" für sein Fest. Wie es auch gemeint war von den Machern,ein toller Beitrag denn ohne ihn hätte keiner dieses Logo überhaupt beachtet.
    P.S. und das mit dem Lesewerk im hippen Hippi-Beutel kann ich schmunzelnd nur bestätigen.

  • ste
    März 11, 2011

    @Christian:Du musst nicht traurig sein, nur weil du kein brennendes Buch siehst. Damit, dass du bei dem Logo an gespreizte Schenkel denken musstest, bestätigst du meine These (nämlich dass das Logo seinen Sinn verfehlt) zur genüge.

  • ste
    März 11, 2011

    @ Fridolin: "das ist doch deine persönliche meinung?" - Sehr gut! Du hast erkannt, dass es sich um einen Kommentar handelt!

    "meiner meinung nach gibt es bei solchen sachen, kein richtig oder falsch!" - Das nächste Mal verzichte ich am Besten einfach darauf mir professionellen Rat von zwei renomierten Werbefachleuten einzuholen, die eindeutig das "falsche" im Corpus Delicti identifizieren. Denn zum Glück weiß ich ja jetzt, dass es kein richtig oder falsch gibt und sich alles nur in einer unbestimmten Grauzone von Mittelmäßigkeit zwischen diesen beiden Polen bewegt.

  • stefanolix
    März 11, 2011

    Wenn man mich fragt: Ich sehe statt der Buchseiten allenfalls die Flügel eines schwarzen Vogels.

    Verbesserungsvorschläge: Das ganze Logo müsste einfarbig sein. Das Buch müsste besser als solches erkennbar sein. Das Band(?) unter dem Buch würde ich weglassen. Die Silhouette der Stadt müsste sich deutlicher über die Buchseiten erheben.

  • fridolin
    März 11, 2011

    @ste
    meiner meinung nach ist es relative egal wie ein logo aussieht ..
    wichtig ist doch eher "wird es ein erfolg" oder "wird es ein misserfolg".
    so oder so wird man dann das logo damit verbinden.

    mit richtig oder falsch beziehe ich mich mehr auf alle user. es wird immer jemanden geben der was auszusetzen hat und jemand der es gut findet. ich glaube aber den meisten ist es egal.

  • tt
    März 11, 2011

    @ste

    Wenn du schon Werbefachleute nach Rat fragst, warum hast du nicht auch die 'Macher' des Logos befragt?

  • RalfLippold
    März 11, 2011

    Dank an Peter Stawowy für's Erinnern via Facebook. Dieser Eintrag wäre ansonsten an mir vorübergegangen, da Mittelalterfeste nicht wirklich mein "Steckenpferdchen" sind.

    Interessant, was man so alles in ein Logo interpretieren kann ;-) Erinnert mich stark an meinen Deutschunterricht wo zwar nicht Logos (das war damals in den 70er/80er Jahren noch nicht wirklich angesagt, Internet gab es auch noch nicht) sondern Versmaße interpretiert wurden.

    Was fällt mir ins Auge? Literaturfest, Mittelalter und eine mir bekannte Stadtansicht. Die Farben, sie passen sich dem Thema "Mittelalter" in ihrer erdigen und dunklen Weise an.

    Wenn wir jetzt noch die Macher des Ganzen wirklich im Dialog fragen, kriegen wir wahrscheinlich auch ein wenig mehr Hintergrund zu dem, wie es aussieht.

    Wer übernimmt die Führung? - soviel meine 2 Cents zum Thema

  • owy
    März 11, 2011

    @tt Warum soll man im Falle einer Kritik, die man schreibt, die Macher fragen? Fragt der Kulturkritiker den Regisseur, wie er etwas gemeint hat? Fragt der Platten-Rezensent die Band, warum sie was wie gemacht haben?

    Ein Logo muss funktionieren oder tut es nicht - dann muss man das auch sagen dürfen.

    @fridolin Deiner Meinung nach ist auch egal, ob ein Arzt Medizin studiert hat, Hauptsache er hat einen Doktor, oder?

  • tt
    März 11, 2011

    @owy

    Man MUSS das ja nicht machen... aber es würde dem Beitrag mehr Rückhalt geben, wenn man sich nun schon die Mühe macht andere Fachleute zu befragen, dann kann man doch auch den Machern eine Rechtfertigung einräumen.
    Aber das können die ja zur Not auch selber hier machen :)

    Es interessiert mich einfach was sie dazu denken....

  • ste
    März 11, 2011

    @tt
    Aber darum geht es ja gerade: Selbst wenn sie zu Wort kommen und ihre Sicht der Dinge schildern, ändert das nichts daran, dass das Logo einfach nicht gut ist.

    Ich möchte da gern noch einmal auf Mario Oberländer und die Verkerszeichen-Funktion von Logos verweisen. Wenn ich einen 10-Seiten Begleit-Interpretationstext brauche um jedes Detail als das zu erkennen was es darstellen soll, dann ist der Sinn des Logos einfach verfehlt.

    Aber wenn du wirklich wissen willst, was die Macher dazu sagen: Schick ihnen doch einfach eine Mail mit dem Link. Mal schauen was passiert ;)

  • RalfLippold
    März 11, 2011

    @owy - Eine unbekannte Oper in Russisch, da tut sich das Textbuch vor der Veranstaltung oder ein Blick in Wikipedia gut. Ansonsten kann man nur die Bilder, die Musik genießen, doch niemals den tieferen Sinn erschließen.

    Früher war die Kommunikation brutal einfach - heute ist es durch Globalisierung, Kulturaustausch und Lernen in fremden Kulturen komplexer und nicht immer auf den ersten Blick ganz einfach.

    Wenn's so einfach wäre, dann wäre das Leben schlichtweg gähnend langweilig ;-(

    ... gespannt wie es weitergeht hier. Bin dann erst mal wieder raus!

  • fridolin
    März 11, 2011

    @ste "Deiner Meinung nach ist es auch egal, ob ein Arzt Medizin studiert hat, Hauptsache er hat einen Doktor, oder?"

    antwort: nein - man sollte nicht so leichtsinnig mit dem dr. titel umgehen!

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