MDR-Info-Mitarbeiter an Intendantin: „Einsparungen gehen an die Substanz“

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Ausriß aus dem Brief der Freien Mitarbeiter von MDR Info.

66 freie und feste Mitarbeiter von MDR Info haben in einem Brief an die Intendantin Karola Wille ihren Unmut über die Sparpolitik im Sender kundgetan. In dem Schreiben von Ende Januar, das wir unten komplett und als PDF dokumentieren, beklagen die Unterzeichner, dass ihnen durch die rigide Sparpolitik teilweise die Lebensgrundlage entzogen werde.

Wörtlich heißt es:

"Vor allem junge Kollegen verlassen den Sender, weil ihnen der MDR das Gefühl vermittelt, dass sie im Haus keine Perspektive haben. Sie gehen zum SWR, zum NDR, zum Handelsblatt, zu Spiegel Online oder zum Deutschlandradio, wo sie zum Teil doppelt so viel verdienen wie hier im Haus. Innerhalb der ARD gibt es unseres Wissens keinen Sender, der Radiobeiträge so schlecht honoriert wie der MDR."

Insbesondere die Dimensionen der Einsparungen in Relation zum TV-Programm stößt den Programmmachern sauer auf. Sie schreiben:

"Was bei MDR INFO in einem Jahr eingespart wird, gibt die MDR-Fernsehunterhaltung an einem Abend wieder aus. Wir verstehen nicht, warum eine Redaktion, die den Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erfüllt, über Jahre hinweg derart zusammengestrichen wird."

Eine Einordnung des Briefs ins 'große Ganze' findet sich im DJV-Kurier 1/2012, dem Mitteilungsblatt des Journalistenverbandes Sachsen. Dort wird die Situation der Freien Mitarbeiter thematisiert, denen die Reduzierung der Dienste auch mit den Tarifabschlüssen für andere Mitarbeitergruppen erklärt wird. Aus dem DJV-Artikel geht aber auch hervor, welches Problem der Sendeanstalt mit den Freien Mitarbeitern drohen könnte. Zitat:

"Um die 1400 von ihnen sind derart eng an den MDR gebunden, dass ihr Status als freie Mitarbeiterin/freier Mitarbeiter teilweise äußerst fragwürdig ist. (...) Denn dem MDR könnte durchaus Ungemach drohen, wenn freie Mitarbeiter/innen ihren Status einklagen."

Der lesenswerte Artikel im DJV-Kurier, der sich auch mit der tariflichen Situation der Zeitungsjournalisten in Sachsen befasst, ist auch im Netz zu finden. Titel: "Steine ins Rollen bringen".

Bislang gibt es von Seiten der Intendantin wohl keine schriftliche Reaktion, allerdings einen Gesprächstermin mit den Briefe-Schreibern. MDR-Sprecher Walter Kehr sagt gegenüber Flurfunk Dresden:

"Es ist korrekt, dass sich Freie Mitarbeiter von MDR INFO Ende Januar 2012 mit einem Schreiben an die MDR-Intendantin gewandt hatten. Frau Prof. Wille hat darauf reagiert und wird sich mit den Unterzeichnern des Schreibens treffen, um die aufgeworfenen Fragen zu diskutieren."

Hier finden Sie den ganzen Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Wille,

wir, die Mitarbeiter von MDR INFO, schreiben Ihnen, weil wir uns um die Qualität unseres Programms und um unsere Existenz sorgen. Seit Jahren setzt sich unsere Programmleitung für uns ein und versucht mit uns gemeinsam, journalistisch gutes Radio zu machen. Das ist uns lange Zeit gelungen, obwohl unser Etat immer kleiner wurde. Inzwischen gehen die Einsparungen bei MDR INFO aber an die Substanz.

Wir wollen Ihnen die Lage schildern: Anfang des Jahres wurde die Anzahl der Dienste aller freien Mitarbeiter in der Abteilung Zeitgeschehen um etwa 20 Prozent gekürzt. Wer früher monatlich zehn Tage im Sender war, wird jetzt nur noch an acht Tagen beschäftigt. Wer seinen Lebensunterhalt maßgeblich durch die Arbeit bei MDR INFO bestritten hat, muss mit 20 Prozent weniger Geld auskommen. In den Schichten werden nun verstärkt Festangestellte eingesetzt, die früher als Reporter und Kommentatoren gearbeitet haben. Den Freien gehen Dienste verloren, dem Gesamtprogramm seine Prägung durch unverwechselbare Autoren. Auch in der Nachrichtenredaktion wurde die Arbeit durch einen Umbau des Dienstplans stark verdichtet.

Seit knapp einem Jahr übernimmt MDR INFO die Produktion der ARD Infonacht, was die Arbeitsbelastung für die Mitarbeiter nochmals erhöht hat. Unser Programm ist zwischen 23 und 6 Uhr in zehn Bundesländern zu hören. Dennoch gibt es in dieser Zeit keine Programmassistenz mehr, die auf Höreranrufe reagieren könnte. Die fast ausschließlich freien Mitarbeiter, die das Nachtprogramm gestalten, bekommen dafür viel Lob. Aber sie sind bis heute die einzigen Kollegen innerhalb der ARD, die weder Nacht- noch Wochenendzuschläge erhalten.

Vor allem junge Kollegen verlassen den Sender, weil ihnen der MDR das Gefühl vermittelt, dass sie im Haus keine Perspektive haben. Sie gehen zum SWR, zum NDR, zum Handelsblatt, zu Spiegel Online oder zum Deutschlandradio, wo sie zum Teil doppelt so viel verdienen wie hier im Haus. Innerhalb der ARD gibt es unseres Wissens keinen Sender, der Radiobeiträge so schlecht honoriert wie der MDR.

Unser Programm hat keine Fachredakteure für Wirtschafts- oder Medienthemen mehr. Wir müssen mit einem einzigen Planungsredakteur auskommen. Dieser verfügt pro Tag über nicht einmal mehr 200 Euro, um Beiträge freier Autoren hinzukaufen zu können – und das bei einem 24-Stunden-Wortprogramm.

Was bei MDR INFO in einem Jahr eingespart wird, gibt die MDR-Fernsehunterhaltung an einem Abend wieder aus. Wir verstehen nicht, warum eine Redaktion, die den Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erfüllt, über Jahre hinweg derart zusammengestrichen wird.

Wie aus dem Bericht der vom MDR eingesetzten Untersuchungskommission im Zusammenhang mit internen Betrugs- und Korruptionsdelikten hervorgeht, verfügte der Mitteldeutsche Rundfunk Ende 2010 über ein Finanzanlagevermögen in dreistelliger Millionenhöhe. Die Argumentation, der Sender habe nicht genügend Geld, können wir deshalb nicht nachvollziehen.

Frau Prof. Dr. Wille, unmittelbar nach Ihrem Amtsantritt als Intendantin haben Sie es zu einer Ihrer zentralen Aufgaben erklärt, die publizistische Relevanz des Mitteldeutschen Rundfunks sichern zu wollen. Wir bitten Sie deshalb, MDR INFO so auszustatten, dass freie Mitarbeiter wieder die gleiche Dienstzahl erhalten können wie vor den jüngsten Sparmaßnahmen. Wir wünschen uns ferner angemessene Honorare für Radiobeiträge sowie Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit, wie sie in anderen Häusern üblich sind. Es muss Geld da sein, um Recherchen zu bezahlen, um an der Qualität zu arbeiten. Wir wollen unseren Sender gemeinsam mit unserer Programmleitung weiterentwickeln. Geben Sie MDR INFO eine Perspektive.

Wir laden Sie herzlich nach Halle ein, um mit Ihnen persönlich und ausführlich über das Programm und die Entwicklungen zu sprechen. Wir hoffen auf Ihre baldige Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

die 66 Unterzeichner

Hier können Sie das zweiseitige Schreiben als PDF anschauen und runterladen.

3 Kommentare
  • Julian Richter
    März 27, 2012

    Der Niedergangs des MDR-Hörfunks - erst wird Sputnik kaputt gespart und inhaltlich platt gemacht (der Sender nannte sich einmal "Jugendkultur-Programm" und galt als Lichtblick unter den Jugendsendern), jetzt droht Info ein ähnliches Schicksal. Ich fürchte schon um Figaro! Gehören eigentlich große Orchester, die unfassbar viel Geld kosten und von nur wenigen wahrgenommen werden, wirklich noch zum Programm-Auftrag des Hörfunks? Sollte sich nicht der Hörfunkdirektor besser um seinen "Laden" in Halle kümmern, anstatt in Leipzig den Schattenintendanten zu geben? Hauptsache, im MDR-Fernsehen wird weiter fleißig vor großer Showtreppen-Kulisse geschunkelt...

  • Ulrich Schulze
    März 30, 2012

    Wenn die Kolleginnen und Kollegen von MDR Info (besonders die in den Nachtstunden operierenden) bei Gelegenheit einmal einen Deutschkurs nähmen, wenn sie abrückten von Aufmerksamkeit heischenden Beiträgen, die oft nicht zu Ende recherchiert und meist dazu einseitig sind, wenn sie die Themenvielfalt etwas erhöhten - ja, dann hätte man Verständnis für die Klagen. Nicht die Intendanz ist schuld, wenn das Programm weniger Zuhörer findet, es ist die Leistung der Redaktion, raufwärts wie nach unten.

  • christkind
    Dezember 7, 2012

    Liebe Hörfunk-Kollegen,

    ich würde gern Kontakt zu Euch aufnehmen!
    Bitte meldet Euch: freie-fernsehschaffende@gmx.de.
    Im Internet: http://www.ig-ff.de
    oder auf facebook: IG Freie Fernsehschaffende

    Danke

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