Anmerkungen zum „BILD“-Boykott des Edeka-Marktes Heymer aus Chemnitz

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Selten schlägt eine Presse-Maßnahme aus Chemnitz (!) bundesweit solche Wellen: Der Edeka Markt Heymer aus Chemnitz hat sich dem sogenannten "BILD"-Boykott angeschlossen - nicht ohne Folgen.

Am 21.5.2015 nun schreibt der Supermarkt bei Facebook (hier nachzulesen):

Screenshot von der Facebook-Seite des Chemnitzer Edeka-Marktes.

Screenshot von der Facebook-Seite des Chemnitzer Edeka-Marktes.

"Sehr geehrte Kundschaft, heute Morgen nun erreichte uns die Kündigung des MITTELDEUTSCHEN PRESSEVERTRIEBES! Mit der Begründung, dass wir uns standhaft weigern die BILD Zeitung zur Auslage zu bringen. Gekündigt wurde die Belieferung zum 22.05.2015. Da es ein Gebietsrecht gibt, dürfen wir uns von keinem anderen Grossisten beliefern lassen, das heißt wir dürfen uns ab sofort keine Zeitschriften von einem Pressevertrieb liefern lassen."

Also werde man künftig auf den Verkauf von Presseerzeugnissen verzichten und stattdessen lieber Kinderbücher vertreiben, ist da weiter zu lesen.

Klingt ein wenig nach dem kleinen, gallischen Dorf... Und führt prompt zu einer Sympathiewelle in den sozialen Netzwerken. Über 20.000 "Gefällt mir" hat der Beitrag inzwischen, mehr als 5.500 Personen haben ihn geteilt.

Zur Verbreitung des FB-Eintrages hat sicher auch die lobende Erwähnung bei dem reichweitenstarken Blog schleckysilberstein.de beigetragen, Titel: "Abgestraft wegen Bildboykott – Axel Springer im Krieg gegen den Einzelhandel". Oder der Bericht der "taz": "Springer oder nichts".  Oder der bei "Werben & Verkaufen", Titel dort: "'Bild'-Boykott: Wie sich ein Edeka-Markt mit Springer anlegt".

Einzige Gegenstimme bisher zum Sturm im Wasserglas: kress.de. Der Branchendienst hat am Rande des Forum Lokaljournalismus der BpB Redaktionsvertreter gefragt, wie sie die Geschichte bewerten - und sehr kritische Kommentare zu der Maßnahme des Einzelhändlers erhalten. Titel der Umfrage: "Supermarkt-'Bild'-Boykott bedroht freie Presse: 'Niemand hat das Recht zu zensieren'".

Tatsächlich mag man den "BILD"-Boykott auch noch so sympathisch finden - richtig ist er nicht. Denn das Pressegrosso-System in Deutschland ist nach dem zweiten Weltkrieg bewusst so gestaltet worden, wie es ist – auch als Lehre daraus, welche Rolle Medien bei der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gespielt haben.

Bei Wikipedia ist dazu zu lesen:

"Verfassung und Ausgestaltung des deutschen Pressevertriebssystems basieren auf der Gewährleistung von Pressefreiheit und Pressevielfalt, die Artikel 5 des Grundgesetzes verbürgt. Es soll als neutraler Absatzmittler die Vielfalt, Jederzeit- und Überallerhältlichkeit von Presseerzeugnissen bestmöglich sichern. Die Freiheiten des Artikel 5, heißt es im Medienbericht der Bundesregierung von 2008, 'würden leerlaufen, könnte nicht die gesamte Bandbreite der in- und ausländischen Verlagsproduktion de facto an jedem Ort von jedermann zu erschwinglichen Preisen gelesen werden können'."

So bitter das manchmal sein mag und so schön das ist, dass es Supermarkt-Betreiber mit Haltung gibt: Der Boykott eines einzelnen Presseorgans ist der Demokratie ebenso wenig förderlich wie der ausschließliche Vertrieb von Kinderbüchern.

3 Kommentare
  • Jens V
    Mai 28, 2015

    Danke. Schön geschrieben und die Hintergründe gut dargestellt. Demokratie und Meinungsfreiheit heißt eben auch, dass man andere Meinungen und Ansichten aushalten muss. Ich möchte mir von einem Lebensmittelhändler jedenfalls nicht vorschreiben lassen, was ich lesen darf und was nicht. Die Bild lasse ich lieber selber liegen!

  • Gebinsel
    Mai 28, 2015

    Das wäre zutreffent, wenn der Einzelhandel oder jener Edeka dem Presse-Grosso zuzurechnen wäre, und somit auch an entsprechende Gesetze gebunden. Diese richten sich aber an Grossisten, die eine Monopolstellung einnehmen. Der Edeka hingegen hat kein Monopol, und wenn er die Bild nicht verkaufen möchte, kann sie sich jeder der sie haben möchte, wo anders holen. Da brauch man keine besondere Schutzbestimmungen die jeden Händler verpflichtet alle Presseerzeugnisse anzubieten, denn soetwas regelt ja der frei Wettbewerb \o/ N E O C O N - P A R R R T Y \o/ sry- Die Verpflichtung nach bestmöglicher Versorgung hieße dann für den Grossisten, Alles außer der Bild liefern, anstatt Alles oder Nichts liefern. Den hier mißbraucht er seine Monopolstellung, gegen die jene Schutzbestimmungen auch gedacht sind.
    Aber bin auch nur ein Wikipedia-Jurist ;)

  • Daarin
    Juni 12, 2015

    Ich frage mich dann aber warum ich in meinem LIDL verschiedene Springer-Artikel angeboten bekomme, aber keine TAZ. Ich glaube nichtmal ne FAZ. Geht das nicht gegen die Pressefreiheit, nach Argumentation der Springer-Presse? Was ist mit Läden in denen die BILD vorne an der Kasse ausliegt, richtige Zeitungen aber in einem Nebengang versteckt sind, auch das wäre irgendwo schon nicht ganz Korrekt im Sinne der Pressefreiheit. Von den Bäckern die nur BILD anbieten mal ganz zu schweigen.
    Was mich nervt ist diese Doppelmoral. Wenn man BILD als einziges anbietet ist das alles OK, aber wenn man BILD als einziges nicht anbieten will ist es gleich ein Angriff auf die Pressefreiheit. Darunter macht es Axel Springer ja seit dem LSR auch gar nicht mehr.

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