eo-TV-Gründer: „Wir zeigen alles in deutscher Sprachfassung.“

Bereits im Januar 2018 hat sich eo TV – European Originals als neuer, bundesweit ausstrahlender TV-Sender in Leipzig niedergelassen. Der Sender strahlt ausschließlich Serien und Filme aus ganz Europa aus - synchronisiert in deutscher Sprache, wenn sie nicht aus Deutschland stammen.

Das Programm wird über Satellit, DVB T2, diverse Kabelnetze sowie eine ganze Reihe Online-Verbreitungswege ausgestrahlt und hat (nach Senderangaben) schon heute eine technische Reichweite von 36,5 Mio. deutschsprachigen Haushalten - darüber hinaus ist der Sender auch in der Schweiz und in Österreich empfangbar.

Aber was sind die Beweggründe, heutzutage noch ein lineares TV-Programm zu gründen? Und warum startet das Programm vom Medienstandort Leipzig aus? FLURFUNK hat die beiden Gründern Jürgen Hörner und Matthias Peipp zum Interview getroffen.

"Ein flächendeckender kommerzieller TV-Sender, der sich in Leipzig niederlässt - das gibt es ja bislang noch nicht."

FLURFUNK: Warum gründet man in diesen Zeiten überhaupt noch einen Fernsehsender?

Jürgen Hörner

Jürgen Hörner: In Deutschland ist im internationalen Vergleich die Digitalisierung im TV-Markt im Grunde sehr hinterher. In Deutschland sind es meist um die 80 Sender, die genutzt werden. Bei unseren Nachbarn dagegen oft zwischen 120 bis 140 Sender, die zur Auswahl stehen. Wir stehen so gesehen eher am Beginn einer Vielfalt, die auch auf den klassischen TV-Verbreitungswegen nach und nach ihr Plätzchen finden wird. Wir sind mit der Neugründung ja auch nicht allein: Außer uns gab es in letzten Jahren mehrere Sendergründungen außerhalb der großen Konzerne. Und die Konzerne haben ebenfalls Ableger gegründet. Deutschland ist noch gar nicht in dem Bereich angekommen, wo es auch wirklich sehr „nischig“ oder „spartig“ wird. Stichwort Amerika: Da gibt es zum Beispiel einen Fliegenfischen-Channel.

FLURFUNK: Was ist ihr persönlicher Hintergrund, so einen Fernsehsender zu gründen?
Hörner: Ich war 20 Jahre bei ProSiebenSat.1 und habe dort Sender gemanagt und etwa bei Kabel 1 und Pro7 den Digitalisierungsprozess mit angestoßen. Außerdem habe ich die Neugründung von Sixx, ProSieben Maxx und Sat.1 Gold begleitet.

Matthias Peipp

Matthias Peipp: Ich bin über den Journalismus sehr frühzeitig zu ProSieben gekommen. Das war Ende ’89. Unter Georg Kofler habe ich ProSieben mit aufgebaut und habe dann über meine Selbständigkeit als Unternehmensberater bei der Kirch-Insolvenz 2002 die Hypovereinsbank beraten. Ich habe mich in den letzten 30 Jahren in sehr unterschiedlichen Feldern bewegt, aber es hat immer zwischen Film und Fernsehen oszilliert. Als Jürgen Hörner im Frühjahr 2015 auf mich zugekommen ist und das Konzept vorgestellt hat, war ich schnell angezündet. Das Konzept war klar und überzeugend in seiner Ausrichtung als Unterhaltungssender, wirtschaftlich stark im Hinblick auf die günstige Programmbeschaffungssituation und es hat auch eine positiv besetzte politische Ausrichtung mit Europa als thematische Dimension.

"Leipzig fühlt sich mittiger an als etwa München."

FLURFUNK: München, Hamburg, Berlin, vielleicht noch Köln sind bekannte Medienstandorte – aber warum gerade Standort Leipzig?
Peipp: Ich bin in Plauen geboren und habe zu Sachsen eine sehr hohe Affinität. Es gab außerdem einen politischen Kontakt: Ich habe vor ungefähr fünf Jahren für die Sächsische Staatskanzlei einen Workshop für Filmfinanzierung gemacht. Das war vor dem Hintergrund, dass der MDR Bürgschaften für die hiesige regionale Produzentenlandschaft in Anspruch genommen hat und wir mit den hiesigen Banken eine Lösung entwickelt haben – seit damals bestehen gute Kontakte. Dann habe ich unser Projekt im Sommer 2015 in der Staatskanzlei vorgestellt und die fanden das sehr gut. Zum einen, weil wir ein flächendeckender kommerzieller TV-Sender sind, der sich hier niederlässt - das gibt es ja bislang noch nicht. Der zweite Aspekt ist, dass sich um eoTV einige zusätzliche Geschäftsmodelle entwickeln werden, was die hiesige Medienwirtschaft weiter ankurbeln wird.
Hörner: Uns beide verbindet die Leidenschaft für Film und bewegte Bilder. In meiner Jugend waren im Kino europäische und amerikanische Filme gleichberechtigt. Und ich war immer ein riesiger Fan von italienischen oder französischen Regisseuren. Nach meiner Zeit bei Pro7 mit dem ganzen US-Programm macht es unheimlich Spaß, sich jetzt mit europäischen Content zu beschäftigen. Als werbefinanzierter Sender haben wir unseren wirtschaftlichen Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum, aber auch in Perspektive zu den Visegrád-Staaten. Wir haben auch schon den einen oder anderen tschechischen Film gezeigt – und da fühlt sich Leipzig dann auch mittiger an als etwa München.

FLURFUNK: Wie stelle ich mir das vor, wenn ich einen Fernsehsender gründe? Was macht man da als erstes? Man hat da ja noch keine Werbepartner, oder? Man braucht Geld, man muss Programme einkaufen…
Peipp: Zuerst braucht man ein gutes Business Model, das Akzeptanz im Markt findet.
Hörner: Wir sind als Gesellschafter außerhalb eines großen Medienkonzerns grundfinanziert. Deswegen haben wir uns für einen zweistufigen Weg entschieden. Wir haben angefangen mit einem Primetime-Window, also nur von 20 Uhr bis 1 Uhr, bei einem bestehenden Sender, der nur Kinderprogramm hatte. Auf diese Weise haben wir das Sendekonzept getestet. Als das gut angenommen wurde, haben wir im März 2017 bei der SLM die Sendelizenz für das 24-Stunden-Signal beantragt. Das heißt also, wir bauen das Projekt stufenweise auf - auch im Hinblick auf die Verbreitungswege. Wir haben mit dem 24-Stunden-Signal auf Satellit angefangen. Dann kamen die nächsten Kabelgesellschaften Unitymedia, Vodafone. Jetzt ganz aktuell: T-Entertain. Dann kommt noch irgendwann Pyür, also Nachfolgegesellschaft auf Tele Columbus und Primacom. 
Von Tag eins an ist Werbung gelaufen und inzwischen machen wir die Vermarktung selbst. Wir haben ein eigenes Salesteam. Zusätzlich haben wir außer den TV-Werbeinseln auch ein digitales Portfolio. Es gibt eine App und es gibt Mobilewerbung. Last but not least sind wir auf allen möglichen Streamingdiensten. Es ist nicht so, dass man sehr lange warten muss, bis man Werbepartner bekommt. Das geht bei einem überzeugenden Geschäftsmodell relativ rasch. Aber es ist auch klar, dass dies auch harte Aufbauarbeit bedeutet.

FLURFUNK: Wie groß ist denn so eine Investition und auf welchen Zeitraum plant man da?
Hörner: Durch die Digitalisierung reden wir über ganz andere Größen als noch vor 10 oder 15 Jahren, als die analogen Frequenzen wahnsinnig teuer waren. Es ist zwar heute auch nicht ganz günstig, aber im Vergleich zu den analogen Zeiten hat sich doch alles sehr geändert. Das macht aber auch viele Senderstarts heute wirtschaftlich möglich.
Peipp: Man brauchst auch viel weniger Leute als früher. Als ich angefangen habe, das war so Anfang der 90er, hat man für den Sendebetrieb vielleicht 150 Leute gebraucht, wenn das überhaupt gereicht hat. Heute kann man das vielleicht mit 10 Leuten machen.

FLURFUNK: Wieviel Leute sind jetzt bei eo-TV beschäftigt – und ist Leipzig der einzige Standort?
Hörner: Stand heute ist, dass in Leipzig der Hauptstandort ist. Dort bauen wir die Produktions- und Lokalisierungs-, also die Synchroaktivitäten auf. In München sitzt das Salesoffice.

"Dafür bauen wir Produktionsaktivitäten in Leipzig oder vielleicht auch Dresden auf."

FLURFUNK: Was sind Synchroaktivitäten?
Hörner: Wir zeigen alles in deutscher Sprachfassung. Das ist eine der Grundvoraussetzungen beim werbefinanzierten Fernsehen. Später wird man dann, beispielsweise in der Mediathek, auswählen können, ob man das Programm fremdsprachig oder deutsch sehen möchte. Die Lokalisierung unseres Senders ist eines unserer Grundprinzipien. Dafür bauen wir Produktionsaktivitäten in Leipzig oder vielleicht auch Dresden auf. Diese Produktionsaktivitäten umfassen dann nach und nach auch Magazine und Reportagen.
Peipp: Ich glaube, Synchronisation ist einer der wirklich wichtigen Wachstumsmärkte im Umfeld eines Senders, da die nächsten Jahren über die Streaming-Dienste nach Deutschland sehr viel an zusätzlichen Programmen kommen wird, so dass Sachsen ein spannender Standort werden könnte. Der Synchronisationsmarkt hat ungefähr ein Gesamtvolumen von 160 bis 180 Millionen Euro im Jahr. Wenn wir es schaffen innerhalb der nächsten fünf bis sechs Jahre ungefähr 4 bis 5 Millionen Umsatz zu generieren, dann glaube ich, ist das ganz gut.

FLURFUNK: Synchronisation: Dann gibt ja wahrscheinlich noch freie Unternehmen, die das bei liefern können. Sind noch andere Zusatzgeschäfte geplant?
Hörner: Was noch entstehen kann: Wir haben zum heutigen Stand schon 21 Millionen Zuschauer, die eo-TV schon einmal eingeschaltet haben. Wir haben eine professionelle Werbezeiten-Vermarktung mit gängigem Buchungssystem, wie sie eigentlich von der Größe her sonst nur Tele 5, RTL2 und Sky haben. Wir sind natürlich als Werbepartner in der Lage, alle möglichen visuelle Werbekonzepte umzusetzen. Dies machen wir teilweise bereits für unsere Bestands-Kunden und es könnte sein, dass wir in diesem Segment auch noch weitere Dienstleistungen anbieten können für lokale Player, die eben auch Bewegbild-Werbung interessant finden. Auch da ist der Markt wesentlich breiter geworden. Im Digitalzeitalter gibt es relativ überschaubare Produktionskosten für einen sehr ordentlichen TV-Spot. Da bieten wir lokalen Werbetreibenden und der Industrie natürlich auch an, sie in der Konzeption und in der Produktion zu unterstützen.

"Wir haben mit Arte überhaupt keine Berührungsängste."

FLURFUNK: Sind auch Eigenproduktionen geplant? Und was?
Hörner: Ja, ab dem nächsten Jahr. Das werden die Magazin- und Reportage-Beiträge sein. Das heißt jetzt nicht, dass wir ein wöchentliches News-Magazin an den Start bringen wollen. Es wird eher einen Doku-Charakter haben. Manches wird dann vielleicht auch industrie- und werbefinanziert sein. Fiction-Co-Produktionen sind aber auch durchaus mit auf der Agenda.

FLURFUNK: Ist Arte ein Wettbewerber auf öffentlich-rechtlicher Ebene oder ist das zu weit gedacht?
Hörner: Das ist ein Reflex, wenn man europäischer Film hört. Aber wir haben mit Arte überhaupt keine Berührungsängste. Ganz im Gegenteil: Die Öffentlich-Rechtlichen zeigen auf den wenigen freien Sendeplätzen, die sie anbieten, dass europäische Programme sehr erfolgreich laufen können.

FLURFUNK: Warum haben Sie eigentlich keinen Streamingdienst gegründet?
Hörner: Wir sehen Netflix und Amazon eher als komplementäre Partner. Netflix muss jetzt zum Beispiel Quoten im Hinblick auf EU-Programme erfüllen. Das ist für uns perfekt: So kommt vieles schon synchronisiert in den Markt und wir können uns auf die TV-Auswertung konzentrieren. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass wir so vermessen sein sollten, mit Amazon oder Netflix zu konkurrieren.

FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview.

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