Anja Besand: „Die politische Bildung ist keine Feuerwehr“

Hat die politische Bildung versagt? Und was kann sie in der aktuellen Situation besser machen? Anja Besand, Professorin an der TU Dresden, fordert mehr innovative Formate – und Bildung mit Haltung.

Der vorliegende Text ist zuerst erschienen in FUNKTURM 8: #infokrieg - Angriff auf die Medien (ET: 2.10.2018).

FUNKTURM: Frau Besand, stecken wir in einer gesellschaftlichen Krise?

Prof. Dr. Anja Besand ist Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der Technischen Universität Dresden. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören fachdidaktische Kulturforschung, Medienforschung sowie die Auseinandersetzung mit Inklusion in der politischen Bildung. Foto: Benjamin Jenak

Anja Besand: Das kann man von zwei Seiten betrachten. Auf der einen Seite könnte man sagen: „Wieso? Es ist doch alles schön lebendig gerade. So politisch war es noch nie und wirtschaftlich geht es uns gut.“ Aber ich sage: Ja, wir stecken wirklich in einer politischen und demokratischen Krise. Die Regierungskrise um Seehofer und Merkel etwa war ein gutes Beispiel dafür.

FT: Woran kann man die Krise festmachen?
Besand: Wir haben echte Verluste bei der politischen Kultur. Die Dramatik, mit der gestritten wird, ist kein Gewinn. Das sieht man an verschiedenen Dingen: Wir verhandeln plötzlich über Menschenrechte in einem Maß, dass es einem schaudert. Es verschieben sich Diskursgrenzen – und zwar systematisch und nicht zum Guten. Häufig passiert das unter dem Deckmantel: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“ und: „Zu viel Political Correctness wollen wir eh nicht“. Wir diskutieren aber etwa über, welche "Verbrechen" die Lebensretter der Lifeline begangen haben sollen, über „Transitzentren“ und nationale Alleingänge. Das finde ich verstörend.

FT: Ist eine Ursache für diese Krise die mangelnde politische Bildung der Bürger?
Besand: Vielleicht hätte politische Bildung helfen können – in der Vergangenheit. Aber man darf die politische Bildung auch nicht zur Feuerwehr machen, denn ihr Einfluss ist begrenzt. Solange Politiker von einer konservativen Revolution schwadronieren und Begriffe wie „Asyltourismus“ nutzen, wird politische Bildung nichts ausrichten können. Aber wenn wir den zivilen Austausch von Meinungen fördern wollen – was bleibt uns dann anderes, als das in der politischen Bildung einzuüben?

FT: Wie kann man sich das vorstellen?
Besand: Viele Menschen erzählen, dass sie nicht zurechtkommen. Dass sie nicht wissen, wie sie mit den aufgeworfenen Konflikten umgehen sollen. Dass sie sich eine „starke Hand“ wünschen. Da sieht man, dass es bestimmte demokratische Verfahren gibt, die noch nicht angekommen sind.

FT: FT: Was meinen Sie genau?
Besand: Die Menschen leiden zum Beispiel darunter, dass „Politik nicht liefert“ oder dass „Politik zu langsam“ ist. Und sie kommen nicht damit zurecht, dass sich die Probleme, die wir haben, nationalstaatlich gar nicht mehr lösen lassen – und wir deshalb beispielsweise auf diese unendlich langsame EU vertrauen müssen.

FT: Sind die Landeszentralen für politische Bildung zu schwach aufgestellt? Hätten die im Vorfeld mehr tun können?
Besand: Die Landeszentralen sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Es gibt Bundesländer wie Baden-Württemberg mit einer Landeszentrale, die rund 110 Angestellte, eigene Tagungsstätten und Niederlassungen in mehreren Städten hat. Die Außenstelle Freiburg beispielsweise zeigt wahrscheinlich die innovativste politische Bildung, die es derzeit gibt. Dann gibt es andere Landeszentralen, die als Ein-Mann-Betriebe funktionieren.

FT: FT: Was meinen Sie mit Innovation? Was ist innovative politische Bildung?
Besand: Die Freiburger Außenstelle zum Beispiel hat ein Format mit dem Namen „Demokratische Bodenberührungsaktion“. Unter dieser Überschrift haben die zum Beispiel versucht, zum Jahrestag des Abschlusses der Römische Verträge Kontrollen an der Grenze zu Frankreich durchzuführen. Also die Grenzen symbolisch zu schließen. Statt Kontrollen bekamen die Menschen Infomaterial, um damit spürbar zu machen was es eigentlich heißt, im Schengenraum zu leben. Das finde ich eine witzige Aktion. Zum Jahrestag des Ersten Weltkrieges haben die auch schon mal Menschen mit blutigen T-Shirts durch die Innenstadt laufen lassen. Da gab es große Diskussionen, ob das noch politische Bildung ist. Es ist also möglich, aufsuchende Formate zu gestalten. Formate, die andere Zielgruppen erreichen. Die nicht darauf warten, dass die Menschen in die Zentralen kommen. Aktionen, die auch mal weh tun und Debatten generieren.

FT: Wo grenzt sich da die „klassische“ politische Bildung ab?
Besand: Zunächst: Politische Bildung ist in Deutschland aus historischen Gründen institutionell gut entwickelt. In den 50er und in den 90er Jahren haben wir entschieden, dass wir dafür Geld ausgeben und politische Bildung ernst nehmen. Der Anspruch an diese Bildung war immer, alle erreichen zu wollen.

FT: Aber das funktioniert nur begrenzt!
Besand: Ja das stimmt leider. In der politischen Bildung haben wir lange Zeit auch selbst geglaubt, dass Politik eine anstrengende und komplizierte Sache ist, die man nur in akademischen Formaten vermitteln kann. Wir haben dabei oft vergessen, Kommunikationswege zu finden, die unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.

FT: Wo sollte man denn da anfangen?
Besand: Vielleicht muss man sich auch von dem Begriff „politische Bildung“ einmal lösen und ansehen, wie Menschen sich politische informieren und sich eine Meinung bilden – denn das passiert ja auch außerhalb von Bildungsformaten. Russia Today zum Beispiel erreicht gerade viele Menschen.

FT: Aber das ist boulevardesk, oft überspitzt und nicht immer unbedingt die Wahrheit. Das ist quasi wie die BILD vor 20 Jahren…
Besand: Ja, und das ist ein großes Problem. Trotzdem kann man von diesem Ausgangspunkt aus sehen, dass Menschen durchaus bereit sind, sich auch ausdauernd mit politischen Fragen und Problemen zu beschäftigen. Diese Menschen lesen seitenlange Artikel, die den Bedürfnissen ihrer Weltanschauung entsprechen. Die aber eben ihre Verschwörungstheorien eher unterstreichen als negieren. Was ich damit sagen will ist: Es liegt nicht am fehlenden Interesse dieser Menschen, sondern an Zugangswegen. Diese Zugangswege muss man erst mal finden, dann kann man auch bessere und ausgewogenere Informationen anbieten.

FT: FT: Es bietet aber keiner an? Oder zu wenig?
Besand: Wir haben uns zu spät auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen eingelassen. Wir haben auch keine Wege zu ihnen gesucht. Nehmen wir das Format „Podcast“. Das ist ein langes, meist einstündiges Format, das gegenwärtig sehr populär ist. Aber die politische Bildung hat das noch kaum für sich entdeckt. Am Boom der Podcastszene kann man sehen: Es gibt auch ein Interesse an guter Information. An Einordnung. Das muss allerdings getragen werden von Menschen, denen ich individuell vertraue. Kurz gesagt: Wir müssen die Wege zu den Gruppen finden. Wir müssen die sein, denen vertraut wird. Oder wir müssen Menschen finden, denen vertraut wird und mit diesen Menschen zusammenarbeiten.

FT: Brauchen wir eine bessere politische Bildung und mehr Medienkompetenz?
Besand: Ohne die politische Bildung zur Feuerwehr machen zu wollen: Wir sind schon eine der wenigen Interventionsstellen, die von Anfang an eine gute Aufklärung leisten könnten. Sicher ist das auch irgendwann nicht mehr nachzuholen, besonders wenn wir es mit verfestigten Deutungsmustern zu tun haben. Aber politische Bildung von Anfang an, also auch vor dem elften Lebensjahr, könnte schon geholfen haben. Hätten wir das in den letzten 20 Jahren ernster genommen: Wer weiß, wie es dann jetzt aussehen würde?

FT: Aber ist es nicht teilweise schon zu spät, verfestigte Denkmuster aufzubrechen.
Besand: Nicht unbedingt. Diese verfestigten Ansichten werden oft auch mit einem echten Interesse an einem Gegenargument angebracht. Man kann viele Menschen mit Argumenten erreichen.

FT: Was sind Ihre Empfehlungen an die Akteure der politischen Bildung?
Besand: Der Beutelsbacher Konsens gilt. Aber das heißt nicht, dass wir zu irgendeiner Art politischer Neutralität verpflichtet sind. Das sind wir nicht. Wir sind verpflichtet, Kontroversen zum Mittelpunkt unserer politischen Anstrengungen zu machen. Es gibt durchaus ein normatives Fundament politischer Bildung. Das kann man mit dem Grundgesetz fassen, das kann man aber auch durch Menschenrechte fassen. Wenn wir uns als Akteure verstehen, die auf dem Boden der Verfassung und als Anwälte menschenrechtlichen Handelns auftreten, dann heißt das, dass wir eine politische Bildung mit Haltung machen. Und dass wir, wo immer wir eine Gefährdung dieser Rechte sehen, laut werden.

FT: Aber das werden sich viele sicher nicht trauen.
Besand: Aber das ist unser Job. Das ist der Job derjenigen, die politische Bildung machen.

Hinweis der Redaktion: Infos zum Beutelsbacher Konsens sind bei Wikipedia zu finden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in FUNKTURM Nr. 8, ET 2.10.2018.

Weitere Themen in der Ausgabe FT8 (mehr zum Heft hier):

  • Zwischen den Extremen – Bürgerinnen und Bürger suchen nach Haltungen und Antworten
  • Was bringen Faktenchecks gegen Lügen im Netz?
  • Szenario: Was passiert, wenn Rechtspopulisten regieren?
  • Kultur des Hinterfragens – Empfehlungen zur politischen Diskussion

FUNKTURM Nr. 9 thematisiert die Zukunft der sozialen Netzwerke.

FUNKTURM Nr. 10 befasst sich mit dem Thema Wahlkampf. Erscheinungstermin ist der 30.5.2019. Hier geht's zum Shop.

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