Make a Psychotherapy not a Conspiracy Theory

Von 1 ,

Eine Kolumne von Stephan Zwerenz.

Die große Frage, die viele zur Zeit beschäftigt, ist: Was machen die Leute eigentlich mit einem ganzen Schrank voller Klopapier? Was sind das für Menschen, die zum Beispiel Pudding hamstern, der palettenweise gekauft, bereits nach wenigen Wochen sein Verfallsdatum erreicht?

Viele fragen sich aber auch: Ist es vielleicht nicht doch sinnvoll selbst Hamsterkäufe zu tätigen? Schließlich hat selbst das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nochmals darauf hingewiesen, die eigene Grundversorgung für mindestens zehn Tage sicherzustellen.

Doch müssen wir jetzt deshalb in Panik verfallen? Sinnvoller wäre es vielleicht zu fragen: Werden wir infolge der Corona-Krise alle paranoid?

Im Supermarkt

Durch die Isolation werden die Menschen merkwürdig. Im Supermarkt zucken die Leute zusammen, wenn man sie bloß ansieht. Ein kurzes Räuspern ist Grund genug, um böse Blicke zu ernten. Ist man vielleicht schon infiziert? Bilder aus dem Kollektiven Gedächtnis tauchen auf. Zombiefilme haben uns auf diese Situation vorbereitet, doch nun speisen sie unsere Angst.

Lieber einen großen Bogen um die Menschen machen, wachsam sein und nachher schön die Hände waschen, am besten noch den Mund mit antibakteriellem Mundwasser ausspülen, um ganz sicher zu gehen. Schon durch das ständige Händewaschen wird man ja ganz automatisch zum Zwangsneurotiker. In den eigenen vier Wänden ist man vermeintlich sicher. Isolation ist nicht nur notwendig, sondern beruhigt auch die Nerven.

Im Internet

Die Stunde der Prepper hat geschlagen, die sich teilweise schon jetzt als die Sieger der Pandemie inszenieren. Bis vor kurzem noch verlacht als paranoide Spinner, heute gefeiert als weitsichtige Helden? Das ist zumindest ein Bild, das in diversen Prepper-Foren vorherrschend ist, erzeugt durch die mantraartige Wiederholung der Worte: „Wir haben es euch ja gesagt!“

Doch wir müssen realistisch bleiben: Der Mythos dieser Tage stellt den Prepper in den Mittelpunkt einer globalen Erzählung, die vom Kampf der Menschheit um die letzten Rollen Klopapier handelt. Aus diesem Kampf geht der Prepper natürlich als Sieger hervor, der – wenn er es denn ernst meint – auch dazu bereit sein muss, in der Not seinen besten Freund als Feind zu betrachten, wie es in manchen Foren heißt. Das ist nicht nur paranoid und egoistisch, sondern in erster Linie menschenverachtend.

Das Verhalten mancher Mitbürger kann man sich, wenn von ihnen vielleicht nicht bewusst gedacht, durchaus mit einer derartigen Einstellung erklären.

Die Versorgungslage ist zum Glück stabil, was allem Anschein nach auch eine ganze Weile so bleiben wird. Es ist im Grunde nicht nötig, sich Vorräte für die nächsten Monate anzulegen. Wir dürfen uns jetzt nicht von dem Wahnsinn einer hysterischen Minderheit anstecken lassen, denn erst dann kommt es zu Versorgungsengpässen. Ruhe ist geboten und gesunder Menschenverstand.

In der Vorratskammer

Das Anlegen von Vorräten ist keine Erfindung der Prepperbewegung, sondern vielmehr so etwas wie ein Urinstinkt des Menschen. Eine Überlebensstrategie, die angesichts von historisch regelmäßig stattfindenden Katastrophen seine Daseinsberechtigung hat.

Seuchen, Dürreperioden und Kriege hat es zu allen Zeiten gegeben. Dass man für den Ernstfall gerüstet sein muss, vermittelt uns bereits die Fabel des Äsop „Die Ameise und die Heuschrecke“ aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., in der die Ameise fleißig ihre Vorräte anlegt, während die Heuschrecke lieber den ganzen Sommer fröhlich auf ihrer Fidel spielt und deswegen im Winter Hunger leiden muss.

Doch die derzeitige Situation darf nicht dazu führen, dass man Paranoikern plötzlich Glauben schenkt, nur weil ein indirekt herbeigewünschtes Krisenszenario tatsächlich eingetroffen ist.

Die Prepperszene ist natürlich vielschichtig. Man sollte dabei stets unterscheiden, auf welche Bedrohungen sich die jeweiligen Gruppen vorbereiten. Das kann neben natürlichen Katastrophen eben auch der selbst ausgelöste Umsturz am Tag X sein, auf den sich etwa das Terrornetzwerk „Hannibal“ vorbereitet.

Das Bedrohungsszenario durch Viren erscheint eher abstrakt und erzeugt eine diffuse Angst, kann aber durch ganz einfache Vorsichtsmaßnahmen eingedämmt werden. Dagegen hilft weder eine Waffensammlung oder Nahkampfausbildung, noch das Horten von Nazidevotionalien. Und gerade diese Aspekte sind stets die entscheidenden gewesen, die dazu geführt haben, dass viele Preppergruppen immer wieder kritisiert wurden. Entscheidend war jedenfalls nicht der Umstand, dass sie Lebensmittel anhäuften.

Der Verfassungsschutz warnte nun sogar davor, dass rechte Prepper-Gruppen die Corona-Krise ausnutzen könnten, um durch Terroranschläge und Verbreitung von Desinformationen „bürgerkriegsähnliche Zustände“ hervorzurufen.

Besonders besorgniserregend an den rechten Netzwerken sei dabei die Überschneidung von Preppern, Soldaten und Polizisten.

In der Isolation

Die Corona-Krise gibt vielen Menschen zu Recht Grund zur Verunsicherung. Die soziale Isolation und die dazukommende Krisensituation befördert psychische und körperliche Erkrankungen, vor allem bei denen, die ohnehin schon allein leben. Depressionen, Angstzustände, Zwangsneurosen und Paranoia können sich verstärken. Psychisch gefährdete Menschen bedürfen also ebenfalls Unterstützung, auch wenn diese zur Zeit nur über Telekommunikationsmittel möglich ist.

Hinzu kommen diverse Falschinformationen aus dem Internet, die viele Menschen verwirren. Vor allem Verschwörungstheorien, die mit dem Virus zu tun haben, erleben zur Zeit einen regelrechten Boom und beeinflussen auch seriöse Nachrichtenkanäle. Man findet alles von Panikmache bis zu völliger Verharmlosung. Grund für die Krise seien demnach natürlich geheime Mächte, die in irgendeiner Weise von der Pandemie profitieren.

Im Youtube-Format Strg_F des Norddeutschen Rundfunks wurden einige krude Theorien zusammengestellt und bewertet. Was dabei auffällt, ist, dass man nicht verrückt sein muss, um sich verrückt machen zu lassen. Gerade durch fehlende soziale Kontakte kann man das Gefühl für die Außenwelt schnell verlieren.

Ähnliche Phänomene kennen wir auch aus Sekten und Religionsgemeinschaften, in denen die Isolation mitunter eingesetzt wird, um „zum wahren Glauben“ zurückzufinden. Was einerseits zu einer Selbstfindung führen, andererseits aber auch in fanatische Weltvorstellungen münden kann.

In der Philosophie

Gerade in Krisenzeiten verbeißen sich Menschen gerne in Anschauungen, die ihnen Orientierung geben, um der Sinnlosigkeit des Lebens zu trotzen. Albert Camus stellt dieses Gefühl in seinem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ unter den Begriff des „Absurden“.

Nach Camus changiert der Mensch stets zwischen der Suche nach Sinnhaftigkeit im Leben und der Unfähigkeit, irgendeine Bedeutung darin zu finden. Aufgrund dieser Unfähigkeit neigt der Mensch dazu, sich irrationalen Überlegungen hinzugeben. Camusʼ Lösung lautet daher, sich dem Absurden zu stellen und sein Dasein zu akzeptieren. Das heißt aber nicht, dass man aufhören sollte, sich damit zu beschäftigen, denn „[d]as Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.“

Camus, der lange Zeit an Depressionen litt und auch während des Zweiten Weltkriegs Isolationserfahrungen machen musste, die er in dem Roman „Die Pest“ verarbeitete, gelangte schließlich zu der Einsicht, dass das Einzige, was den Menschen in einer globalen Krise helfen kann, die Solidarität zu anderen ist.

Die Rückbesinnung auf sich selbst, auf Werte wie Liebe und Menschlichkeit sind daher nicht nur eine Möglichkeit, sondern unverzichtbares Mittel, um mit dem drohenden Unheil fertig zu werden. Die Corona-Pandemie stellt sich dementsprechend nicht nur als Katastrophe dar, sondern auch als eine Chance, um zu einem verloren geglaubten Humanismus zurückzukehren und Reformbewegungen in der Gesellschaft anzustoßen.

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1 Kommentar
  • Heinz Kulb
    April 16, 2020

    Lieber Stephan,
    schöner Text, gut geschrieben und, Du wirst es nicht glauben, ich gehe zu 99% mit Dir mit. Spaß beiseite.
    Dei letzter Satz, die Quintessenz sozusagen: "Die Corona-Pandemie stellt sich dementsprechend nicht nur als Katastrophe dar, sondern auch als eine Chance, um zu einem verloren geglaubten Humanismus zurückzukehren und Reformbewegungen in der Gesellschaft anzustoßen." stößt mich zu Grübeln an, was er sicher auch soll. Dass es in unserer Gesellschaft nicht mehr so weiter gehen soll und darf, sagte mir mein Bauchgefühl schon seit längerem. Reformen liegen in der Luft und lange Verdecktes bahnt sich nun den Weg an die Oberfläche, wie die lange unter der Decke gehaltenen sozialen Zerwürfnisse. Auf einmal sind nicht mehr die "Leistungsträger" der Marktwirtschaftsliberalen das Maß aller Dinge. In dieser Krise, die erstmals dem gesamte System die Maske vom Gesicht reißt, zeigt sich, worauf es ankommt. Das sage ich auch zu den Grünen. Dabei bin ich kein Linker.
    Was den Humanismus betrifft, so gab es ihn in der Reinform noch nie und in keinem politischen Lager. Das hängt mit unserem Wesen als Mensch zusammen.
    Danke für Deine Anstöße.

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