Politische Bildung in der TV-Unterhaltung? Es ist kompliziert

Lassen sich TV-Unterhaltung und politische Bildung verbinden? Anfang Mai habe ich mich für ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) mit der Frage befasst, was dafür die Rahmenbedingungen sind oder wären.

Daraus sind vier Thesen entstanden, die ich hier gern zu Diskussion stelle und etwas ausführen will.

Gleich vorweg der Hinweis: Meine Thesen sind alle eher negativ - mein Arbeitstitel für mich war: "Wir sind ganz schön am A....". Wobei: Grundsätzlich begrüße ich den Ansatz sehr, wenn politische Bildung und Unterhaltung verbunden werden. Aber ich mache mir im Moment zunehmend Sorgen, ob das noch was hilft.

Meine Thesen, zu denen ich im Anschluss jeweils einige Ausführungen liefere:

  1. Die Medienlandschaft ist (nach wie vor) massiv im Umbruch. Wir fahren auf Sicht. 
  2. Das lineare TV ist (im Grunde) tot - mindestens für die politische Bildung.
  3. Die Demokratie hat Probleme. Erhebliche!
  4. Die Menschen sind genervt. Und haben Angst. Und wollen ihre Ruhe. 

1. Die Medienlandschaft ist (nach wie vor) massiv im Umbruch.

Die Transformation der Medienbranche durch die Digitalisierung ist schon lange Thema hier im Blog. Fakt ist: Es ist aktuell völlig offen, wie und wohin sich die Medienbranche entwickelt.

Am Beispiel Fernseh- und inzwischen auch Online-Video-Markt sind einige Fragen im Raum, auf die es noch lange keine Antworten gibt: Werden etwa die großen sozialen Netzwerke die nationalen Rundfunkanstalten verdrängen? Oder entsteht gerade ein neues, völlig undurchschaubares Ökosystem, in dem die Marktteilnehmer ständig wechseln?

Diese und andere Fragen hat sich eine Studie des Beratungsunternehmens Deloitte vorgeknöpft (deloitte.com: "Zukunftsszenarien für die TV- und Video-Branche 2030"). Fazit: Wir wissen es nicht. Oder, in Studien-Sprache formuliert:

"Die sich schnell ändernde Marktlandschaft und die fortschreitende Diversifizierung macht langfristige Zukunftsprognosen schwierig."

Fragmentierung der Öffentlichkeit schreitet voran

Aus der Perspektive, wie politischer Bildung im TV-Unterhaltungsbereich reüssieren kann, kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Schon heute gibt es über 400 Fernsehprogramme in Deutschland. Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Konsumentinnen und Konsumenten ist hart – die eher trockene Materie "politische Bildung" hat es da extra schwer (gerade mit dem Beutelsbacher Konsens im Nacken).

Dazu kommen noch das Phänomen Dark Social, das die öffentliche Debatte zunehmend undurchsichtig macht. Damit ist die Kommunikation in geschlossenen Gruppen wie etwa bei Telegram oder Signal gemeint, die von außen nicht mehr einsehbar ist. Das macht es den Absendern von Botschaften immer schwieriger, auf einfachem Wege ein großes Publikum zu erreichen (mehr über Dark Social verrät Dirk von Gehlen von Süddeutsche.de hier).

Schließlich verstärken die Strukturen der unterschiedlichen sozialen Netzwerke und Plattformen die Fragmentierung der Öffentlichkeit eher noch weiter, anstatt Klarheit zu schaffen.

2. Das lineare TV ist (im Grunde) tot - zumindest für die politische Bildung.

Jaja, schon klar, nach wie vor bringen Mediennutzungsstudien das Ergebnis, dass Bewegtbild das wichtigste Medium überhaupt ist. So auch die repräsentative Langzeitstudie ARD/ZDF-Massenkommunikation 2020:

„Die lineare Fernsehnutzung ist insgesamt die wichtigste Rezeptionsform medialen Bewegtbildes – bei großen Unterschieden zwischen den Altersgruppen.“

Unterschiede in den Altersgruppen? Oh ja, gewaltige. Zitat:

„Die treuesten und intensivsten Fernsehnutzer sind nach wie vor die ab 70-Jährigen: 90 Prozent schauen sich pro Tag das lineare Programm der Fernsehsender an.“

Aber:

„Knapp zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen nutzen täglich Filme und Videos im Internet.“

Heißt also: Die Zeiten, als das Fernsehgerät das große Lagerfeuer der Nation war, sind inzwischen lange vorbei. Angebote wie YouTube, Instagram, Schnapchat, TikTok, Twitch und andere gehören heute für viele, vor allem junge Menschen zum Medienalltag.

Das klassische Fernsehen und sein Unterhaltungsprogramm spielen hier aber kaum noch bis gar keine Rolle mehr.

Das große Lagerfeuer der Nation glimmt nur noch

Das wissen natürlich auch die Managements der großen TV-Sender. Dort hat sich längst rumgesprochen, dass das analoge Fernsehprogramm aktuell und in absehbarer Zukunft nur noch durch Unterhaltung (inkl. Sport) und Live-Berichterstattung (etwa bei besonderen Ereignissen) punkten kann.

Fazit meiner ersten beiden Thesen: Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger ist gewaltig und – besonders für die meist eher nüchterne und ernste und komplexe politische Bildung – nur noch schwer bis gar nicht zu gewinnen.

Für die politische Bildung heißt das: Im klassischen TV kann sie keinen Blumentopf mehr gewinnen. Und im Online-Dschungel hat sie es mit extremen Wettbewerb zu tun.

Wobei mich die Erfahrungen der Krautreporter etwas hoffen lassen, auch, wenn sie (noch?) kein TV machen: Dort bringen besonders lange Texte häufig sehr große Nutzungszahlen und lange Verweildauern.

3: Die Demokratie hat Probleme. Gewaltige!

Kommen wir zu meiner dritten These, die Stichworte sind bekannt und nicht nur hier im Blog oft besprochen worden: "Lügenpresse", "Fake-News", "Hate Speech" setzen der Demokratie ordentlich zu. Ich habe neulich erst wieder einen Beitrag dazu geschrieben: "Wie Desinformation die Demokratie bedroht" (FLURFUNK vom 10.5.2022).

Eine Studie der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen mit dem Titel "Politische Bildung online (PDF)" stellt dazu ganz trocken fest:

„Der aktuelle, politische Diskurs in Online-Medien ist in weiten Teilen vergiftet. Da Hass ein viel zu gutes Geschäftsmodell für die Betreiber*innen der großen Plattformen ist, ist es auf absehbare Zeit auch kaum möglich, hier auf Änderung zu hoffen.“

Hinzu kommt ein großes Desinteresse an politischen Inhalten vor allem bei Jüngeren, wie die Studie weiter feststellt:

„Die deutliche Mehrheit der unter 25- Jährigen beschäftigt sich nicht gezielt mit politischen Inhalten. Zufällige Rezeption ist somit ihre einzige Informationsquelle.“

Gut, könnte man argumentieren, das war vermutlich vor Erfindung des Internets auch schon ein Thema. Und auch hier stimmt manche persönliche Beobachtung, etwas bei Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern über Fake-News, nicht mit allgemeinen Pessimismus überein. Es könnte also noch Hoffnung geben.

Grundlegendes Demokratie-Wissen fehlt!

Aber: Alte Mechanismen der Medien, sich in der Berichterstattung eher auf negative Aspekte zu fokussieren, tragen ihren Teil dazu bei, dass das Interesse an Politik gerade bei Jüngeren dünn ist. Ja, wir können diskutieren, ob Ideen wie konstruktiver oder lösungsorientierter Journalismus zu einer Verbesserung beitragen – aus meiner Sicht hat sich hier in den vergangenen Jahren tatsächlich einiges getan. Aber: Nach wie vor tragen das Verhalten von manchen Politikerinnen und Politikern und die in diesen Kreisen durchaus zu findende mangelnde Fähigkeit, die eigene Arbeit zu vermitteln, ihren Teil zum weit verbreiteten Politik- und damit Demokratie-Frust bei.

Den aber nehme ich schon erheblich wahr: Ich habe in den vergangenen Jahren wirklich viele Bürgerversammlungen moderiert. Meines Erachtens bedürfte es dringend der Vermittlung grundlegender Kenntnisse über Demokratie. Basics! Das geht eng einher mit fehlendem Wissen und großem Frust über die Arbeits- und Funktionsweisen von Medien. Die Gemengelage halte ich für durchaus gefährlich, befruchten sie doch den Glauben an Verschwörungsmythen.

Mir sind in den letzten Jahren viele Menschen begegnet, die unsere Demokratie für völlig ausgehöhlt halten. Oder die Meinung vertreten, es handele sich "nur um eine von vielen Staatsformen" und es könnte noch irgendetwas Besseres geben (Zitat aus einem der vielen Gespräche am Rande einer Veranstaltung: "So eine Experten-Diktatur, das wär's doch!"). Ihnen allen gemein: Sie kommen mit der aktuellen Weltlage nicht zurecht. Und flüchten sich in vermeintlich einfache Erklärungen und Lösungen.

Aber wir waren ja beim Thema politische Bildung und Unterhaltung, wir haben da noch ein Problem:

4: Die Menschen sind genervt. Und haben Angst. Und wollen ihre Ruhe.

Ukraine-Krieg. Klimawandel. Alles wird immer teurer. Drohende Altersarmut. Digitalisierung. Globalisierung. Und täglich dazu schlechte Nachrichten, Dramen, Katastrophen.

Es ist manchmal nicht mehr zum Aushalten!

"Der Schutz der Umwelt, die politischen Verhältnisse und der gesellschaftliche Zusammenhalt werden sogar als leicht negativ erlebt. Die 14- bis 29-Jährigen erwarten zudem, dass sich im Laufe der nächsten zwei Jahre das Meiste weiter verschlechtern wird",

hat etwa die Studie Jugend in Deutschland ermittelt (zitiert nach zeit.de 3.5.2022: "Der Krieg macht mehr Angst als der Klimawandel").

Dazu kommt die Tagespolitik, deren Mechanismen (Spielchen?) viele Menschen häufig nicht verstehen, und eine deutlich gestiegene Reizbarkeit in der Diskussionskultur.

Wie soll man da nicht manchmal einfach den Kopf in den Sand stecken wollen? Vielleicht sogar permanent?

Unwillen, Unwissenheit, direkte Ablehnung - die politische Bildung wie auch die Politikvermittlung haben aktuell ganz schön dicke Bretter zu bohren.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?

Ich bin in solchen Dingen ja sehr gerne Optimist. Aber ich mache mir Sorgen. Unser Demokratie mit all ihren Freiheiten für alle - sie ist nicht gottgegeben oder in Stein gemeißelt.

Es wäre für eine undemokratisch agierende Regierung gar nicht schwer, unser politisches System auszuhebeln; vermutlich würde ein solches Regime zuerst bei den Medien anfangen. Wir hatten ein entsprechendes Szenario vor einigen Jahren schon mal skizziert (vgl. FLURFUNK vom 26.8.2019: "Niemand wird sagen können, wir hätten es nicht gewusst!").

Was also tun? Wie die Demokratie stützen, vielleicht sogar mit Unterhaltungsformaten im Bewegtbild?

Ich gebe zu, mein Beitrag ist wenig konstruktiv - ich gebe hier erstmal nur meinen Blick auf die Situation wieder. Aber vielleicht hilft das ja schon etwas, frei nach dem Motto: "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt"?

Ich freue mich über Diskussionsbeiträge und konkrete Vorschläge - gern hier im Blog oder auf anderem Wege.

Peter Stawowy

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