Können Kommunen auch ohne Social Media? Die Stadt Radebeul setzt für ihre rund 34.000 Einwohner auf eine eigene App, die Radebeuler BürgerApp. Die App gibt es bereits seit 2021 und ergänzt die klassische Kommunikation aus Pressemitteilungen, Amtsblatt und Webseite.
Der Weg über die App war damals eine bewusste Entscheidung gegen die sozialen Netzwerke. Technischer Anbieter ist die Firma Egotec, die auch die städtische Website betreut – es handelt sich bei der App in dem Fall um eine Eigenentwicklung.
Aber funktioniert das? Daniela Bollmann, Leiterin der Stabsstelle Kommunikation, Stadtmarketing und Tourismus der Stadt Radebeul beantwortet diese Frage im Interview.
"Direkt, datenschutzkonform und niedrigschwellig"
FLURFUNK: Warum setzt Radebeul auf eine App?
Daniela Bollmann: Wir haben auf das veränderte Mediennutzungsverhalten unserer Einwohner reagiert. Die Entscheidung für eine eigene App fiel bereits vor dem viel diskutierten Facebook-Verbot für Kommunen. Uns war wichtig, einen schnellen, verlässlichen digitalen Kanal anzubieten, der möglichst viele Menschen erreicht – unabhängig davon, ob sie bei einem bestimmten sozialen Netzwerk angemeldet sind. Soziale Medien schienen uns aufgrund von Kurzlebigkeit, hohem redaktionellem Aufwand, fehlender Barrierefreiheit und Risiken durch Falschinformationen nicht der ideale Weg. Unsere App ist dagegen direkt, datenschutzkonform und niedrigschwellig.
FLURFUNK: Wie viele Nutzer gibt es? Wie ist bei der Nutzung die Entwicklung?
Bollmann: Aktuell hat die App rund 3.000 Nutzerinnen und Nutzer. Das ist für uns ein zufriedenstellendes Ergebnis, und die Entwicklung ist positiv – das Interesse ist klar vorhanden.
FLURFUNK: Wie reagieren die Bürger insgesamt auf die App? Ist das Kommunikationsmittel massentauglich?
Bollmann: Die Resonanz ist gut. Ein besonders deutliches Beispiel: Die Stadtratsunterlagen wurden über unser Ratsinformationssystem im gesamten Jahr 2020 nur 40 Mal aufgerufen. Durch die App und die damit verbundenen Push-Nachrichten wurden diese Unterlagen in nur sieben Monaten im Jahr 2021 rund 13.000 Mal angeklickt. Dies hat sich in den Folgejahren so fortgesetzt. Weiterhin erhalten wir aktiv Anfragen oder Hinweise über die App, z.B auf Schreibfehler. Das zeigt, dass die Menschen Informationen über die App lesen und sehr gut annehmen – und dass das politische Geschehen dadurch an Transparenz deutlich gewonnen hat. Wir halten die App für massentauglich, auch wenn sie natürlich nicht jeden erreicht. Das schafft kein Medium allein. Sie ist mittlerweile ein fester, nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unserer Kommunikationsstrategie.
FLURFUNK: Gibt es Dinge, die die App nicht kann und wo andere Wege der Kommunikation nötig sind?
Bollmann: Selbstverständlich. Die App ersetzt nicht das persönliche Gespräch, nicht die klassische Pressearbeit und nicht das Amtsblatt. Sie ist ein zusätzlicher, digitaler Kanal. Für sehr detaillierte oder komplexe Sachverhalte, für Rechtsinformationen oder für Menschen ohne Smartphone bleiben die klassischen Wege unverzichtbar.
FLURFUNK: Wie ist der finanzielle Aufwand für die Stadt – ist sowas teuer, etwa im Vergleich zu Social Media?
Bollmann: Der finanzielle Aufwand ist überschaubar und für uns gut kalkulierbar. Da die App eine Eigenentwicklung unseres Website-Betreibers Egotec ist, entstehen keine externen Lizenzkosten. Ein direkter Vergleich zu Social Media ist schwierig, da dort vor allem hohe personelle Ressourcen für die permanente Bespielung, Moderation und das Monitoring anfallen – und verbunden mit Datenschutzrisiken. Wir sehen unsere App als wirtschaftliche und vor allem strategisch als saubere Lösung.
FLURFUNK: Wie ist der Stand beim Thema Datenschutz – sind die Daten wirklich sicher?
Bollmann: Ja, die Daten sind sicher. Datenschutz war für uns ein zentrales Argument für die eigene App. Wir umgehen damit die bekannten Datenschutzproblematiken, die beispielsweise bei Facebook-Fanpages bestehen. Die App wird von einem deutschen Anbieter betreut, die Datenverarbeitung erfolgt nach DSGVO. Wir nehmen das Thema sehr ernst.
FLURFUNK: Hat sich der Einsatz bewährt? Können Sie das anderen Städten und Kommunen empfehlen?
Bollmann: Ja, aus unserer Sicht hat sich der Einsatz eindeutig bewährt. Die App erreicht die Bürger dort, wo sie sich digital aufhalten, sie erhöht die Transparenz – etwa bei Ratsinformationen – und sie ist ein verlässlicher Kanal, der nicht von externen Plattformen abhängt. Ich würde anderen Städten und Gemeinden durchaus empfehlen, eine eigene App zu prüfen. Allerdings muss jede Kommune für sich entscheiden, ob sie den personellen und technischen Aufwand leisten kann und will. Für uns war es der richtige Weg.
FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview.



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