Keine English-News mehr, keine 360-Grad-Sendung mehr am Samstag, weniger Wortanteil, das Tagesprogramm nur noch mit getester Musik, der sonntägliche BuntFunk auf den Abend verschoben, dazu ein neuer Slogan: Im Programm von MDR Sputnik gibt es seit Mitte August einige Veränderungen.

“Nach einer strategischen Marktstudie folgen wir Empfehlungen, um die Akzeptanz von SPUTNIK bei allen jungen Menschen im Kernmarkt Sachsen-Anhalt weiter zu erhöhen und den positiven Trend der letzten Media Analyse (MA) weiter auszubauen.”

So heißt es dazu in einer internen MDR-Hausmitteilung, die Flurfunk Dresden vorliegt. Die Hörer bemerkten es zuerst, auch in einschlägigen Radio-Foren sammelten sich erste Hinweise; Flurfunk Dresden erreichte schließlich eine anonyme Mail mit zahlreichen Details, die sich auf unsere Recherchen hin bestätigten.

Die Maßnahmen im einzelnen:

  • Die English-News liefen immer zur halben Stunde – sie sind nicht mehr zu hören;
  • 360 Grad war ein profiliertes Programm mit Beiträgen aus aller Welt, dass immer samstags Morgens zu hören war;
  • im Tagesprogramm laufen derzeit wohl nur noch Beiträge mit einer Wortlänge von 1:30 bis 2 Minuten, viele davon beziehen sich wohl auf ein Gewinnspiel (“Musiktrip“);
  • im Tagesprogramm läuft nur noch Musik, die getestet ist;
  • der Sender-Slogan heißt nun nicht mehr: “Hör auf deine Stimme”, sondern: “Einfach die beste Musik. Und null Werbung”.
  • Und: Das Wort “Jugendkulturradio” sei aus dem allgemeinen Sprachgebrauch gestrichen, heißt es.

“Sputnik wird auf Reichweite und Formatradio getrimmt”, schreibt uns der anonyme Informant. Die Mail stammt vermutlich direkt aus der Redaktion und lässt die Wut des Absenders erahnen.

Wellenchef Eric Markuse bestätigt gegenüber Flurfunk Dresden, dass es Änderungen im Programm gab, und begründet diese mit Einsparmaßnahmen:

“Wir müssen sparen, deshalb können wir uns bestimmte Sendungen nicht mehr leisten. Und wir werden die Ergebnisse einer Markstudie umsetzen. Das bedeutet, dass die Musik am Tag poppiger wird und einzelne Titel höher rotieren, dass die Beiträgsplätze reduziert und Beitragslängen gekürzt wurden. Am Abend, also ab 18 Uhr, wird Sputnik deutlich alternativer mit dem informativen Tagesupdate, der Popkult-Sendung, den Musikspecials und dem LateLine-Talk der jungen ARD-Programme. Außerdem bieten wir weiterhin via Internet und Mobile-Apps sieben alternative Radio-Channels an.”

Ist die Zeit des Experimentierens jetzt vorbei?

2oo6 ist die Sputnik mit großem Tamtam als Experimentierprogramm gestartet worden, damals hieß es: “Wir investieren noch in Qualität”, die Grenze zwischen den Medien sei aufgehoben. Ist die Zeit des Experimentierens jetzt vorbei?

“Nein”, antwortet MDR-Hörfunkdirektor Johann-Michael Möller gegenüber Flurfunk Dresden. “MDR Sputnik bleibt der Innovationsmotor des MDR-Hörfunks” (die ausführliche Antworten am Ende dieses Beitrags unten).

Möller weiter:

“Richtig ist, dass wir seit einiger Zeit unsere Hörer fragen, welche Musik sie bei MDR Sputnik gern hören möchten. Genau diese Musik spielen wir. Wir halten es für einen äußerst demokratischen Vorgang, die Menschen, die mit ihren Gebühren unser Programmangebot ermöglichen, in die Gestaltung der Radioprogramme mit einzubeziehen. Wir wollen die hochwertigen und einzigartigen Inhalte von MDR Sputnik einer möglichst breiten Masse von Menschen zugänglich machen.”

Der Quellenlage zur Folge ist Hörfunk-Direktor Johann-Michael Möller Mitte August vor die Sputnik-Mannschaft getreten, um die Änderungen mit “hausgemachten Fehlern” zu begründen – eine herbe Kritik am Team. Die anonyme Mail hält dagegen, dass Sputnik in der kurz vorher veröffentlichten Reichweiten-Untersuchung noch zugelegt hatte (PDF bei mdr.de).

Intern wird gerade das Ende des sehr liebevoll und spannenden 360 Grad mit den Einsparungen im Programm-Etat in Verbindung gebracht – von mehreren 100.000 Euro ist die Rede.

In der Diskussion ist inzwischen auch, ob der Hörfunkausschuss des Rundfunkrats hätte informiert werden müssen. Der hatte vor einigen Jahren noch mühsam auseinander klamüsert, warum der Sender zwei junge Wellen unterhält. Medienpolitiker und MDR-Rundfunkrat Heiko Hilker griff deswegen Hörfunk-Direktor Möller diese Tage in einem Blog-Eintrag scharf an (Titel des Beitrags: “Generationswechsel in der 2. Reihe des MDR?):

“Gerade hat er die Sommerpause in aller Stille genutzt, um Sputnik am Rundfunkrat vorbei umzuprofilieren. Dabei wurde das Programmkonzept von Sputnik vor Jahren lang und ausführlich im Rundfunkrat diskutiert. Diesmal wurde der Rundfunkrat umgangen.”

Berücksichtigen Sie in diesem Kontext bitte auch unseren Beitrag: “MDR-Direktorenwahlen bringen Generationswechsel“.

Hinweis: Heute gibt es einen dpa-Artikel zum Thema mit dem Titel: “Sputnik hart gelandet – MDR verteidigt Programmreform”, gefunden bei volksstimme.de. Sobald das längere Stück bei einem Medium im Netz auftaucht, werden wir es hier verlinken.


Wir haben MDR-Hörfunkchef Johann-Michael Möller zu der Thematik zwei Fragen gestellt – die ausführlichen Antworten dokumentieren wir hier:

Flurfunk Dresden: Die Maßnahmen im Programm von SPUTNIK wirken so, als solle das Programm mehr dem “Mainstream” entsprechen – ist die Zeit des Experimentierens vorbei?
Johann-Michael Möller:
Nein. Die Zeit des Experimentierens ist keinesfalls vorbei. MDR Sputnik bleibt der Innovationsmotor des MDR-Hörfunks. Sendungen wie beispielsweise der „Buntfunk“ unterstreichen das. Jeden Sonntag sendet die Welle zwischen 18 und 22 Uhr eine in dieser Form einzigartige Sendung, die per Videostream vollständig übertragen wird. In dieser interaktiven Show können die Hörer die Sendung direkt mit gestalten. Der MDR hat den „Buntfunk“ für den deutschen Radiopreis eingereicht. Sputnik ist ohnehin das Labor des MDR, das maßgebliche Impulse für die multimediale Weiterentwicklung für das ganze Haus gibt.

Das Programm von MDR Sputnik bleibt geprägt durch einzigartige und journalistisch hochwertige Inhalte. Zu nennen wären hier die tägliche Sendung (Montag-Freitag) „Tagesupdate“, in der ausführliche Berichte über das Tagesgeschehen gesendet werden genauso wie Beiträge aus allen Bereichen des Lebens, von Literatur bis Musik. Ab 19 Uhr leitet der „Popkult“ täglich (Montag-Freitag) eine Reihe von Musik-Spezialsendungen ein, in denen neue und unbekannte Musik genauso wie Hintergrund-informationen gesendet werden. In der „Late Line“, einer Gemeinschaftsproduktion der ARD Jugendwellen, können sich die Hörer über aktuelle Themen austauschen. Alles in allem ist und bleibt MDR Sputnik ein unverwechselbares, klar öffentlich-rechtlich aufgestelltes Programm, das weiterhin experimentierfreudig sein wird und die Radiowelt mit neuen Sendeformaten auch in Zukunft überraschen wird.
Es ist auch kein Ziel, MDR Sputnik „mainstreamig“ zu machen. Richtig ist, dass wir seit einiger Zeit unsere Hörer fragen, welche Musik sie bei MDR Sputnik gern hören möchten. Genau diese Musik spielen wir. Wir halten es für einen äußerst demokratischen Vorgang, die Menschen, die mit ihren Gebühren unser Programmangebot ermöglichen, in die Gestaltung der Radioprogramme mit einzubeziehen. Wir wollen die hochwertigen und einzigartigen Inhalte von MDR Sputnik einer möglichst breiten Masse von Menschen zugänglich machen. Dazu fühlen wir uns durch unseren öffentlich-rechtlichen Auftrag verpflichtet.

Flurfunk Dresden: Werden sich die beiden Wellen JUMP und SPUTNIK mit den Maßnahmen nicht zu ähnlich? Macht es dann überhaupt noch Sinn, zwei junge Wellen zu haben?
Möller:
Selbstverständlich haben beide Wellen Sinn. Sie unterscheiden sich nach wie vor deutlich voneinander. Bei den Inhalten, der Ansprechhaltung und vor allem auch in der Musik. Eine Stichprobe hat ergeben, dass sich MDR Sputnik und MDR Jump gerade einmal zwischen 20 und 30 Prozent musikalisch überschneiden. Beide Wellen sprechen unterschiedliche Zielgruppen an. Und das soll auch so bleiben. Wir achten sehr darauf, dass die Überschneidungen zwischen den Wellen gering sind, ganz auszuschließen waren sie in der Vergangenheit und sind sie in der Zukunft indes natürlich nicht.

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