MDR-Landesfunkhaus-Chef Sandro Viroli: „Mehr sächsische Kompetenz im Gesamtprogramm“

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Sandro Viroli, neuer Chef des MDR-Landesfunkhaus Sachsen

Seit Anfang Oktober schaltet und waltet Sandro Viroli als neuer Direktor des MDR-Landesfunkhaus Sachsen - und eine erste Duftnote hat er mit dem trimedialen Fußballabend am vergangenen Mittwoch bereits gesetzt (eine FLURFUNK-Besprechung des Abends folgt noch).

Sein Büro ist noch nicht fertig eingeräumt, der abschließbare Aktenschrank gähnt offen und leer vor sich hin, an der Tür stapeln sich ein paar Umzugskisten und an der Wand lehnt ein noch eingepacktes Bild - und doch ist Sandro Viroli schon voll da. FLURFUNK DRESDEN hatte am 20.10.2011 Gelegenheit, den neuen Landesfunkhaus-Chef zum Antritts-Interview zu treffen.

Flurfunk Dresden: Die erste Frage: waren Sie schon mit jemandem aus der Staatskanzlei Essen?
Sandro Viroli: (lacht) Nein, seit meinem Amtsantritt noch nicht.

Flurfunk Dresden: Und kam die Anfrage schon?
Viroli: Nein.

Flurfunk Dresden: Werden Sie denn essen gehen?
Viroli: Ich würde schon essen gehen. Aber ich mach das so, dass ich dann meinen Teil selbst bezahle.

Flurfunk Dresden: Es gibt einen neuen Direktor im Landesfunkhaus: Was ändert sich?
Viroli: Es ändert sich zur Zeit sehr viel im MDR. Und ich sehe mich als Bestandteil des MDR, als Bestandteil eines ganz neuen Leitungsteams. In erster Linie steht bei mir also die Frage, wie sich das Landesfunkhaus Sachsen in dieses Gebilde MDR aktiv einbringen kann. Ganz konkret, was soll sich ändern: Ich möchte, dass sich das, was hier im Hause täglich an Fernsehen produziert wird, stärker im Gesamtprogramm des MDR niederschlägt. Es also mehr Sachsen und insbesondere auch mehr sächsische Kompetenz im Gesamtprogramm gibt.
Unsere große Idee war es mal, Kompetenzzentren zu schaffen. Das Kompetenzzentrum „Sachsen“ könnte von der Landespolitik über Themen aus Wirtschaft und Kultur bis hin zum Tourismus dem Gesamtprogramm viel mehr zur Verfügung stellen. Wir sind schon dabei, über unsere bisherigen Sendeplätze hinaus, stärker das Knowhow der hiesigen MDR-Mitarbeiter einzubringen. Das ist Nummer Eins.
Analog auch im Bereich des Hörfunks. Dazu kommt: MDR 1 Radio Sachsen ist hier Marktführer. Aber wir wissen selber auf Basis der Reichweiten, dass unsere Zuhörer immer älter werden. Wir wollen aktiv daran gehen, Hörer im Alter von 50 Jahren und jünger zu gewinnen. Und damit fangen wir jetzt aktiv an.
Und drittens: Der regionale Auftritt im Internet wird einfach mal - ich nenne das mal so salopp - viel mehr Spielwiese. Das Ziel ist, den Kollegen einfach Platz zum Ausprobieren zu geben. Das Regionalportal soll - natürlich immer programmbegleitend - eine neue Gewichtung bekommen. Ohne, dass wir mit irgendjemandem in Konkurrenz treten wollen. Aber wir können das, was wir im Radio und TV sowieso produzieren, stärker für unser Online-Portal aufarbeiten und damit einen jüngeren Zuhörer- und Zuschauer- oder auch User-Kreis erreichen. Ich sehe dies als die bislang beste Möglichkeit, die Jüngeren zu erreichen. Von alleine kommen die nicht zu uns.

Flurfunk Dresden: Und was ändert sich intern?
Viroli: Intern soll es so sein: Ich bin jemand, der flache Hierachien lebt. Alle Änderungen werde ich versuchen schonend umzusetzen und mit den Mitarbeitern zu erarbeiten. Ein Ziel des MDR ist es, mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Verantwortung mitzunehmen und damit einen Teil der Verantwortung zu übertragen. Und das gilt auch für das Landesfunkhaus. Das ist für mich so ein Gebot aus mehr als 15 Jahren Erfahrungen im MDR Fernsehen und insbesondere aus der jüngeren Zeit, wo sich viel Verantwortung auf einzelne Personen konzentriert hat. Ich habe das ja selbst aktiv mitbekommen, was dann da zum Schluss passiert ist.

Flurfunk Dresden: Wird sich etwas beim Sachsenspiegel ändern?
Viroli: Was soll sich denn ändern?

Flurfunk Dresden: Weniger aussehen wir RTL am Mittag, mehr inhaltliche Relevanz...
Viroli: Also mit dem Aussehen bin ich sehr zufrieden. Es gibt sicherlich Dinge, über die wir reden werden. Ich denke mal, dass es ein Prozess ist, der meines Erachtens nur gemeinsam mit den „Macherinnen und Machern“ passieren kann. Sagen wir mal so: Vielleicht wird der eine oder andere Zuschauer überrascht sein, was alles so im Sachsenspiegel möglich ist.

Flurfunk Dresden: Stichwort „Trimedialität“: Bedeutet das, dass auch der Hörfunkjournalist Internet machen wird?
Viroli: Das ist eine Frage, mit der ich mich sehr oft auseinandersetze. Lassen Sie es mich mal so sagen: Ich verlange jetzt nicht von jedem Radio- oder Fernsehjounalisten, dass er künftig auch online macht. Sondern ich will einfach herausfinden: Gibt es in dem Kreis von Radio- und Fernsehjournalisten Kolleginnen und Kollegen, die die Inhalte gern auch onlinemäßig aufbereiten wollen?
Wir haben unser trimediales Potential am 26.10. getestet. Da hat MDR 1 Radio Sachsen anlässlich der Pokalspiele einen dreistündigen Fußballabend aus unserem Sachsenspiegel-Fernsehstudio gesendet. Die Moderatoren hatten prominente Fußballer zu Gast, so waren Timo Röttger und Ralf Loose da, Dynamo-Präsident Ritter und René Müller. Das Ganze haben wir mit unseren Kameras live ins Internet übertragen. Die Hörer konnten sich per Telefon und Chat an der Diskussion beteiligen und wenn sie wollten, auch den Live-Kommentar zum Spiel Aue gegen Nürnberg hören. Von 21.15 bis 21.45 Uhr war das im Sachsenspiegel Extra auch im Fernsehen zu verfolgen. Der Erfolg? Das Angebot ist hervorragend angenommen worden. An diesem Tag hatten wir im Netz 59.000 Zugriffe mehr auf unseren Seiten als noch in den Tagen zuvor.

Flurfunk Dresden: Stichwort „Newsdesk“: Ist das ein Thema hier für das Landesfunkhaus?
Viroli: Der Newsdesk in Leipzig wird meines Erachtens nur dann optimal funktionieren können, wenn die drei Landesfunkhäuser miteinbezogen werden. Sonst wäre das so, als wenn sie vier Zylinder im Motor haben und nur drei laufen. Am 1.11. geht es ja los und wir gehen davon aus, dass dort unserer Landeskompetenz gefragt sein wird.

Flurfunk Dresden: Dieser ganze Themenkomplex Zuständigkeit: Die Hauptabteilung Online wandert ja jetzt rüber in die Fernsehdirektion, der neue Chefredakteur Stefan Raue ist ebenfalls im Verantwortungsbereich des Fernsehdirektors, während der Hörfunkdirektor seinen eigenen Bereich behält. Ergibt die Frage: Wem gehört denn was da? Und wem gehört vor allem das Internet im MDR?
Viroli: Das Internet gehört dem MDR (lacht). Im Ernst: Die Hauptabteilung Neue Medien, die dann Telemedien heißen wird, wird zwar der Fernsehdirektion angesiedelt, aber sie soll als eigene Struktureinheit erhalten bleiben. Aber ganz wichtig – nah am Programm! Deshalb wäre es wichtig, wenn wir unser Regionalportal stärker an das Landesfunkhaus binden. Es selbst verantworten, mit allen finanziellen, personellen und redaktionellen Kompetenzen. Ich denke, dass meine Kollegen in den anderen Landesfunkhäusern dies genauso sehen. Wie gesagt, wir arbeiten alle für den Mitteldeutschen Rundfunk, die Dachmarke bleibt MDR, es steht dann nur "/Sachsen" dahinter.

Flurfunk Dresden: Wie verändern sich die Auspielwege ihrer Meinung nach in Zukunft? Wir wissen, wie der Altersdurchschitt im Fernsehen und Hörerzahlen im Radio heutzutage sind...
Viroli: Vor fünf Jahren hat man uns seitens der Medienforschung gesagt, also normales Fernsehen, wie wir es jetzt machen, ist bald out. Man hat uns gesagt, durch Angebote wie Mediatheken wird der Zuschauer sein eigener Programmdirektor. Es zeiget sich aber, dass die Fernsehverweildauer und die klassische Radionutzung zugenommen hat. Deshalb gehe ich davon aus, dass Hörfunk und Fernsehen in den nächsten Jahren nicht an Bedeutung verliert. Wir bereiten uns darauf vor, dass Fernsehen, Hörfunk und Online künftig auf einem Bildschirm zu empfangen sein werden und wir einfach mehr Einzelelemente zur Verfügung stellen müssen, damit sie mehr oder weniger zu der Zeit abrufbar sein werden, wo die Zuschauer und Hörer Zeit haben.

Flurfunk Dresden: Letzte Frage: Der MDR hat gerade eine sehr schlechte Presse - wirkt sich das auf die Arbeit aus? Und können Sie da irgendwie gegensteuern?
Viroli: Also ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, das geht an uns Mitarbeitern einfach so vorbei. Erstmal ist es für uns alle ein kleines Wunder, dass trotz der Skandale die Arbeit hier gemacht wird. Wir senden rund um die Uhr auf sämtlichen Ausspielwegen und das funktioniert.
Wenn die Mitarbeiter zum Termin rausfahren und dort auf die Ereignisse angesprochen werden - das ist für sie nicht leicht. Ich persönlich nehme das sehr ernst. Das Problem ist, wenn man mit solchen Aufdeckungen zu tun hat, wie man damit umgeht: Man wird von außen befragt, ist aber von Seiten der Staatsanwaltschaft aufgefordert worden, sich zurückzuhalten. Dann kommen die Informationen über andere Medien doch wieder in den Sender. Die Mitarbeiter fragen sich natürlich, was da im eigenen Haus los ist. Schließlich sind wir ein Medienunternehmen und müssen kommunizieren. Natürlich passiert hier etwas hinter den Kulissen. Wir haben jetzt versucht, durch mehr Mitarbeiterinformation unsere interne Kommunikation zu verbessern.
Wir haben einen Auftrag als Führungskräfte und neues Direktorium, hier mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anders umzugehen. Den Idealweg kenne ich noch nicht, aber wir wissen auf jedem Fall eines: Die Kommunikation muss intensiver werden. Ich gehöre zum Kreis derer die sagen: Wir lernen nicht nur daraus, sondern wir werden auch etwas ändern!

Flurfunk Dresden: Vielen Dank für das Interview.

2 Kommentare
  • katrin
    November 1, 2011

    ich glaube das ist nicht ganz richtig: http://www.mdr.de/unternehmen/organisation/struktur/organigramm100.html - wie man dort lesen kann, gehört das "Internet" zur Indendanz ...

  • owy
    November 3, 2011

    @katrin Nach unseren Informationen war ein Zuständigkeitswechsel der HA Online zur Fernsehdirektion schon länger angedacht/geplant; allerdings hat die neue Intendatin Karola Wille heute im Pressegespräch durchblicken lassen, dass die Entscheidung wohl doch noch nicht so sicher ist.

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