Generation Smartphone: Wenn die Nutzer immer jünger werden

"Rrrrrring, Rrrrrring!" Der Ton eines uralten Telefons aus den 80ern schallt durch den Raum und wiederholt sich immer wieder. Wie ein schreiendes Baby, das sich nach Aufmerksamkeit zehrt, meldet sich das kleine rechteckige Ding auf dem Nachttisch und tanzt dabei durch seine Vibrationseinstellung im Kreis. Es ist 6:00 Uhr morgens, als Veronika sich gähnend nach ihrem internetfähigen handlichen Telefon streckt, um die Weckfunktion abzustellen. Aber bevor sie aufsteht, muss sie sich noch schnell auf den neuesten Stand der Dinge bringen. Schade, keine neuen SMS. Aber über ihre App erfährt sie, dass eine ihrer Facebook-Bekanntschaften seit gestern Abend "in einer Beziehung" ist.

Veronika ist eine aufgeweckte, aufgeschlossene Schülerin der 76. Mittelschule in Dresden. Mit ihren 13 Jahren wirkt sie durch ihre zwar zögerlichen, jedoch überlegten Antworten bereits ziemlich erwachsen. Doch wie alle anderen Sechstklässlerinnen auch würde sie sich lieber mit ihren Freunden treffen oder sich ihrem Hobby, dem Kunstradfahren, widmen, als in die Schule zu gehen.

Seit Veronika ihr erstes eigenes Smartphone zum Geburtstag bekommen hat, nutzt sie es rund um die Uhr. Da sie zu Hause keinen Computer hat, kann sie durch ihren uneingeschränkten Handy-Vertrag jeder Zeit und überall mobil auf das Internet zugreifen. Ihre Mutter vertraut ihr dabei voll und ganz – Kontrolle hält sie, laut Veronika, nicht für notwendig. Am liebsten chattet Veronika über ihre Facebook-App mit mehreren Freunden gleichzeitig, während sie über deren ständig aktualisierten Profile stets bestens informiert ist. Außerdem nimmt sie über ihre Kamera-Funktion in der Schule und Freizeit gerne Bilder und Videos von ihren Freunden auf, aber auf Facebook posten will sie diese nicht. Sie respektiert die Privatsphäre ihrer Mitschüler und erinnert sich an einen speziellen Fall vor etwa einem halben Jahr: "Einmal hat ein Mädchen aus meiner Klasse ein Bild, auf dem wir alle drauf waren, auf Facebook gepostet. Mir hat das nichts ausgemacht, aber einige aus meiner Klasse hatten was dagegen, sodass sie das Bild wieder von ihrer Seite löschen musste."

Und wie sieht es mit ihrer eigenen Privatsphäre aus? Veronika weiß, dass sehr viele Menschen ihr Profil in Facebook sehen können, dennoch hat sie keine Einschränkungen für unbekannte User vorgenommen. "Ich habe einmal darüber nachgedacht, aber ich weiß nicht, wie das geht. Deshalb habe ich es uneingeschränkt gelassen." Vorsichtshalber stellt sie jedoch nicht viele privaten Informationen über sich oder ihre Freunde ins Netz und macht sich deshalb auch keine Sorgen darüber.

Nach Veronikas Angaben besitzt die Hälfte ihrer Freunde ein eigenes Smartphone, die meisten jedoch ohne Internetzugang. Und wer kein solches hat, besitzt wenigstens ein gewöhnliches Handy. Hierzu schreibt die JIM-Studie 2010: "Ein Smartphone mit erweiterten Möglichkeiten, wie bspw. dem Laden von Zusatzprogrammen ('Apps'), besitzen bislang lediglich 14 Prozent der 12- bis 19-Jährigen". Des Weiteren verfügen laut JIM-Studie 97 Prozent aller befragten Jugendlichen über ein eigenes Handy.

Aber was ist mit der Vielzahl von Gefahren und Nachteile, die das mobile Internet mit sich bringt? Veronika macht sich darüber keine Gedanken. Wie sie kennen die wenigsten 11- bis 14-Jährigen die Risiken des mobilen Internets. Mit der Technik aber sind sie, ihren eigenen Aussagen nach, vertrauter als ihre Eltern, oder Lehrer.

Claudia Freytag, 52, ehemalige Deutschlehrerin und heute Journalistin bei der "SZ", sitzt an der Schnittstelle der Kommunikation: "Wie weit das mobile Internet genutzt wird, sehen wir ja daran, wie groß die Wahlbeteiligung ist… Ein ganz großer Teil der Jugendlichen interessiert sich für nichts anderes, als mit dem Handy zu spielen. Zwar ist heutzutage eine wesentlich bessere und offenere Haltung möglich und Kinder können sich offen und ehrlich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, ohne dass sie dafür bestraft werden. Aber andererseits ist es auch gefährlich, gerade dann, wenn sie auf so etwas wie Pornografie Zugriff haben und Eltern das nicht unterbinden."

In der Dresdner Innenstadt treffen wir eine Mutter zweier Teenager. Sie erzählt uns, dass sie zwar wissen würde, welche Seiten ihre Kinder im Internet besuchen, aber für alles weitere müsste sie ihnen eben genug Vertrauen entgegenbringen. Denn selbst wenn sie ihre Kinder kontrollieren wollen würde, ihr würden die Kenntnisse fehlen.

Und so geht es auch vielen anderen Eltern. Sie sprechen zwar davon, dass ihnen eine Aufklärung ihrer Kinder über den Umgang und die Gefahren mit Smartphones und zugehörigem Internet sehr wichtig erscheint, die Meinungen, wie diese erfolgen sollte, gehen allerdings drastisch auseinander. Ein Vater eines 10 Jahre jungen Mädchens setzt auf Kontrolle. Seine Tochter besitzt zwar noch kein eigenes Smartphone, aber wenn sie zu Hause am Computer ins Internet geht, beobachtet er sie genau. "Vertrauen bringt da gar nichts. Einem Kind muss man sagen, was es darf und was nicht, ohne Diskussion. Da muss man als Elternteil selbst das Steuer in die Hand nehmen." Allerdings gehört er mit seiner Meinung eher zur Minderheit. Viele Eltern sehen die Aufgabe der Aufklärung in den Schulen und somit bei den Lehrern. Die Masse spricht zudem von einem großen Vertrauen in ihre Kinder, weil sie diese schon für vernünftig genug halten.

Aber reicht allein Vertrauen zum Schutz unserer Kinder vor Risiken wie z.B. Online-Abzocke, Datenmissbrauch oder Cybermobbing aus?

Jugendschutz.net ist eine Einrichtung zur Überprüfung und Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen in Telemedien. Auf ihrer Webseite heißt es: "Derzeit dominieren noch Gewaltdarstellungen in sexuellen Kontexten. Es ist aber zu erwarten, dass mit der Zunahme breitbandiger Internetzugänge auch ein Markt für andere Gewaltbereiche entsteht und dass damit eine Ausweitung des Gewaltangebots im Internet verbunden sein wird."

Doch nicht nur Gewaltdarstellungen lauern im Internet. Auch sogenannte "Tasteless-Sites" kursieren im Netz. Diese internettypischen Seiten verherrlichen durch ihre Darstellung Bilder und Videos von verletzten und verunstalteten, wie auch toten oder getöteten Menschen, in besonders schlimmen Fällen auch den konkreten Mord eines Menschen.

Jugendschutz.net schreibt dazu: "Es gibt aber Hinweise, dass insbesondere Tasteless-Sites von Kindern ab etwa 12 Jahren im Rahmen von virtuellen Mutproben genutzt werden. Obwohl diese Sites unzulässig, im Regelfall indiziert sind und in Deutschland deshalb nicht beworben werden dürfen, werden die Adressen per Mund-zu-Mund-Propaganda weiter verbreitet."

Initiativen wie u.a. Klicksafe.de möchten dem Abhilfe schaffen. Ihre Aufgabe ist es, auf Chancen und Risiken des Internets aufmerksam zu machen und darüber zu informieren. Hier heißt es:

"Die Verbreitung von problematischen Inhalten und unlauteren Angeboten per Internet trifft letztlich alle, nur sind jüngere Menschen dagegen besonders schutzlos. Sie können leichter als Erwachsene auf unseriöse Geschäftsangebote eingehen, geben möglicherweise persönliche Daten oder Details arglos preis, halten die fingierte Identität eines Chat-Partners für echt. So soll durch die Arbeit von klicksafe in erster Linie eine sichere Nutzung des Internets durch Kinder und Jugendliche ins öffentliche Bewusstsein gerückt und somit verbessert werden."

Außerdem bietet Klicksafe.de eine Reihe von Tipps, an denen sich Eltern zum Schutz ihrer Kinder orientieren können. Neben den technischen Maßnahmen am Computer, wie das Installieren einer Filtersoftware, wird auch zu einem offenen Gespräch mit den Kindern geraten. Doch das allein genügt oftmals nicht. Eltern sollten sich stets informieren und wissen, welche Möglichkeiten ihre Kinder im Internet haben. Feste Regeln helfen oftmals auch beim Erlernen des richtigen Umgangs mit dem Internet.

Treffen Eltern oder Kinder dennoch auf eine jugendgefährdende Seite, sollten sie diese Verstöße umgehend bei jugendschutz.net oder ähnlichen Initiativen melden.

Es ist nicht von der Hand zu weisen: "Heute liegt mehr Verantwortung bei den Eltern, als das früher war", so Freytag, "früher haben die Schulen und Horte den Eltern viel abgenommen. Heute müssen die Eltern wieder mehr Verantwortung übernehmen. Sie sollten diese Gelegenheit nutzen und Interesse zeigen, auch dafür, was sich das Kind auf dem Computer anschaut oder runterzieht."

Autoren: Antje Müller, Sara Cabodi, Jessica Klinger

Dieser Text entstand im Wintersemester 2011/12 im Rahmen des Seminars “Einführung in den Journalismus” am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden. Dozent ist Peter Stawowy, Betreiber von Flurfunk Dresden. Der Text war Teil der Seminarnote.

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