Markus Ulbig: „Wenn sich beides ergänzt, können regelrechte Wunder geschehen.“

Viele Helfer beim Sandsack-Deichbau, Foto: Michael Oehring, SMI

Viele Helfer beim Sandsack-Deichbau, Foto: Michael Oehring, SMI

Was bleibt? Bevor das Thema endgültig in Vergessenheit gerät, legen wir noch einmal ein Interview in unserer Reihe nach, wie Social-Media die Kommunikation verändert (hat) - nicht nur während des Hochwassers im Juni. Denn Facebook-Seiten wie ElbpegelstandFluthilfeDDHochwasser Dresden oder die Google-Map "Hochwasserhilfe Dresden" haben in der öffentlichen Wahrnehmung des Ereignisses, aber vor allem in der Koordination der freiwillgen Helfer eine zentrale Rolle gespielt.

Unser vierter Ansprechpartner ist Sachsens Innenminister Markus Ulbig, der schon einiges zu dem Thema in einem Gastbeitrag für die "Sächsische Zeitung" geschrieben hatte (vgl. Flurfunk Dresden vom 22.6.2013: "Hochwasser 2013 und die sozialen Medien: Was bleibt?").

Wir haben noch einmal bei Sachsens oberstem Katastrophenschützer nachgefragt.

Sachsen Innenminister im Einsatz, Foto: Michael Oehring, SMI

Sachsen Innenminister im Einsatz, Foto: Michael Oehring, SMI

Flurfunk Dresden: Während der Flut gab es eine ganze Reihe von Informationsangeboten in den sozialen Netzwerken - wie haben Sie dieses Engagement durch Bürger wahrgenommen?
Markus Ulbig: Ich war sehr beeindruckt. Über das Potential von Social Media als Instrument in der Krisenkommunikation ist viel diskutiert worden. Überraschend war, welche Dynamik dann aber konkret bspw. private Fan-Seiten auf Facebook entwickelt haben. Für mich ist klar: Hier tut sich eine ganz andere Ebene an Katastrophenhilfe auf. Das ist mit der behördlich organisierten Hilfe nicht gleichzusetzen. Fakt ist aber: Auf klassischen Katastrophenschutz kann man deswegen an keiner Stelle verzichten. Idealerweise sollten sich beide Dinge ergänzen. Das hat ja dann auch in den meisten Fällen gut geklappt!

Flurfunk Dresden: Medien haben eher die hohe Zahl an Falschmeldungen kritisiert, die in den sozialen Netzwerken kursierten. Mancher sprach auch von einer überflüssigen Informationsflut - teilen Sie diese Einschätzungen?
Ulbig: Nein. Jedem muss klar sein: Social Media funktioniert nach eigenen Regeln. Das sind selbstregulierende Systeme. Viele Falschmeldungen wurden von der Community genauso schnell wieder korrigiert, wie sie aufgetaucht waren. Informationen über Social Media haben eine andere Fehlertoleranz als amtliche Auskünfte, die damit weiterhin unverzichtbare Grundlage der Krisenbewältigung sind. Wichtig ist für mich daher die Frage: Wo kann Social Media helfen und unterstützen? Aber auch: Wo darf Social Media klassischen Katastrophenschutz nicht behindern?

Flurfunk Dresden: Sind die Informationen bei Facebook und in anderen Angeboten seitens der Staatsregierung schon während der Katastrophe ausgewertet worden? Gab es während des Hochwassers eine Kommunikation mit den Betreibern solcher Angebote?
Ulbig: Jedenfalls unsere Pressemitarbeiter im Verwaltungsstab waren selbst Fans solcher Seiten. Im Newsfeed haben sie dann aktuelle Meldungen gelesen und auch in den Lagebesprechungen eingebracht. In einer solchen Situation muss man nicht nur klassische Medien, sondern natürlich auch Facebook und Twitter im Blick haben. Die Frage ist, ob die Unterstützerseiten auch einen Input vom Verwaltungsstab wünschen oder verarbeiten können?

Flurfunk Dresden: In den Medien wurde von hessischen Feuerwehrleuten berichtet, die zur Hilfe nach Dresden geeilt waren, um dann lange auf ihren Einsatz warten zu müssen (vgl. z.B. DNN-Online vom 5.6.2013). Gleichzeitig schickten die Facebook-Seiten viele tausend Fluthelfer ganz unkompliziert von A nach B... Das kann doch eigentlich nicht sein, oder?
Ulbig: Die Geschichte mit den Feuerwehrleuten aus Hessen macht den Unterschied zwischen klassischer Katastrophenhilfe und den Social Media Phänomenen deutlich. Wir haben recht frühzeitig in anderen Ländern Hilfe angefordert. Ich bin dankbar, dass Hessen einen so großen Trupp geschickt hat. Anfangs ist die Einsatzkoordination durch den örtlichen Katastrophenstab nicht ganz reibungslos gelaufen, das hat sich dann eingespielt. Aber natürlich können Feuerwehrkräfte auch nicht über Facebook angefordert werden.

Flurfunk Dresden: Wie bewerten Sie den Vorwurf, die Betreiber der Facebook-Seiten hätten bessere Kommunikationsarbeit als der Katastrophenstab/die Katastrophenstäbe gemacht?
Ulbig: Den Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Und ich habe ihn auch noch nicht gehört. Im Gegenteil: Die langen Vorwarnzeiten und unsere guten Prognosen zur Hochwassersituation wurden allgemein gelobt. Meiner Ansicht nach unterscheiden sich die Art und Weise der Kommunikation aber auch fundamental. Im Innenministerium haben wir beispielsweise auf vielen Kommunikationskanälen gleichzeitig informiert. Wir hatten für den Zeitraum des Verwaltungsstabes u.a. regelmäßige Pressebriefings angeboten, auch am Wochenende. Das hat sich richtig institutionalisiert. Die Information der Öffentlichkeit hatte für uns absolute Priorität. Wir haben vollkommen transparent und mit hohem Anspruch an Richtigkeit Informationen an die Presse gegeben. Die in dieser Situation auch ihre Verantwortung sehr bewusst wahrgenommen hat.

Flurfunk Dresden: Viele Menschen hatten den Eindruck, die von den Facebook-Seiten gesteuerten freiwilligen Helfer hätten tatsächlich Schlimmeres verhindert. Stimmt das?

Ulbig im Gespräch mit einem Helfer, Foto: Michael Oehring, SMI

Ulbig im Gespräch mit einem Helfer, Foto: Michael Oehring, SMI

Ulbig: Grundsätzlich gilt: Wer helfen will, ist herzlich willkommen. Es ist nur wichtig, dass diese Hilfe nicht nur per Facebook angestoßen sondern vor Ort auch sinnvoll von professionellen Kräften gesteuert wird. Ein positives Beispiel: An der Flutrinne in Dresden hatten sich 800 Freiwillige über Social Media eingefunden. Die wurden dann von einigen Feuerwehrkameraden und Bundespolizisten eingesetzt, um einen riesigen Damm aus Sandsäcken zu errichten. Das hätten beide Seiten für sich alleine in der kurzen Zeit nie geschafft. Hier zeigt sich, dass wir im Katastrophenfall beides brauchen: die Dynamik von Social Media und die klaren Kommandostrukturen der professionellen Katastrophenschutzkräfte. Wenn sich beides ergänzt, dann können regelrechte Wunder geschehen.

Flurfunk Dresden: Gibt es Überlegungen, zukünftig die Kommunikation in den sozialen Netzwerken technisch zu filtern, um sie in so einem Katastrophenfall nutzen zu können? Und wie will man künftig mit solchem ehrenamtlichen Engagement in sozialen Netzwerken umgehen?
Ulbig: Im Innenministerium werden wir uns damit befassen, welchen Beitrag dieses „Anpacken 2.0“ bei künftigen Katastrophen haben kann. Die wirkliche Leistung kam aus meiner Sicht vor allem dort zur Geltung, wo klassischer Katastrophenschutz bei solchen Ereignissen nicht so individuell helfen kann. Zum Beispiel bei der Frage, wo freiwillige Helfer Verpflegung brauchen, wo mobile Sanitäreinrichtungen bereitgestellt werden müssen usw. Noch einmal, die entscheidende Frage muss sein: Wie können wir beide Ansätze bei künftigen Ereignissen noch besser verzahnen?
Im Übrigen: Viele der Seiten haben ja mit dem Abebben der Flut gewissermaßen ihre Funktion und dementsprechend Fans verloren. Andere haben erkannt, dass Hilfe nach der Flut nicht aufhört, sondern vielerorts erst richtig losgeht. Jetzt werden beispielsweise Bautrockner vermittelt oder über die Öffnungszeiten betroffener Läden und Bars informiert. Das zeigt: Die Seiten können auch noch lange nach solchen Katastrophen den betroffenen Menschen helfen.

Flurfunk Dresden: Vielen Dank für das Interview.

So, liebe Leser, nun ist Ihre Meinung gefragt: Wie können wir beide Ansätze bei künftigen Ereignissen noch besser verzahnen? Diskutieren Sie mit uns hier oder bei einem der vorherigen Beiträge in den Kommentaren. Uns interessiert aber noch mehr: Was können öffentliche Verwaltung, was können die Bürger aus den gemachten Erfahrungen lernen? Wie könnte eine Kooperation genau aussehen? Wir freuen uns über Ihren Beitrag!

Folgende Texte sind im Vorfeld erschienen:

2 Kommentare
  • Matthias Daberstiel
    Juli 17, 2013

    Hallo Flurfunk,

    ich sprach für den Newsletter ngo-professionell mit dem THW zu diesem Thema, die Facebook ebenfalls sehr positiv sahen und sich bei Schulung von "Facebookhelfern", etwa im Sandsackbau einen noch professionelleren Einsatz vorstellen können. Gleichzeitig sehen Sie aber auch die immense Arbeit, die sich da einige FB-Seiten-Betreiber gemacht haben. http://www.ngo-dialog.de/
    Daniel Neumann von Fluthilfe Dresden bestätigte mir für den Artikel im aktuellen Fundraiser-Magazin, das sie viel mit dem Telefon vermittelt haben, weil es so direkter zu koordinieren war. Allerdings auch, dass der Dresdner Katastrophenschutz mit FB völlig überfordert war. Sie hatten Daniel doch tatsächlich dazu aufgefordert für eine besser Koordinierung Excel-Listen mit Namen und Telefonnummern von Helfern anzufertigen, um sie anfordern zu können. Machte natürlich keinen Sinn. Die Zukunft liegt also darin die Dynamik des Netzes zu nutzen und die Koordinierung vor Ort zu verbessern.

    An der Stelle noch eine ganz andere Medienkritik. In diesem Flutjahr haben sich gerade die Fernsehsender nicht mit Ruhm bei der Spendenwerbung bekleckert. Nur zwei Sender veranstalteten überhaupt Spendengalas (MDR, BR). 2002 waren es noch ARD, ZDF, MDR, Sat1 und RTL mit eigenen Formaten. Der diesjährige Spendenmarathon bei der ARD klingt zwar mit über 8 Millionen Euro nach viel. Darin enthalten sind aber 5 Millionen der Lotterie Glücksspirale. Eine echte Mogelpackung. Außerdem flachte die Kurve des Interesses an dem Flut-Thema enorm schnell ab. Die Pressemitteilungen der Sender klingen daher auch wie Rechtfertigungen. Es fehlte einfach an dramatischen Bildern! Die Leute waren besser vorbereitet und saßen nicht auf Mauervorsprüngen fest, um gerettet zu werden. Das hat bei vielen Menschen offenbar dazu geführt zu denken, es ist ja alles nicht so schlimm. Dabei sind die Schäden besonders in Bayern und Sachsen-Anhalt viel brutaler als 2002. Wir haben in der Redaktion des Fundraiser-Magazins deshalb nicht lange überlegt und die Seite http://www.flutspenden.de ins Netz gestellt, die immer noch aktuelle und seriöse Spendenprojekte von flutbetroffenen gemeinnützigen Organisationen ins Netz stellt und für die man direkt spenden kann. Es ist erfreulich, das wir damit viel zu tun haben und abends Anfragen aus Deutschland, Österreich, Tschechien, Schweden, der Schweiz und von vielen Unternehmen beantworten, die nach konkreten Spendenprojekten suchen. Noch ist die Flut nämlich nicht vorbei. Für viele Betroffene beginnt sie eigentlich erst jetzt in der Bewältigung der Schäden.

    Deshalb an Euch auch ein Danke für Euren Beiträge zum Flut-Thema.

    Viele Grüße aus Dresden

    Matthias Daberstiel

  • Daniel Braune
    Juli 17, 2013

    An vielen Stellen kann ich mich Deinen Ausführungen anschließen, Matthias. Auch wir haben mit dem Telefon vermittelt, weil wir mit den technischen Möglichkeiten von FB an unsere Grenzen gerieten. Aber auch weil offizielle Stellen mit FB nichts anfangen konnten. Um mit THW, Feuerwehr, Bundeswehr und Katastrophenschutz ins Gespräch zu kommen muss erst die Akzeptanz der sozialen Netzwerke vorhanden sein. Bei Ersteren kann ich sie erkennen, aber beim kommunalen Katastrophenschutz sehe ich noch Defizite, auch wenn Herr Ulbig das private Engagement ausdrücklich lobt scheint das weitere Interesse langfristig eher zu sinken. Vielen Dank auch an dieser Stelle an Flurfunk welcher hier gegensteuern möchte.

    Auch ich kenne in meinem näheren Umfeld die Problematik. Noch immer können zum Beispiel im Ortsteil Zschieren nicht alle Menschen wieder in ihre Häuser. Gutachten, Gegengutachten, wie sanieren, ob überhaupt sanieren, zahlt die Versicherung ... sind dort immer noch vorherrschende Themen. Ein paar Meter weiter herrscht schon längst der Normalzustand und es wird Schlössernacht und Elbhangfest gefeiert. Natürlich ist dies normal, aber es prägt natürlich die Spendenbereitschaft. Auch mir wurde angetragen das die Spenden nur ein Drittel bis Viertel von 2002 seien bisher. Was aber eben auch daran liegen kann, dass es (zum Glück) die Innenstadt Dresdens verschont hat. Ein Zwinger voller Wasser auf der Titelseite ist eben dramatischer, als Laubegast, Zschieren oder Gohlis.

    Auch wir koordinieren noch im Hintergrund Anfragen und Angebote, wenn auch mit abnehmender Tendenz. Wir möchten weiterhin langfristig als Informations- und Koordinationsportal zur Verfügung stehen, daran arbeiten wir. Auch wenn es nach außen meist nicht erkennbar ist und ein kleiner Teil der User auch durchaus mal vom Thema Hochwasser "genervt" ist. Aber vielleicht seien an dieser Stelle nochmal die vielen Einzelschicksale genannt, deren Zukunft durchaus noch nicht überall geklärt ist.

    Viele Grüße Daniel ( https://www.facebook.com/HochwasserDresden )

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