Facebook in der Krise – Anmerkungen zur Veranstaltung „Infoflut während der Flut“

Von 6 ,
Das Podium zur Diskussionsveranstaltung; Foto: Christian Bach

Das Podium zur Diskussion; Foto: Christian Bach

Gestern trafen sich auf Einladung des Institut für Kommunikationswissenschaft (IfK) der TU Dresden Verwaltungsvertreter und "Macher", um über die Wirkung und Bedeutung von Social-Media-Angeboten während des Hochwassers 2013 zu diskutieren.

Titel der Veranstaltung: "Informationsflut gegen die Flut".

Auf dem Podium saßen Mike Gruschwitz, Initiator der Facebookseite Elbpegelstand, Sven Mildner, Gründer der Google-Map “Hochwasserhilfe Dresden”, Kai Schulz, Pressesprecher der Landeshauptstadt Dresden und Martin Strunden, Pressesprecher im sächsischen Innenministerium. Ich hatte die Ehre, in der Runde ebenfalls ein paar Worte über die Funktionen und Mechanismen der noch vergleichsweise jungen Kommunikationsformen in diesem Kontext sagen zu dürfen.

Statt eines langweiligen Nachberichts mit "der sagte" und "jener antwortete" erlaube ich mir drei Anmerkungen zum Thema:

1.
Die Veranstaltung kam zu spät - und vielleicht deswegen genau richtig, um das Thema wieder in Erinnerung zu rufen. Denn zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung ist das Hochwasser und die Kommunikation drumerherum "durch" - was gestern Abend daran zu erkennen war, dass eher weniger Gäste da waren und eigentlich alle Podiumsteilnehmer ordentlich im Gedächtnis kramen mussten, wie das denn nun genau gewesen ist, "damals" im Sommer 2013.

Das ist (medien)typisch, aber irgendwie auch fatal. Denn immer noch gibt es Betroffene, die noch renovieren und/oder unter Einschränkungen beim bei der Wohnung leiden. Die Hilfe benötigen.

Und es aus noch einem anderen Grund fatal: Nach der Flut ist vor der Flut. Niemand weiß, wie viel Zeit bis zum nächsten Hochwasser vergeht. Ein Monat? Ein Jahr? Zehn Jahre? Umso wichtiger wäre zu klären, was passiert, wenn wieder eine vergleichbare Situation eintritt und Facebook-Gruppen Massen von Informationen und Menschen bewegen.

Denn das wurde gestern abend deutlich: Die öffentliche Verwaltung, egal ob Stadt oder Land, hat noch kein fertiges Rezept, ob(!) und wie man solch freiwilligen Aktivitäten von Bürgern in sozialen Netzwerken im Katastrophenfall nutzen könnte.

Was nicht heißt, dass man untätig ist: Es gibt offenbar bereits einige Forschung zu dem Thema, es gab (und gibt?) Gespräche mit den Machern dieser Angebote und durchaus auch erste konzeptionelle Überlegungen, wie es besser laufen könnte – so war zu hören. Es ist beruhigend wenn man weiß, dass das Thema nicht verschlafen wird.

2.
Während der Veranstaltung habe ich mir erlaubt zu sagen, was ich empfehlen würde: a. Mir ist es zu passiv, dass eine Pressestelle/ein Krisenstab nur beobachtet und im Zweifel mit Medienarbeit auf Falschmeldungen oder Fehlentwicklungen in den sozialen Netzwerken reagiert. Das ist auch zu langsam, wenn man die Entwicklungen von Nachrichtenströmen in den sozialen Netzwerken beobachtet.

Andererseits halte ich nichts davon (auch das wurde diskutiert), dass die staatlichen Strukturen selbst in sozialen Netzwerken aktiv werden. Zumindestens noch nicht - denn dafür sind die Strukturen noch zu verhärtet und langsam (Stichwort: Hierachien). Außerdem muss man festhalten, dass es ja nicht so ist, dass die staatlichen Institutionen überhaupt nicht informieren - im Gegenteil: Es gibt genug Seiten im Internet, auf denen sich die Bürger entsprechende Informationen abholen können. Und doch wäre es zumindest technisch für die Verwaltung ein Kinderspiel, näher an die Bürger heranzukommen.

Deswegen der konkrete Vorschlag: Man behandelt solche Aktivitäten in Zukunft ähnlich der Presse. Heißt: Es gibt innerhalb des Krisenstabs ein Team, das für Fragen und Antworten zur Verfügung steht. Es beobachtet kontinuierlich die wichtigsten Netzwerke (denn auch das wurde diskutiert: Wer weiß denn, ob FB bei der nächsten Flut noch aktuell ist?). Taucht ein solches Angebot auf, bietet man sich als Ansprechpartner an - um solche Seiten bei der Verifizierung von Informationen oder sogar logistisch (stabiles Internet) zu unterstützen.

Eine zweite Überlegung: Bei Twitter etwa gibt es "verifizierte Accounts". So stellt das Unternehmen für seine Nutzer sicher, dass bestimmte Absender (Prominente) wirklich echt sind. Es wäre zu überlegen, eine vergleichbare Variante für solche bürgerschaftlich betriebenen Seiten anzubieten: D.h. die Seiten können während solcher Katastrophen kurzfristig eine Art "Gütesiegel" bekommen, damit die Bürger wissen: Ah, die Infos auf der Seite sind vertrauenswürdig, die Macher arbeiten mit dem Katastrophenstab zusammen. Sicherlich müsste man überlegen, was die Bedingungen für so ein Siegel wären und auch Mechanismen einbauen, es schnell wieder entziehen zu können.

Ein dritter Gedanke: Sowohl der Vertreter von Stadt wie auch der der Landesregierung betonten, dass man Social-Media-Angebote während der Flut beobachtet (Stichwort: Monitoring) und ausgewertet habe. Besser noch wäre aus meiner Sicht, dass diese monitorenden Leute in der Lage wären, bei Fehlinformationen in den sozialen Netzwerken sofort zu reagieren - und etwa direkt auf solchen Seiten zu kommentieren ("Hallo, ich arbeite beim Krisenstab und würde die oben stehende Info erst prüfen - melde mich gleich noch mal!").

3.
Die Einstiegsfrage von Moderator Prof. Lutz Hagen an mich war: Hätte die öffentliche Verwaltung nicht voraussehen können, dass solche Seiten wie Elbpegelstand, FluthilfeDD, Hochwasser Dresden oder die Google-Map “Hochwasserhilfe Dresden” entstehen? Äh, ja, also, nein, mhhm... eine verdammt gute Frage.

Ich habe mal die Verwaltung in Schutz genommen - das war aus meiner Sicht genauso wenig vorhersehbar wie die Katastrophe selbst. Ich hätte, selbst wenn das kommende Hochwasser vorher bekannt gewesen wäre, die Entwicklung jedenfalls nicht vorhergesehen (Im übrigen der Hinweis: Wer weiß denn, ob es beim nächsten Mal wieder genauso kommt?).

Die Weiterentwicklung der Frage hat mich den Rest des Abends nicht losgelassen: Was würde denn in FB und Co. bei ganz anderen Katastrophen-Situationen passieren? Mir erscheint es sinnvoll, verschiedene Szenarien zumindest einmal anzudenken.

Beispiel gefällig? Wir wollen mal nicht hoffen, dass jemals soetwas passiert, aber stellen wir uns einmal vor: Es gibt eine Serie von Anschlägen in der Innenstadt einer Großstadt. Die Infrastruktur bricht zusammen und bei Facebook organisiert sich eine Bürgerwehr - die einen Verdächtigen am Ort XY ausgemacht haben will… Wie sollte eine Verwaltung da reagieren?

Das Szenario ist beliebig austausch- und erweiterbar.

Vielleicht ist es auch müßig, darüber nachzudenken und sich Katastrophen auszumalen - liegt es doch in der Natur der Sache, dass sie eben nicht kalkulierbar sind. Oder?

Ich freue mich über Diskussionsbeiträge hier im Blog!

6 Kommentare
  • stefanolix
    November 30, 2013

    Gäbe es in einer sächsischen Großstadt einen Terroranschlag, würden sich über Facebook und Twitter im besten Fall Blutspender und Ersthelfer organisieren. Für mich überwiegen die positiven Auswirkungen der Vernetzung.

    Aber es ist eine gute Frage: Wie reagieren die Kommune und der Freistaat, wenn sich nach einem Verbrechen via Aufruf im Netz eine Art Bürgerwehr bildet? Es hat ja schon in Norddeutschland so einen Fall gegeben: Die aufgebrachte Meute wollte einen Tatverdächtigen aus der Polizeiwache zerren und lynchen – später stellte sich heraus, dass er die Tat gar nicht begangen hatte. Da gibt es wohl eine Art Restrisiko. Eine Meute kann sich ja schließlich auch im Kneipenviertel oder anderswo bilden.

    Grundsätzlich wird man darüber nachdenken müssen, ob die Polizeipräsenz im Freistaat weiter reduziert werden kann. Zwar wird die Bevölkerungszahl in Sachsen in den nächsten Jahren (leicht) sinken, aber die Fläche bleibt ja gleich und die Gefährdungen werden auch nicht reduziert. Es droht nicht der Polizeistaat, wenn die bürgerliche Koalition den Umfang der Personalreduzierung bei der Polizei noch einmal überprüft.

  • owy
    Dezember 1, 2013

    @stefanolix Sorry, mir fallen zunehmend Beispiele auf, die ich hier nicht nennen und verlinken möchte, die in mir den Verdacht aufkommen lassen, dass es im Falle einer Katastrophe eben nicht immer nur um die Orga von Blutspendern und Ersthelfern geht. Zumindest theoretisch ist es denkbar, dass auch Leute das Netz an der Stelle regelrecht missbrauchen - im Zweifel sich sicher wähnend, dass es das richtige ist. Ganz abgesehen von den Fällen, wo bewusst Falschinformationen gestreut werden.

    Was ich auch nicht verstehe: Wie du auf das Thema Polizeipräsenz umschwenkst. Ich stecke da nicht im Thema, meine aber mal gelesen zu haben, dass der Freistaat auch nach der Reduzierung der Polizeikräfte immer noch mehr Polizisten als andere Bundesländer haben wird. So oder so: Das hilft doch nicht, wenn sich wirklich ein Mob sammelt…

  • Daniel B.
    Dezember 2, 2013

    Ach Peter, deine Gedankenansätze sind einfach bewundernswert, nur leider habe ich das Gefühl das du der Einzige warst, der sich die Gedanken gemacht hat. Das öffentliche Interesse sinkt gegen Null, aber nach wie vor kämpfen Menschen mit Versicherungen und Behörden. Noch lange nicht ist die Normalität bei Allen eingekehrt. Einzig der Hochwasserschutz ist in einigen Gebieten noch aktuell. Aber warum ist das so? Weil wir mit den Gedanken schon wieder wo ganz anders sind. Weil die Medien das Thema fast vergessen haben und sich eher um NSU, NSA oder schleppende Koalitionsverhandlungen scheren. Ich für meinen Teil habe keine Lust mehr ... schlafende Verwaltungen und Behörden zu unterstützen, von einer Diskussionsrunde zur Anderen zu rennen oder an jahrelangen Studien der TU teilzunehmen, warum nicht? Weil nichts dabei rauskommt. Das nächste Frühjahr steht fast vor der Tür und damit auch wieder die Hochwassergefahr. Ich denke das sich zu diesem Zeitpunkt nichts geändert hat und weder vorzeigbare Ergebnisse, noch Lösungen, wie die Verwaltung mit den sozialen Netzwerken umgehen möchte, vorliegen ... Es bedarf etwas mehr, als Einladungen zu o. g. Veranstaltungen zu verschicken.

  • Frank
    Dezember 2, 2013

    Auf jeden Fall wären solche verifizierte Accounts sehr sinnvoll, ebenfalls ein Monitoring, um ggf. Infos oder Korrekturen aus seriösen Quellen in die Netzwerke eingeben zu können. Ich fand es übrigens schade, dass die Stadt zwar einen angeblichen Anlaufpunkt zur Hilfekoordinierung eingerichtet hatte, ich aber nie eine Antwort erhielt, nachdem ich anbot, in bestimmten Stadtteilen mithelfen zu wollen.

  • Andreas
    Dezember 2, 2013

    Soweit ich das verstanden habe, hatte die Stadtverwaltung Social Media beim aktuellen Junihochwasser noch nicht "gemonitort", der Krisenstab im Innenministerium dagegen schon.

    Zudem herrscht offenbar wenig Bereitschaft in den Amtsstuben, sich aktiv zu involvieren.

    Des Weiteren war die Internetpräsenz der Stadtverwaltung zur Flut bei weitem nicht so gut, wie bei der Veranstaltung verkündet. Und auch die Hochwasserpegel des Freistaates sind optisch auf dem Stand von 2003. Warum hier nicht modernes, funktionales Design nutzen. Die Googlemap hat ja gezeigt, was da wie einfach möglich ist.

    Für mich bleiben kommunikativ folgende Fragen:

    1.) Wie kann die Verwaltung auch im Krisenfall oder bei aktuellen Ereignissen aktiv in die Kommunikation in Sozialen Medien einsteigen? Einige Polizeidirektionen (z.B. in Hannover) tickern und informieren z.B. während Risiko-Fußballspielen auch via Facebook und Twitter, und das nicht schlecht, auch auf Fragen wird dort reagiert.

    2.) Wie mit dem Thema Gerüchten/Falschmeldungen umgehen?

    Auch zum Junihochwasser gab's dort wieder viel Material, das durch eine schnelle Reaktion entschärft werden könnte. ABER: wie erreicht eine Klarstellung, dass nicht alle Brücken gesperrt werden müssen, auch alle Nutzer. Im Zweifel hat das Lieschen Müller nicht gelesen und teilt weiterhin froh entsprechende Katastrophenmeldungen.

    3.) Kanalisierung von Bürgerschaftlichem Engagement

    Die freiwilligen Helfer haben da echt etwas gigantisch auf die Beine gestellt. Die Bürgerhotline des Rathauses war zwar gut aufgestellt, kam aber mindestens einen Tag zu spät, nutzte nur Telefon, Fax, Mail, persönliche Anfragen. Social Media leider kaum ein Thema.

    Und abschließend ganz allgemein:

    Beschränkung auf das Thema Gefahrenabwehr

    Klar geht's darum, in einen Krisenszenario zunächst Gefahr für Leib und Leben abzuhalten. Sich aber völlig auf diesen Standpunkt zurückziehen und das zivile/private Helfen fast völlig zu ignorieren oder kaum aktiv zu unterstützen, ist mir zu wenig. Warum schafft die Verwaltung nicht entsprechende Ressourcen, im Katastrophenfall auch diese Projekte zu koordinieren?

    Soweit meine Gedanken zum Thema.

    Einen Hoffnungsschimmer hat bei mir das Projekt am Frauenhofer hinterlassen. Da machen sich kluge Köpfe offenbar die richtigen Gedanken, wie man mit dem Thema künftig umgehen könnte.

    Bin gespannt auf die Masterarbeiten am IfK zum Thema, wobei ich es für sportlich/unrealistisch halte, alle Twitter/Facebook-Postings zum Thema in irgendeiner Form sichten und auszuwerten zu wollen. Bleibst du da dran, wenn die Arbeiten publiziert sind?

  • Dietrich Herrmann
    Dezember 3, 2013

    Verschiedene Stellen der Stadtverwaltung hatten schon 2002 Schwierigkeiten, mit bürgerschaftlichem Engagement in Sachen Fluthilfe zu kooperieren - als Initiatoren und Verantwortliche der Fluthilfeaktion "Hilfe für Dresden - Bürger helfen Bürgern" haben wir dies seinerzeit mehrfach formuliert, in Medienbeiträgen, aber auch in etlichen Gesprächen mit Verantwortlichen der Stadt.
    Wir hatten damals schon auf Internet und Vernetzung gesetzt, noch vor Facebook, Twitter und Google-Maps. Von daher gehörte seitens der Stadtverwaltung und der organisierten Katastrophenschützer (Feuerwehr etc.) nicht viel Fantasie dazu, sich auszudenken, dass es da wieder (dieses Mal aber ganz neue) Menschen geben würde, die sich selbstlos für die Sache der Stadt engagieren würden und dafür wiederum auf die neuen technischen Möglichkeiten setzen würden.
    Gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen von 2002 ist die teilweise Unfähigkeit der Verwaltung, mit dem Engagement der Bürger nutzbringend zu kooperieren, nicht zu entschudligen.
    Gleichwohl muss man auch von Seiten der Bürger respektieren, dass eine Stadtverwaltung - auch in Zeiten der Katastrophe - anders arbeitet, anders arbeiten muss als private Bürgerinitiativen.
    Meine Erfahrungen habe ich damals u.a. in einem Interview mit dem Uni-Journal der TU geäußert http://tu-dresden.de/.../sg57/uj/bilder/pdf2002/UJ18-02.pdf (S. 6)

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