Aus nach 24 Jahren: Magazin „Wirtschaftsjournal“ eingestellt

Wohl kaum ein Printprodukt in Sachsen hat im letzten Vierteljahrhundert so viele Pleiten überlebt wie das "Wirtschaftsjournal". Doch gerade als die "Sächsische Zeitung" in diesem Frühjahr ihr neues Wirtschaftsblatt startete (vgl. flurfunk-dresden.de vom 24.4.2015: "WIRtschaft in Sachsen: Sächsische Zeitung startet regionales Wirtschaftsmagazin"), hat das bislang einzige überregionale Wirtschaftsmagazin im Freistaat sein Erscheinen eingestellt.

Das in Chemnitz erschienene "Wirtschaftsjournal" meldete am 30.4.2015 Insolvenz an, die letzte Ausgabe wurde im Mai ausgeliefert. Sie brachte es auf gerade einmal 36 Seiten. In besseren Zeiten waren es auch 68 oder 80.

Immerhin hat die Zeitschrift fast 24 Jahre ausgehalten - und das ohne je einen zahlungskräftigen Verlag im Rücken gehabt zu haben. Verloren sind drei feste journalistische Arbeitsplätze sowie die Jobs mehrerer Verlagsangestellter und Freiberufler. Wohl vor allem ihrem Einsatz und Glauben an die Sache ist es zu danken, dass es überhaupt so lange ging.

Mehrere Eigentümer
WJ-Gründer war ein Mann aus dem Westerwald, der nach dem Einzug der Marktwirtschaft im Osten in kostenlosen Anzeigenblättern alles anbot, was die Neu-Unternehmer so gebrauchen konnten: alte und neue Autos, Büroeinrichtungen, Baumaschinen, Immobilien…

Über Rechtstipps, Gründer-Infos, Interviews mit Wirtschaftsförderern und Kommunalpolitikern wuchs in Chemnitz allmählich ein redaktionelles Produkt heran, das ab Mitte der 1990er Jahre von professionellen Journalisten gemacht wurde – aus Kostengründen freiberuflich.

Das erste farbige Magazin erschien 1997, doch das Einzelunternehmen war zahlungsunfähig. Ein Jahr später wurde ein Medienverbund mit Schwesterzeitschriften in Thüringen und Sachsen-Anhalt ins Leben gerufen, brachte offenbar aber nie den erhofften wirtschaftlichen Erfolg.

Im Jahr 2002 übernahm notgedrungen der damalige Drucker in Hohenstein-Ernstthal den Verlag. Die redaktionelle Mannschaft hatte da schon mindestens dreimal gewechselt. Als der Drucker das Zuschussgeschäft nicht mehr wollte, versuchte sich der damalige Geschäftsführer als Verleger, etwa nach dem Motto „Was die Bisherigen konnten, kann ich auch“ -  und endete ebenso.

Der letzte Neustart
Gab es beim letzten Neustart 2009 noch mehrere Interessenten, darunter mit der "Freien Presse" den Chemnitzer Platzhirsch für alles Gedruckte, scheint das Aus diesmal endgültig besiegelt zu sein. Zum Fakt, dass der Verlag im Internet zur Versteigerung steht, äußerte sich Insolvenzverwalter Andreas Hiecke aus Dresden auf Nachfrage nicht. Er hatte im Verfahren bereits nach vier Tagen Masseunzulänglichkeit angezeigt.

Zuletzt gehörte das WJ einem Chemnitzer, der Mehrwert durch Vernetzung mit seiner Marketing- und Kommunikationsberatung bieten wollte. Als Anfang 2013 ein neuer Geschäftsführer auftauchte, konnte dies schon als Zeichen des Rückzugs gedeutet werden. Die Leser konnten es spätestens spüren, als der Januar/Februar sowie März/April 2015 als Doppelausgaben erschienen.

Nach eigenen Angaben hatte das Magazin eine monatliche Auflage von 12.500 Stück. Zielgruppe waren Unternehmer, wirtschaftsrelevante Entscheider und Politiker. Der Vertrieb lief immer in eigenständigen Kanälen, hauptsächlich über Postversand sowie Auslage bei Kammern, Verbänden u.ä. Wohl stand zuletzt ein Jahres-Abopreis von 40 Euro in den Mediadaten, die Zahl der Abonnenten indes muss recht gering gewesen sein.

Ein Teil der Auflage wurde stets von den Inserenten als Promotion-Exemplare genutzt. In der Tat machte es sich nicht schlecht, eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift mit dem Untertitel "Das mitteldeutsche Wirtschaftsmagazin" vorweisen zu können.

Seine Stärken hatte das WJ vor allem in Branchen-Specials und thematischen Sonderpublikationen. Oft waren namhafte Wissenschaftler, Unternehmensberater, Politiker als Kolumnisten oder Interviewpartner zu finden. Nach Aussage einer Reihe von Mittelständlern füllte das Blatt für sie genau die Lücke zwischen den so genannten Meinungsmedien und dem Wirtschaftsteil der Lokalpresse.

Halbherzige Investitionen
Indes: Die Kunden waren nicht bereit, für gute Inhalte zu bezahlen, wie es eine Ex-Mitarbeiterin formuliert. Und die jeweiligen Besitzer investierten nur halbherzig, doch immer sollte beste Qualität bei niedrigen Kosten produziert werden.

So gelang es auch nicht, die heute notwendige Verbindung von Print und Online zu Mehrwert für die Nutzer zu führen und das „Wirtschaftsjournal TV“ blieb eher ein Marketingversprechen. Zudem wurde ein branchenunüblicher "Geburtsfehler", die Festanstellung der Anzeigenverkäufer, nie ausgemerzt.

So richtig gut, das bestätigen Insider, ging es dem WJ nie. Höhere Kosten als Erträge zogen sich durch alle 24 Jahre, was zwangsläufig zum Scheitern führen musste. Es gibt freie Mitarbeiter aus den 1990-er Jahren, die heute noch auf Honorare in bis zu damals fünfstelliger D-Mark-Höhe warten.

Eine Insolvenz indes ist in der Geschichte des Blattes nichts Neues und vielleicht gelingt es dem kampfes- bzw. überlebenswilligen Teil der Mannschaft auch diesmal, den Titel wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Noch ist die Lücke nicht geschlossen.

Ulrike Otto

2 Kommentare
  • Tollpatsch
    Juli 10, 2015

    Gibt es einen Grund, warum keinerlei Namen in dem Bericht genannt werden? Ich meine, es ist immer schade, wenn eine Zeitung eingestellt wird und damit auch Arbeitsplätze und Meinungsvielfalt verloren gehen. Trotzdem sollte man kein Geheimnis daraus machen, wer die Menschen hinter dem Wirtschaftsjournal waren, oder? Schade eigentlich, weil es so ein Bericht ist, dem die letzte Authentizität fehlt.

  • Lilla Ina
    Februar 15, 2016

    "Die Kunden waren nicht bereit, für gute Inhalte zu bezahlen" - in dieser Aussage steckt, welche Art "Journalismus" zum Großteil im WJ steckte: keiner. Stattdessen bezahlten Wirtschaftsunternehmen für Seiten und die Redaktion füllte den gekauften Platz nach Wunsch des Kunden. Warum wird das in dem Text oben nicht erklärt? Auch möchte ich mich Tollpatschs Kritik anschließen, dass hier keinerlei Namen fallen.

    Schade ist es mir um Publikationen wie das Wirtschaftsjournal nie. Sie mischen Redaktion und Anzeige. Wer so einmal seine Sicht im Heft platzieren konnte, glaubt, Journalismus wäre immer so. Die Glaubwürdigkeit der kompletten Branche gerät auf diese Weise ins Wanken. Und wer so einmal seine Sicht im Heft platzieren konnte, der _verlangt_ das auch anderswo. Dann sind Journalisten auf einmal die Lügenpresse, wenn sie beide Seiten darstellen; Unbewiesenes nicht publizieren oder aus anderen Gründen entscheiden, dass ein Sachverhalt nicht in die Zeitung gehört oder nicht so, wie der Zitatgeber es wünscht. So wird es Stück für Stück schwerer, die Pressefreiheit durchzusetzen.

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