Anmerkungen zum NZZ-Kommentar: „Grün ist die Redaktion“

Von 1 ,

Achtung, Kommentar: Nach dem mir nun wiederholte Mal der NZZ-Gastkommentar "Grün ist die Redaktion – die deutschen Mainstream-Medien haben aus der Flüchtlingskrise nichts gelernt" in die Timeline geteilt worden ist, will ich meine Schwierigkeiten mit diesem Text doch mal aufschreiben.

Mir ist die Diskussion, was ausgewogene Berichterstattung eigentlich ist, ausgesprochen willkommen. Ich halte auch die Sichtweise, dass die deutschen Medien zu weit links sind und entsprechend berichten, für eine nachvollziehbare Meinung. Auch wenn ich sie nicht teile – schon gar nicht in der Absolutheit, mit der sie manchmal vorgetragen wird.

Ja, man darf die Frage stellen, ob die Medien in Deutschland nicht ausgewogen genug berichten, richtig.

Aber die Art und Weise, wie sich der Autor Wolfgang Bok als Gastkommentator der Neuen Zürcher Zeitung die Fakten regelrecht zurechtbiegt, um auf "die Medien" (da fängst es schon an, was soll das eigentlich sein?) einzudreschen, enthält in ihrer Wahrheitskrümmung so viel ungewollte Ironie, dass ich an einer Kommentierung nicht vorbeikomme.

Wie kann denn jemand, der die Qualität von Medien so grundsätzlich in Frage stellt, so dermaßen unsauber arbeiten und argumentieren?

Ich greife jetzt mal einige der Sätze Boks raus und kommentiere zurück.

Der neue grüne Mainstream

"Vom öffentlichen Fernsehen über investigative Nachrichtenmagazine bis zu grossen Tageszeitungen gibt es in deutschen Medien einen neuen Mainstream: grün."

Jetzt mal, mit Verlaub: Wie lange sind die Zahlen bekannt, dass deutsche Journalisten eher linken Milieus entstammen? Wie kommt Bok darauf, es gäbe einen "neuen Mainstream"? Sorry, das mag sein Gefühl sein, aber nüchtern betrachtet ist das totaler Unsinn.

Übermedien hat sich jüngst erst wieder dieser These angenommen, Journalisten würden tendenziell ihre eigene Weltanschauung wiedergeben - und befasst sich in einem langen Stück auch mit den Aussagen des Springer-Chefs Mathias Döpfner, die Bok weiter unten noch verwendet.

Zitat aus Übermedien.de vom 22.1.2019: "Journalisten sind eher links. Aber sorgen sie für linken Journalismus?":

"Bereits seit mehr als 30 Jahren werden in der Kommunikationswissenschaft Modelle diskutiert, die im Grunde alle eines aufzeigen: Die politischen Einstellungen von Journalisten sind nicht so entscheidend, wie gerne behauptet wird."

"Neu". Ts.

Der Wechsel von Jan Fleischhauer

Bok schreibt:

"Nun hat Fleischhauer kapituliert und ist zu 'Focus' gewechselt. Ein Aufstieg ist das nicht. Das Münchner Magazin kämpft vor allem mit Fitnessthemen gegen den Auflagenschwund."

Und:

"Fleischhauer ist das wohl prominenteste Beispiel, wie es deutschen Journalisten ergeht, die sich wacker dem Mainstream entgegenstellen."

Wie singt Pipi Langstrumpf gern: "Ich mach' mir die Welt, Widdewidde, wie sie mir gefällt...".

Man muss nur die Berichterstattung in den medienjournalistischen Angeboten lesen, um mitzubekommen, dass der Wechsel für Fleischhauer ein deutlicher Aufstieg ist.

Zitat aus sueddeutsche.de vom 7.5.2019:

"Die Personalie hat offenbar Burda-Vorstand Philipp Welte mit verhandelt. Über die Dotierung des Vertrags wurde Stillschweigen vereinbart."

Hajo Friedrichs Grundsatz

Bok schreibt:

"ZDF und ARD werben sogar mit dieser Abkehr vom Grundsatz, den der erste Tagesthemen-Moderator Hajo Friedrichs zum journalistischen Credo erhoben hat: 'Mache dich mit keiner Sache gemein – auch nicht mit der guten.'"

Es ist schon verwunderlich, dass jemand, der mal Chefredakteur einer deutschen Tageszeitung war, den Zusammenhang des Zitats nicht kennt. Ich empfehle dazu die Lektüre der Seite Falschzitate (Beitrag vom 14.11.2017).

Zitat:

"Im ursprünglichen Satz geht es um die Notwendigkeit von Fernsehjournalisten, bei schlimmen Nachrichten nicht 'in öffentliche Betroffenheit' zu versinken, 'cool' zu 'bleiben, ohne kalt zu sein'. Nur so würde das Publikum TV-Moderatoren auf Dauer vertrauen."

Die Kernfrage: Was ist ausgewogen?

Bok schreibt weiter:

"Heute nehmen Friedrichs’ Nachfolger einen Spitzenplatz ein, wenn es um negative Trump-Berichterstattung geht (98 Prozent), wie eine internationale Vergleichsstudie der Universität Harvard von 2017 ergab. Der US-Präsident steht für das Böse schlechthin – in einer Reihe mit 'Klimaleugnern' und 'Rassisten', die sich der Merkelschen Willkommenskultur widersetzen."

Nachtrag 11.58 Uhr: Übermedien hat sich der Zahl "98%" schon 2017 angenommen und kommt zu dem Schluss: "Nein, es sind nicht 98 % der ARD-Berichte über Trump negativ". (Nachtrag Ende)

So, jetzt kommen wir der Sache näher: Wie soll denn aus Sicht von Bok die Berichterstattung über Donald Trump, "Klimaleugner" und "Rassisten" sein? Als Journalist müsste er wissen, dass "neutral" faktisch nicht möglich ist. Schon mit der Auswahl des Themas ist die erste Wertung durch den Journalisten/die Journalistin vorgenommen.

Ich hatte neulich eine schöne Diskussion mit Medizinern über die angeblich nicht neutrale Berichterstattung der deutschen Medien. Meine Frage war eine ganz banale:

Was ist denn aus ihrer Sicht bei der Berichterstattung über Impfungen und die Diskussion darüber, ob impfen Pflicht sein sollte, die richtige Ausgewogenheit? Sollen Journalisten Impfgegner und sogar den Menschen, die Impfen generell ablehnen, ausreichend Platz in ihren Medien einräumen? Wo genau ist da die Grenze, die der "ausgewogen berichtende" Journalist/in ziehen soll?

Oder anders gefragt: Angenommen, demnächst versteift sich Donald Trump bei Twitter auf die Aussage, die Erde sei eine Scheibe (was angesichts der Vorgeschichte derzeit gar nicht mal so unrealistisch erscheint). Sollen die im Sinne von Herrn Bok "ausgewogenen" Medien dann berichten: "Es gibt da zwei Positionen: Eine Seite sagt, die Erde ist eine Kugel. Die andere Seite..."

Oder wie sollen sich Journalisten dann verhalten?

Nicht missverstehen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nur einen Bruchteil der tatsächlichen "Wirklichkeit" der politischen Verhältnisse beispielsweise in den USA durch unsere Medien mitbekommen. Es wird uns immer nur ein Ausschnitt präsentiert, ja klar – und ja, der wird (z.B. durch Framing) auch noch weiter eingeengt und sicher nicht (oder sogar: "nie"?!) ausreichend differenziert sein.

Aber die Kernfrage, was Ausgewogenheit bedeutet, packt Wolfgang Bok nicht im Ansatz an. Darauf gibt es nämlich keine platte Antwort.

Flüchtlingsberichterstattung: unausgewogen?

Es geht noch weiter. Bok schreibt:

"So hat die Hamburg Media School nachgewiesen, dass «2015 insgesamt 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik positiv konnotiert waren und zwei Drittel die Probleme der Zuwanderung nicht benannt oder bewusst ignoriert haben»."

Ja, mag sein, dass es solche Studien gibt. Aber es gibt aus andere. Zitat aus einem Deutschlandfunk-Bericht vom 14.1.2019: "Flüchtlingsberichterstattung: Nicht ganz ausgewogen, aber richtig") über eine Studie der Uni Mainz:

"Die sechs untersuchten Leitmedien hätten die relevanten Fakten überwiegend korrekt dargestellt, so die Studie. Dass das Thema Zuwanderung dabei zu gut wegkam, ließe sich nicht belegen."

Merken Sie die Ironie? Bok schreibt einen Kommentar über mangelnde Ausgewogenheit in den Medien – und nutzt ausschließlich die Fakten, die sein Weltbild bestätigen. Tricky!

Sinkendes Vertrauen in die Medien?

Nächster Bock:

"In der Bevölkerung war es genau umgekehrt, was den Vertrauensverlust in deutsche Medien erklärt, wie die Meinungsforscher von Allensbach bereits 2016 ermittelt haben."

Auch das ist so halb-wahr. Ja, die Berichterstattung war vielen Menschen offenkundig zu positiv und, je nach Studie, war das Vertrauen 2016 möglicherweise auch etwas rückläufig. Aber heute  - Überraschung! – ist es nach wie vor sehr hoch. Von einem Vertrauensverlust zu schreiben - das lässt sich mit aktuellen Studien und Umfragen nicht belegen.

Die ZEIT schreibt in einem Beitrag vom 6.3.2019 ("Vertrauen in deutsche Medien bleibt konstant"):

"Die Vertrauenswerte variieren zudem je nach Medienart: Am höchsten waren sie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem 65 Prozent vertrauten, gefolgt von Regionalzeitungen mit 63 Prozent."

Der Nazi-Tweet der ZDF-Redakteurin

Bok so:

"Eine Redaktorin des ZDF-Hauptstadtstudios erklärt via Twitter kurzerhand alle zu Nazis, die 'nicht Grün wählen'."

Man, jetzt mal im Ernst: Wenn man schon auf diesen Tweet und die daraus nachfolgende öffentlich sehr laut geführte Debatte Bezug nimmt, dann aber vollständig - und nicht so halbgar. Meinetwegen mag das von Bok als Provokation gemeint gewesen sein, weil er natürlich genau weiß, dass der Tweet provokant und ironisch gemeint gewesen ist.

Aber die Geschichte hier aufzulösen: Das passt dem nach Ausgewogenheit rufenden Bok nicht in die "Argumentation".

Ehrlich: So eine Arbeitsweise schadet nicht nur seinem Anliegen. Es schadet der ganzen Medienbranche.

Der Hype um die Grünen

Bok zitiert dann aus dem Döpfner-Interview, dass der oben verlinkte Übermedien-Beitrag schon kommentiert hat.

Und kommt dann zu der Schlussfolgerung:

"So gesehen, gilt das zunehmend repressive Klima, das der deutschen Hochschul- und Kulturszene attestiert wird, in gewisser Weise auch für grosse Teile der Medien. Dass die Grünen zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen sind, ist auch ihr Verdienst."

Ja, klar, und weil die SPD so eine Meinungsmacht über die Beteiligung an zahlreichen Medien hat, werden wir alle ja seit Jahrzehnten von der SPD regiert (Achtung, Ironie!).

Also, ernsthaft: Es gibt gerade einen "Hype" um die Grünen, definitiv. Die Frage aber ist die uralte Medienfrage: Ist der medial "herbeigeschrieben" - oder bekommt das Publikum nur, was es wünscht?

Und ist es wirklich so, dass die Grünen kaum kritisch angefasst, bei anderen (konservativen?) Positionen Interviews aber zu "Verhören" werden?

Mit Verlaub, was für ein undifferenzierter Stuss.

Zum Schluss

Im letzten Absatz schreibt Wolfgang Bok:

"Der Preis dafür ist hoch: Die Bereitschaft zur inneren Pluralität geht verloren, die Glaubwürdigkeit sinkt."

Dass die Bereitschaft zur inneren Pluralität verloren geht, ist ebenfalls komplett an den Haaren herbeigezogen. So ein Unsinn! Dafür muss man sich nur mal mit Redakteurinnen und Redakteuren von Medien unterhalten, denen "Lügenpresse" direkt ins Gesicht gebrüllt worden ist. Das Gegenteil ist der Fall!

Und noch mal: Ja, wir können darüber diskutieren, ob die Berichterstattung in Deutschland ausgewogen ist. Was Ausgewogenheit überhaupt ist. Wir können auch darüber diskutieren, wie weit die grundsätzlichen Einstellungen von Journalistinnen und Journalisten auf die Berichterstattung wirkt.

Vielleicht diskutieren wir dann gleich auch noch, ob die Bürgerinnen und Bürger wirklich so leicht manipulierbar sind, dass sie jeder vermeintlich hypenden Berichterstattung hinterher hecheln und daraus ihre Meinung bilden... (was ich nicht glaube).

Vorher aber müssen wir festhalten: Ja, die Glaubwürdigkeit des Journalismus sinkt, wenn Journalisten so arbeiten wie Wolfgang Bok.

1 Kommentar
  • Peter
    Juni 26, 2019

    Um zu klären, um wen es hier geht, zitiere ich aus einem Kommentar des damaligen Chefredakteuers Wolfgang Bok in der „Heilbronner Stimme“ vom 30.4.1998 zu einem damals im Raum stehenden Vorschlag, Eltern sollten für ihre Erziehungsarbeit staatliche Zuschüsse erhalten: „Vor allem die türkischen Großfamilien werden sich über diese Wurfprämien der Extraklasse freuen.“ (Dieser Kommentar wurde übrigens vom Presserat beanstandet.)

    Dass so einer per Lehrstuhl an der Hochschule Heilbronn seinen offenkundigen Rassismus und seine Hetze gegen alles, was nicht rechts ist, über Studenten ausschütten darf, wirft kein gutes Licht auf das deutsche Hochschulsystem und insbesondere den Campus Heilbronn.

    Mir hat Bok übrigens viel Geld erspart, nämlich das Abonnement der Heilbronner Stimme seit 1998.

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