Wollt ihr die totale Paranoia?

Eine Kolumne von Stephan Zwerenz.

Heutzutage scheinen Verschwörungstheorien im Netz nicht nur allgegenwärtig zu sein, sondern zum Mainstream zu gehören.

Auf der einen Seite kann man die absurden Geschichten von Hohlwelten, Reptiloiden, Mondnazis, bewusstseinsverändernder Zahnpasta, LSD im Trinkwasser oder von Flugzeugen, die tödliche Chemtrails versprühen und winzige Mikrochips abwerfen, eigentlich nur belächeln.

Doch das ein oder andere imaginierte Bedrohungsszenario kann auch Ausgangspunkt für Hetze, Hass und Gewalt sein. Nicht selten spiegelt sich in den kruden Theorien auch ein diskriminierendes und groteskes Weltbild wider.

Gamer oder paranoide Weltverschwörer?

Welches Gefahrenpotential in ideologisch gefärbtem Verschwörungsdenken stecken kann, haben uns die Anschläge von Halle und Christchurch schmerzlich vor Augen geführt.

Angesichts der Tatsache, dass beide Täter Anhänger der Theorie der „jüdischen Weltverschwörung“ waren, sollte sich Horst Seehofer nochmal ernstlich überlegen, ob man wirklich die Gamerszene genauer beobachten müsse oder ob man nicht stattdessen einen kritischen Blick auf die Szene der paranoiden Verschwörungstheoretiker werfen sollte.

Eigentlich sollten wir nach Halle doch daran erinnert sein, dass letztlich auch der Zweite Weltkrieg und der Holocaust durch antisemitische Verschwörungstheorien motiviert waren. Ebenso hatte auch der Anschlag auf das World Trade Center zum Teil antisemitische Motive, da der „Heilige Krieg“ gegen die westliche Welt der „Juden und Kreuzfahrer“ geführt wird.

Trotzdem werden „die Juden“ in einigen Foren sogar als die eigentlichen Drahtzieher hinter den Anschlägen vermutet.

Die Vorfälle werden einfach in die bestehende Theorie der „jüdischen Weltverschwörung“ integriert. Das sogenannte „internationale Finanzjudentum“, das angeblich schon den ersten Weltkrieg zum Nachteil Deutschlands beendet haben soll („Dolchstoßlegende“) und auch die Shoah selbst inszenierte („Auschwitzlüge“), ist und bleibt grundsätzlich an allem Schuld.

Hat der Führer ja schon gewusst.

Distanzierung gemäßigter Rechter?

Dass diese Theorie nicht nur Ausgangspunkt für die Ideologie der Nazis, sondern auch für die Anschläge in Halle und Christchurch war, sollte eigentlich bitter genug aufstoßen, um zu erwarten, dass sich zumindest gemäßigte Rechte im Netz davon distanzieren. Aber Fehlanzeige.

Selbst jene, die sich als die „Mitte des Volkes“ bezeichnen, vertreten solche Meinungen in den sozialen Medien. Seien es Familienväter, orientierungslose Jugendliche oder frustrierte Rentnerinnen. Sie alle teilen unverhohlen antisemitisches Verschwörungsdenken.

Das kann recht subtil sein, wie bei dem kürzlich weltweit geteilten Bild von Greta Thunberg und dem jüdischen Investor George Soros. Das Bild war in Wirklichkeit gefaked und zeigte im Original eigentlich Al Gore.

Dass Soros Jude ist, sagte für eingefleischte Verschwörungstheoretiker schon alles. Unschlüssige bestellten sich noch schnell das richtige Buch beim Kopp-Verlag.

Die Herkunft des Täters

Ebenso subtil zeigte sich dieses Gedankengut in der Verleugnung der Herkunft des Täters von Halle. Nach den Anschlägen hat es keine zehn Minuten gedauert, bis die ersten Zweifel aufkamen, ob der Täter überhaupt ein Deutscher sei. Es widersprach anscheinend ihrem Weltbild, dass auch Deutsche Terroristen seien können.

Als wären Deutsche zu solchen Taten nicht in der Lage, tauchten in kürzester Zeit zahlreiche „Beweise“ auf, die zeigten, dass Stephan B. ein Ausländer sei, der unter einer False-Flag-Mission für die Rechte der Antifa kämpft.

Rechtsmotiviert? Eine reine Unterstellung! Ein Antisemit? Wieso das denn?

In welcher Welt leben diese Menschen eigentlich?

Allerdings sind die Medien auch nicht ganz unbeteiligt an der Verwirrung unter den Mediennutzern. Viele haben zugunsten der Aktualität teilweise widersprüchliche Informationen veröffentlicht, was zwangsläufig Zweifel verursacht und für Misstrauen sorgt.

Nach #Halle0910 sind die sozialen Netzwerke heiß gelaufen, auch von Kommentaren, die behaupteten, dass letztlich die deutsche Regierung hinter den Anschlägen stecke, um in Wirklichkeit von dem Syrer abzulenken, der zwei Tage zuvor einen LKW gestohlen und damit eine Gruppe von Fahrzeugen gerammt hatte.

Doch ernsthaft? Welche Regierung sollte so etwas veranlassen? Die antisemitische CDU-Regierung, die vor der Landtagswahl in Thüringen der AfD die Wähler abgraben will? Oder etwa die stets gewaltbereiten Grünen?

In welcher Welt leben diese Menschen eigentlich? Und wer ist überhaupt „die Regierung“? Da scheint jemand vergessen zu haben, dass wir in einer Demokratie leben.

Außerdem: Wie würde so ein Szenario in Wirklichkeit aussehen? Angela Merkel und Horst Seehofer sitzen zusammen mit dem Verfassungsschutzpräsidenten Thomas Haldenwang an dem Tisch, an dem sie vor ein paar Jahren auch schon die große „Umvolkung“ geplant haben. Sie alle sind in Wirklichkeit Juden. Da sagt Seehofer: „Huch, da hat ein Syrer einen LKW in eine Fahrzeugkolonne gesteuert. Wie könnten wir von dieser Tat ablenken?“

Da sagt Haldenwang plötzlich: „Wir haben da so einen Loser-Typen aus der Gamerszene. Der macht für Geld alles. Lasst den doch einfach auf ein paar Juden schießen!“ Und Merkel so: „Ja, tolle Idee!“, und alle brechen in ein sardonisches Lachen aus.

Dieses Szenario wäre allein schon deshalb unwahrscheinlich, weil die Bundesregierung nicht unbedingt für ihre schnelle Entscheidungsfähigkeit bekannt ist.

Die Faktenlage wird völlig ignoriert

Mal ganz realistisch gedacht, sollte man sich an dieser Stelle doch fragen, wie es der verhältnismäßig kleinen Gruppe der Juden überhaupt logistisch möglich sein sollte, das komplette Weltgeschehen zu kontrollieren. Jeder einzelne von ihnen müsste in den geheimen Masterplan involviert sein.

Doch konkrete Erklärungen findet man dafür natürlich nicht, was typisch für Verschwörungstheorien ist.

Verdachtsmomente werden für wahr deklariert, ohne dass man überprüft, ob das Bedrohungsszenario überhaupt realistisch sein könnte. Willkürliche Zusammenhänge werden entdeckt und mit in das bereits bestehende Weltbild integriert. Dabei wird lieber in Kauf genommen, dass man die Faktenlage völlig ignoriert, als den Perspektivenwechsel zu wagen.

Grund dafür liegt in der Grundeigenschaft des menschlichen Verstandes. Schon David Hume und später auch Immanuel Kant fiel auf, dass wir Kausalität nie direkt beobachten können. Vielmehr legen wir diese Zusammenhänge selbst in die Welt. Indem wir beobachten, wie bestimmte Ereignisse immer gemeinsam auftreten, erzeugt das eine Kontinuität, die wir Erfahrung nennen. In der Folge schließen wir daraus, dass auch ein kausaler Zusammenhang zwischen den mitunter willkürlichen Ereignissen besteht.

Werden wir also mit den immer gleichen Schlussfolgerungen und Beobachtungen gefüttert, dann entsteht in unserem Denken der Eindruck, dass an den Hirngespinsten etwas dran sein muss. Ansonsten würden wir ja nicht ständig davon hören.

Google, Facebook und Co. unterstützen

Die Algorithmen von Google, Facebook und Co. unterstützen letztlich diese Form der Wahrnehmung auf der digitalen Ebene. Der Rezipient wird zudem damit belohnt, dass er sich als jemand erlebt, der sich im Besitz eines exklusiven Wissens befindet. Das ermöglicht ihm, sich über andere zu erheben, sie zu verhöhnen und in jedem Gegenbeweis nur einen weiteren Beweis für die allgemeine Täuschung und Vertuschung zu finden.

Schon der alte Rochefoucauld wusste: „Das sicherste Mittel getäuscht zu werden, ist, sich für schlauer zu halten, als die andern.“

Daraus folgt, dass man sich als scheinbar „normal“ denkender Mensch eher die Frage stellen sollte, welche Texte sich der gemeine Paranoiker eigentlich regelmäßig zu Gemüte führt, statt zu behaupten, dass er in Wirklichkeit nur verrückt ist.

Und vor allem sollten wir uns fragen, wer diese Texte schreibt, wer sie veröffentlicht und warum.

Denn selten findet man eine Verschwörungstheorie, die nicht politisch motiviert ist, geglaubt von Menschen, die sich als Opfer von Täuschung und der bevorstehenden Vernichtung erleben, an der natürlich immer die anderen schuld sind.

Mitunter wird in den Theorien gefährliches Gedankengut transportiert. In Verzweiflung gegenüber dem übermächtigen Feindes bleibt eigentlich nur Terror als einzige Möglichkeit übrig, um an den gefühlten Ungerechtigkeiten etwas zu ändern.

Folgerichtig müsste sich der Paranoiker aber eigentlich die Frage stellen: „Bin ich nicht vielleicht selbst Teil der Verschwörung, nämlich der Verschwörung der Verschwörungstheoretiker?“

1 Kommentar
  • Beutelsachse
    November 10, 2019

    Falls jemand rausgefunden hat, was Zwerenz mit seinem Geschwurbel audrücken will, wäre ich für eine kurze Erklärung dankbar. Bis jetzt sieht mir das ganze nur aus wie ein Versuch zur Selbsttherapie seiner Paranoia.

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