News Avoidance: Wenn Nachrichten schlechte Laune machen

Es juckt mich schon eine Weile, bei Facebook den alten Running-Gag: "Facebook ist auch nicht mehr das, was es mal war" zu posten. Erinnert sich noch jemand?

Auch Twitter hat gefühlt seinen Zenit überschritten. Oder sich selbst zerstört. Es funktioniert schon noch als Quelle von spannenden Infos und Nachrichten, vor allem, wenn es aktuelle Nachrichtenlagen gibt. Aber als Unterhaltungs- und vor allem Kommunikationsmedium ist es kaum noch erträglich, weil einfach nur noch negativ.

Seit geraumer Zeit überlege ich, mich in beiden Kanälen einfach abzumelden.

LinkedIn: Da geht noch was

Vor einer Weile ist mir noch LinkedIn nahegelegt worden, dem ich mich immer etwas verschlossen hatte.

Tatsächlich geht da gerade einiges, zumindest in meiner Bubble. Vor allem, was persönliche Informationen aus dem eigenen Netzwerk betrifft: Leute posten hier über ihr Berufsleben, Kommentare führen zu Reaktionen...

Aber auch hier fällt auf: Nicht selten bekommt man Beiträge angezeigt, die mehrere Tage bis zu zwei Wochen alt sind. Und mancher Beitrag, der mit "Ich" beginnt, dient zu offenkundig der Selbstvermarktung.

Facebook und Instagram ändern Algorithmus

Instagram? Als Nachrichten- und Informationskanal in meinen Augen irrelevant - als Unterhaltungsmedium noch halbwegs okay. Noch.

Denn:

"Ab dieser Woche werden wir unsere Newsfeeds bei Facebook und bei Instagram nicht mehr wieder erkennen. Freunde und Nachrichtentexte fliegen von der Startseite. Stattdessen werden nach und nach mehr virale Videos und Creator-Content von Menschen, denen wir nicht folgen, in die Timelines gespült ('Suggested for you')"

weiß Richard Gutjahr zu berichten (vgl. gutjahr.biz vom 24.7.2022: "Die Regulierungs-Challenge. Tik, Tok, Toxisch").

Und Tiktok? Ein totaler Zeitfresser, wie ich finde, den ich schon vor einer Weile wieder gelöscht habe; ist allerdings bei den Kindern sehr beliebt.

YouTube? Nach wie vor eine ganz eigene Welt. Die Kinder berichten, dass es jetzt YouTuber gibt, die Casino-Streams machen. Liest hier jemand von einer Landesmedienanstalt mit? Ein interessantes Phänomen, wie ich finde...

Der schlechten Nachrichten überdrüssig

In jüngerer Zeit mehren sich die Hinweise, dass ich nicht allein bin in meiner Ablehnung der negativen Informationsflut. Und dass sich das bei vielen Menschen nicht nur auf die sozialen Netzwerke bezieht, sondern auf die Nachrichtenlage allgemein. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Welt geht gerade den Bach runter (kleiner Spoiler: Tut sie nicht. Sie verändert sich nur. Und wir haben viel mehr Informationen als früher!).

Die US-Journalistin Amanda Ripley hat vor einer Weile in der Washington Post einen sehr spannenden Text über ihr News-Avoidance-Verhalten veröffentlicht, also die bewusste Vermeidung von Nachrichten.

Der Beitrag wird aktuell in der Branche viel diskutiert und häufig verlinkt (also auch hier ;-) ): „I stopped reading the news. Is the problem me – or the product?"

In dem Text beschreibt Ripley, dass sie wie auch andere Journalismus-Kolleginnen und -Kollegen zunehmend darauf verzichten, ständig alle Nachrichten zu verfolgen. Heißt: Journalistinnen und Journalisten, sonst gern auch als Newsjunkies verschrieen, meiden das eigene Arbeitsfeld!

Ripley stellt die sehr interessante Frage: Ist vielleicht nicht ihr Verhalten falsch, sondern das Nachrichtenangebot?

Nachrichten-Interesse nach wie vor hoch

Ihre Beobachtung wird ergänzt durch Studien, die sich mit Nachrichtennutzung und eben auch der -vermeidung befassen.

Viel zitiert werden aktuell auch die Zahlen des Reuters Insitute Digital News Report. Demnach ist zwar das Interesse an Nachrichten nach wie vor hoch, wie in der Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse auf den Seiten des Leibniz Institut für Medienforschung Hans-Bredow Institut nachzulesen ist ("Reuters Institute Digital News Report 2022 - Ergebnisse für Deutschland").

Aber:

"Jeder zehnte Onliner im Alter ab 18 Jahren versucht oftmals bewusst, Nachrichten zu vermeiden; 65 Prozent zumindest gelegentlich. Diese Zahlen haben sich innerhalb der vergangenen fünf Jahre in allen Altersgruppen deutlich erhöht."

Zu viel Politik, zu viel Corona und zu viel schlechte Laune

Als Gründe werden genannt, dass es häufig einfach zu viel ist (vor allem die Berichterstattung über Politik und Corona) und dass die Nachrichten negative Auswirkungen auf die Stimmung hätten und/oder zu Erschöpfung führen würden.

Gerade bei Jüngeren:

"Auffällig sind die vergleichsweise hohen Anteile unter den 18- bis 24-Jährigen, die als Gründe angeben, dass Nachrichteninhalte zu Streitigkeiten führen (21 %) und das Gefühl zu haben, mit den Informationen nichts anfangen zu können (16 %) bzw. sie nicht zu verstehen (10 %)."

Mehr Perspektiven, mehr Lösungen gewünscht

Auch das "Listen Louder Projekt" des Constructive Institute in Aarhus (das am Projekt beteiligte Bonn Institute berichtet davon in seinem sehr empfehlenswerten Newsletter) hat in einer vergleichenden Studie mit mehr als 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Großbritannien, Dänemark und Deutschland den Trend zur News Avoidance identifiziert.

Dort heißt es:

"44 Prozent der Menschen in Deutschland vermeiden es laut unserer Umfrage regelmäßig, Nachrichten zu verfolgen (45 Prozent in Großbritannien, 29 in Dänemark). Das Phänomen ist vor allem bei jüngeren Menschen zu beobachten."

Die komplette Studie ist hier zu finden.

Hilft konstruktiv und lösungsorientiert?

Bleibt die Frage, was hilft. Denn, das sollte bekannt sein, es ist für eine Demokratie entscheidend, dass sich die Bürgerinnen und Bürger informieren und eine Meinung bilden (können).

Die Arhus-Studie gibt Hinweise darauf, was die Branche anders machen könnte:

"Die Erhebung zeigt jedoch auch: Mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt an, dass sie sich mehr Perspektivenvielfalt (in Deutschland 67 Prozent) und mehr Lösungsorientierung (66 Prozent) wünscht."

Auch die Whashington-Post-Journalistin Amanda Ripley gibt Hinweise, was aus ihrer Sicht helfen könnte: Sie meint, die Berichterstattung brauche mehr Hoffnung, die Möglichkeit, entscheiden zu können und Würde (Wie gesagt, ein sehr lesenswerter Text!).

Und ruft ihren Journalistenkolleginnen und -kollegen zu, dass sich wohl auch die Branche ändern sollte:

"Please send a search party for the 42 percent of Americans who are avoiding the news. We can’t all be wrong. Or oversensitive or weak. And we might just be you."­

Wie ist Ihre Meinung dazu? Wir freuen uns über Kommentare – die auch in den Ferien gelesen und freigeschaltet werden!

P.S.: Stichwort Nachrichtenvermeidung: Mit diesem Text verabschieden wir uns in die Sommerferien. Außer bei relevanten Informationen verschonen wir sie jetzt bis Ende August mit Nachrichten auf diesem Kanal. Sie müssen gar nichts dafür tun. Erholen Sie sich gut! 

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