LIES MICH!
Aus dem Leben einer Boulevardzeitung

Von 9 , ,

Heute war ein langer Tag für mich. Ich bin durch viele Hände gewandert. Die Hälfte davon interessierte sich nur für Eislöwen, Dynamo und Co. Der Rest blätterte mich nicht mal auf – man drehte mich um und starrte mir auf die Titten. Willkommen in meinem Leben – ich bin die "Dresdner Morgenpost".

Nachmittags landete ich zufällig neben einer dieser Zeitungen mit viel Text. Die hat mich stundenlang mit unzähligen Informationen bedrängt. Na gut, sie wusste zwar mehr über WikiLeaks, aber die bunteren und größeren Bilder hatte eindeutig ich. Wenn ihr mich fragt, sie hält sich ran: Ihre werden auch immer größer.

Mein letzter Leser an diesem Tag legte mich schnell wieder beiseite. "Meine Informationen hol’ ich mir lieber aus der Zeitung", grummelte ein Leser aus Dresden. Er war wohl mehr auf der Suche nach einer wie heute Nachmittag. Dem hat die Geschichte über den Angriff der erzgebirgischen Weihnachtsgans auf den Randfichten-Michl nicht gereicht.

Ich weiß gar nicht, warum der sich so aufspielt. Immerhin glänze ich, laut Media Analyse 2009, mit einer Leserschaft von 58.000. Die "Bild", im Vergleich, hat 10.000 Leser weniger. Damit bin ich eine der beliebtesten Tageszeitungen in Dresden. Im Schnitt biete ich zwei Seiten Politik, fünf Seiten Lokales und 15 über Sport.

Wie man sieht, bin ich begehrt. Was ich nicht verstehe: Tausende lesen mich, wenige stehen zu mir. Wie oft haben mir die Leser schon an den Kopf geworfen, ich sei "eine Zeitung für Ungebildete und nur berühmt für die nackte Frau auf der letzten Seite". Trotzdem liest man mich regelmäßig. Warum verleugnet man mich? Hat man Angst in die "Schublade des Mopo-Lesers" abzurutschen? Vielleicht.

Dabei attestiert mir sogar Frau Dr. Katrin Döveling vom Institut für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden, dass ich als Boulevardblatt eine wichtige Aufgabe erfülle: "Tratsch und Klatsch verbindet Menschen. Menschen definieren sich darüber, was sie über andere wissen. So wird eine Vergemeinschaftung als Zugehörigkeitsgefühl untereinander geschaffen." Ja, richtig gelesen. Man hat mich ernsthaft in die Sprechstunde einer Doktorin getragen. Ihre Diagnose: die Boulevardisierung schreitet fort. "Private, intime und emotionale Themen nehmen in den Medien zu." Das bedeutet, ich bekomme Konkurrenz. Große Bilder, wenig Text. Mehr Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Das Privatleben unserer Politiker interessiert doch inzwischen mehr als das, was tatsächlich im Bundestag passiert.

Wenn mir also alle Zeitungen immer ähnlicher werden, warum betrachtet man mich dann so kritisch? Schließlich ist Boulevard die perfekte Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen. Was ist also so schlimm daran, wenn alle so werden wie ich? "Natürlich ist es bedenklich, wenn Menschen die Hintergründe nicht mehr kennen", so Frau Döveling. "Demokratie kann nur funktionieren, wenn man die Zusammenhänge weiß, denn auf ihrer Basis werden Entscheidungen getroffen.“

Wieso? Die Menschen beweisen doch jeden Tag ihr Demokratieverständnis bei wichtigen Wahlen wie die zum Dschungelkönig, Topmodel und Superstar. Geben wir den Leuten doch die Hintergründe, die sie haben wollen. Was die politischen Wahlen angeht: machen wir doch Günther Jauch zum Bundeskanzler. So wie es sich laut einer Umfrage von 2008 des Instituts Emnid 49 Prozent der Deutschen vorstellen können.

Wir als Medien passen uns nur dem Niveau der Menschen an. Denn nach Frau Döveling "existieren Medien nur mit und in einer Gesellschaft und können nie ohne sie betrachtet werden."

Henric Abraham, Andrea Auner, Laura Gundermann 9.2.2011

Diese Arbeit entstand vergangenes Wintersemester im Rahmen des Seminars "Journalismus" am Institut für Kommunikationswissenschaften der TU Dresden. Dozent ist Peter Stawowy, Betreiber von Flurfunk Dresden. Der Text ist Teil der Seminarnote.


9 Kommentare
  • fred
    August 10, 2011

    Was ist das den für ein Käse? So etwas schreiben drei Studenten? Na gut Nacht auch. Da muss sich die Verfasser nicht über die Mopo auslassen. Er selbst kann ja nicht mal zählen: 2 Politik-Seiten, sechs Lokalseiten, vier Sachsen-Seiten. Dass bietet keine SZ... Ich les das Blatt täglich und fühle mich ausreichend gut informiert, besser und schneller als bei den beiden "Seriösen". Verstehe nicht, warum der Flurfunk so einen Quatsch druckt.

  • Christian Fischer
    August 10, 2011

    Das also nennt man an der TU wissenschaftliches Arbeiten ;)

    Dieses Textwerk strotzt vor Banalität und Vorurteilen dem Boulevard gegenüber. Ich drucke viel mehr Geschichten über handfeste Politik als über das Privatleben der Akteure. Das letzte Mal was privates... da muss ich echt lang nachdenken. Aber es ist eben so schön einfach mit dem Vorurteil.

    Und das ist der größte Unsinn: "Schließlich ist Boulevard die perfekte Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen." Keine andere journalistische Erzählform bringt den Alltag so nah am Menschen und verständlich rüber, wie der Boulevard. Da geht es nicht um Flucht sondern um Realität.

    Was studieren die drei Leute noch einmal? Gut, die Frage war rethorisch. Genau wie diese: Nur was wollen diese jungen Menschen in unserer Branche eines Tages beruflich machen? Bestimmt PR. Dann werden sie uns mit sinnfreien, schlecht verfassten Pressetexten zuspamen und sich wundern, warum sie keiner druckt....

    Liebe Grüße Peter, und ich empfehle Deinen Studenten ein Praktikum, wenn sie Mut haben, gern bei uns.

  • owy
    August 10, 2011

    @Christian Vorweg: Das ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine Seminarleistung aus dem Seminar "Einführung in den Journalismus". Selbstverständlich gab es für diese Geschichte reichlich Recherche - etwa in der Form, dass die Studierenden die Zeitung eine ganze zeitlang gelesen (und beispielsweise die Umfänge von bestimmten Rubriken gezählt) haben. Und selbstverständlich haben sie sich redlich um O-Töne bemüht und mit wissenschaftlichen Perspektiven auseinandergesetzt.

    Ich gebe zu, es wäre schöner gewesen, noch O-Töne von den Boulevard-Machern selbst zu haben, allerdings war die Chefredaktion der "Mopo" nicht bereit dazu. Schade.

    Im übrigen ist doch die Gegenperspektive zu den Vorurteilen durchaus im Text enthalten - in Form der Ö-Töne von Frau Prof. Döveling. Reicht das nicht?

    Ich verstehe ehrlich gesagt die Aufregung nicht. Oder anders gesagt: Du regst Dich über Vereinfachung und das Appellieren an Vorurteile auf - könnte es sein, dass das ebenfalls Mittel des Boulevard sind? Geschlagen mit den eigenen Waffen? ;-)

  • Christian Fischer
    August 10, 2011

    Das wichtigste Vorab: Nein. Vorurteile halte ich nicht für geeignete Mittel, das im Boulevard Stereotype auftauchen kann bei kompressiver Simplifizierung passieren - aber das passiert ebenso in allen anderen Erscheinugsformen, Journalismus ist à priori die Verknappung von Informationsfülle auf ein publizierbares Maß. Bei den einen sind das 150 Zeilen, bei anderen 60... Beides sind nur Abbilder der Wirklichkeit, wobei das längere nicht das genauere sein muss ;)

    Ich fühle mich übrigens persönlich auch nicht geschlagen, schon gar nicht mit den eigenen Waffen ;) Ich betrachte es auch nicht als Aufregung, sondern eine angeregte Unterhaltung

    Falls Du mich fragen würdest, warum dann meine Kommentare so streng sind, dann würde ich Dir antworten: "Um den jungen Kommilitonen reinen Wein einzuschenken!" Denn wer heute Medienwissenschaften oder ähnliches studiert, sollte nicht schon vor Beginn seiner beruflichen Tätigkeit die Branche in guten und bösen Journalismus teilen. Denn so erfahren sie nie, dass es schon recht häufig vorkommen kann, dass der qualifiziertere Journalismus in Beiträgen des Boulevard vorkommen kann - und der boulevarigere im Qualitätsjournal :)

    Vielleicht ist die Trennung gar unzeitgemäß geworden, aber das sollen die Theoretiker auskaspern, die müssen's erforschen ( mit Fußnoten bitte)

    PS: mein Angebot steht an Deine Studenten

  • Nicole
    August 11, 2011

    @Christian: Um deinem Gedächtnis über private Geschichten über Politiker auf die Sprünge zu helfen: Ich erinnere mich noch sehr gut an die kürzlich veröffentlichte Geschichte: "Die Politik hat mir die Figur versaut" ;-)

  • Christian Fischer
    August 11, 2011

    Danke Nicole für die Hilfe :) Stimmt, die Geschichte gab es. Ich hatte sie wirklich nicht memoriert. Aber meine Aussage zum Verhältnis von "privaten" zu "unprivaten" ändert das nicht.

  • Muyserin
    August 11, 2011

    Freundliche Bitte: als Mitleserin der Diskussion wüsste man gerne, für welches Blatt Herr Fischer spricht, wenn er austeilt und Praktika anbietet … nicht jeder kennt die Namen der Boulevardzeitungsmacher in der Dresdner Medienlandschaft.

  • Christian Fischer
    August 11, 2011

    Liebe Kathrin Muysers,

    ich möchte selbst der freundlichen Bitte nachkommen. Aber eine Bitte: Ich spreche für mich - das ist mir wichtig. Und arbeite für BILD - das mache ich gerne. Und man kann mich sogar bei Interesse googlen ;) Unter "Dresden Christian Fischer" landet man beim 5. Link bei mir (was mich übrigens selbst beim Test eben überraschte, von wegen Allerweltsname).

    Mein Praktika-Angebot äußerte ich übrigens direkt dem Peter gegenüber. Und da er Dresdens wichtigster und bestinformiertester Medienjournalist ist, kennt er auch so kleine Chronisten der Zeitgeschichte wie mich. Ich bin mir sicher, dass seine Studenten vom Angebot erfahren. Aber gern darf auch jeder, der nicht bei Peter studiert, bei uns einmal praktizieren.

  • Muyserin
    August 11, 2011

    Hallo Herr Fischer, vielen Dank für die schnelle und freundliche Antwort.

    Ich finde es gut, dass Sie zwischen sich als Privatperson und dem medium, für das Sie tätig sind, unterscheiden. Aber natürlich fließt beides doch ineinander, wenn man solche Angebote öffentlich ausspricht – das ist eben der Unterschied zwischen einem Blogkommentar und einer E-Mail.

    Der Flurfunk ist eben nicht nur ein Kaffeeklatsch auf dem Redaktionsflur, d. h. alle kennen sich zwangsläufig, sondern es liest vielleicht auch der Eine oder die Andere aus einem allgemeineren Interesse an der Dresdner Medienlandschaft mit. Und nicht immer möchte man sich alles Fakten erst zusammengoogeln, um einer Diskussion folgen zu können.

    (Ich hätte auch schreiben können: ich als Nicht-Boulevard-Leserin weiß nicht, wer Sie sind – aber das hat gleich so einen ostentativ bildungsbürgerlichen Touch, den ich selber fehl am Platz gefunden hätte.) ;)

    Natürlich hatte ich Sie längst gegoogelt (vor allem, da mich leise Zweifel plagten, was mein Tierarzt gleichen Namens für eine bestens vernetzte Person zu sein scheint! ;))

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