MDR-Personalrat: „Die Belegschaft wünscht sich einen Intendanten, der 1. Wahl ist“

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Ausriss aus dem Schreiben des MDR-Gesamtpersonalrats an die Rundfunkräte vom 16.9.2011

Der Gesamtpersonalrat des MDR hat sich mit einem Schreiben an die Rundfunkräte gewandt, um "die Erwartungen und Hoffnungen der Beschäftigten an einen neuen Intendanten, aber auch ihre Bedenken zum Vorschlag des Verwaltungsrates" zu übermitteln.

Das dreiseitige Schreiben ist heute (16.9.2011) den Rundfunkräten übermittelt worden. Die Inhalte sind das Ergebnis eines internen Aufrufs, dem Personalrat Anregungen zur Intendantenwahl zu schicken. Dieser war am vergangenen Montag (12.9.) im MDR-Intranet mit Frist bis zum 14.9. veröffentlicht worden.

In dem dreiseitigen Schreiben (das wir weiter unten komplett dokumentieren) werden zunächst eine Reihe von einzelnen Stichpunkten ("politische Unabhängigkeit", "möglichst breit gefächerte Erfahrungen im öffentlich-rechtlichen Aufgabenspektrum" usw.) angemahnt, die ein Intendant/eine Intendantin mitbringen solle. Im weiteren Schreiben gehen die Autoren auch auf anonymisierte Einzelmeinungen ein.

Eine genaue Anzahl, wie viele Mitarbeiter sich an der Befragung beteiligt haben, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Die aber, die sich beteiligt haben, scheinen gegenüber dem vom Verwaltungsrat nominierten Kandidaten, dem jetztigen LVZ-Chefredakteur Bernd Hilder, große Bedenken zu haben.

Zitat aus dem Schreiben:

"Die in der Presse zitierte Nähe von Herrn Hilder zur Sächsischen Staatskanzlei wurde durch ihn selbst bisher weder kommentiert noch dementiert. Dass der Rundfunkrat über einen Kandidaten abstimmen soll, dem auch nur ein Hauch von Staatsnähe vorausgeht, so ein Mitarbeiter, schadet dem Ansehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks."

Mehrfach werden in dem Schreiben die Bedenken der Mitarbeiter deutlich, dass dem MDR geschadet werde, sollte der Intendant zu große Nähe zur Politik mitbringen. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Mitarbeiter sind die Kompetenzen, die der Kandidat oder die Kandidatin mitbringen sollten - auch hier wird der vorgeschlagene Kandidat Hilder scharf von den MDR-Mitarbeitern angegangen.

Skeptisch betrachten die MDR-Beschäftigten das Wahlverfahren. Zitat:

"Kritische Anmerkungen gibt es auch zum laut Staatsvertrag vorgesehenen Wahlverfahren. Neben einer öffentlichen Ausschreibung für diese Position, die viele Kollegen für angebracht halten, sollte auch hinsichtlich der Anzahl der zulässigen Wahlgänge ein nachvollziehbares Reglement gelten. Obwohl am 26. September im Rundfunkrat nur ein Kandidat zur Wahl stehen wird, wäre es möglich, mehrere Wahlgänge durchzuführen. Dies halten die Mitarbeiter für bedenklich. Aus welchem Grund erhält ein Kandidat nach seiner Präsentation im Rundfunkrat mehrere Chancen? Ein Kollege äußert sein Bedenken etwas salopp, dass „... bitte nicht wieder so lange gewählt wird, bis der Kandidat irgendwann durch ist...“."

Der MDR-Rundfunkrat tritt am 26.9.2011 zusammen, um über den Kandidaten Bernd Hilder abzustimmen. Hilder benötigt eine 2/3 Mehrheit in dem Gremium, um Intendant zu werden. Näheres zum Wahlverfahren, den Kandidaten und den Hintergründen finden Sie auch im Flurfunk-Intendanten-Wiki.

Im Folgenden dokumentieren wir das komplette Schreiben des Gesamtpersonalrates des MDR. Eventuelle Übertragungsfehler (wir haben das Schreiben abgetippt) bitten wir zu entschuldigen.

Schreiben des MDR-Gesamtpersonalrates an die Rundfunkräte des Mitteldeutschen Rundfunks:

Sehr geehrter Herr Jenichen,

sehr geehrte Damen und Herren des Rundfunkrates,

Sie werden am 26. September im Rundfunkrat eine wichtige Personalentscheidung treffen.

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Mitteldeutschen Rundfunks haben sich wegen der Intendantenwahl an den Personalrat gewandt. Allen ist bewusst, dass die Entscheidung bei den MDR-Gremien liegt. Wir halten es dennoch für wichtig, dass Sie die Erwartungen und Hoffnungen der Beschäftigten an einen neuen Intendanten, aber auch ihre Bedenken zum Vorschlag des Verwaltungsrates zur Kenntnis nehmen und diese in Ihre Entscheidungsfindung mit einfließen lassen können. Die Vielzahl der uns übermittelten Hinweise möchten wir Ihnen zusammengefasst übermitteln:

Auf Grund ihrer langjährigen Erfahrungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Vorstellungen geäußert, über welche Qualitäten/Eignungen ein Intendant/eine Intendantin verfügen soll:

  • politische Unabhängigkeit
  • möglichst breit gefächerte Erfahrungen im öffentlich-rechtlichen Aufgabenspektrum
  • Visionen für die Entwicklung des MDR
  • klare Konzepte (auch im Zusammenhang mit der Analyse von Schwachstellen im MDR)
  • Empathie
  • Führungsstärke
  • Motivation der Mitarbeiter
  • Verkörperung einer vorbildlichen Unternehmenskultur

Angesichts des von der Presse im bisherigen Verfahren vermittelten Bildes hat sich bei vielen Mitarbeitern der Eindruck verstärkt, dass die politische Unabhängigkeit, also Staatsferne, gefährdet ist. Es bestehen zumindest Bedenken, dass politischer Einfluss auf die Auswahlentscheidung des Verwaltungsrates genommen wurde. So wurde hinterfragt, warum vier Wahlgänge im Verwaltungsrat für den Vorschlag erforderlich waren. Es erweckt bei Mitarbeitern den Anschein, dass zwischen den Wahlgängen durch Verwaltungsratsmitglieder offensichtlich „Rücksprache“ mit Außenstehenden genommen wurde. Es bleibt unklar, was letztlich ausschlaggebend für den unterbreiteten Vorschlag war.

Zwei Mitarbeiter bitten die Rundfunkräte um eine Nachfrage bei den Verwaltungsratsmitgliedern, weshalb ein Umdenken im Abstimmungsverhalten erfolgte. Sie hätten gehört, dass möglicherweise abgesprochen worden sei, dass bei Zustimmung zum jetztigen Intendantenvorschlag im Gegenzug bei der anstehenden Besetzung der Position des Verwaltungsdirektors eine „Kompensation“ mit einem Bewerber aus Sachsen-Anhalt möglich werden soll.

Die in der Presse zitierte Nähe von Herrn Hilder zur Sächsischen Staatskanzlei wurde durch ihn selbst bisher weder kommentiert noch dementiert. Dass der Rundfunkrat über einen Kandidaten abstimmen soll, dem auch nur ein Hauch von Staatsnähe vorausgeht, so ein Mitarbeiter, schadet dem Ansehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Die Beschäftigten hinterfragen, welche herausragenden Qualifikationen/Erfahrungen Herr Hilder von den anderen Mitbewerbern unterscheiden und den Ausschlag für den Personalvorschlag des Verwaltungsrates gegeben haben.

Nachgefragt wird auch, welche Erfahrungen der Kandidat im Bereich Fernsehen, Orchester, Verwaltung, Film (Prof. Reiter gilt als Filmintendant) und in der Rundfunkmedienpolitik einbringen kann. Hinterfragt wird auch, wie sich Herr Hilder zu unseren Klangkörpern positioniert.

Angemerkt wird, dass die Führung des MDR mit 2000 festangestellten Mitarbeitern und mehreren tausend freien Mitarbeitern, das Management der angegliederten Tochterunternehmen und die Zusammenarbeit im ARD-Verbund hohe Anforderungen an eine Führungskraft stellen. Die Kolleginnen und Kollegen fragen, wo Herr Hilder die erforderlichen Erfahrungen bisher sammeln konnte.

Kritisch hinterfragt wird dabei auch sein bisheriges Wirken bei der LVZ, u. a. die als zu gering ausgeprägte investigative Berichterstattung, der Auflagenrückgang und der Onlineauftritt der LVZ.

Eine weitere wichtige Voraussetzung eines Intendanten ist für viele MDR-Mitarbeiter die Fähigkeit, integrierend, motivierend und dennoch „führungsstark“ zu agieren. Das offenbar schlechte Betriebsklima in der LVZ und der Austritt aus der Tarifbindung im Sommer 2011 verunsichern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MDR.

Unklarheiten gibt es auch, mit welchem Konzept und welcher Herangehensweise an der Aufarbeitung der unerfreulichen „MDR-Skandale“ gearbeitet werden soll.

Kritische Anmerkungen gibt es auch zum laut Staatsvertrag vorgesehenen Wahlverfahren. Neben einer öffentlichen Ausschreibung für diese Position, die viele Kollegen für angebracht halten, sollte auch hinsichtlich der Anzahl der zulässigen Wahlgänge ein nachvollziehbares Reglement gelten. Obwohl am 26. September im Rundfunkrat nur ein Kandidat zur Wahl stehen wird, wäre es möglich, mehrere Wahlgänge durchzuführen. Dies halten die Mitarbeiter für bedenklich. Aus welchem Grund erhält ein Kandidat nach seiner Präsentation im Rundfunkrat mehrere Chancen? Ein Kollege äußert sein Bedenken etwas salopp, dass „... bitte nicht wieder so lange gewählt wird, bis der Kandidat irgendwann durch ist...“.

Die Personalräte schätzen das selbstbewusste Einbringen von Erwartungen und Bedenken unserer Kollegen sehr, schließlich sind „wir“ alle der MDR, also diejenigen, die seit fast 20 Jahren ein sehr erfolgreiches Programm realisieren. Auch wenn wir damit „Neuland“ betreten, denken wir, dass es richtig ist, ein Stimmungsbild aus der Belegschaft im Vorfeld der Entscheidung an Sie, die mit Ihrer Wahl die entscheidende Weichenstellung für die Zukunft des MDR vornehmen, zu übermitteln.

Unser Ziel ist, dass der Mitteldeutsche Rundfunk gestärkt und mit einem positiven Image in die neue Amtszeit des Intendanten starten kann.

Die Belegschaft wünscht sich einen Intendanten, der 1. Wahl ist.

Mit freundlichen Grüßen

MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

GESAMTPERSONALRAT                                             PERSONALRAT ZENTRALE

Dirk Gläßer                                                                        Claudia Müller

Vorsitzender                                                                      Vorsitzende

 

1 Kommentar
  • Peter
    September 17, 2011

    Irgendwelche Fähigkeiten sind doch überhaupt nicht gefragt. In den ÖR-Anstalten wie dem MDR gibt es doch auch ohne Intendant genug hoch - und höchstbezahlte Leute, die diese einbringen können.
    Es geht nur darum, diesen riesigen, aufgeblähten Apparat (2000 Festangestellte! mehrere tausend freie und natürlich extrem teuere "Stars" der Unterhaltungskunst)weiter mit Zwangsgeld zu füttern. Der tolle Rundfunkbeitragsstaatsvertrag ist in der Pipeline. Er würde die grenzenlose Selbstausdehnung der ÖR-Anstalten verewigen. Da ist es doch ein gutes Signal an alle Chefredakteure der freien Presse, wenn einer der ihren Intendant wird. Gibt ja kaum besser bezahlte Posten bar jeden Marktrisikos in Deutschland. Ohne ein solches Signal könnten die ja mal auf die Idee kommen, ihren Job zu machen und das ganze System ÖR-Zwangsgeld zu hinterfragen. Da Geld fehlt übrigens woanders: In den Haushalten, in der Wirtschaft, bei der Infrastruktur, bei der Bildung. Es geht vom Netto der Bürger ab und allein die ÖR-Anstalten in ihrem Ressourcenverbrauch auf ein Drittel zu beschränken, wäre eine hervorragendes Konjunkturprogramm für Deutschland. Zur Zeit verbrauchen sie jedes Jahr knapp 8 Milliarden Zwangsgeld, als ob es keine dringenderen Probleme gäbe in diesem Land.

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