„Coming Out!“ Die Sicht einer freien Film- und Fernsehautorin

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Der folgende Text ist zuerst erschienen unter ig-ff.de. Wir danken der Autorin für die Erlaubnis, den kompletten Text hier wiedergeben zu dürfen.

Freie Autorin für Film und Fernsehen. Das klingt richtig gut. Ein Job, für den ich draußen von vielen Menschen immer noch sehr bewundert werde. Ich baue zwar keine Häuser, rette keine Leben oder räume nicht fremder Leute Müll weg – das sind so Jobs, von anderen tagtäglich gemacht, die wiederum ich sehr bewundere. Aber ich werde von geschätzten 80% der
Bevölkerung mal mehr, mal weniger hoch „angesehen“!

Meiner Mutter, meinem Vater, den Großeltern, sämtlichen zweit- und drittgradigen Verwandten schwillt regelmäßig die Brust, wenn sie mich jemandem vorstellen. Dann heißt es: „Sie arbeitet beim Fernsehen.“ Oder: „Sie macht Filme.“ Manchmal auch: „Sie ist beim MDR!“ Das reicht vielen ja sogar schon, um mich in ihrer persönlichen Werteskala weit oben zu platzieren. Wieso aber schwillt mir meine Brust nicht, wieso reckt sich mein Hals nicht gen Himmel, wieso zaubert mir diese „Kreditierung“ kein stolzes Lächeln ins Gesicht?

Warum zieh ich den Kopf ein und verliere mich im Understatement?

Naja. Ich bin 40 und komme aus dem Osten. Ist mir nicht so mitgegeben, selbstbewusst zu sein. Auch nach über 20 Jahren Einheit noch nicht. Oder was?

Lange Zeit schon bin ich Zeugin eines merkwürdig asynchronen Prozesses. Während das Produkt, dass ich erarbeite, Qualität und Anspruch hat, in der Nachfrage steigt und von einer Abnehmerzahl meist im 6 stelligen Bereich konsumiert wird, während mein Werk von seinen Vertreibern, Verwertern, Distribuenten als ihr eigenes bestmöglich vermarktet und beworben wird (was ich ja grundsätzlich in Ordnung finde), werde ich selbst von Letztgenannten versäumt. Sie tun so, als sei ich ein bisschen Modeschmuck, den sie zu tragen gezwungen sind. Sie verbergen vor mir und vor sich selbst, dass ich echt Silber und echt Gold bin. Warum nur?

Weil ich, wenn mir mein Wert bewusst wäre, andeuten könnte, dass ich mehr Achtung verdiene, für das was ich tue, mehr Wertschätzung erwarte und als derjenige anerkannt werden möchte, der das Programm macht? Ohne mich und meinesgleichen kein Fernsehen!!!!

Es genügt nicht, nur von meiner lieben Familie und den 80% wahrgenommen zu werden. Die haben ja gar keine Vorstellung, worin meine Arbeit besteht, was ich tatsächlich leiste. Wichtig wären die oben genannten Vertreiber, Verwerter und Distribuenten. Denn die sollten es sehr genau wissen!

Vielleicht auch, weil mir einfallen könnte, dass ich als ein so wertvolles Ding Rechte habe, um sie kämpfen und Ansprüche stellen könnte? Oder weil ich dann mehr Geld fordern würde, schon des Inflationsausgleiches wegen.

Es ist zwar albern, dass ich mit meinen 40 Jahren immer noch gleichgültig meinem Altsein entgegen sehe und so tue, als ginge mich Rente nichts an. Was weiß denn ich, was morgen ist. Ich könnte ja vorher sterben. Aber es hilft mir zu verdrängen, dass ich nicht imstande bin, die Kohle für die „Nachspielzeit“ zurückzulegen. Dass ich noch keine eigene Familie habe, kann ich wahrscheinlich sogar als Glücksfall betrachten.

Hey, Familien der Freien Autoren, Kameraleute, Kameraassistenten, Tontechniker, Cutter, Produzenten? Wie geht es Euch da draußen? Der Druck, unter dem Euer Mann, Eure Frau, Euer Papa, Eure Mama, Euer Freund, Eure Freundin steht, geht Euch nicht auch an die Substanz? Kommt ihr klar mit deren Arbeitszeiten? Seht ihr Euch genug? Haben sie genügend Zeit für Euch? Und wenn sie sich Zeit für Euch nehmen, sind sie entspannt und gelassen genug, sie zu genießen?

Mich zerreißt in Wirklichkeit ständig das eine schlechte Gewissen, weil ich ja eigentlich noch so viel machen müsste, schließlich bin ich ja selbstständig und selbstdiszipliniert. Mich zerreißt das andere schlechte Gewissen, weil ich meine Freunde und mich selbst vernachlässige.

Mir macht die permanente Angst, meinen Job zu verlieren, keine Aufträge mehr zu bekommen, über- oder hintergangen zu werden, noch mehr Angst. Doppelt Angst?

Ich habe Angst. Deswegen mache ich das Maul nicht auf. Und ich weiß, ich bin nicht die einzige!

Hey, kein Grund, sich dafür zu schämen. Wir gehören nun mal zur Generation Existenzangst! (Ist nicht von mir.) Wir sind die heimlichen Nachfolger der Generation Golf und Praktikum.

Kein Problem, sagen die Philosophen. Faktisch gibt es kein menschliches Dasein ohne Angst. Sie hängt damit zusammen, in welcher Art und Weise der Mensch sich selbst in der Welt und in seinen Beziehungen wahrnimmt, wie er sich bestimmen lässt und selbst bestimmt!

Traue ich den Philosophen? Kierkegaard, zum Beispiel, sagt: „…, je ursprünglicher der Mensch ist, desto tiefer ist die Angst…“. Selbiger hat auch beobachtet, „…, dass der Mensch, weil er ein freies Wesen ist, sich einer offenen und ängstigenden Möglichkeit gegenüber sieht, die nichts anderes als die Möglichkeit seiner Freiheit selbst ist“.

Ich bin frei(schaffend), selbst(ständig), damit wohl auch ziemlich ursprünglich. Und meine Freiheit scheint mir wirklich Angst zu machen. Ich bin so frei und könnte mich wehren, endlich den Mund aufmachen, endlich etwas ändern. Ich tue es aber nicht, wegen der Angst.

Neben der Existenzangst (ein putziger Ableger der Todesangst – war es früher der Blitz, ist es heute die fehlende virtuelle Zahl im virtuellen Safe), steht mir die Angst vor der Blamage, vorm Versagen, vor Stigmatisierung, die Angst davor, als Querulant und Trotzkiste zu gelten und die Scheu vor Konflikten auch noch ins Gesicht geschrieben. Und das steht mir so gar nicht!

Ich weiß, dass dies alles sozial erzeugt und kultiviert wurde. Und jetzt Aufmerksamkeit! Ich weiß auch, dass es nun ganz subtil ausgenutzt wird, um mich einzuschüchtern und mich zu manipulieren. Trotzdem tue ich nichts dagegen?

Nein. Lieber passe ich mich an, verbiege mich immer mehr und halt die Klappe. Was folgt daraus? Ich verschließe mich, fühle mich ohnmächtig, denke destruktiv und bin unfähig, etwas zu verändern. Und das wiederum zieht Verdrängung, Projektion und Realitätsverleugnung nach sich. (Danke, Herr Freud.)

Etwa, als ich die ersten Schritte einer Bewegung unter den freien Film- und Fernsehschaffenden beobachtet habe und mich sagen hörte: „Es geht mir gut, eigentlich hab ich nichts zu meckern, hab keine Sorgen.“ So und ähnlich war es dann auch von vielen anderen Autoren und Kameraleuten zu vernehmen. Verblüffend. Ich dachte anfangs tatsächlich, es betrifft mich nicht, also warum soll ich etwas verändern wollen und dafür auch noch meine Existenz aufs Spiel setzen?

Nee. Lieber maskiere ich meine Angst mit meinem Streben nach Sicherheit, verkrieche mich in mein Gehäuse, erstarre zu Stein, verhalte mich ruhig, täusche Gelassenheit vor und ahme die nach, die angeblich mit beiden Beinen im Leben stehen. Und dann verwechsle ich mein persönliches Gefängnis auch noch mit einem Hochstand – zu allen Seiten offen, alles im Blick und jeder Zeit fähig, zu zielen und Erfolg zu haben.

Angst ist übrigens dort am gefährlichsten, wo sie verdeckt ist! Ist auch von Kierkegaard.

Und jetzt mal Kafka zur Abwechslung, dessen Erkenntnis über das Leiden auch für uns gilt: „Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, dass du vermeiden könntest.“

Ich könnte noch viel länger über Angst philosophieren (wozu mich auch der Philosophie-Professor Friedrich Kümmel inspiriert hat). Aber der Grund, warum ich das hier so aufschreibe, ist ein anderer.

Bei unserem Treffen am 31.10.2012, bei dem viele freie Menschen, ach Tschuldigung, viele freie Film- und Fernsehschaffende und Produzenten, anwesend waren, fehlten die, die Angst haben. Hat mich angerührt, als ich das hörte. Gibt noch andere Schisser wie mich, sogar noch jüngere.

Wie gesagt, auch ich habe Angst. Meine lieben Freunde, Kollegen und Kollekurenten! (Feine neue Wortschöpfung, oder doch lieber Konkulegen?)

Wenn ich mich für meine und Eure Rechte einsetze, wenn ich um mehr Wertschätzung und mehr Geld für meine und Eure Arbeit kämpfe, sprich, versuche meine und Eure Existenz zu retten, anstatt sie in Gefahr zu bringen, kann es passieren, dass ich mir einen Namen bei meinem Arbeitgeber mache, ganz anders, als ich es eigentlich vorhatte.

Ich habe Angst, keinen Auftrag mehr zu bekommen und meinen Job zu verlieren, meine Miete nicht mehr zahlen zu können, nicht mehr zu wissen, wovon ich leben soll. Eigentlich wollte ich nie mehr kellnern gehen. (Warum eigentlich nicht, der Job war wenigstens ehrlich.)

Aber mal ernsthaft, diese Angst hab ich doch so wie so schon, dank Wirtschaftskrise, Sparmaßnahmen und Konkurrenz. Meine Miete kann ich, wenn alles bleibt, wie es ist, so auch bald nicht mehr bezahlen. Klar hab ich viel zu verlieren. Vor allem aber mich selbst!

Größere Angst macht mir, mich noch weiter verbiegen und kleiner machen zu müssen, mich noch mehr erniedrigen zu lassen und zusätzlich zu meiner Arbeit, die ich liebe, tatsächlich bald einen Nebenjob zu brauchen, weil die Kohle einfach nicht reicht. Ich will wenigstens vor mir selbst gerade stehen können. Ich will vor meiner Freiheit keine Angst haben, sondern sie leben dürfen. Dann kann ich vielleicht auch irgendwann vor Mama, Papa, Oma, Opa, Tante, Onkel und Freundeskreis mit erhobenem Haupt stehen und mich gut fühlen, wenn sie mit mir angeben.

„Das Große ist nicht dies oder das, sondern man selbst zu sein.“ (Søren Kierkegaard – da ist er wieder. Immer dieser intellektuelle Scheiß. Aber sorry, da steh ich drauf und darf es so selten ausleben.)

PS: Im Übrigen – ich bin auch ein bisschen neidisch auf Holger Berg, Christian Carl, Elisabeth, Enders, Jörg Junge, Susanne Ladopoulos, Frank Menzel, Beate Splett und Tilo Weiskopf. Die haben damit angefangen. Die stellen sich hin, machen das Maul auf und zeigen ihre Gesichter. Und das steht ihnen echt gut.

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