Gerit Thomas: „Die haben den Job der Stadtverwaltung und des Katastrophenstabs übernommen“

Screenshot vom Blog von Gerit Thomas

Screenshot vom Blog von Gerit Thomas

Was bleibt? Das Thema, wie die Flut die Kommunikation und den Katastrophenschutz verändert, sollte besser nicht bis zur nächsten Flut wieder in Vergessenheit geraten. Deswegen folgt hier nun die Fortsetzung unserer kleinen Interview-Reihe - erneut mit der Aufforderung, mitzudiskutieren und Kommentare und sogar konkrete Vorschläge zu hinterlassen.

Die Grüne-Stadträtin Gerit Thomas war während des Juni-Hochwassers permanent online - bei Twitter und bei Facebook. In Ihrem Blog schreibt sie zum Thema Hochwasser und Kommunikation (Titel des Blogeintrags: "Hochwasser - Lehren"):

"Mein persönliches Fazit: Ohne die Menschen von zB. Hochwasser Dresden, soziale Netzwerke etc. wäre es anders, schlimmer ausgegangen. Definitiv! Und deshalb müssen wir jetzt deren Erfahrungen aufnehmen. Nachfragen was aus Ihrer Sicht fehlte, hätte anders laufen müssen, welche Lücken sie gesehen haben und die sie ausgefüllt haben."

Wir haben Gerit Thomas zu ihrer Kritik und den Lehren aus den "bürgerlichen Aktivitäten" in Facebook & Co befragt.

Gerit Thomas

Gerit Thomas

Flurfunk Dresden: Sie haben die Kommunikationspolitik der Dresdner Stadtverwaltung in Ihrem Blog massiv kritisiert. Was sind die zentralen Kritikpunkte?
Gerit Thomas: Als erstes ist die Internetseite zu nennen. Die war Sonntag und Montag kaum erreichbar, die Stadt schaffte es erst am Montagnachmittag, eine Notfallseite mit den nötigsten Informationen ans Netz zu bringen. Das zweite: Es fehlte ein vernünftiger "Lagebericht". Also ein schnell lesbarer Überblick: Welche Straßen sind zu, wo steht das Wasser, wann werden Brückensperrungen fällig, wo gibt es Sandsäcke, wohin kann ich mich wenden wenn ich betroffen bin. Und zwar zentral, mit wenigen Klicks.

Flurfunk Dresden: Welche Rolle haben aus Ihrer Sicht in diesem Zusammenhang die sozialen Netzwerke gespielt?
Thomas: Ich habe mich z.B. anfangs nur über Twitter und Facebook informieren können. Im Prinzip haben da einige Akteure den Job der Stadtverwaltung und des Katastrophenstabs übernommen, informiert und versucht zu koordinieren.

Flurfunk Dresden: Waren diese unkoordinierten Aktivitäten wirklich eine Hilfe? War es nicht eher Panikmache?
Thomas: Na, als unkoodiniert würde ich die Aktivitäten nicht bezeichnen. Dafür, dass sie spontan entstanden sind, waren sie schon ziemlich professionell. Panikmache war für mich eher der "Prognosewettbewerb" zwischen Innenministerium – das sagte, es werden 9,45 Meter - und Stadt, die 8,45 Meter vorhersagte. Und auch, wenn manches vielleicht holterdipolter lief an der Flutrinne oder an der Leipziger - die Helfer waren wichtig.

Flurfunk Dresden: Seitens einzelner Medien gab es immer wieder auch Hinweise, dass in den sozialen Netzwerken Falschmeldungen unterwegs wären - wie bewerten Sie das?
Thomas: Sie meinen die Printmedien? Da bringe ich mal ein Gegenbeispiel: Kurzzeitig verbreitete die "Sächsische Zeitung" die Meldung, dass in Dresden alle Schulen geschlossen hätten, weil das Land Sachsen eine solche Pressemitteilung versendet hatte. Die Stadt aber brachte jeden Tag eine neue Liste raus, welche Schulen haben geöffnet, welche nicht. Somit hat das Land Sachsen eine Falschmeldung produziert, eine Zeitung hat sie verbreitet. Ein Anruf hätte genügt und die Verwirrung hätte vermieden werden können. Ich denke, die eine oder andere Fehlmeldung gab es in den sozialen Netzwerken ebenso -  aber die sind um ein Vielfaches mit der Hilfe aufgewogen worden, die durch diese Netze zustande gekommen sind.

Flurfunk Dresden: Was könnte die Verwaltung aus den Aktivitäten von Facebook-Gruppen wie Hochwasser Dresden oder Elbpegelstand lernen?
Thomas: Nicht nur die Verwaltung, wir alle. Es ist eben nicht nur "virtuell", dieses Netz und Facebook und Twitter sind nicht nur ein Zeit- und Datenfresser. Ich bringe mal ein Beispiel: Ein Verantwortlicher der Feuerwehr meinte, es sei schade, dass sie nicht diese Möglichkeiten vorher erkannt und genutzt hat, Helfer zu gewinnen und deren Einsatzbereitschaft koordiniert nutzen zu können. Sollten alle mal drüber nachdenken. Es gibt eine unheimliche Einsatzbereitschaft und Informationen laufen nicht mehr nur über die althergebrachten Wege wie Pressemitteilungen und so weiter.

Flurfunk Dresden: Liest und spricht man mit einzelnen Vertretern solcher Projekte, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die einzelnen Gruppierungen konkurrieren. Ist das auch Ihr Eindruck?
Thomas: Sehen wir's mal positiv: für jeden ist halt was dabei. Das Netz ist eben auch nur das ganz normale reale Leben.

Flurfunk Dresden: Vielen Dank für das Interview.

Lesen Sie auch und diskutieren Sie mit - gern in den Kommentaren oder auf anderem Wege - zu den Fragen: Was bleibt? Wie verändern soziale Medien die Kommunikation - nicht nur in Katastrophenzeiten? Was kann die öffentliche Verwaltung daraus lernen?

Hier finden Sie unsere bisherigen Beiträge zu dem Thema:

 

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