Journalismus kann mehr: Kritik zu „Sachsen hat die Wahl – die TV Debatte“, MDR, 25.8.2014

Screenshot der MDR-Seite zur Sendung.

Screenshot der MDR-Seite zur Sendung.

Am 25.8.2014 (20.15 - 20.45 Uhr) war im MDR-Programm die Wahldebatte zur Landtagswahl zu sehen.

Was es nicht war: eine Elefantenrunde der Spitzenkandidaten, wie anderswo vielleicht schon mal gesehen und deswegen möglicherweise als "erwartbare Maßnahme" eines öffentlich-rechtlichen Senders zu betrachten.

Die sächsische "Elefantenrunde" war nicht zustande gekommen, hatte der MDR doch nach vorheriger Absage von Ministerpräsident Tillich entschieden, auf eine Einladung aller Spitzenkandidaten ins Studio zu verzichten. Stattdessen hatte man sich etwas anderes, "ungewöhnliches" ausgedacht. So waren die einzelnen Kandidaten der im Landtag vertreten Parteien von Orten zugeschaltet, die sie sich selbst ausgesucht hatten (vgl. zur Einordnung Flurfunk Dresden vom 2.8.2014: "Landtagswahl Sachsen: Zeitungen organisieren Duell der Spitzenkandidaten und blamieren MDR").

Und wie war's nun?

An Moderation, Aufbau der Sendung, technischer Umsetzung in den verschiedenen Medienbereichen (TV, Radio, Online) kann man nur wenig bis gar nichts kritisieren. Im Gegenteil: Das war richtig gut gemacht!

Nach den drei Themenblöcken Innere Sicherheit, Bildung und Wirtschaft geordnet, die jeweils mit einem kurzen Einspieler eingeleitet wurden, bekamen die Spitzenkandidaten jeweils eine Frage gestellt. Im Anschluss hatten sie eine bis anderthalb Minuten Zeit zu antworten – oder besser: monologisierend Argumente und einstudierte Phrasen abzufeuern.

Online: Bemerkenswerte Experimentierfreude

Auch Online stimmte die Begleitung des Formats: Mit einem Livestream, der gegenüber der Fernsehausstrahlung sogar 4 oder 5 Sekunden Vorsprung hatte, war die Debatte live im Netz zu sehen. Klarer Punktsieg für den MDR im Gegensatz zu den Zeitungen, die ihr Wahlduell bewusst nicht ins Netz gestreamt hatten (vgl. Flurfunk Dresden vom 18.8.2014: "Storify: Das Wahlduell “Tillich vs. Gebhardt” im Netz").

Allerdings hatte auch die Rundfunkanstalt versäumt, im Vorfeld einen eindeutigen Hashtag zu kommunizieren, so dass die viele Tweets gleich mit zwei Hashtags, #tvdebatte und #sltw14, unterwegs waren. Für die Zukunft halten wir mal fest: Ein guter Veranstalter benennt vorher einen eindeutigen und unverwechselbaren Hashtag und überlässt die Diskussion nicht dem Twitter-Volk (im konkerten Falle: vor allem den Twitter-Accounts der Landtagsfraktionen)!

Bemerkenswert die noch recht frische, technische Offenheit der Rundfunkanstalt: Auf den Seiten des MDR lief parallel zur Sendung ein Scribblelive, in dem man die Debatte direkt und live kommentieren konnte und in das gleichzeitig ausgewählte(?) Tweets einflossen. Das Scribblelive zur Sendung ist zur Stunde noch hier nachzulesen: www.mdr.de/mediathek/livestreams/fernsehen/social-tv/artikel124496.html.

Wobei: Ob das Tool wirklich die optimale Begleitung für so eine Sendung ist, wird man sicher noch diskutieren. Während der Sendung stört die automatisierte laufende Aktualisierung doch sehr, wenn man etwas zurückblättern und länger lesen will; und die Kommentarqualität ist beizeiten kaum besser als das, was häufig in Kommentarspalten auf Medienangeboten abläuft – also irgendwo zwischen Nicht-der-Rede-wert und untragbar.

Online-Kritiker werden jetzt jubeln, aber nach der Erfahrung muss man wirklich die Frage stellen, ob die Beteiligung der Online-Zuschauer in dieser Art wirklich Sinn macht.

In jedem Fall ist aber positiv zu werten, dass man es zumindest versucht hat, den Netz-Nutzern eine Plattform zu bieten. Und das die Online-Beteiligung im Nachhinein dort gut nachzulesen ist.

Und auch daran hatte man gedacht: Wenige Tweets schafften es als Einblendung in die laufende Sendung im Fernsehen – immer dann, wenn die Experten zu Wort kamen. Mindestens einmal griff die Moderation auch eine Frage aus Twitter auf (vgl. hier).

Schließlich, auch nicht schlecht und hier am Rande erwähnt: Rechtzeitig vor Ausstrahlung der Sendung hat der MDR Sachsen eine Multimedia-Reportage zur Landtagswahl veröffentlicht. Titel der neuesten Pageflow-Reportage: „Wer Sachsen wählt“. Dort erzählen ein Rentner, ein Student, eine Familie und eine Unternehmerin, was sie bewegt und was sie sich von der Landespolitik wünschen.

Mehrwert für die Wähler?

Online, technisch und in der Moderation hat man also alles richtig gemacht. Richtig gut sogar.

Und trotzdem: Das Format hat nicht funktioniert. Spätestens nach der ersten "Antworten"-Runde war klar, dass die Zuschalt-Variante geeignet ist, den einzelnen Parteien ein Forum zu bieten und der Wähler sich also weitere Informationen holen kann. Aber reicht das? Für einen öffentlich-rechtlichen Sender mit eindeutigem Programmauftrag?

Es war zumindest unterhaltsam. Vor allem in Verbindung mit Twitter, dass in den letzten Tagen des Wahlkampfes offenbar eine zunehmend bedeutende Rolle bekommen hat. Dort ging es während der Sendung richtig lustig zu, da wurden etwa die emsigen Umdekorationen mancher Spitzenkandidaten und die erstarrten Gesichter der im Hintergrund (wie die Orgelpfeifen) drappierten Partei-Anhänger kommentiert. Auch gab es den einen oder anderen inhaltlichen Einwurf oder Hinweise auf vertiefende Informationen - immerhin.

Mit Twitter, so schrieben hinterher gleich mehrere Nutzer, sei das Wahlduell halbwegs erträglich gewesen.

Journalismus kann mehr

Aber: Guter Journalismus, wie man ihn von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwartet, sollte doch wohl bitte deutlich mehr, als nur gute Unterhaltung bieten: Nachfragen, hinterfragen und Phrasen entlarven zum Beispiel.

Dazu fehlte den beiden Moderatoren Uta Deckow und Andreas F. Rook in der gewählten Form schlicht die Möglichkeit. Umso lobenswerter, dass sie es mit Fragen oder nachträglichen Einordnungen mehrfach versuchten.

Hinzu kommt: Sechs Kandidaten, sechs Mal Kamera-, Licht- und Ton – dazu Moderation, Experten und Bürger im Studio, eine Live-Übertragung ins Radioprogramm und der ganze Aufwand im Netz – wir fragen gar nicht weiter, sind aber sicher: Eine Debatte im Studio wäre günstiger gewesen. Und sicherlich inhaltsstärker.

Hier geht es zum MDR-Online-Spezial zur Landtagswahl: www.mdr.de/sachsen/wahlen-politik/landtagswahl/index.html

Hier kann man die TV-Debatte noch einmal ansehen: www.mdr.de/mediathek/livestreams/fernsehen/social-tv/artikel124496.html

Und wie ist Ihre Meinung zur MDR-Debatte? Wir freuen uns über Kommentare und Linkhinweise!

Hinweis: Da sämtliche Tweets während der Debatte live und öffentlich im Netz standen, gehen wir davon aus, dass die Twitterer mit der Zitierung hier einverstanden sind. Sollte das nicht der Fall sein, bitten wir um einen kurzen Hinweis.

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