Kritisiert ein Ministerpräsident einen Chefredakteur bei Facebook…

Das ist ein so besonderer Vorgang, der muss hier kurz dokumentiert werden:

Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaat Thüringen, hat es gewagt, auf seinem Facebook-Profil den Chefredakteur der "Ostthüringer Zeitung" ("OTZ") Jörg Riebartsch zu kritisieren. Und bekommt jetzt im Blog des "Thüringer Allgemeine"-Chefredakteurs Paul-Josef Raue Gegenwind.

Konkret geht es bei der Geschichte um einen gedruckten und online veröffentlichten Kommentar des "OTZ"-Chefredakteurs Riebartsch vom 1.8.2015. Titel: "Regierung fern des Rechts".

In dem Kommentar erhebt Riebartsch den Vorwurf, die Landesregierung Thüringen würde die Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern verhindern, und kritisiert das scharf.

Ramelow hält noch am gleichen Tag mit einem Facebook-Eintrag dagegen und schreibt (wörtlich zitiert, stark gekürzt):

"Es wird immer verrückter. Jetzt behauptet der OTZ Chefredakteur einfach Wahrheitswidrig, dass die Thüringer Landesregierung die Rechtslage nicht einhalten würde. (...) Werter Herr Riebartsch,das Asyl- und Ausländerrecht ist auch in Thüringen die Richtschnur des Handelns. (...) Es gibt keinerlei gegenteilige Anweisungen. Wir liegen nicht neben dem gültigen Recht,aber Sie liegen neben der Wahrheit!"

Der Beitrag hat zur Stunde (4.8., 23:26 Uhr) über 450 "Gefällt mir" und ist 62 mal geteilt worden.

Nun greift heute (4.8.2015) am Abend Paul-Josef Raue Ramelows FB-Posting in seinem eigenen Blog auf. Raue ist Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen" ("TA"), die wie die "OTZ" zur WAZ-Gruppe gehört.

Raue kritisiert in seinem Blog-Beitrag aber nicht die Inhalte von Ramelows FB-Posting. Vielmehr erregt er sich vor allem über einen beleidigenden Kommentar, der unter dem Ramelow-Posting aufgetaucht ist – und von Ramelow nicht moderiert worden ist.

Wörtlich schreibt Raue:

"Darf man über den Chefredakteur einer deutschen Regionalzeitung urteilen: 'Ich habe den Eindruck, er hat sein Handwerk beim ‚Völkischen Beobachter‘ gelernt.' Ja, auch wenn Staatsanwälte mittlerweile Ungeheuerliches tun, würden sie in diesem Fall nicht einschreiten. Darf ein Ministerpräsident einen solchen Kommentar auf seiner Facebook-Seite dulden? Ungelöscht und unkommentiert? Ja, auch das ist nicht verboten. Aber schon bemerkenswert."

Raue verkneift sich auch eine kleine Stichelei gegenüber Ramelow nicht:

"Bodo Ramelow ist der deutsche Ministerpräsident, der am meisten twittert, retweetet, kommentiert, lobt und tadelt und auf Facebook schreibt und – so drängt sich der Eindruck auf – weniger regiert als unterwegs ist in den sozialen Netzwerken. Aber das kann ja die Regierung der Zukunft sein."

Der Titel des Blog-Eintrags von Raue lautet: "Auf Ministerpräsident Ramelows Facebook-Seite: Hat OTZ-Chefredakteur beim “Völkischen Beobachter” gelernt?"

Und Ramelow? Der reagiert umgehend bei Facebook, verlinkt Raues Beitrag und schreibt wörtlich:

"Solidarität der Chefredakteure? Nicht ob die Informationen im Leitartikel stimmen oder nicht,ob der Leitartikel auf korrekten Informationen basiert oder nicht;Nein,nur ob bei mir ein unangemessener Kommentar einige Zeit stand,dass bewegt Herrn Raue den Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen."

Auch bei Twitter reagiert Ramelow - und schreibt:

"@pjraue die Informationen des Artikels waren und bleiben FALSCH! Und unangenehme Kommentare lösche ich zügig (ohne Schuldhaftes Zögern)".

Wir sagen: sehr souverän. Sieg nach Punkten für Ramelow!

 

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