Hubertus Koch bei den #JMT16: „Ich bin Meinungsjournalist“

naf_hubertuskoch3Hubertus Koch (hubertus-koch-medien.de) hat Germanistik in München studiert und nebenbei als Fußballreporter und -redakteur bei Sport1 gearbeitet.

Anfang 2014 ging er mit dem gebürtigen Syrer Mahmoud Dahi in dessen Heimat, um im Flüchtlingslager Bab al-Salameh einen Dokumentarfilm zu drehen. "Süchtig nach Jihad" wurde im Dezember 2014 unkommerziell veröffentlicht. Zu Beginn dieses Jahres bekam Koch den Nachwuchspreis des Deutschen Fernsehpreises.

FLURFUNK traf ihn auf den Jugendmedientagen 2016 in Dresden und sprach mit ihm über seine Arbeit und die Zukunft der Medien.

FLURFUNK: Hubertus, was ist für Dich Journalismus?

Hubertus Koch: Dazu muss ich sagen, dass ich mit einigen Redaktionen schon Meinungskämpfe ausgefochten habe. Die sagen zu mir: "Das ist nicht journalistisch, was Du machst." Das weiß ich auch. Ein Journalist muss abwägen, alles recherchieren, Pro und Contra beleuchten, objektiv sein. Mache ich alles nicht. Deswegen sage ich, ich bin Meinungsjournalist. Ein Journalist sollte sich auf jeden Fall mit einem Thema auseinandersetzen, nicht nur übers Hörensagen, sondern durchs Hinfahren, Händeschütteln, durchs Sprechen, Mit-den-eigenen Augen-Sehen. Das unterscheidet ihn von Kommentatoren, die zu Hause sitzen und Kommentare schreiben oder auf YouTube ein Video reinstellen. Wichtig ist hinfahren, da sein, reden. Und versuchen, ein Thema nach bestem Wissen und Gewissen für andere aufzuarbeiten.

FLURFUNK: Du würdest Dich selbst also nicht als Journalist bezeichnen?
Koch: Jein. So ein bisschen schon, aber Journalist klingt nach viel Verantwortung und hat auch einen elitären Anstrich. Das bin ich irgendwie nicht. Gleichwohl nennt sich jeder, der im Fernsehen Twittermeldungen vorliest, Journalist. Das ist ja kein geschützter Begriff. Also ja, ich bin Journalist und Filmemacher.

FLURFUNK: Du hast auf den Jugendmedientagen die Keynote gehalten. Hättest Du Dich mit 20 hier gesehen?
Koch: Nee. Mit 20 und auch noch mit 23 hätte ich mich jetzt im Stadion Fußballspiele kommentieren sehen. Hierzu kam ich ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde. Weil so viel Bewegung ist in den Redaktionen und in den Medien, kommen die Leute zu mir und sagen: "Herr Koch, machen Sie mal einen Film! Wie geht das denn?" Leute, die Volontariate gemacht und fünf Jahre Redaktionserfahrung haben, fragen mich: "Wie drehst Du denn das? Und wie machst Du das?" Und ich sage: "Keine Ahnung, ich mache halt einfach, ich habe da jetzt kein Rezept." Ich plane nicht groß. In Syrien habe ich aufgehört zu planen und es läuft ganz gut ohne. Andere Leute planen wahrscheinlich ihr ganzes Leben durch und sind glücklich damit. Ich eher nicht so.

FLURFUNK: Was hat Dich von Deinem Germanistikstudium und der Sportberichterstattung zur Dokumentarfilmerei gebracht?
Koch: Ich habe neben dem Studium schon gearbeitet beziehungsweise neben der Arbeit studiert. Ich wollte immer Sportreporter werden, deswegen habe ich sehr viel in der Fußballredaktion gearbeitet. Aber nach drei Jahren war es mir irgendwie zu eintönig und ich habe ein bisschen die Freude am Fußball verloren, weil es nur noch Arbeitsgegenstand war. Ich wusste aber, ich will Filme, ich will Dokus machen. Ich hatte nur noch kein Thema. Über einen privaten Kontakt hatte ich dann die Chance, nach Syrien zu gehen: in einer heißen Zeit ein sehr relevantes Thema, das damals noch nicht so ein Thema war. Das hat mich schwer genervt, weil ich es als ungerecht empfand. Nach Sport1 hatte ich das Selbstbewusstsein zu sagen: Ich traue mir zu, alleine zu drehen, alleine zu schneiden, ich kann das einsprechen und habe alle handwerklichen Fähigkeiten, um einen Film zu produzieren.

FLURFUNK: Bedienst Du in Deinem Film "Süchtig nach Jihad" die Erwartungen der Zuschauer nach Blut und Elend?
Koch: Da bin ich auf jeden Fall bei Julian Reichelt von der BILD-Zeitung, der eine große Diskussion am Laufen hatte, ob man Bilder zeigen darf von Kindern, die bei Luftangriffen von Assad verstümmelt wurden. Da hieß es: "Nein, das darf man nicht zeigen. Das kann man keinem zumuten." Aber das ist die Wahrheit. Das passiert, wenn du sowas machst. Warum sollte ich das nicht zeigen? Wenn ein Kind bei einem Luftangriff sein Bein verliert und verkrüppelt ist, dann kann sich das ein deutscher Zuschauer auf seiner Couch im 35 Grad warmen Wohnzimmer gern mal angucken. Das ist keine Zumutung. Das muss man zeigen, auch wenn es brutal ist. Was ich kritisiere, das ist das boulevardeske, sensationslüsterne Ausschlachten, gerade im Hinblick auf die ISIS-Berichterstattung. Wenn man die Brutalität so herausstellt. Wenn man das so aufbauscht. Aber ich zeige einfach ein Bild. Bei "Süchtig nach Jihad" dachte ich: "Scheiß auf jede Form von Journalismus. Ich sitze hier zu Hause, bin übelst kopfgefickt, hänge mit irgendwelchen Leuten in der Bar, die mich fragen 'Oh, Du warst in Syrien. Krass! Ist da nicht auch diese ISIS?' und denke mir 'Leute, in welcher verkackten Welt lebt Ihr eigentlich? Schaut Euch das jetzt mal an! Ich klatsche es Euch vor die Fresse. Und ich scheiß drauf, was Ihr denkt. So ist es.'" Das war einfach nur so ein großes Fuck you.

FLURFUNK: Würdest Du es heute anders machen?
Koch: Heute würde ich es bestimmt anders machen. Bestimmt würde ich aber auch am Ende heulen. Es war einfach eine sehr dankbare Storyline, von einem, der gerade noch im Partybus sitzt und plötzlich in Syrien ist. Das ist die Reise eines gescheiterten Protagonisten. Da macht man sich ja die Mechanismen von Emotionen zunutze. Es ist schließlich nicht alles schlecht, was Medienmechanismen anbelangt. Man muss nur irgendwie versuchen, sie richtig einzusetzen.

FLURFUNK: Wo siehst Du die Zukunft der Medien? Was sollten Medienhäuser tun, um zu überleben?
Koch: Es tut sich ja schon viel. Viele sind auf den Trichter gekommen, dass sie online Geld und Manpower investieren müssen; dass sie soziale Medien zur Veröffentlichung nutzen müssen, um an ihrer Zielgruppe dranzubleiben. Dass man nicht nur sagt: „Wir haben die Sachen auf unserem Sender oder in unserer Mediathek.“ Gerade die junge Zielgruppe ist viel auf Facebook und YouTube usw., also muss man da auch hin. Da machen die Öffentlich-Rechtlichen mit Funk usw. auf jeden Fall schon eine gute Entwicklung durch. In der Redaktion vom Y-Kollektiv zum Beispiel entscheiden wir uns bewusst dafür, dass jeder unserer zehn Autoren subjektiv aus seiner Perspektive berichten kann und die Objektivität ablegt - also das, was in meinem Syrienfilm ja auch ein entscheidender Unterschied ist. Wie erfolgreich das sein und wie gut das angenommen wird, das wird sich zeigen. Im Grunde sehe ich die Zukunft kurzfristig erst mal gut, weil viel ausprobiert wird, weil neue Wege gegangen und weil alte, eingestaubte Denkstrukturen aufgebrochen werden. Das ist das Allerwichtigste.

FLURFUNK: Was würdest Du jungen Leuten raten, die in den Journalismus gehen wollen?
Koch: Losgehen und machen ist das Wichtigste. Man braucht aber natürlich auch ein Gespür, ob ein Thema funktioniert oder nicht. Nur weil ich ein Thema supertoll und spannend finde, heißt das nicht, dass es auch bei der Masse ankommt. Man sollte sich darüber Gedanken machen, wie man es aufbereitet, wie man es erzählt. Und man braucht natürlich auch ein bisschen Glück. Das kannst du nur erzwingen, indem du machst. Letztendlich erst mal rauskommen. Dieses Durchtheoretisieren und ich mache diesen Studiengang und jenen Workshop und dann bin ich am Start, das sehe ich nicht so. Es ist tausendmal mehr wert, 50 Fehler zu machen, als zehn Jahre alles richtig. Diese ganze Syriensache ist ein einziges Konglomerat von Fehlern, da habe ich tausende Fehler gemacht. Das gehört dazu und ist auch wichtig.

FLURFUNK: Lohnt es sich in Deinen Augen noch, Journalist zu werden?
Koch: Ja, und es ist vor allem ganz dringend notwendig. Also ich meine: Jeder kann heute Journalist werden, es gibt eine Meinungsflut. Es sind sehr bewegte Zeiten, wo ein paar Ruhepole mit einem gewissen Wertekanon und handwerklich sauberer Arbeit dringend gebraucht werden, auch jenseits der Mainstream-Medien. Es gibt ja auch Journalisten, die einen ganz anderen Job haben und einfach aus Interesse in gewisse Regionen reisen und sich damit auseinandersetzen. Jeder Typ, der auf Weltreise geht, könnte einen Artikel über die australische Jugendkultur schreiben. Jeder, der sich etwas anschaut, ist ja schon Journalist. Du kannst nur nicht sagen: „Das System ist scheiße, ich mache jetzt, was ich will.“ Jedes Mal, wenn ich einen neuen Film mache oder in eine neue Redaktion komme, lerne ich immer noch weitere Mechanismen kennen oder gewisse handwerkliche Fähigkeiten. Man muss das System verstehen, damit man das machen kann. Das versteht man am besten durch Tat und nicht nur durchs Lesen. Man sollte Teil einer Redaktion sein. Ich hatte das Glück, dass ich immer mit ganz tollen Leuten arbeiten konnte, zu denen ich aufschauen konnte, die absolute Vollprofis waren. Ich war sehr jung und konnte mir von denen sehr viel abschauen. Es ist immer gut, in einem Mediensystem zu arbeiten, von anderen und deren Fehlern zu lernen. Nur sein eigenes Ding zu machen wird nichts bringen. Es sei denn, du bist sehr gut und die Zeitungen werden auf dich aufmerksam und denken: „Boah, die schreibt aber gut.“ Wenn das alles toll ist, kann es auch so funktionieren, aber mit und von anderen lernen ist auch immer sehr gut. Ich glaube, Journalismus lohnt sich noch; sollte man machen; kann man auch von leben.

FLURFUNK: Was unterscheidet Dich von anderen Journalisten?
Koch: Gonzo-Journalismus ist der Begriff, der da immer fällt. Das Miterlebende und Teil der Situation zu sein für einen gewissen Moment und auch die Distanz aufgeben, die ein Journalist eigentlich wahren sollte, sich vielleicht hier und da gemein machen mit einer Sache, was man als Journalist streng genommen nicht machen darf. Das sind alles so Sachen, wo du sagen kannst, das ist nicht journalistisch. Gleichwohl, wenn ich im Schnitt bin und so, überlege ich mir sehr journalistisch: Welcher Fakt stimmt und welcher nicht? Was kann ich hier erzählen, was nicht? Wie erzähle ich was und wie nicht? Aber es ist schon alles deutlich subjektiver als die Doku, die man sonst so gewohnt ist.

FLURFUNK: Was könnten andere von Dir lernen? Mehr mitmachen?
Koch: Das ist nicht die Antwort auf alle Fragen. Es kann auch nicht jeder in Syrien stehen und heulen und sagen: „Das ist alles so schlimm.“ Das ist auch, glaube ich, eine Altersfrage, und es ist mir seitdem nie wieder so gegangen. Vielleicht rate ich jungen Journalisten, die auf ein junges Publikum gehen: ein bisschen mehr Anarchie, am Ende des Tages ein bisschen darauf scheißen und sich nicht so ernst nehmen. Diese starren journalistischen Formen nerven mich halt. Dieses: Das ist nicht reportagig, das ist nicht dokumentarisch, das ist nicht so, das ist nicht so. Das ist mir scheißegal. Denn du hast Bild und Ton und machst einen Film. Da lüge ich nicht, da erfinde ich nichts dazu. Und da übertreibe ich nicht und da untertreibe ich nicht. Da erzähle ich meine persönliche Wahrheit in vielleicht flapsigem Ton und das kommt bei Leuten anders an. Und das funktioniert.

FLURFUNK: Was ist denn Wahrheit für Dich?
Koch: Wenn ich auf einer Demo bin und da waren 100 Leute und ich erzähle es waren 500, dann ist das eine Lüge. Bei einer absoluten Zahl ist es ja relativ einfach zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Sonst hat am Ende des Tages jeder doch seine eigene Wahrheit. Wenn du mit einem rechtspopulistischen Journalisten sprichst und der dir erzählt, es gab soundso viele Vergewaltigungen von Flüchtlingen und soundso viel Ladendiebstähle und soundso viel Kriminaldelikte und so weiter und das sind alles gut recherchierte Zahlen, die stimmen, dann ist das ja eine Wahrheit. Dessen Wahrheit ist dann aber wahrscheinlich: Die Flüchtlingskrise hat uns ins Verderben gestürzt. Das ist nicht meine Wahrheit, auch wenn die absoluten Zahlen vielleicht übereinstimmen. Jeder hat da irgendwie seine Brille auf, jeder interpretiert das für sich. Für mich heißt ausgewogene Berichterstattung: Ich gehe irgendwo hin und zeige, was passiert ist. Da sage ich z. B. auch, dass mich in Calais ein Flüchtling beklauen wollte. Trotzdem haben die meisten mich nicht beklaut und waren sehr nett. Es wäre für mich schon nicht ganz die Wahrheit, hätte ich das mit dem Typen, der mir in die Tasche gegriffen hat, nicht erzählt. Denn das gehört dazu. Das ist auch die Wahrheit. Wenn ich das verschweige, dann ist es irgendwie beschönigend. Das will ich nicht. Es ist ein harter Kampf, die angebliche Wahrheit zu erzählen, gerade wenn man in Formfragen feststeckt.

FLURFUNK: Was Dresdner vielleicht besonders interessiert: Wie würdest Du mit dem Thema Pegida umgehen? Hast Du Dich schon mal mit den Leuten unterhalten?
Koch: Ja, habe ich. Es ist aber schwer, in einen Dialog zu kommen. Ich halte es für ganz wichtig, dass man sie nicht blockiert und mit Böllern schmeißt. Lass sie laufen! Das ist ein freies Land, die dürfen ihre Meinung sagen. Die dürfen „Merkel raus!“ rufen, die dürfen rufen, was sie wollen. Wenn's verfassungswidrig wird, dann wird die Polizei oder wer auch immer etwas dagegen tun, wenn sie nicht strukturell unterwandert ist. Prinzipiell sollen erst mal alle ihre Meinung sagen und am besten, und das ist wirklich schwer, sollte man sich auch mit denen hinsetzen und mal wirklich reden, und zwar nicht in der Maybrit-Illner-Talkshow, wo sich alle nur ankeifen, sondern wirklich versuchen, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Mit der Frau, mit der ich mich getroffen habe, war es wirklich abenteuerlich. Wir waren ganz oft einer Meinung und plötzlich geht’s diametral auseinander. Das ist schwer zu verstehen, aber man muss verstehen lernen, und das ist in diesem emotional aufgeladenen Thema sehr schwer. Aber insgesamt: Dialog. Wir leben alle im selben Land. Sich nur gegenseitig anzukeifen bringt nix, Steine zu schmeißen bringt nix, Böller zu schmeißen bringt nix. Dialog. Leichter gesagt als getan. Da muss man auch mal tolerieren, sich mal zurücknehmen und sich mal was anhören. Ich dachte oft genug: Wie kannst Du nur so denken? Wie kannst Du so was sagen? Aber einfach mal ausreden lassen und versuchen zu verstehen!

FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview!

Interview und Foto: Nadine Faust

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